Happy End | Jahre später.

Haben wir uns das nicht alle schon gefragt: Was ist das mit dem Happy End? Wir verbinden oft pures Glück bis in alle Ewigkeit damit. Der schönste Tag meines Lebens: Eine Hochzeit ist ganz weit oben mit dabei. Letztlich ist es nur ein positiver Endpunkt von irgendwas. Danach folgt der neue Lebensabschnitt. Happy Ends finden wir beim Liebesglück, in der Vergebung, oder bei einem Erfolg. Oder auch bei einer dramatisch erfolgreichen Rettung.
Die Unterhaltungsbranche, ob Film, Theater oder Literatur, lebt davon. Da fiebern wir bis zum Schluss mit. Wollen wissen, ob die Liebenden sich nach gefühlt tausenden Umwegen endlich in die Arme schließen. Wollen die erfolgreiche Rettungsaktion und den mega Job-Deal miterleben. Oftmals erleben Kranke in der Unterhaltungsbranche ein End ohne Happy. Sie sterben zum Schluss. Tränenreich und dramatisch.

Mit dem Lauf am 4. Mai 2021 war die Geschichte,
die ich hier erzählt habe, abgeschlossen.

Das war mein undramatisches Happy End. Kein Feuerwerk. Kein Jubeln. Nichts.

Ich wollte keine Krebsbloggerin oder -aktivistin werden, keinen Job daraus machen, wie einige von uns Betroffenen, um anderen Betroffenen während ihrer Diagnose und der darauf folgenden Therapie beizustehen. Dafür gibt es Fachkräfte, wie ausgebildete Psychoonkologen und andere, die es können. Ich wollte nur weg von Krankheit, Krebs, Kampf und was die Diagnose an Ängsten, körperlichen Einschränkungen und Nebenwirkungen alles mit sich brachte und bringt. Ich wollte wieder normal sein. Zurück auf Anfang und all die an Krankheit verlorenen Jahre gesund erleben. Wieder dazugehören.

Leben und atmen. 

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen, seitdem ich mit einer falschen Diagnose in der Psychiatrie (2009) landete, zwei schwere Hirn-OPs (2011) und die Brustkrebsdiagnose (2018) hatte, sowie meinen 10-Kilometer-Lauf (2021) absolvierte. Im Herbst 2025 setzte ich in Absprache mit meinen Ärzten Tamoxifen ab. Zudem gab es endlos viele private Nebenschauplätze. Da habe ich absolut nichts ausgelassen.

 

Bei mir ging es nicht: das Verdrängen.

Meine sehr lange Krankheitsgeschichte über all diese vielen Jahre steckt in jeder einzelnen Faser meines Körpers. Ich sollte meinem Körper jeden Tag dafür danken, dass er all das über all die vielen Jahre mitgetragen hat. Und seit 2018 bis heute hat er auch noch den Brustkrebs weggesteckt. Meine Fachärzte, wie Neurochirurgen, Senologen und Onkologen, wissen, was ich bis heute geleistet habe und weiter leisten werde, um nur das Normal eines Alltags zu meistern. Ohne Firlefanz oder so. Normale Menschen wissen das nicht. Sie fragen auch nicht. Sie sehen nur, dass alles gut ist. Ein bisschen Schwankgang – na und? Keine Brüste mehr. Sieht man durch das T-Shirt ja nicht.

Meistens bin ich sehr stolz auf meinen Körper. Er war es, der auf der Intensivstation für mich mitentschieden hat, dass wir leben sollen. Ich war damals nicht bereit dazu. Er hat mehr geleistet, als jeder Körper eines Olympiasiegers. Aber dann gibt es diese tiefschwarzen Tage, da nervt mich alles an ihm: all diese vielen Einschränkungen, wie mein fehlender Gleichgewichtssinn, die Gangstörungen, Kopf-, Nerven- und Körperschmerzen, bis mir kotzübel ist. Sehstörungen und immer wieder dieser gnadenlose Schwindel. Die wenigsten Menschen wissen, wie viele Arten von Schwindel es überhaupt gibt. Ich kenne jede einzelne Form davon. Und all das fast ohne Medikamente. Wenn ich nicht mehr ein und aus weiß, nehme ich eine Ibo.

 

Normaler Alltag ist bei mir Geschichte. Jeder neue Tag muss mit meinem Kopf und meinem Körper aufs Neue ausgehandelt werden.

Die Jahre nach den beiden akuten Erkrankungen waren brutal. Lange lebte ich in dem Glauben, wenn das alles vorbei ist, DANN kommt das große Glück oder ich fange gesund wieder von vorne an.
Das „Wenn… „Dann! – „Spiel“ hat mich über Jahre getragen. Nur kam „DANN“ eben nicht. Hinzu kam das „Was wäre… „Wenn-Spiel“. Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Was wäre gewesen, wenn ich … Diese beiden Spiele waren abendfüllend. Das Leben ging jedoch einfach nur weiter und ich musste mit all meinen Ängsten und Einschränkungen lernen, genau dies zu akzeptieren.

Durch die Akzeptanz der eigenen Situation, sollte man wieder besser mit sich selbst klarkommen. Ohne falsche Erwartungen dient sie als Ausgangspunkt, um weitergehen zu können. Ohne Akzeptanz geht es nicht, so die Schlaumeier. Genauso hilfreich sind Weisheiten, wie „Schau dahin, was Du alles kannst, nicht darauf, was nicht geht.“ An guten Tagen, am Strand sitzend und aufs Meer schauend, passt das schon. Aber mit Drehschwindel und Stolpergang einkaufen gehen müssen, weil nichts mehr im Kühlschrank ist, sieht es mit der Akzeptanz schon ganz anders aus.

Ich hatte nicht nur eine Grenzerfahrung gemacht, sondern gleich mehrere auf einmal. Tornados zerstörten mein ganzes altes Leben.

Die anderen, die ich immer, „Ihr da draußen“ genannt hatte, blieben dieselben. Die Lebensgeschichten meiner Freundinnen und Freunde haben absolut nichts mehr mit mir zu tun. Bestenfalls bin ich Zuschauerin. Meine Welt interessierte und interessiert sie nicht, und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, interessiert ihre mich auch nicht.
Meine Eltern sind in den letzten Jahren verstorben. Zu meinen Geschwistern und Neffen habe ich keinen Kontakt.

Es gibt sie aber, die Menschen, die sich für mich und mein Leben interessieren und daran teilhaben möchten: Freundinnen und Freunde, die in den letzten Jahren neu hinzugekommen sind, und auch alte Freundschaften, die ich wiedergewonnen habe. Manche sind all die Jahre tatsächlich geblieben.

Meine Selbstständigkeit als Kulturmanagerin musste ich auch gründlich überdenken. Die Kunstwelt befindet sich in einem rasanten Wandel. Zu alt bin ich dafür geworden. Die Leidenschaft und Liebe zur Kunst ist jedoch ungebrochen geblieben, auch wenn ich mit der neuen Zeit wenig anfangen kann.

Ohne Kunst und Literatur wäre ich verloren.

Beruflich habe ich für mich etwas Neues entdeckt. Ich erzähle Geschichten über die Kunst in meiner Stadt. Dazu habe ich im Frühjahr 2022 die Kunstsafaris ins Leben gerufen.

Meine persönliche Reise begann nach dem Lauf im Mai 2021. Ich suchte mir bewusst einen Therapeuten. Ich wollte wissen, wie es mit mir weitergeht und wer ich überhaupt bin.

Überleben, dass ich dies kann, habe ich über Jahre unter Beweis gestellt. 

Das ausgeprägte, neugierige und flexible Naturell von mir, meine Familiengeschichte sowie die Arbeit mit Künstler*innen, brachten und bringen es mit sich, dass ich mich unentwegt auf neue Situationen einstellen muss/te. Ich bin geübt im Erfassen von neuen oder veränderten Situationen. Zudem war ich ständig auf der Flucht, wovor auch immer, und bin mindestens 20 Mal umgezogen. Ich bekam nach ein bis zwei Jahren ständig den Drang, eine innere Unruhe, und musste sofort etwas ändern. Oft ging das mit einer neuen Wohnung einher. Mittlerweile wohne ich 10 Jahre in meiner aktuellen Wohnung und möchte hier gar nicht mehr raus.

Aber warum ist das alles so? Und, welcher Mensch steckt überhaupt hinter der Person Petra, die ständig in Aktion ist? Das wollte ich wissen. Zudem wollte ich aus all diesen vielen Schubladen heraus, in die ich von den anderen gesteckt worden war, und dementsprechend war der Umgang mit mir. Um dahinterzukommen, was mich ausmacht und wer ich bin, gab und gibt es immer noch, ziemlich viel in meinem Leben, was ich entdecken und sortieren muss. Gemeinsam mit dem Therapeuten habe ich vier Jahre lang hinter die Kulissen von Petra geschaut. Seit einiger Zeit gehe ich den Weg alleine.

An einer Fortsetzung meines Blogs hatte ich gelegentlich mal nachgedacht. Als ich das bei einer Freundin ansprach, meinte sie: Wen interessiert das? MICH! Ja, mich interessiert das?

Und wer weiß, was daraus wird. Die Fortsetzung meines Blogs ist eine Idee ins Ungewisse. Und wenn es absolut niemanden interessiert, dann ist das auch völlig okay. Ich mache das für mich, damit meine Geschichte nicht verloren geht. Und wenn ich nur einen einzigen Menschen damit Hoffnung machen kann und  er an einem schwarzen Tag nur einen einzigen Schritt weitergeht. Dann habe ich alles richtig gemacht.