Alle Artikel von Petra
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Happy End | Jahre später.
Haben wir uns das nicht alle schon gefragt: Was ist das mit dem Happy End? Wir verbinden oft pures Glück bis in alle Ewigkeit damit. Der schönste Tag meines Lebens: Eine Hochzeit ist ganz weit oben mit dabei. Letztlich ist es nur ein positiver Endpunkt von irgendwas. Danach folgt der neue Lebensabschnitt. Happy Ends finden wir beim Liebesglück, in der Vergebung, oder bei einem Erfolg. Oder auch bei einer dramatisch erfolgreichen Rettung.
Die Unterhaltungsbranche, ob Film, Theater oder Literatur, lebt davon. Da fiebern wir bis zum Schluss mit. Wollen wissen, ob die Liebenden sich nach gefühlt tausenden Umwegen endlich in die Arme schließen. Wollen die erfolgreiche Rettungsaktion und den mega Job-Deal miterleben. Oftmals erleben Kranke in der Unterhaltungsbranche ein End ohne Happy. Sie sterben zum Schluss. Tränenreich und dramatisch.
Mit dem Lauf am 4. Mai 2021 war die Geschichte,
die ich hier erzählt habe, abgeschlossen.
Das war mein undramatisches Happy End. Kein Feuerwerk. Kein Jubeln. Nichts.
Ich wollte keine Krebsbloggerin oder -aktivistin werden, keinen Job daraus machen, wie einige von uns Betroffenen, um anderen Betroffenen während ihrer Diagnose und der darauf folgenden Therapie beizustehen. Dafür gibt es Fachkräfte, wie ausgebildete Psychoonkologen und andere, die es können. Ich wollte nur weg von Krankheit, Krebs, Kampf und was die Diagnose an Ängsten, körperlichen Einschränkungen und Nebenwirkungen alles mit sich brachte und bringt. Ich wollte wieder normal sein. Zurück auf Anfang und all die an Krankheit verlorenen Jahre gesund erleben. Wieder dazugehören.
Leben und atmen.
Mittlerweile sind viele Jahre vergangen, seitdem ich mit einer falschen Diagnose in der Psychiatrie (2009) landete, zwei schwere Hirn-OPs (2011) und die Brustkrebsdiagnose (2018) hatte, sowie meinen 10-Kilometer-Lauf (2021) absolvierte. Im Herbst 2025 setzte ich in Absprache mit meinen Ärzten Tamoxifen ab. Zudem gab es endlos viele private Nebenschauplätze. Da habe ich absolut nichts ausgelassen.
Bei mir ging es nicht: das Verdrängen.
Meine sehr lange Krankheitsgeschichte über all diese vielen Jahre steckt in jeder einzelnen Faser meines Körpers. Ich sollte meinem Körper jeden Tag dafür danken, dass er all das über all die vielen Jahre mitgetragen hat. Und seit 2018 bis heute hat er auch noch den Brustkrebs weggesteckt. Meine Fachärzte, wie Neurochirurgen, Senologen und Onkologen, wissen, was ich bis heute geleistet habe und weiter leisten werde, um nur das Normal eines Alltags zu meistern. Ohne Firlefanz oder so. Normale Menschen wissen das nicht. Sie fragen auch nicht. Sie sehen nur, dass alles gut ist. Ein bisschen Schwankgang – na und? Keine Brüste mehr. Sieht man durch das T-Shirt ja nicht.
Meistens bin ich sehr stolz auf meinen Körper. Er war es, der auf der Intensivstation für mich mitentschieden hat, dass wir leben sollen. Ich war damals nicht bereit dazu. Er hat mehr geleistet, als jeder Körper eines Olympiasiegers. Aber dann gibt es diese tiefschwarzen Tage, da nervt mich alles an ihm: all diese vielen Einschränkungen, wie mein fehlender Gleichgewichtssinn, die Gangstörungen, Kopf-, Nerven- und Körperschmerzen, bis mir kotzübel ist. Sehstörungen und immer wieder dieser gnadenlose Schwindel. Die wenigsten Menschen wissen, wie viele Arten von Schwindel es überhaupt gibt. Ich kenne jede einzelne Form davon. Und all das fast ohne Medikamente. Wenn ich nicht mehr ein und aus weiß, nehme ich eine Ibo.
Normaler Alltag ist bei mir Geschichte. Jeder neue Tag muss mit meinem Kopf und meinem Körper aufs Neue ausgehandelt werden.
Die Jahre nach den beiden akuten Erkrankungen waren brutal. Lange lebte ich in dem Glauben, wenn das alles vorbei ist, DANN kommt das große Glück oder ich fange gesund wieder von vorne an.
Das „Wenn… „Dann! – „Spiel“ hat mich über Jahre getragen. Nur kam „DANN“ eben nicht. Hinzu kam das „Was wäre… „Wenn-Spiel“. Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Was wäre gewesen, wenn ich … Diese beiden Spiele waren abendfüllend. Das Leben ging jedoch einfach nur weiter und ich musste mit all meinen Ängsten und Einschränkungen lernen, genau dies zu akzeptieren.
Durch die Akzeptanz der eigenen Situation, sollte man wieder besser mit sich selbst klarkommen. Ohne falsche Erwartungen dient sie als Ausgangspunkt, um weitergehen zu können. Ohne Akzeptanz geht es nicht, so die Schlaumeier. Genauso hilfreich sind Weisheiten, wie „Schau dahin, was Du alles kannst, nicht darauf, was nicht geht.“ An guten Tagen, am Strand sitzend und aufs Meer schauend, passt das schon. Aber mit Drehschwindel und Stolpergang einkaufen gehen müssen, weil nichts mehr im Kühlschrank ist, sieht es mit der Akzeptanz schon ganz anders aus.
Ich hatte nicht nur eine Grenzerfahrung gemacht, sondern gleich mehrere auf einmal. Tornados zerstörten mein ganzes altes Leben.
Die anderen, die ich immer, „Ihr da draußen“ genannt hatte, blieben dieselben. Die Lebensgeschichten meiner Freundinnen und Freunde haben absolut nichts mehr mit mir zu tun. Bestenfalls bin ich Zuschauerin. Meine Welt interessierte und interessiert sie nicht, und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, interessiert ihre mich auch nicht.
Meine Eltern sind in den letzten Jahren verstorben. Zu meinen Geschwistern und Neffen habe ich keinen Kontakt.
Es gibt sie aber, die Menschen, die sich für mich und mein Leben interessieren und daran teilhaben möchten: Freundinnen und Freunde, die in den letzten Jahren neu hinzugekommen sind, und auch alte Freundschaften, die ich wiedergewonnen habe. Manche sind all die Jahre tatsächlich geblieben.
Meine Selbstständigkeit als Kulturmanagerin musste ich auch gründlich überdenken. Die Kunstwelt befindet sich in einem rasanten Wandel. Zu alt bin ich dafür geworden. Die Leidenschaft und Liebe zur Kunst ist jedoch ungebrochen geblieben, auch wenn ich mit der neuen Zeit wenig anfangen kann.
Ohne Kunst und Literatur wäre ich verloren.
Beruflich habe ich für mich etwas Neues entdeckt. Ich erzähle Geschichten über die Kunst in meiner Stadt. Dazu habe ich im Frühjahr 2022 die Kunstsafaris ins Leben gerufen.
Meine persönliche Reise begann nach dem Lauf im Mai 2021. Ich suchte mir bewusst einen Therapeuten. Ich wollte wissen, wie es mit mir weitergeht und wer ich überhaupt bin.
Überleben, dass ich dies kann, habe ich über Jahre unter Beweis gestellt.
Das ausgeprägte, neugierige und flexible Naturell von mir, meine Familiengeschichte sowie die Arbeit mit Künstler*innen, brachten und bringen es mit sich, dass ich mich unentwegt auf neue Situationen einstellen muss/te. Ich bin geübt im Erfassen von neuen oder veränderten Situationen. Zudem war ich ständig auf der Flucht, wovor auch immer, und bin mindestens 20 Mal umgezogen. Ich bekam nach ein bis zwei Jahren ständig den Drang, eine innere Unruhe, und musste sofort etwas ändern. Oft ging das mit einer neuen Wohnung einher. Mittlerweile wohne ich 10 Jahre in meiner aktuellen Wohnung und möchte hier gar nicht mehr raus.
Aber warum ist das alles so? Und, welcher Mensch steckt überhaupt hinter der Person Petra, die ständig in Aktion ist? Das wollte ich wissen. Zudem wollte ich aus all diesen vielen Schubladen heraus, in die ich von den anderen gesteckt worden war, und dementsprechend war der Umgang mit mir. Um dahinterzukommen, was mich ausmacht und wer ich bin, gab und gibt es immer noch, ziemlich viel in meinem Leben, was ich entdecken und sortieren muss. Gemeinsam mit dem Therapeuten habe ich vier Jahre lang hinter die Kulissen von Petra geschaut. Seit einiger Zeit gehe ich den Weg alleine.
An einer Fortsetzung meines Blogs hatte ich gelegentlich mal nachgedacht. Als ich das bei einer Freundin ansprach, meinte sie: Wen interessiert das? MICH! Ja, mich interessiert das?
Und wer weiß, was daraus wird. Die Fortsetzung meines Blogs ist eine Idee ins Ungewisse. Und wenn es absolut niemanden interessiert, dann ist das auch völlig okay. Ich mache das für mich, damit meine Geschichte nicht verloren geht. Und wenn ich nur einen einzigen Menschen damit Hoffnung machen kann und er an einem schwarzen Tag nur einen einzigen Schritt weitergeht. Dann habe ich alles richtig gemacht.
Die wunderbare Schatzkiste.
In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband, in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Maus, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute) mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn den wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiterhin befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen, bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen, nicht geliebten Oma.
Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet – und das geschah ständig –, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen:
Ich wandere aus! Du siehst mich nie, nie wieder!
Ich lief damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma. Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte.
Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin: Wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann.
Als ich am 3. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP, auf dem Balkon saß, wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben und diese Petra waren jetzt Geschichte und die endete am 3. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Oder eben mein Tod.
Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Szenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir, und dachte: Was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet?
Afrika! Ich wollte immer nach Afrika.
Gleichzeitig dachte ich: Ach, scheiß darauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 1000 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht ohnehin nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika.
Meine gesammelten Schätze ohne Afrika sind keine materiellen.
Es sind Schätze des Herzens und des Lebens.
Uns kann im Leben alles genommen werden, und mir ist in den vergangenen Jahren alles genommen worden. Viele Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körper hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine wunderbare Schatzkiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.
Jeder sollte eine solche wunderbare Lebenskiste haben!
Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt, was einem guttut oder, wie man heute so gerne sagt, einem zusteht, und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur, verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem anderen oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut geht’s nicht.
Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen.
Vergangene Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber dieses Mal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davordrücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotischen Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, dass ich die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben.
Ich begriff, dass ich viel, viel mehr als nur die letzten Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein Danach geben.
Gemüse ist gesund!
Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen:
Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt.
Mich bekamen meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.
Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal etwas Anständiges?
Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.
Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv. Ich weiß.
Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung.
Als ich einmal meinen Ex-Mann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen, und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich wieder nach Hause mussten, standen wir mit unserem VW-Bus vor dieser Bar. Wir wollten noch Proviant für die Rückfahrt besorgen. Ein Bildhauerkollege von ihm klopfte an unser Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte, und der Bildhauer lachte:
„Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder?“
Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht. Seitdem mich der Krebs erwischt hat (ich möchte doch mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal, was ich esse, sondern wie und mit wie wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder herausholen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett. Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren:
Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?
Lange Zeit bin ich schon ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata-Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist, und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Die Philosophie ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne, auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen, was gut für mich ist.
Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Jedoch habe ich mich auf den Weg gemacht, um mich besser zu ernähren und mehr auf mich zu achten. Durch mein aktuelles Lauftraining und die Yogaübungen bin ich schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.
Die Diagnose | Hirntumor
21. April 2011:
Da saß ich nun am Gründonnerstag seit Stunden vor den Osterfeiertagen in der vollkommen überfüllten Notaufnahme der Uniklinik. Einen bescheuerten Tag hätte ich mir dafür auch nicht aussuchen können. Nach gefühlten 100 Stunden kam ein sehr junger Arzt in unseren Wartebereich und meinte:
Es brennt die Hütte und es würde noch Stunden dauern, bis wir dran kämen. Da dachte ich mir kurzerhand: Was soll’s, ich gehe, stand mithilfe meines Sitznachbarn auf und wackelte in Richtung Ausgang. Der Arzt sah mir hinterher, pfiff mich laut zurück und sagte bestimmend: Sie kommen sofort mit mir durch!
Von diesem Moment an, ging alles zügig. Ich bekam sofort einen Zugang gelegt. Einen Fragebogen unter die Nase geschoben und wurde auf direktem Weg zum MRT bugsiert. Endstadium MS war der Verdacht des jungen Arztes. Ich wurde über zwei Stunden ins Gerät hineingeschoben, wieder hinausgeschoben, abermals hineingeschoben und wieder hinausgeschoben. Im Hintergrund ging die Tür ständig auf und wieder zu. Andere Ärzte kamen hinzu, einige gingen wieder. Sie diskutierten unentwegt. Die Stimmung im Raum war angespannt. In der Röhre, während meiner dritten Untersuchung, habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet:
Lieber Gott, sollte es Dich wirklich geben, dann lass es keine MS sein. So möchte ich nicht sterben. Gott hatte mich zumindest in diesem Punkt erhört.
Danach folgte das große Warten. Ich saß im Flur der Notaufnahme, und sah den Patienten, Pflegern und Ärzten zu.
und wartete. Ich wartete. Und wartete. Und wartete ….
Dass ich nicht mit einem blauen Auge davonkommen würde, war klar.
Der nette junge Arzt hatte letztlich die Aufgabe erhalten, mir meine Diagnose mitzuteilen. Es gab keinen angemessenen Raum in der Notaufnahme, um mit mir die Diagnose zu besprechen, wofür er sich mehrfach entschuldigte. (Gibt es so was überhaupt, einen angemessenen Raum, für die Übermittlung beschissener Diagnosen?) Daher saßen wir im Aufenthaltsraum der Ärzte vor einem Computer. Sein Einstiegssatz war: Es ist keine MS, das sei schon einmal eine hoffnungsvolle Nachricht. ABER! (…) Ist schon komisch, was man über Jahre an Erinnerungen gespeichert hat. Ich kann mich noch an die Schuhe im Schrank hinter mir erinnern und könnte beschreiben, wie sie alle aussahen, welche Farbe sie hatten, wie abgenutzt das eine Paar Schuhe war und wie neu das andere. Ich habe die Frauenschuhe von den Männerschuhen unterscheiden können und stellte mir vor, wie später die Eigentümer der Schuhe hier hineinkommen würden, um ihre Schuhe zu tauschen und in die Feiertage zu gehen.
Aber was der Arzt mir da erklärte, daran kann ich mich null erinnern. Anhand des Bildes auf dem Computer erklärte mir der Arzt die spezielle Lage meines Tumors am Stammhirn.
Ich sah nur einen Bonsai-Blumenkohl, was völlige Einbildung gewesen sein muss.
Denn mein Tumor wuchs länglich den Halswirbel hinunter. Er meinte zudem, er könnte bei dieser Größe des Tumors fast sicher sagen, dass er gutartig sei, was zumindest eine gute Nachricht sei. Seine Kollegen auf der Neurochirurgie würden mir die Diagnose noch genau erläutern und mit mir besprechen, wie es weitergeht. Ob ich noch Fragen hätte.
Meine einzige Frage, die ich hatte, eigentlich war es eher eine Feststellung, war:
ICH BIN NICHT IRRE?!?!
Eine übergroße Erleichterung brach über mich herein, denn ich war gar nicht irre. Alle hatten sich getäuscht. Dieser blöde Blumenkohl war an allem schuld. ICH WAR NIE IRRE! Ich fühlte die ganzen Jahre richtig. Ich war richtig.
Nach dem Gespräch saß ich wieder auf dem Flur und wartete. Niemand wusste so recht, wie es jetzt weitergehen sollte. Nur ich wusste ganz genau, dass ich nicht nach Hause gehen würde. Einmal ging ich raus und stand auf einer Wiese im Grünen. Ich rief mit dem Handy eine alte Liebe an und sagte:
Hey, ich habe einen übergroßen Gehirntumor und werde voraussichtlich bald sterben.
Beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten, und ging wieder zurück in die Notaufnahme (nett war das wirklich nicht von mir – aber mehr oder weniger nötig). Ich saß wieder im Flur auf einem Stuhl, speziell für mich geholt, und hatte Zeit zum Nachdenken. Wie beschissen muss es für einen jungen Arzt sein, einer Patientin eine solche Diagnose zu übermitteln, und fragte mich, ob die das im Studium lernen. Und dann! Ganz plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzeinschlag. Vielleicht war es auch wieder einer meiner neurologischen Ausfälle. Jedenfalls wurde ich in einem separaten Raum auf einer Liege wach. Von diesem Moment an, konnte ich für Stunden nicht mehr aufhören zu heulen. Kein Beruhigungsmittel half.
Gegen 24:00 Uhr, nach 16 Stunden in der Notaufnahme, bekam ich ein Bett auf der Neurochirurgie.
Schau nicht runter! Spring!
In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehnmeterbrett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah?
Aufgeben?
Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war eine solche innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß, mir die Nase mit dem Zeigefinger und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, und die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem entschieden zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher empfanden meine Vorstellung als extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfte lautstark mit mir herum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.
Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt: Verlass Dich auf niemanden.
Im übertragenen Sinne stand ich in den vergangenen 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung:
Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können.
Niemand hätte es für mich tun wollen oder können.
Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung.
Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse.
An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen, unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise, wissende Stimme in mir, die sagte:
Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei.
In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung.
Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn, war noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.
Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011, wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 4. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setzte für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten. Mehr war nicht drin.
Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, und obwohl ich auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied dieses Mal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der vielen nächsten Jahre beginnen konnte.
2010 – 2020: TOP 10
🙁
1. Meningeom am Stammhirn
2. Stempel Psycho
3. Drehschwindel
4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
5. Sie werden nie wieder laufen können
6. Hartz 4
7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
9. Panikattacken und Flashbacks
10. Düsseldorf
🙂
1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
2. Schlampentage
3. Lanzarote | Italien
4. Fantastic Five
5. Eiscafé am Dreieck
6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
7. Piaggio Ape
8. Dr. Chhadeh | Jens-Peter Kruse
9. Körbchengröße 75 b
10. Düsseldorf










