Wenn das Leben andere Pläne mit Dir hat.

Der Lebensentwurf meines heutigen Ex-Mannes und von mir platzte am 3. Juni 2004. Geheiratet hatten wir am 21.05.2004. Wir hielten bis 2009 durch.

Voller Ideen, Pläne und Vorstellungen, jedoch unfassbar naiv und größenwahnsinnig, zogen wir Ende 2002 nach Hamburg. Wir fühlten uns wie Pioniere. Neun Monate später, am 6.09.2003, eröffneten wir unsere SkulpturenLandschaft mit über 30 tonnenschweren Skulpturen auf 6 Hektar Wiesenfläche in Hamburg-Reitbrook.

Im September 2004 zogen wir mit all den Skulpturen an einen anderen Standort, an dem einige Skulpturen heute noch stehen. Ein solcher Skulpturenpark kostet so unglaublich viel Zeit, Geld und Kraft. Ich weiß bis heute nicht, wie wir die Skulpturenlandschaft und darüber hinaus unsere Existenz all die Jahre ohne öffentliche Zuschüsse, Spenden oder Rücklagen aufrechterhalten haben. Im Prinzip lebten wir ständig auf Kante.

Wir waren die Neuen in Hamburg, aber auch alle anderen (Familie und Freunde) schauten kopfschüttelnd zu:

Schaffen die das? Es wurden bestimmt Wetten abgeschlossen, aber ich denke, niemand hat auf uns gewettet.

Am Tag unserer Hochzeit waren wir voller Zukunftspläne. Wir hatten unsere Wahlheimat gefunden. Der Skulpturenpark hatte einen neuen Standort, mein Ex-Mann ein Atelier. Wir kamen in unserer Stadt Hamburg an und wollten eine kleine Familie gründen. Wir heirateten bereits zu dritt. Lily-Mathilda war unterwegs. Alles passte. Er, der Bildhauer, und ich, die Kulturmanagerin. Wir hatten sogar ein wenig Promistatus erreicht. Es war nicht einfach, aber meins. Ich habe es geliebt.

Mitte März 2004 zeigte sich der Tumor zum ersten Mal.
Ich wachte nachts auf und der ganze Raum war schief. Es gab kein Oben, kein Unten, keine Ecken und Kanten. Zuerst dachte ich, ich träume noch. Ich wollte aufstehen, trat ins Leere. Ich wollte mich festhalten, doch da war nichts. Drehte ich meinen Kopf, drehte sich alles. Ich fiel hin und robbte auf alle Viere aufs Sofa. Mein Ex-Mann rief den Notarzt. Schon im Krankenwagen wurde es besser und im Krankenhaus war der Anfall vorüber. Ich war schwanger. Deshalb wurden keine Bilder, kein CT oder MRT vom Kopf gemacht. So hatte ich nur ein Konsil bei einem Neurologen. Er tat es als eine neumodische neurologische Erkrankung ab und meinte: Oft ist so etwas einmalig. Stress halt!
Am selben Tag wurde ich wieder entlassen. Leider war der Tumor ziemlich schlau, er machte wochenlang Pause, lenkte ständig von sich ab. Mein Körper reagierte unspezifisch und vollkommen irrational.

Am 03. Juni kam Lily-Mathilda als Schmetterlingskind auf die Welt. Drei kleine Atemzüge durfte sie machen. Tage vorher hatte ich Lily-Mathilda noch auf dem Bildschirm (in 3 D) gesehen, wie sie  mit ihren Händchen und Füßchen herumwerkelte. Es war das verspätete große Ultraschall. Eine Freude für jedes Elternteil. Ich hatte niemals mehr einen traurigeren Moment in meinem Leben.

Wir zogen im August 2004 in den Künstlerbahnhof Hamburg-Bergedorf und im September mit allen Skulpturen an den neuen Ort, gleich um die Ecke. Wieder stimmte alles. Rückschläge gehören zum Leben. Planten sogar, es mit einer kleinen Familie noch einmal zu versuchen. Wir hielten an unserem Plan fest. Ließen uns nicht unterkriegen. Rückblickend weiß ich: Wir hatten keine Chance.

Meine unerkannte Bombe im Kopf würde alles zerstören.

 Ich hielt durch und machte weiter. Bis zum 21.09.2009.