Mein Scheiß-Bonsai-Blumenkohl.

Vor der OP saß ich oft auf dem wunderschönen großen Balkon in dem alten Jugendstilgebäude, der die Patientenzimmer der Neurochirurgie miteinander verband. Wir hatten für Ende April milde Frühlingstage und die meisten Patienten saßen am Tag draußen. Ich stellte mir immer wieder vor, hinter den Bäumen, auf die wir schauten, ist das Meer.

Vielleicht noch ein einziges Mal ans Meer, die Wellen an den Füßen spüren oder Italien leben.

Afrika. Ja, Afrika wollte ich in diesem Leben sehen. 

Aber ansonsten war ich mit  meinem Leben rund. Ich war 47 Jahre alt und konnte mich von dieser Welt ohne Groll verabschieden. Mir fiel der Roman von Peggy Guggenheim  „Ich habe alles gelebt“ ein. Natürlich hatte ich nicht so ein buntes und abwechslungsreiches Leben wie sie, aber ich habe mich wie sie nie von anderen abhalten lassen und habe mein Leben gelebt, so wie ich es für richtig hielt.

Dachte ich an meinen Bonsai-Blumenkohl im Kopf, kam mir der beginnende Satz „Ich hatte eine Farm in Afrika“  aus Jenseits von Afrika in den Sinn. Für mein Leben übersetzt (ein wenig platt, ich weiß): Ich hatte einen Tumor in meinem Kopf. Leider wäre mein Film nicht so romantisch verlaufen und ein Robert Redford würde bei mir auch nicht vorbeischauen.  Allerdings konnte ich  hier in der Klinik eine echt gute Alternative zu Dr. Derek Shepherd aus Grey’s Anatomy vorweisen.

Obwohl Osterfeiertage waren und die meisten Ärzte in Urlaub, musste schnell eine Entscheidung her. Und wieder ein sehr junger Arzt (bestimmt die Ostern-Notbesetzung) erläuterte mir über eine Stunde meine brenzlige Situation, zeigte mir auf den Bildern, den von mir eingebildeten Bonsai-Blumenkohl (ich sah immer noch diesen Blumenkohl und nicht meinen realen Tumor) und sagte: „Es ist wirklich ein Wunder, dass Sie überhaupt hier sitzen. Die Größe Ihres Tumors findet man bestenfalls in der Pathologie. Vielleicht noch zwei oder drei Monate oder ein halbes Jahr, wenn Sie sich gegen eine OP entscheiden. Sie werden letztlich ersticken. Ich denke, da kam noch etwas an Erklärung vorher. Aber ich habe innerlich dichtgemacht und es einfach verdrängt.
Sollten Sie keine OP wollen, schicke ich Ihnen nach Ostern den Sozialdienst vorbei und wir finden ein schönes Pflegeheim oder Hospiz für Sie.

Mit einer OP haben Sie eine Überlebenschance von 20 %. Dass Sie die OP ohne schwere Behinderungen überstehen, liegt bei ca. 10 %, so der junge Arzt weiter.  Das Gespräch war sachlich, menschlich, mitfühlend, unsicher, was es für mich nicht leichter machte. Dadurch wurde es real.

Er meinte es wirklich sehr ernst. Das war hier keine Psycho-Nummer, wie in der Vergangenheit.

Ich brauchte keine Bedenkzeit für eine Entscheidung. Für mich war sofort klar, dass ich die Abkürzung nehmen werde. 3 Monate, niemals! Ich stimmte der OP ohne ein Zögern zu.

Nach diesem Gespräch – was hatte ich erwartet? Hey Sorry, Sie sind doch ein Psycho? – saß ich  vollkommen losgelöst und entspannt auf dem Balkon der Klinik. Um mich herum die laue Luft und der vielversprechende Frühlingsanfang. Ich schaute stundenlang auf die Bäume. Sie wiegten sich im Wind, trugen zarte Knospen, und ich dachte dabei: Wie schön kann die Welt, das Leben doch sein. Es war ein wunderbarer Zustand, den ich seit Jahren nicht gehabt hatte.

Aber die Wut brodelte weiter in mir. Urplötzlich explodierte der innere Vulkan und  Schwalle von Lava-Wut quollen aus mir heraus. Mental brach ich völlig auseinander, saß zusammengesunken auf meinem Stuhl. Pfleger kamen, sprachen mich an, setzten sich neben mich, spendeten Trost und gaben mir Tavor. Ich war so unfassbar wütend auf mein Leben, auf die  arroganten und wissenden Ärzte (9 Neurologen, 7 praktische Ärzte, 3 Orthopäden) sowie auf die vollkommen überteuerten und überschätzten „Sie-müssen-schon-mitmachen-wenn-ich-Ihnen-helfen-soll-Alternativ-Idioten“  (3 Heilpraktiker, 5 Homöopathen,  2 Heiler, Jin-Shin-Jyutsu-Anbieter und was ich sonst noch alles ausprobiert habe) im Vorfeld, auf alle, die mich abgestempelt und damit verraten und im Stich gelassen hatten. Aus mir etwas gemacht haben, was ich gar nicht war: eine Vollidiotin.

In Gedanken brüllte ich sie alle an, schlug auf sie ein und trat sie. Das Lied „Mitten in die Fresse rein“ von den Ärzten hörte ich, rauf und runter. Es half nichts.
Zu der Wut gesellte sich tiefste Verzweiflung. Ich hätte alles dafür gegeben, wenn ich in diesem Moment einfach gestorben wäre. Schluss, aus, tot!

Die Wut wurde in den nächsten Monaten meine größte Verbündete. Sie war stärker als die Verzweiflung und mein ICH WILL NICHT MEHR! Aber ich musste damit irgendwohin.

Ich sprach mittlerweile nur noch in der Scheißsprache. Alles fing mit Scheiß an:
Scheißessen, Scheißgang, Scheißleben, ohnehin alles Scheiße. Wohin nur mit dieser Wut? Er, der Scheißtumor, hat mir all das in den vergangenen Jahren eingebrockt. Und auf ihn war ich wirklich wütend. Nur wie schreit man mutierte Zellen an? Oder tritt sie?

Ich vermenschlichte meinen Scheiß-Bonsai-Blumenkohl, gab ihm den Scheißnamen Kurt. 

Stellte mir vor, dieses Geschöpf sitzt gemütlich an meiner Leitstelle und macht mir das Leben zur Hölle. Er würde sterben, das stand außer Frage, denn er war eine reine Scheiß-Selbstvernichtungsmaschine. Mein langjähriger schmarotzender und sich breitmachender Untermieter Kurt würde mich mit in den Abgrund ziehen. Das war klar. Aber wir mussten ja noch ein paar Tage bis zur OP miteinander aushalten.

Kurt, der blöde Arsch, und ich. 

Ich nahm mir vor, dass ich es ihm nicht leicht machen würde, diesem Scheiß-Arsch. Hatte ich Angst? Ja, ich hatte eine Scheißangst.