Blogeintrag Mai 2019:
Momentan stecke ich fest. Ich habe nach über einem Jahr bald meine Therapie, auch Teil 2 geschafft. Meine Haare sind soweit wieder da und wachsen lockig vor sich hin. Ich beginne irgendwie chaotisch und stolpernd mein neues Leben. Ehrlich betrachtet bin ich die meiste Zeit überfordert und heule ständig los. Ich fühle mich nicht, wie ein Mensch, der ein Jahr lang eine schwierige Krebstherapie durchgezogen hat,
sondern wie ein Fisch im See, der kein Wasser mehr hat. Ich bin wie die Hilfe suchenden Fische, die sich im Schlamm winden und mit aufgerissenen Augen und ihren großen offenen Mäulern nach Luft japsen.
Habe ich mal in einer Doku gesehen. In dieser Dokumentation kamen zum Glück erst kleine Tropfen und dann dicke, bis endlich der erlösende lang anhaltende Regenguss kam. Auch, wenn es in diesem Zusammenhang kontraproduktiv erscheint. Ich hätte so gerne einen Sommer mit Sonne und Dürre, mit sehr viel Sonne und sehr viel Dürre, wie im letzten Jahr. Und noch ein bisschen mehr Sonnenschein obendrauf. Sonne ist mein lang anhaltender Regenguss. Vielleicht bin ich auch einfach eine Blume, die Sonne braucht und sich dieser entgegenstreckt oder so. In Metaphern war ich nie so richtig gut.
Meine seit Jahren von dem Leben aufgedrückte Lebensphilosophie lautet:
Zurück auf Anfang.
Egal, was ich mir vornehmen, ich lande am Ausgangspunkt von vor 10 Jahren. Wieder falsch gewürfelt, nicht auf der Parkstraße gelandet und obendrauf die falsche Ereigniskarte gezogen:
Gehen Sie zurück auf Los! Gehen Sie direkt dort hin, ziehen sie keine 4.000,- DM – heute bestimmt 2.000 € ein.
Ich war nie gut bei diesem Spiel und ständig pleite oder im Gefängnis.
Ich setze jetzt einfach mal auf den Film: „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Darin wurde ja auch alles gut. Bill Murray musste ja auch ständig auf Anfang und trotzdem hat er sein Leben geändert bekommen, sodass er zum Schluss doch noch sein Lebensglück gefunden hat.
Grönemeyer singt gerade im Radio vom Sekundenglück, draußen ist es wegen Feiertag totenstill und zu allem Überfluss regenreich und windig.
Hey, her mit dem schönen Leben,
von denen immer – ich nenne sie neuerdings Ex-Freundinnen und /-Freunde – sprechen, wenn sie mir – für sie echt blöd – über den Weg laufen:
„Genieße jetzt das Leben mal so richtig!“ Joa! „Lass es Dir jetzt richtig gut gehen!“ Klaro! „Mach was Schönes!“ Joa! „Du siehst gut aus!“ Klar doch! Was sonst.
Niemand dieser Freunde brachte über die Lippen: Hey wie geht es Dir? Wie ist es Dir ergangen? Möchtest Du einen Kaffee mit mir trinken? Kann ich Dir helfen? Kein Besuch im Krankenhaus oder später zu Hause.
In den letzten 10 Jahren ging mein altes familiäres und freundschaftliches Umfeld mit diesen Fragen so sparsam um, dass solche Fragen gar nicht erst vorkamen. Diese Fragen wurden nicht einmal gedacht, sondern nur: Scheiße, auf diese Begegnung habe ich jetzt so gar keinen Bock. Oder, die hat ja immer was.
Während der Chemo und auch danach, keine einzige WhatsApp oder ein Anruf oder ein Hallo. Nur peinliche nicht gewollte Begegnungen. Ich habe mir während der Chemo gesagt, diese haut die böswilligen und falschen Zellen aus meinem Körper und ich schmeiße meine toxischen Freundschaften aus meinem Leben.
Und zum Glück gibt es neue tolle Menschen in meinem Leben. Ich sag‘s ja: Ich setze auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Monopoly war nie mein Spiel gewesen.
