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Gemüse ist gesund!

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen:

 

Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt. 

Mich bekamen meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort des kindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal etwas Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv. Ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung.

Als ich einmal meinen Ex-Mann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen, und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich wieder nach Hause mussten, standen wir mit unserem VW-Bus vor dieser Bar. Wir wollten noch Proviant für die Rückfahrt besorgen. Ein Bildhauerkollege von ihm klopfte an unser Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte, und der Bildhauer lachte:

„Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder?“

Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht. Seitdem mich der Krebs erwischt hat (ich möchte doch mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal, was ich esse, sondern wie und mit wie  wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder herausholen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett. Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren:

Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

 

Lange Zeit bin ich schon ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata-Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist, und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Die Philosophie ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne, auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen, was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Jedoch habe ich mich auf den Weg gemacht, um mich besser zu ernähren und mehr auf mich zu achten. Durch mein aktuelles Lauftraining und die Yogaübungen bin ich schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

„I sit | I just sit!“

Blogeintrag Mai 2019:

Momentan stecke ich fest. Ich habe nach über einem Jahr bald meine Therapie, auch Teil 2, geschafft. Meine Haare sind so weit wieder da und wachsen lockig vor sich hin. Ich lebe etwas chaotisch und stolpernd mein Leben. Ehrlich betrachtet, bin ich die meiste Zeit überfordert, vollkommen erledigt und heule ständig los.

So wie ein Hilfe suchender Fisch im See, mit wenig bis gar keinem Wasser, der sich mit weit aufgerissenen Augen und offenem Maul, nach Luft japsend und schnappend, im nassen Schlamm windet.

Habe ich mal in einer Doku gesehen. In dieser Dokumentation kamen zum Glück erst kleine Tropfen und dann dicke, bis endlich der erlösende, lang anhaltende Regenguss kam. Auch, wenn es in diesem Zusammenhang kontraproduktiv erscheint. Ich hätte so gerne einen Sommer mit Sonne und Dürre, mit sehr viel Sonne und sehr viel Dürre, wie im letzten Jahr. Und noch ein wenig mehr Sonnenschein obendrauf. Sonne ist mein lang anhaltender Regenguss. Vielleicht bin ich auch einfach eine Blume, die Sonne benötigt und sich dieser entgegenstreckt oder so. In Metaphern war ich nie so richtig gut.

Meine seit Jahren von dem Leben aufgedrückte Lebensphilosophie lautet:

Zurück auf Anfang.

Egal, was ich mir vornehme, ich lande am Ausgangspunkt von vor 10 Jahren. Wieder falsch gewürfelt, nicht auf der Parkstraße gelandet und obendrauf die falsche Ereigniskarte gezogen:

Gehen Sie zurück auf Los! Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie keine 4000,– DM – heute bestimmt 2000 € ein. 

Ich war nie gut bei diesem Spiel und ständig pleite oder im Gefängnis.

Ich setze jetzt einfach mal auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Bill Murray wurde wiederholt auf Anfang gesetzt und trotzdem hat er sein Leben geändert bekommen, sodass er zum Schluss doch noch sein Lebensglück gefunden hat.
Grönemeyer singt gerade im Radio vom Sekundenglück, draußen ist es wegen Feiertag totenstill und zu allem Überfluss  regenreich und windig.

Hey, her mit dem schönen Leben, 

von denen immer – ich nenne sie neuerdings Exfreundinnen und /-Freunde – sprechen, wenn sie mir – für sie echt blöd – über den Weg laufen:

„Genieße jetzt das Leben mal so richtig!“ Jo! „Lass es Dir jetzt richtig gut gehen!“ Klaro! „Mach was Schönes!“ Jo! „Du siehst gut aus!“ Klar doch! Was sonst?

Niemand dieser Freunde brachte über die Lippen: „Hey, wie geht es Dir?“ Wie ist es Dir ergangen? Möchtest Du einen Kaffee mit mir trinken? Kann ich Dir helfen? Kein Besuch im Krankenhaus oder später zu Hause.

In den vergangenen 10 Jahren ging mein  altes familiäres und freundschaftliches Umfeld mit diesen Fragen so sparsam um, dass solche Fragen gar nicht erst vorkamen. Diese Fragen wurden nicht einmal gedacht, sondern nur: Scheiße, auf diese Begegnung habe ich jetzt so gar keinen Bock. Oder: Die hat immer was.

Während der Chemo und auch danach, keine einzige WhatsApp oder ein Anruf oder ein Hallo. Nur peinliche, nicht gewollte Begegnungen. Ich habe mir während der Chemo gesagt: Diese haut die böswilligen und falschen Zellen aus meinem Körper und ich schmeiße meine toxischen Freundschaften aus meinem Leben.

Und zum Glück gibt es neue, liebenswerte  Menschen in meinem Leben. Ich sag’s ja:  Ich setze auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Monopoly war nie mein Spiel gewesen.

Ein Feuerwerk für mich!

Liebeskomödien enden mit einem Happy End: 

In der Serie „Sex and the City“ bekam Carrie Bradshaw  zum Schluss der Serie endlich ihren Mr. Big, der dann 25 Jahre später in der neuen Staffel gleich in der 1. Episode verstarb.

Meine Geschichte nahm einfach kein Ende. Ich stecke in einem nicht enden wollenden Drama fest. Ich blieb in der Hölle und nahm gleich den Aufzug weiter nach unten.
Okay, ich befand mich auch in keiner Liebeskomödie (der Vergleich hinkt völlig), obwohl der Beginn meiner Geschichte vielleicht danach aussah:

Sie kämpfe um ihr Leben, um danach in die Arme ihres Liebsten geschlossen zu werden

oder so ähnlich kitschig. Es gab nun mal keinen Liebsten, denn der verlebte zu dieser Zeit die glücklichste Zeit seines Lebens mit einer anderen ohne mich, wie er es mir später auch noch aufs Brot schmieren musste.

Der Kreuz 8 hatte ich die Stirn geboten. Der Fluch war vorbei. Das hoffte ich zumindest, und unglaublich gerne hätte ich ihn einfach an ein oder zwei Personen, so wie im Staffellauf, weitergereicht.

Jetzt konnte laut Wahrsagerin das schöne, vorausgesagte Leben  beginnen.
Schade, der Film wäre einfach zu schön gewesen. In der realen Welt war ich zwar Kurt, meinen Bonsai-Blumenkohl-Tumor (den ich blöderweise zwischen den beiden OPs auch noch liebgewonnen hatte) los. Mein Hirn suchte ständig nach Kurt (das sei normal, meinte der Arzt, und vor lauter Sehnsucht, kippte auch noch mein Stammhirn leicht nach links in die Lücke, wo der größte Teil von Kurt vorher saß), aber ich schlich weiter wenig munter in der Hölle herum. Der Unterschied zu vorher war, dass ich mehr körperlich sichtbare Einschränkungen als vorher hatte, obwohl das eigentlich unmöglich war. Und es gab keine Hoffnung auf Besserung. Ich lebte, so der Arzt. Das sei Wunder genug. Und das war ein Wunder!

Für mich ein unverhofftes ungewolltes Wunder. 

Wie eine gewonnene Kreuzfahrt, die man nicht weiter verschenken darf. Bei meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn einfach nur toll. Mir hatte man etwas geschenkt, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ein Leben!

Kaum war ich zu Hause (ich hatte eine Reha nach meiner zweiten OP ausgeschlagen), passierte natürlich rein gar nichts. Ich hatte und fand keinen Platz  mehr in dieser Welt, nicht beruflich, nicht privat, und gesundheitlich hatte ich gerade erst so halbwegs eine Katastrophe überlebt. Immer noch war ich aus meinem Leben gefallen. Die Probleme haben sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Dafür löste sich der klägliche Rest  meines Freundeskreises zunehmend in Wohlgefallen auf. Alle um mich herum waren mit ihrem vorhandenen Leben beschäftigt und ich war mit meinen körperlichen, seelischen und existenziellen Problemen schlichtweg lästig. Von einem annähernd normalen Leben war ich Lichtjahre entfernt und infolgedessen auch von meinem Umfeld. Wir lebten in Paralleluniversen, die verschiedener hätten nicht sein können.

Es wäre jetzt schon gemein zu sagen, ich erntete in den Jahren ausschließlich Desinteresse. Der Egoismus boomt! Nein, das war nicht so. Damals noch Fremde haben mit mir Kontakt gehalten und geholfen. Menschen, die mich vorher gar nicht kannten. Als ich vor dem existenziellen Ruin stand, meine Bank mir mein Girokonto kündigte und ich nicht wusste, wie ich die Miete zahlen sollte, hatten sie mir Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt. Es gab auch eine sehr überschaubare Anzahl von den alten Freunden, die mich all die Jahre ausgehalten und ertragen, und mich einfach nicht aufgegeben haben. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.

Aber was hatte ich denn erwartet? 

Nichts haut einen mehr um, als falsche Erwartungen.

Ein Feuerwerk? Ja, echt jetzt! Wenn schon nicht tot, dann wenigstens ein Fest mit Feuerwerk. 

So was in der Art hatte ich wirklich erwartet! Und ich hätte es verdient. Blöderweise sah nur ich das so. Ich hatte absolut keinen Plan, wie es weitergehen sollte.

Die Jahre (2012 bis 2018) nach der OP  waren daher ein Sammelsurium von Tagen, mit dem immer gleichen Frage- und Antwortspiel:  Wie schaffe ich es heute? Mehr oder weniger! Und wenn nicht, Du hast 50 kleine weiße Pillen und drei Brücken zur Auswahl! Ich kam einfach nicht mehr hoch. Hatte ich eine Baustelle ein wenig unter Kontrolle, tat sich eine andere auf. Jahr für Jahr! Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

 Ich war  über all die Jahre ein Gänseblümchen auf einem riesengroßen Hundehaufen, das mit aller Kraft versuchte, den Kopf nicht hängen zu lassen, um nicht in der Scheiße zu ersticken.

Und dann kam HER2 positiv.

Eier im Gepäck. Sachen gibts :-)

Als ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote war, konnte ich ganze 21 Tage bleiben. Da endlich alle Therapien ausgestanden waren und die nächste Nachsorge erst im März anstand, so auch über Silvester.

Gegen Mittag gehe ich bis heute meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinstem Raum, sogar Lanzarote-Salz, abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.

Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischer Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier bislang nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken. Zu Beginn meines Urlaubs gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorn. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder rasch und oftmals vollkommen unfreiwillig ins Gespräch. Später rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen möchten nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, über die ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Vergangenes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunde auf ziemlich schlechtem Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort in Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro bei mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später, genau an Heiligabend, nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist eine solche Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin gewesen war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde, meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie solle es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend machte: Sie und Essen stehlen?!? Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute aus unserem Hotel-Restaurant, die sie indessen mit sich bei 30 Grad herumschleppte. Darin hortete sie ihre Schätze, und jetzt hatte sie Angst, dass, wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer fände, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele Päckchen Butter und Marmelade, sowie mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst, in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren zwölf frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte: Wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die auf die eine oder andere Weise ausgehen, aber bei denen niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern. 🙂

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischem Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder.
Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine freie Kindheit.

Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: Zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für meine Geschwister und mich und waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer unkompliziert und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal bösartig: Du hast ja ohnehin immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst schuld, dachte ich.) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Zwar bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, dass ich anders war. „Völlig aus der Art geschlagen“, hat mein Opa immer gesagt.
Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und zügig verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln: Wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen. Und aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken.

Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite.

Heute noch eines der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen  Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: Ja, ich!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf dem Boden liegenbleiben gilt nicht. Heulen ohnehin nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte herum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren vorgefallen ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller toller Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

Jetzt habe ich die 60 überschritten und gehöre nun zu den alten Eisen. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten, schaute, nahm ich mir vor, im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte, und nicht, was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat vorher auch funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine, mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.