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Gemüse ist gesund!

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen:

 

Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt.

Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort deskindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv. Ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung.

Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte:

„Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder?“

Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht. Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett. Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren:

Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

 

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

„I sit | I just sit!“

Blogeintrag Mai 2019:

Momentan stecke ich fest. Ich habe nach über einem Jahr bald meine Therapie, auch Teil 2 geschafft. Meine Haare sind soweit wieder da und wachsen lockig vor sich hin. Ich beginne irgendwie chaotisch und stolpernd mein neues Leben. Ehrlich betrachtet bin ich die meiste Zeit überfordert und heule ständig los. Ich fühle mich nicht, wie ein Mensch, der ein Jahr lang eine schwierige Krebstherapie durchgezogen hat,

 

sondern wie ein Fisch im See, der kein Wasser mehr hat. Ich bin wie die Hilfe suchenden Fische, die sich im Schlamm winden und mit aufgerissenen Augen und ihren großen offenen Mäulern nach Luft japsen.

Habe ich mal in einer Doku gesehen. In dieser Dokumentation kamen zum Glück erst kleine Tropfen und dann dicke, bis endlich der erlösende lang anhaltende Regenguss kam. Auch, wenn es in diesem Zusammenhang kontraproduktiv erscheint. Ich hätte so gerne einen Sommer mit Sonne und Dürre, mit sehr viel Sonne und sehr viel Dürre, wie im letzten Jahr. Und noch ein bisschen mehr Sonnenschein obendrauf. Sonne ist mein lang anhaltender Regenguss. Vielleicht bin ich auch einfach eine Blume, die Sonne braucht und sich dieser entgegenstreckt oder so. In Metaphern war ich nie so richtig gut.

Meine seit Jahren von dem Leben aufgedrückte Lebensphilosophie lautet:

Zurück auf Anfang.

Egal, was ich mir vornehmen, ich lande am  Ausgangspunkt von vor 10 Jahren. Wieder falsch gewürfelt, nicht auf der Parkstraße gelandet und obendrauf die falsche Ereigniskarte gezogen:

Gehen Sie zurück auf Los! Gehen Sie direkt dort hin, ziehen sie keine 4.000,- DM – heute bestimmt 2.000 € ein.

Ich war nie gut bei diesem Spiel und ständig pleite oder im Gefängnis.

Ich setze jetzt einfach mal auf den Film: „Und täglich grüßt das Murmeltier.“  Darin wurde ja auch alles gut. Bill Murray musste ja auch ständig auf Anfang und trotzdem hat er sein Leben geändert bekommen, sodass er zum Schluss doch noch sein Lebensglück gefunden hat.
Grönemeyer singt gerade im Radio vom Sekundenglück, draußen ist es wegen Feiertag totenstill und zu allem Überfluss  regenreich und windig.

Hey, her mit dem schönen Leben,

von denen immer – ich nenne sie neuerdings Ex-Freundinnen und /-Freunde – sprechen, wenn sie mir – für sie echt blöd – über den Weg laufen:

„Genieße jetzt das Leben mal so richtig!“ Joa! „Lass es Dir jetzt richtig gut gehen!“ Klaro! „Mach was Schönes!“ Joa! „Du siehst gut aus!“ Klar doch! Was sonst.

Niemand dieser Freunde brachte über die Lippen: Hey wie geht es Dir? Wie ist es Dir ergangen? Möchtest Du einen Kaffee mit mir trinken? Kann ich Dir helfen? Kein Besuch im Krankenhaus oder später zu Hause.

In den letzten 10 Jahren ging mein  altes familiäres und freundschaftliches Umfeld mit diesen Fragen so sparsam um, dass solche Fragen gar nicht erst vorkamen. Diese Fragen wurden nicht einmal gedacht, sondern nur: Scheiße, auf diese Begegnung habe ich jetzt so gar keinen Bock. Oder, die hat ja immer was.

Während der Chemo und auch danach, keine einzige WhatsApp oder ein Anruf oder ein Hallo. Nur peinliche nicht gewollte Begegnungen. Ich habe mir während der Chemo gesagt, diese haut die böswilligen und falschen Zellen aus meinem Körper und ich schmeiße meine toxischen Freundschaften aus meinem Leben.
Und zum Glück gibt es neue tolle Menschen in meinem Leben. Ich sag‘s ja:  Ich setze auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Monopoly war nie mein Spiel gewesen.

Happy End!

Liebeskomödien enden mit einem Happy End:

In der Serie Sex And The City bekam Carrie Bradshaw  zum Schluss der Serie endlich ihren Mr. Big, der dann 25 Jahre später in der neuen Staffel gleich in der 1. Episode verstarb.

Meine Geschichte nahm einfach kein Ende. Ich stecke in einem nicht endend wollenden Drama fest. Ich blieb in der Hölle und nahm gleich den Aufzug weiter nach unten.
Okay, ich befand mich auch in keiner Liebeskomödie (der Vergleich hinkt völlig), obwohl der Beginn meiner Geschichte vielleicht danach aussah:

Sie kämpfe um ihr Leben, um danach in die Arme ihres Liebsten geschlossen zu werden

oder so ähnlich kitschig. Es gab halt keinen Liebsten, denn der verlebte zu dieser Zeit die glücklichste Zeit seines Lebens mit einer anderen ohne mich, wie er es mir später auch noch aufs Brot schmieren musste.

Der Kreuz 8 hatte ich die Stirn geboten. Der Fluch war vorbei.  Das hoffte ich zumindest und unglaublich gerne hätte ich ihn einfach ein ein oder zwei Personen, so wie im Staffellauf, weitergereicht.

Jetzt konnte laut Wahrsagerin das schöne 2002 von ihr vorausgesagte Leben  beginnen.
Schade, der Film wäre einfach zu schön gewesen. In der realen Welt war ich zwar Kurt, meinen Bonsai-Blumenkohl-Tumor (den ich blöderweise zwischen den beiden OP’s auch noch lieb gewonnen hatte) los. Mein Hirn suchte ständig nach Kurt  > das sei normal, meinte der Arzt< und vor lauter Sehnsucht, kippte auch noch mein Stammhirn leicht nach links in die Lücke, wo der größte Teil von Kurt vorher saß), aber ich schlich weiter wenig munter in der Hölle herum. Der Unterschied zu vorher war, dass ich  mehr körperliche sichtbare Einschränkungen als vorher hatte, obwohl das eigentlich unmöglich war. Und es gab keine Hoffnung auf Besserung. Ich lebte, so der Arzt. Das sei Wunder genug. Und das war ein Wunder!

Für mich ein unverhofftes saublödes Wunder.

Wie eine gewonnene Kreuzfahrt, die man nicht weiter verschenken darf. Bei meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn einfach nur toll. Mir hatte man etwas geschenkt, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ein Leben!

Kaum war ich zu Hause (ich hatte eine Reha nach meiner zweiten OP ausgeschlagen), passierte natürlich rein gar nichts. Ich hatten und fand keinen Platz  mehr in dieser Welt, nicht beruflich, nicht privat und gesundheitlich hatte ich gerade erst so halbwegs eine Katastrophe überlebt. Immer noch war ich aus meinem Leben gefallen. Die Probleme haben sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Dafür löste sich der kläglicher Rest  meines Freundeskreises zunehmend in Wohlgefallen auf. Alle um mich herum waren mit ihrem vorhandenen Leben beschäftigt und ich mit meinen körperlichen, seelischen und existentiellen Problemen schlichtweg lästig. Von einem annähernd normalen Leben war ich Lichtjahre entfernt und somit auch von meinem Umfeld. Wir lebten in Parallel-Universen, die verschiedener hätten nicht sein können.

Es wäre jetzt schon gemein zu sagen, ich erntete in den Jahren ausschließlich Desinteresse. Der Egoismus boomt! Nein, das war nicht so. Damals noch Fremde haben mit mir Kontakt gehalten und  geholfen. Menschen, die mich vorher gar nicht kannten.  Als ich vor dem existentiellen Ruin stand, meine Bank mir mein Girokonto kündigte und ich nicht wußte, wie ich die Miete zahlen soll, hatten sie mir Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt. Es gab auch eine sehr überschaubare Anzahl von den alten Freunden, die mich all die Jahre ausgehalten und ertragen, mich einfach nicht aufgegeben haben. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.

Aber was hatte ich denn erwartet?

Nichts haut einen mehr um, als falsche Erwartungen.

Ein Feuerwerk? Ja, echt jetzt! Wenn schon nicht tot, dann wenigsten ein Fest mit Feuerwerk.

So was in der Art hatte ich wirklich erwartet! Und ich hätte es  verdient. Blöderweise sah nur ich das so. Ich hatte absolut keinen Plan, wie es weitergehen sollte.

Die Jahre (2012 bis 2018) nach der OP  waren daher ein Sammelsurium von Tagen, mit dem immer gleichen Frage- und Antwortspiel:  Wie schaffe ich es heute? Irgendwie! Und wenn nicht, Du hast 50 kleine weiße Pillen und drei Brücken zur Auswahl!  Ich kam einfach nicht mehr hoch. Hatte ich eine Baustelle ein wenig unter Kontrolle, tat sich eine andere auf. Jahr für Jahr! Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

 Ich war  über all die Jahre ein Gänseblümchen auf einem riesengroßen Hundehaufen, was mit aller Kraft versuchte, den Kopf nicht hängenzulassen, um in der Scheiße zu ersticken.

AUFGEWACHT!

07. Mai 2011

Auf den Tod hatte mich eingestellt und ich wäre friedlich, mit mir im Reinen von dieser Welt gegangen.  Nach dem Aufwachen war ich absolut nicht darauf vorbereitet, dass ich überlebet hatte. Zwar nur irgendwie, aber halt immer noch da.
Meine Abkürzung war eine weitere Talfahrt noch tiefer hinein in die Hölle. Ich weiß nicht, was ich in meinem alten Leben verbrochen hatte oder wie die Religion Schicksale mit Prüfungen von Gott erklärt, warum mir diese Prüfungen auferlegt wurden, damit ich ins Paradies komme. Ich wollte nicht ins Paradies. Ich wollte einfach NICHTS!

Ich möchte selbstbestimmt leben oder eben sterben. Und das hatte ich verpasst.

Daher möchte ich „da draußen“ jedem sagen: „Verfasst eine gescheite Patientenverfügung!“ Wir sollten selbst entscheiden können, ob wir weiterleben möchten, oder nicht. Für die erste OP hatte ich eine  spontane Patientenverfügung aus dem Internet. Es musste alles sehr schnell gehen und ich dachte eh, ich brauch sie nicht. Diese formlose und völlig nichts sagende Patientenverfügung hat mich 2 x  an einem Beatmungsgerät aufwachen lassen.

Klar, aus heutiger Sicht könnte man sagen, sie hat es ja gepackt. Mit einer detailgetreuen Patientenverfügung wäre sie jetzt tot. Ersten! Man weiß es nicht.  Zweitens! Innerlich habe ich diese Erlebnisse auf der Intensivstation bis heute nicht überlebt. Es gibt Erlebnisse, die sind in jede einzelne Zelle des Körpers gespeichert. Ich bin immer noch eine Geisel dieser Wochen auf der ITS. Flashbacks sind nur eine Erinnerung daran.

Ich weiß, niemand denkt gerne über Krankheit oder über die eigene Endlichkeit nach. Aber egal bei wem, es kommt dann doch immer völlig überraschend. Wenn ich neidisch auf die Gesunden bin und das kommt doch schonmal vor (gerade an ganz miesen Tagen),dann sage ich mir (es ist böse und klingt verbittert – aber ich finde es ist auch menschlich, da Schicksalsschläge einfach schrecklich ungerecht sind):

„Bis zur nächsten Vorsorge seid Ihr alle gesund!“ 

Niemand – absolut niemand weiß, was der Körper oder das Schicksal für einen bereithalten. Das Leben planen können, ist eine Illusion der Gesunden. Es trifft auch nicht immer die anderen.  Lasst nicht andere über Euch entscheiden! Nehmt Euren Freunden, Partnern, Eltern und den Ärzten solche schwierigen und sehr persönlichen Entscheidungen ab.

2015 – Vier Jahre später: Der Besuch auf der ITS.
Die Neurochirurgie ist mittlerweile in einem Neubau auf dem Unigelände gezogen. Die Patientenzimmer in dem alten Jugendstilgebäude standen deshalb 2015 leer. Als ich im Dezember an dem Projekt 30 Gedanken zum Tod teilnahm, war es mein  Wunsch, noch einmal an die Orte, die mich so nachhaltig geprägt hatte, zurückzukehren. Ich musste einfach noch einmal zurück an diesen Ort, auf diesen Balkon, der für mich die Magie nicht verloren hatte. Zudem versprach man mir, dass ich die alte Intensivstation nach dem Interview besuchen durften. Mittlerweile  wurde sie als ambulante Anlaufstelle für orthopädische Angelegenheiten genutzt. In meinem Intensivzimmer (das damalige Sterbezimmer) war die Annahmestelle dafür.

Ich war unglaublich aufgeregt, als ich die Intensivstation, die Hölle meines Lebens betrat. Alles hatte sich verändern, aber irgendwie auch nichts. Ich ging durch die Tür, die sich automatisch öffnet und wodurch die Krankenbetten mit den Patienten auf die Intensiv geschoben wurden. Sah in mein Zimmer und ging wieder durch den Besucherraum zurück. Und dann alles noch einmal. Und wieder umgedreht, um es noch einmal zu tun. Auf zwei Beinen, diesen Ort zu betreten und wieder zu verlassen und wieder zu betreten, um ihn wieder zu verlassen und alles noch einmal…

Eier im Gepäck. Sachen gibts :-)

Als ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote war, konnte ich ganze 10 Tage bleiben. Da endlich Mal keine Therapien oder Untersuchungen anstanden, so auch über Silvester.

Gegen Mittag gehe ich bis heute meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinsten Raum, sogar Lanzarote Salz abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe Vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe Vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.

Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden Ist, sind Oliven und spanischen Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier immer noch nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken. In der Regel gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorne. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder sehr schnell und oftmals völlig unfreiwillig ins Gespräch. Irgendwann rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, worüber ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Letztes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunden auf ziemlich schlechten Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort aus Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro beim mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später genau an Heiligabend nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist so eine Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie soll es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend machte: Sie und Essen klauen?!? Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute aus unserem Hotel-Restaurant, die sie nun mit sich bei 30 Grad rumschleppte. Darin hortete sie ihre Schätze und jetzt hatte sie Angst, dass wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer findet, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele Päckchen Butter und Marmelade, sowie mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren 12 frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte, wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab.Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die so oder so ausgehen, aber niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern 🙂

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischen Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder.
Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon Mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine großartige Kindheit.

Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für mich und meine Geschwister waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer sehr leicht und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal sehr böse: Du hast ja eh immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst Schuld, dachte ich) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Auf der einen Seite bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, weil ich anders war. Völlig aus der Art geschlagen hat mein Opa immer gesagt.
Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und sehr schnell verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln, wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen. Und Aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken.

Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite.

Heute noch eins der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen  Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während desOrientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: ICH!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige undkämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf den Boden liegen bleiben, gilt nicht. Heulen sowieso nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte rum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren passiert ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller tolle Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

Jetzt habe ich die 60 überschritten und gehöre nun zu den alten Eisen. Es ist eine andere Herausforderung, der ich michjetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten schaute, nahm ich mir vor im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte und nicht was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat eh nie bei mir funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.