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Die wunderbare Schatzkiste.

In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband, in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Maus, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute) mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn den wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiterhin befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen, bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen, nicht geliebten Oma.

Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet – und das geschah ständig –, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen:

Ich wandere aus! Du siehst mich nie, nie wieder!

Ich lief damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma. Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte.

Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin: Wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann. 

Als ich am 3. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP, auf dem Balkon saß, wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben und diese Petra waren jetzt Geschichte und die endete am 3. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Oder eben mein Tod.
Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Szenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir, und dachte: Was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet?

Afrika! Ich wollte immer nach Afrika. 

Gleichzeitig dachte ich: Ach, scheiß darauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 1000 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht ohnehin nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika.

Meine gesammelten Schätze ohne Afrika sind keine materiellen.

Es sind Schätze des Herzens und des Lebens

Uns kann im Leben alles genommen werden, und  mir ist in den vergangenen Jahren alles genommen worden. Viele Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körper hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine wunderbare Schatzkiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.

Jeder sollte eine solche wunderbare Lebenskiste haben! 

Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt, was einem guttut oder, wie man heute so gerne sagt, einem zusteht, und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur, verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem anderen oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut geht’s nicht.

Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen. 

Vergangene Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber dieses Mal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davordrücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotischen Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, dass ich  die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben.

Ich begriff, dass ich viel, viel mehr als nur die letzten Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein Danach geben.

 

Schau nicht runter! Spring!

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehnmeterbrett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah?

Aufgeben? 

Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war eine solche innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß, mir die Nase mit dem Zeigefinger und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, und die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem entschieden zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher empfanden meine Vorstellung als extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfte lautstark mit mir herum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt: Verlass Dich auf niemanden.

Im übertragenen Sinne stand ich in den vergangenen 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung:

Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können. 

Niemand hätte es für mich tun wollen oder können.
Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung.

Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse. 

An diesem Samstag lehnte ich in Düsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen, unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise, wissende Stimme in mir, die sagte:

Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei. 

In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung.

Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn, war noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011, wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 4. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setzte für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten. Mehr war  nicht drin.

Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, und obwohl ich auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied dieses Mal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der vielen nächsten Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10
🙁
1. Meningeom am Stammhirn
2. Stempel Psycho
3. Drehschwindel
4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
5. Sie werden nie wieder laufen können
6. Hartz 4
7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
9. Panikattacken und Flashbacks
10. Düsseldorf
🙂
1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
2. Schlampentage
3. Lanzarote | Italien
4. Fantastic Five
5. Eiscafé am Dreieck
6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
7. Piaggio Ape
8. Dr. Chhadeh | Jens-Peter Kruse
9. Körbchengröße 75 b
10. Düsseldorf

 

 

 

Kintsugi – 金継ぎ

Mosaike sind Großartig. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudí in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült).

Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie wozu auch immer neu zusammensetzen werde. Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe. Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben: Sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch, daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt stellenweise. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir: Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft. Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: „Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?“

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war, und mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (???: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert, welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen-Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit: Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt. Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi-Schüssel. Und es waren und sind sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Risse sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen.

Wenn’s miserabel läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.

Ausgerechnet Zoé

Der Film  „Ausgerechnet Zoé“  lief in den 90ern in unseren Kinos. Darin geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Ex-Freund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war.

Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig herum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal perfekt und insbesondere sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd herum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.

Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über die anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen geht’s hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir geht’s super! Ich halte die Arschkarte in der Hand! Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter herum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.

Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen? Was sagt der Film uns über das Leben?

Ich telefonierte alle paar Wochen mit einer Freundin aus meiner Zeit, während ich in Hamburg lebte. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei!
Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate mit ihr reduzierte.

Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte. Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer, heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben. Diese Information hat mich geschockt. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: Schau, Petra, so kann es auch sein, das Leben!

Unser Schicksal ist manchmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und jede Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet, und die sind dann plötzlich nicht mehr da. Einfach gestorben. Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.

Brüste, Melonen, Möpse

Fast alle Männer träumen davon. Frauen wollen sie in der Regel haben. Werbeplakate und -spots sind voll damit: perfekte Brüste! Große, knackige, runde, pralle, kleine, falsche. Hauptsache: PERFEKT! Was auch immer das heißen mag.

Wir Frauen sind viel zu selten glücklich mit dem, was wir haben. Zu klein sind sie, zu groß, zu hängend. Der Garten von nebenan ist immer etwas grüner: Haben wir bereits die perfekten Brüste, gibt es mit absoluter Sicherheit eine Frau, die schönere hat. Und wenn halt nicht im Gesamtbild, dann zerlegt in kleinteilige Nuancen: die andere hat eine schönere Hautfarbe, etwas bessere Rundungen, die ideale Größe (obwohl gleich groß, wie die eigenen). Es gibt kilometerlange Gründe, um sich herunterzuziehen.

Kein Mann dieser Welt würde sich derart selbst infrage stellen.

Ich konnte bis zu meiner Mastektomie (Brustamputation) im letzten Jahr meinem eigenen Brustthema nicht mit buddhistischer Gelassenheit begegnen. Ich mochte meine Brüste einfach nicht. Sie waren sowohl für meinen Körper (TWIGGY) als auch für meinen Bewegungsdrang zu groß. Ich habe bis heute meinen Basketballtrainer (Franzose) aus der Jugendzeit im Ohr: „Petra, laufen, laufen und jetzt springen und setz den Ball in den Korb!“ (Dabei muss man sich seinen charmanten französischen Akzent vorstellen: schneller, schneller und hoch jetzt!). Fröhliches Gegröle bei den Jungs. Niemand interessierte sich dafür, dass ich den Ball versenkt hatte.

Da Twiggy die Modewelt bestimmte, gab es während meiner Jugend oder später für mich als junge Frau nur schreckliche Oma-Panzer (die man auch noch umnähen und anpassen musste) anstelle von sexy oder sportlichen BHs für meine Figur. Kleider gingen gar nicht, weil oben zu eng und unten zu weit. In den 80ern hatte ich für sehr, sehr lange Zeit den Spitznamen Pam (die Figur Pamela Ewing aus der amerikanischen Serie Dallas). Und sie trug meistens das, was ich absolut hasste: (zum Beispiel) engen Pulli zu engen Jeans. Mit den 80ern kamen auch die schrecklichen Schulterpolster. Aber war das wirklich von Vorteil? Auch damit machte ich mich zum Affen.

Als mir mein Arzt letztes Jahr vorschlug, eine beidseitige Mastektomie vorzunehmen, konnte ich nur freudig zustimmen und habe zusätzlich hart dafür gekämpft, zwei Körbchengrößen kleiner zu bekommen. Es hätten auch drei oder vier sein können. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Mir hatte die Diagnose Brustkrebs somit auch ein großes Lebensgeschenk gemacht: Freiheit.

Ich fühle mich endlich wohl mit meinen Brüsten! Später in der Onkologie stellte ich fest, dass ich ziemlich alleine mit meinem Wohlbefinden dastand, das mir die neuen Brüste (eine neue Freiheit) bescherten. Viele Frauen haben komplizierte OPs über sich ergehen lassen, damit die Brust erhalten bleibt. Sie kämpften regelrecht, um den Erhalt ihrer Brust. Der Garten der anderen war plötzlich nicht mehr grüner, sondern der eigene Garten wunderschön. Und der sollte plötzlich rüde zerstört oder gar beseitigt werden.

Liebe Frauen, unsere Brüste sind alle wunderschön: die großen, die kleinen, die prallen, die nicht mehr vorhandenen, die operierten, die alternden, die jungen, die hängenden. Mit großen, kleinen, dicken und fast nicht sichtbaren Narben.

Ich habe mir 40 Jahre lang das Leben mit meinen Brüsten zur Hölle gemacht. Okay, mir ist meine Entscheidung, sie zu entfernen, nicht schwergefallen. Damit hatte ich gegenüber sehr vielen Frauen einen ganz klaren Vorteil. Aber HALLO! 40 Jahre für nichts! Weil die Natur mit mir etwas anderes vorhatte, als meinem Selbstbild zu entsprechen. Und jetzt, kein ABER … WIR SIND SCHÖN! WEIL WIR, WIR SIND! JEDE IST FÜR SICH EINZIGARTIG. Uns gibt es nur in dieser einen Version auf der Welt.

Wenn wir uns nicht mit dem Herzen sehen und uns von Äußerlichkeiten, von Werbeplakaten, anderen Frauen, oberflächlichen oder sexistischen Männern beeindrucken lassen, dann verleugnen wir uns selbst. Das ist doch sehr schade. Denn das verstellt uns den Blick. Wir sehen dann nur das Schlechte, das, was uns genommen wurde, und nicht das Geschenk, welches wir erhalten haben: gewonnene Lebenszeit.

Vielleicht sind wir nicht mehr ganz so perfekt wie vorher. Aber dafür vielleicht besser oder einfach nur anders schön. Gestern habe ich mit einem Floristen über meine Bertha (einen Kaktus, der sehr krumm wächst) gesprochen. Ich wollte, dass sie wieder gerade wird. Er meinte: „Warum? Die Natur hat etwas anderes mit ihr vor. Das ist doch schön. Sie wächst, wie sie will.“ Ja, jetzt, wo ich Bertha mit seinen Augen sehe. Ja, meine Bertha ist etwas ganz Besonderes.