21. April 2011:
Da saß ich nun am Gründonnerstag seit Stunden vor den Osterfeiertagen in der völlig überfüllten Notaufnahme der Uniklinik. Einen bescheuerten Tag hätte ich mir dafür auch nicht aussuchen können. Nach gefühlten 100 Stunden kam ein sehr junger Arzt in unserem Wartebereich und meinte:
Es brennt die Hütte und es würde noch Stunden dauern, bis wir dran kämen. Da dachte ich mir kurzerhand, was soll’s, ich geh, stand mithilfe meines Sitznachbarn auf und wackelte in Richtung Ausgang. Der Arzt sah mir hinterher, pfiff mich laut zurück und sagte bestimmend: Sie kommen sofort mit mir durch!
Von diesem Moment an, ging alles sehr schnell. Ich bekam sofort einen Zugang gelegt. Einen Fragebogen unter die Nase geschoben und wurde auf direktem Weg zum MRT bugsiert. Endstadium MS war der Verdacht des jungen Arztes. Ich wurde über zwei Stunden ins Gerät hineingeschoben, wieder hinausgeschoben, wieder hineingeschoben und wieder hinausgeschoben. Im Hintergrund ging die Tür ständig auf und wieder zu. Andere Ärzte kamen hinzu, einige gingen wieder. Sie diskutierten unentwegt. Die Stimmung im Raum war angespannt. In der Röhre, während meiner dritten Untersuchung habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet:
Lieber Gott, sollte es Dich wirklich geben, dann lass es keine MS sein. So möchte ich nicht sterben. Gott hatte mich zumindest in diesem Punkt erhört.
Danach folgte das große Warten. Ich saß im Flur der Notaufnahme, sah den Patienten, Pflegern und Ärzten zu
und wartete. Ich wartete. Und wartete. Und wartete ….
Dass ich nicht mit einem blauen Auge davon kommen würde, war klar.
Der nette junge Arzt hatte letztendlich die Aufgabe erhalten, mir meine Diagnose mitzuteilen. Es gab keinen angemessenen Raum in der Notaufnahme, um mit mir die Diagnose zu besprechen, wofür er sich mehrfach entschuldigte. (Gibt es so was überhaupt, einen angemessenen Raum, für die Übermittlung beschissener Diagnosen?) Daher saßen wir im Aufenthaltsraum der Ärzte vor einem Computer. Sein Einstiegssatz war, es ist keine MS, das sei schon einmal eine sehr gute Nachricht. ABER! (….) Ist schon komisch, was man über Jahre an Erinnerungen gespeichert hat. Ich kann mich noch an die Schuhe im Schrank hinter mir erinnern und könnte beschreiben, wie sie alle aussahen, welche Farbe sie hatten, wie abgenutzt das eine Paar Schuhe war und wie neu das andere. Ich habe die Frauenschuhe von den Männerschuhen unterscheiden können und stellte mir vor, wie später die Eigentümer der Schuhe hier hineinkommen würden, um ihre Schuhe zu tauschen und in die Feiertage gehen würden.
Aber was der Arzt mir da erklärte, daran kann ich mich Null erinnern. Anhand des Bildes auf dem Computer erklärte mir der Arzt die spezielle Lage meines Tumors am Stammhirn.
Ich sah nur einen Bonsai-Blumenkohl, was völlige Einbildung gewesen sein muss.
Denn mein Tumor wuchs länglich den Halswirbel hinunter. Er meinte zudem, er könnte bei dieser Größe des Tumors fast sicher sagen, dass er gutartig sei, was zumindest eine gute Nachricht sei. Seine Kollegen auf der Neurochirurgie würden mir die Diagnose noch genau erläutern und mit mir besprechen, wie es weitergeht. Ob ich noch Fragen hätte.
Meine einzige Frage, die ich hatte, eigentlich war es eher eine Feststellung, war:
ICH BIN NICHT IRRE?!?!
Eine übergroße Erleichterung brach über mich herein, denn ich war gar nicht irre. Alle hatten sich getäuscht. Dieser blöde Blumenkohl war an allem Schuld. ICH WAR NIE IRRE! Ich fühlte die ganzen Jahre richtig. Ich war richtig.
Nach dem Gespräch saß ich wieder auf dem Flur und wartete. Niemand wusste so recht, wie es jetzt weitergehen sollte. Nur ich wusste ganz genau, dass ich nicht nach Hause gehen werde. Einmal ging ich raus und stand auf einer Wiese im Grünen. Ich rief mit dem Handy eine alte Liebe an und sagte:
Hey, ich habe einen übergroßen Gehirntumor und werden voraussichtlich bald sterben.
Beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten und ging wieder zurück in die Notaufnahme (nett war das wirklich nicht von mir – aber irgendwie nötig). Ich saß wieder im Flur auf einem Stuhl, extra für mich geholt und hatte darüber nachgedacht, wie beschissen es für einen jungen Arzt sein muss, einer Patientin so eine Diagnose zu übermitteln, und fragte mich, ob die das im Studium lernen. Und dann! Ganz plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzeinschlag. Vielleicht war es auch wieder einer meiner neurologischen Ausfälle. Jedenfalls wurde ich in einem separaten Raum auf einer Liege wach. Von diesem Moment an, konnte ich für Stunden nicht mehr aufhören zu heulen. Kein Beruhigungsmittel half.
Gegen 24:00 Uhr, nach 16 Stunden in der Notaufnahme bekam ich ein Bett auf der Neurochirurgie.


