In der Nacht vom 20.09.2009 auf den 21.09.2009 landete ich mit extremen körperlichen Beschwerden in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Bevor ich gegen 2 Uhr in der Früh einen Notarzt rief, wanderte ich bereits über Stunden durch unsere Wohnung und draußen durch die Gegend. Meine Beine krampften und krampften seit Monaten, als wollten sie sich aus meinem Becken schälen. Ich schlief deswegen wenig bis gar nicht und an den 14 Tagen, bevor ich den Notruf rief, fand ich gar keinen Schlaf. Um die Krämpfe in den Beinen zu lindern, stellte ich mich auf Eisakkus, brauste meine Beine mit eiskaltem Wasser ab oder legte mich mit dem ganzen Körper ins eisige Wasser in die Badewanne. Kaum kam ich zum Stillstand, zuckten und krampften die Beine wieder. Und wieder. Als ich mal bei Freunden witzig sein wollte, meinte ich: „Ich laufe und laufe und laufe, wie der VW Käfer damals.“ Kein Lacher. An Pausen war nicht zu denken.
Tagsüber hatte ich meine Beine besser im Griff, jedoch einen so starken Rechtsdrall, dass ich ständig Leute anrempelte. Es gab Tage, da lag ich einfach so – aus heiterem Himmel – auf dem Bürgersteig oder in der Wohnung (heute weiß ich, das waren neurologische Ausfälle). Dreh- und Schwankschwindel gesellten sich abwechselnd hinzu. Und ja, ich war vorher bei vielen Ärzten. Sie fragten: „Haben Sie Kopfschmerzen?“ „Nein!“, antwortete ich. Dummerweise hatte ich während der ganzen Zeit keine Kopfschmerzen. Hätte ich nur ein einziges Mal ja gesagt: „Ja!!!“ Ich habe zwischendurch furchtbare Kopfschmerzen, dann wäre alles anders gelaufen. So jedoch verpassten sie mir aufgrund meiner kuriosen Symptome den Stempel „Psycho“. Mit einem Psychopharmaka-Rezept verließ ich wieder eine weitere Praxis oder mit homöopathischen Kügelchen, wenn ich Alternativen ausprobiert hatte. Kaum saß ich vor einem anderen Arzt, drückte er mir wieder Psychopharmaka in die Hand. „Mitmachen müsste ich schon! Gesund werden wollen auch!“ Wie oft habe ich diese und andere Sätze gehört: „Mitmachen müssen Sie schon“: Egal, was ich machte, erklärte oder beschrieb. Laut all der vielen Ärzte war ich eine Irre. Zudem war mein Mann extrem genervt von mir: „Ich sollte mich mal besser im Griff haben!“
In dieser Nacht gesellten sich zu den krampfenden Beinen mein Kopf und die Arme hinzu. Nichts war mehr ruhig, alles krampfte und bewegte sich. Mein Körper war völlig aus dem Ruder. Ich geriet in Panik und wählte den Notruf. Als der Notarzt eintraf, robbte ich auf allen Vieren zur Tür. Kurz davor lag ich am ganzen Körper zuckend mit starkem Drehschwindel auf dem Boden und fixierte einen Punkt an der Decke, um mich zu beruhigen. Vielleicht bin ich tatsächlich eine Irre, flüsterte ich mir zu. Mein Mann schlief in dieser Nacht, wie in allen davor. Der Notarzt weckte ihn. So fuhren wir beide mit Vorankündigung des Notarztes in die Notaufnahme des Krankenhauses.
Dort wurde ich von zwei Ärzten wie ein Zirkustier begutachtet. Später steckte mir eine Schwester ein Tavor in den Mund und sie verlegten mich auf direktem Weg auf die Akutstation 11 der Psychiatrie. Das war’s. Kein Blutbild. Kein gar nichts. Mein Mann konnte wieder erleichtert zurück ins Bett. Erst im Laufe des nächsten Tages musste er mir Sachen für den Aufenthalt in der Psychiatrie bringen. Vielmehr an der Tür der Station für mich abgeben, denn ich hatte vorerst Kontaktverbot. Ich sah und hörte über 7 Wochen nichts von meinem Mann.
Zwei oder drei Tage später wurde ich auf der Akutstation der Psychiatrie dem Oberarzt vorgestellt, der den weiteren Weg für mich festlegen sollte. Bis dahin gab man mir starke Psychopharmaka.
Eine nicht gerade wenig aggressive und stimmgewaltige Patientin, die sich im Raucherzimmer über die freigiebige Tablettenverteilung in unserer Abteilung ausließ, meinte böse: „Tavor verteilen die hier wie Smarties, Patienten beginnen hier mit dem Rauchen, aber Alkohol zur Beruhigung ist für die Ärzte Sucht! Wie verlogen ist das denn?“
Als ein Pfleger mich in meinem Zimmer abholte und stützend zum Arztzimmer brachte, um mich dort auf dem Sitzplatz vor dem Schreibtisch von Dr. (den Namen darf ich nicht nennen, ansonsten droht mir eine Klage) zu platzieren, begann die neurologische Untersuchung. Zumindest sollte das eine sein. Sie bestand jedoch ausschließlich aus Fragen, die ich, zugedröhnt von den Medikamenten, mechanisch beantwortete. Kurz und ohne dass er auch nur eine physische Untersuchung vornahm, diagnostizierte er eine Persönlichkeitsstörung und verlegte mich auf seine Station 12, auf der gerade ein Bett frei wurde.
Dort verbrachte ich meine nächsten 8 1/2 Wochen.
Es dauerte fast die Hälfte meines Aufenthalts auf dieser Station, bis ich für meine überaus aktive Beinmotorik (die Beine krampften und zuckten unentwegt) einen akzeptablen Umgang damit und die Kraft gefunden hatte, mir zu überlegen: WAS MACH ICH JETZT? Zumal ich ja überhaupt nicht wusste, wohin und was jetzt. Mein Lebensplan lag in Scherben, meine Ehe war zu Ende (darauf ritten die Therapeuten immer sehr gerne herum). Zudem musste ich versuchen, dass der Aufenthalt nicht bekannt wurde, damit ich meiner Selbstständigkeit weiter nachgehen und meine laufenden Projekte abschließen konnte (ich arbeitete in der Psychiatrie einfach heimlich weiter, teilte niemandem mit, wo ich war). Mein Entschluss, aus den Fängen der Psychiatrie zu kommen, also meine persönlich geplante Entlassung aus der Psychiatrie, entpuppte sich als gar nicht leicht.
Ist man erst einmal auf Station, übernehmen andere die Kontrolle über einen. Denn ich war natürlich psychisch äußerst instabil und das wurde mir täglich in den Therapierunden erklärt. Für den Geschmack der Therapeuten hatte ich zu viel eigene Meinung, war Tablettenverweigerin und stellte mich quer bei den Therapien, stellte zu viele Fragen und kritisierte deren Vorgehensweise recht offen.
Etwa in der 4. Woche kam ich auf die Idee, vielleicht könnte man in einem allgemeinen Krankenhaus, in dem ich doch war, meinen körperlichen Beschwerden auf den Grund gehen. Ich sprach bei einer der Ärztesprechstunden, die jeden Freitag nach dem Mittagessen stattfanden, vor. Und fragte nach einer physischen Untersuchung. Bis heute vergesse ich diesen arroganten Blick des Arztes nicht: „Ja, Blut können wir Ihnen abnehmen! Jedoch gibt es dazu aktuell keine Veranlassung. „Wie kommen Sie auf ein Kopf-MRT?“, fragte er missbilligend. Ich antwortete: „Weil meine Symptome auf MS oder Parkinson hinweisen!“ Er sah mich an, als ob ich nun gänzlich den Verstand verloren hätte. Mit einem strafenden Gesichtsausdruck und hochgezogenen Augenbrauen, gepaart mit einem leicht amüsierten bis angeekelten Tonfall, als sei ich fünf und hätte versehentlich den Spinat vom Mittagessen auf seinen Schreibtisch ausgespuckt, antwortete er: „Meinen Sie wirklich, Sie können eine Diagnose stellen und meine Arbeit machen?“
Von diesem Moment an wusste ich: Ich bin denen hier ausgeliefert.
Von dieser Seite kann ich keine Hilfe erwarten. Denn die Ärzte und Therapeuten hatten ihr Urteil über mich gefällt, und wenn ich nicht mitmache, dann geht das hier für mich verdammt böse aus.
Von dem Tag an wurde ich zunehmend einsichtiger, beteiligte mich an den Therapien, erfand meine eigene Persönlichkeitsstörung und inszenierte meine Besserung davon. So nahm ich die Psychopharmaka jeden Abend entgegen und meinte, ich kann es mal versuchen (ich hatte das Glück, dass bei mir noch nicht kontrolliert wurde, ob ich sie auch schluckte, in diesem Stadium der Entmündigung war ich noch nicht angekommen), und warf sie anschließend ins Klo. Ich rollte während der konstruktiven Bewegungstherapie auf dem Bauch liegend über ein Kissen, anderen Patienten Murmeln zu und sprach später in der Runde über meine Empfindungen und neuen Erfahrungen, die ich mir während des Murmelvorgangs ausgedacht hatte. Während der Musiktherapie schnappte ich mir jedes Mal die Rassel. Ich rasselte mitunter, klinkte mich während der gemeinsamen musikalischen Darbietung innerlich aus (denn wir alle hatten gar keine Instrumentenerfahrung oder eine Ausbildung darin) und sprach später darüber, wie viel Halt mir die Rassel gab. In der Morgenrunde sprach ich über meinen vergangenen Schlaf und abends über den bevorstehenden Schlaf. In der Gruppentherapie verhielt ich mich ruhig und in der Einzeltherapie kramte ich Geschichten aus meiner Kindheit hervor. Nachts riss ich mich zusammen und lief nicht mehr über die Flure. Ich ertrug meine Beine. In den wöchentlichen Abschlussgesprächen teilte ich der gesamten Therapeuten- und Ärztemannschaft mit, wie gut mir die Tabletten jetzt täten und wie viel ruhiger ich dadurch geworden sei und welche Fortschritte ich durch die Therapien machte.
Zudem zitierte ich meinen Mann zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arzt, damit er aussagte, dass wir beide es noch einmal miteinander versuchen werden, also ich eine Zukunft in der Außenwelt haben werde. Mein schwarzer Humor ließ mich die vielen Krisen und Verzweiflungsanfälle überstehen. Ich war damals (bin es heute noch) fassungslos, dass es wirklich funktionierte. Ich wurde Mitte November mit den Worten entlassen, dass ich gute Fortschritte gemacht hätte und auf einem guten Weg wäre.
An dem Tag, als ich die Psychiatrie verließ, verkündete mir mein Mann per Telefon, dass er eine neue Liebe hat und nun erstmal bei ihr leben würde. Unsere Ehe sei aus. Wir ließen uns scheiden. 1 1/2 Jahre später erhielt ich den Scheidungsbeschluss auf der Intensivstation.
Und weil ich es nicht oft genug sagen kann, da so etwas einfach nicht passieren darf: Ich wurde, obwohl ich 8 1/2 Wochen in einem allgemeinen Krankenhaus (Abteilung: Psychiatrie) war, physisch zu keinem Zeitpunkt untersucht. Meine Bitte, das nachzuholen, wurde abgewiesen. Mir wurde eine vollkommen unnötige Therapie aufgezwungen, und damit ich überhaupt wieder entlassen werden konnte, machte ich nach vier Wochen scheinbar mit. Was die Ärzte (Psychiater) und Therapeuten nicht merkten, sondern mich noch ermunterten, so weiterzumachen: Ich sei auf einem guten Weg! Hätte ich diesen Ärzten vertraut, dann wäre ich heute tot. Ich wäre als PSYCHO gestorben. Vielleicht wäre man eines Tages doch noch auf die Idee eines MRTs gekommen. Vielleicht? Aber ich denke eher nicht, so wie man auf dieser Station mit Psychopharmaka vollgestopft wurde, hätte man weiterhin alle meine physischen Symptome auf meine Psyche oder auf die Medikamente geschoben.
Auch wenn ich gesagt hätte, ich nehme diese Pillen gar nicht, wer hätte mir denn geglaubt? Wer hätte auf meine Bitte hin und für den Beweis dafür, einen Bluttest gemacht? Wer schießt sich denn selbst ins Knie?
Im Herbst 2013 musste ich zum Jobcenter und Hartz IV anmelden. Durch die jahrelangen Fehleinschätzungen so vieler Ärzte und die dadurch verspäteten Kopf-Ops im Jahr 2011 waren meine Aufträge weg, meine Ehe beendet, meine mentalen und körperlichen Kräfte nicht mehr vorhanden, um mein neues Leben in Düsseldorf aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Mein persönliches und berufliches Leben hatte ich 2010 in Hamburg gelassen. Meine Rücklagen waren verbraucht. Meine kleinen Projekte deckten meine Kosten nicht. 2011, im Jahr der Diagnose „Meningenom am Stammhirn“wurde der Oberarzt (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), der mich auf seiner Station für 8 1/2 Wochen aufgenommen hatte, mir eine physische Untersuchung verweigerte und eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, Chefarzt der Psychiatrie.
Als ich 2013 bis 2014 versuchte, gegen die Behandlung in der Psychiatrie rechtlich vorzugehen, bekam ich kein Recht. Die Gegenseite zerpflückte alles in Einzelteile und setzte darauf, wie irre ich doch war. Die fehlende physische Untersuchung wurde schlichtweg und permanent ignoriert. Diese Anwälte der Versicherungen der Krankenhäuser und Ärzte sitzen das einfach aus, bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen. Zudem fehlte mir der emotionale Abstand, um besser mit den Argumenten der Gegenseite umgehen zu können. Ich streckte eines Tages die Flügel.
Wenn mein innerer Schutzengel, mit seinen vielen tollen und unermüdlichen Gefährten – Trotz, Sturheit, Willenskraft, Intelligenz, Widerspruch, Skepsis, Misstrauen und Mut – mir nicht zur Seite gestanden hätte, wäre ich als Irre gestorben. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Wahrheit herauszufinden. Niemand hatte mir bis 2011, bis zur Diagnose, geglaubt. Die Liste dieser Ärzte, Heilpraktiker, Heiler, Osteopathen und Alternativmedizinern aller Art ist sehr lang. Mein Ex-Mann, meine Freunde und meine Familie glaubten mir ohnehin nicht.
Ich hatte PSYCHO fett auf der Stirn stehen.
Es war natürlich für alle auch so unglaublich einfach: Reiß Dich mal zusammen. Du immer! Du hast doch immer was! Man muss auch wollen! Nimm endlich die Tabletten! Sicherlich waren Familie und Freunde nach der Diagnose „Gehirntumor am Stammhirn“ etwas verhalten, aber dann schoss man sich darauf ein:
Woher hätten wir das denn wissen sollen? Die Ärzte haben Mist gebaut!
Aber auch wenn jemand Psycho ist, ist er doch immer noch ein Mensch, dem man respektvoll und menschlich begegnen kann. Hinter jedem Psycho steckt ein Mensch. Wenn er könnte, würde er ganz bestimmt anders sein. Wenn er könnte!
Ich bekam im Jahr 2011 drei Entschuldigungen von drei Menschen, die alles richtig gemacht haben. Und das bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Denn kein Geld der Welt kann die eigene innere Welt und die eigene Würde nach so einem Drama wieder heil machen, aber ein ehrliches >Tut mir ehrlich leid< oder eine aufrichtige Entschuldigung können das. Denn dann weiß man, dass man richtig ist, und spürt, der andere kann das große Leid sehen, das einem widerfahren ist. Er nimmt Anteil an diesem Leid.
In der Uniklinik Düsseldorf wurde ich wegen meiner körperlichen Beschwerden (in der Notaufnahme) auf Endstadium MS untersucht. Als der junge Arzt mir die Diagnose „Gehirntumor“ (der Tumor am Stammhirn war gutartig und saß dort schon fast 12 Jahre, so deren Einschätzung) mitteilte, fragte er mich: „Niemand hat bei Ihnen ein MRT in Erwägung gezogen, bei Ihren Symptomen? Ich verneinte. Er holte tief Luft, ließ sie langsam raus und sagte:
„Ich möchte mich in aller Form für meine Kollegen bei Ihnen entschuldigen.“
Das Gleiche haben meine beiden Operateure auf der Neurochirurgie gemacht. Sie entschuldigten sich für ihre Kollegen bei mir.
Dr. Chaddeh hatte es mit seinen Worten, bei unserer ersten Begegnung auf den Punkt gebracht. Er meinte damals, als er mich nach nicht einmal 10 Minuten auf direktem Weg mit einem Taxi in die Notaufnahme der Uniklinik schicken wollte, auf meinen Ausruf „Wieso das denn jetzt? Ich bin eine Irre!
„Frau Bach, man kann Läuse und Flöhe gleichzeitig haben, aber ich bin mir sicher. Sie haben nur Flöhe!“

