Das was bleibt.

Der Flug von Pisa nach Düsseldorf.

Der Flughafen Pisa gehört zu meinen Lieblingen unter den Flughäfen. Überschaubar und sehr italienisch. Ich verbinde sehr viele schöne Ankünfte damit. Abgeflogen bin ich dort selten. Bei meinem letzten Rückflug Anfang April 2024 nach Düsseldorf lief es ziemlich holprig. Ein schöner Gedanke ploppte auf:  

Möglicherweise möchte Italien mich noch ein wenig bei sich haben. Und liebt mich genauso, wie ich Italien.“

Zuerst hatten wir einen Streik der Busfahrer, die uns zum Flugzeug fahren sollten. Wir saßen vor dem Check-in fest. Als wir endlich an Bord waren und den Flug nach Düsseldorf antreten konnten, zog ein Sturmtief heran. Infolgedessen waren wir Fluggäste, da wir uns ja bereits an Bord des Flugzeugs befanden, gezwungen, weitere zwei Stunden auf dem Rollfeld im Flugzeug zu verharren. Wir saßen alle schon für den Abflug bereit auf unseren Plätzen und warteten nur noch auf die Starterlaubnis, bevor uns der Pilot die Wetterwarnung mitteilte. Ach ja, die Toiletten sollten wir, bis wir in der Luft waren, bitte nicht benutzen. So, vor mich hin grübelnd, überkam mich unerwartet eine bleierne Müdigkeit. Das damit eintretende Einsamkeitsgefühl schob mich ein ganzes Stück tiefer in den Flugzeugsitz hinein. Ich ließ meinen Kopf gegen das Fenster fallen und dachte in die bedrückende Stille hinein:

 

Niemand, absolut niemand weiß, dass ich hier in diesem Flugzeug sitze.“

 

>   Zwei Wochen zuvor war ich in Carrara gewesen, um meinen Exmann und Steinbildhauer zu besuchen. Das bezaubernde und alteingesessene Bildhaueratelier, in dem er vorübergehend arbeitete, liegt in Marina di Carrara, einer kleinen Stadt am Meer in der Toskana.

  

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er alle paar Jahre direkt vor Ort an seinen Marmorskulpturen. Ich liebte diesen Ort während unserer gemeinsamen schönen Zeit.

„Du gehörst hierhin, wie der Marmor. Du bist Italien!“, scherzte er früher oft. 

Mit diesem Besuch wollte ich die Vergangenheit loslassen und an Orten wie Marina di Carrara, Marina di Massa, Lucca und Pietrasanta neue Erinnerungen schaffen. Ich mochte die Vergangenheit, hatte daher Angst, dass der Besuch meine schönen Erinnerungen daran verändern könnte. Trotzdem entschied ich mich dafür. All meine Vorbehalte waren vollkommen unbegründet. Denn diese wunderbaren Orte übten auf mich denselben Zauber wie in der Vergangenheit aus. Und hatten nichts mit meinem Exmann zu tun. Da gab es für mich keinerlei Verbindung.  Ja, ich war Italien. Es war eine nostalgische, wehmütige, aber auch wunderschöne Zeitreise.
Klar war mir auch, dass es Probleme zwischen meinem Exmann und mir geben würde. Tatsächlich hat es nach ein paar Tagen zwischen uns ziemlich lautstark gescheppert. Am selben Abend des Streits beschloss ich spontan, meine Pläne zu ändern. So bin ich direkt am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Florenz gereist. Über meine neuen Pläne hatte ich allerdings keinen meiner Freunde informiert. Wollte mir kein „Habe ich doch gesagt“ anhören.  <<

Weil noch keine Hauptreisezeit war, befanden sich nur sehr wenige Leute im Flugzeug. Ich hatte eine komplette Sitzreihe für mich allein. Und schließlich konnten wir starten. Nach Erreichen der Reiseflughöhe informierte uns der Pilot ein weiteres Mal, diesmal darüber, dass wir eine besondere Luftströmung passieren würden. Wir sollten keine Angst bekommen, wenn wir aus dem Fenster schauen. Es sei jedoch mit starken Turbulenzen zu rechnen, weshalb das Anlegen der Sicherheitsgurte während der gesamten Flugdauer erforderlich sei. Natürlich schaute ich nach so einer Ansage aus dem Fenster. Wir flogen durch eine Art hellen Lichttunnel. Über uns war es pechschwarz und unter uns auch. Die Nacht konnte noch nicht eingesetzt haben, da es erst 17:00 Uhr war. Normalerweise faszinierten mich solche Wetterphänomene. Einmal flog ich an einem Gewitter ganz nahe vorbei. Im Flugzeug hat es ziemlich gerappelt, aber wer sieht so was schon mal aus dieser Perspektive? An jenem Tag jedoch empfand ich das außergewöhnliche Wetterphänome lediglich als deprimierend. Ich dachte: Wenn wir nun abstürzen, wäre das meine letzte Aussicht. Und wenn die Airline zur Trauerfeier am Absturzort einlädt, wer würde dort um mich trauern? Ich hatte nicht mal einen Notfallkontakt in meinem Handy. Aber so ein Handy geht bei einem Absturz aus 10 Kilometer Höhe ohnehin verloren und ich mit diesem Ding gleich mit.

Von mir bliebe nur ein Name auf der Passagierliste.

Klar sind wir heil gelandet. Wir hatten nicht einmal Turbulenzen, flogen ruhig durch diesen Lichttunnel. Dennoch blieb ich sensibilisiert für dieses Thema. 

Einige Tage später ging ich einkaufen und kam an einem Altbau vorbei, von dem ich wusste, dass im Erdgeschoss eine sehr betagte Dame lebte. Oft grüßten wir uns. Dieses Mal befanden sich vor dem Haus zwei Container. Sowohl die Fenster im Erdgeschoss, in dem die alte Dame wohnte,  als auch die Haustür standen weit offen. Teenager reichten Pflanzen, Kartons und andere Dinge aus dem Fenster oder brachten sie direkt zu den Containern. Als ich zurückkam, standen sie auf den beiden überfüllten Containern und hüpften darauf herum, um Platz zu schaffen. Am nächsten Tag schien die Wohnung leer zu sein. Um die beiden Container herum standen viele Menschen, die alles Mögliche daraus zogen, begutachteten, wieder hereinwarfen oder mitnahmen. Für mich fühlte es sich wie Leichenfledderei an. Ich fand das gesamte Prozedere furchtbar.

Ist es das, was bleibt, wenn man stirbt? Ein ganzes Leben in zwei Containern für den Müll.

Im Herbst desselben Jahres stand die 60 vor meiner Tür.  Vielleicht war es das, warum ich darauf so heftig reagiert hatte.

Über Wochen räumte ich mein Zuhause auf und um, warf selbst weg. Für Gegenstände, an denen ich hing, veranstaltete ich eine Testamentsparty. Denn ich wollte ein gutes Zuhause für sie finden.

Sollte ich überraschend sterben, benötigt man nicht mal einen Container für meinen Hausrat.

Ich habe außerdem dafür gesorgt, dass bei einem Absturz meines Flugzeugs zumindest eine Person zur Trauerfeier eingeladen wird. Diese Person weiß, in welchem Flugzeug ich sitze. Zudem habe ich für alle Fälle einen Notfallkontakt in meinem Handy. Testament und Patientenverfügung wurden erneuert.

Was bliebt von mir? Keine Ahnung. Jedoch nicht viel. Ich habe keine Kinder und keinen Kontakt zu meiner Familie. Freunde habe ich aufs Minimum reduziert. Ich werde rasch in Vergessenheit geraten. Aber mal ehrlich: Was soll’s?

Schaue ich in den klaren Nachthimmel, wird mir unsere Bedeutungslosigkeit klar.
Unsere Erde ist nur ein winzig kleines Staubkorn im Universum.