Liebeskomödien enden mit einem Happy End:
In der Serie Sex And The City bekam Carrie Bradshaw zum Schluss der Serie endlich ihren Mr. Big, der dann 25 Jahre später in der neuen Staffel gleich in der 1. Episode verstarb.
Meine Geschichte nahm einfach kein Ende. Ich stecke in einem nicht endend wollenden Drama fest. Ich blieb in der Hölle und nahm gleich den Aufzug weiter nach unten.
Okay, ich befand mich auch in keiner Liebeskomödie (der Vergleich hinkt völlig), obwohl der Beginn meiner Geschichte vielleicht danach aussah:
Sie kämpfe um ihr Leben, um danach in die Arme ihres Liebsten geschlossen zu werden
oder so ähnlich kitschig. Es gab halt keinen Liebsten, denn der verlebte zu dieser Zeit die glücklichste Zeit seines Lebens mit einer anderen ohne mich, wie er es mir später auch noch aufs Brot schmieren musste.
Der Kreuz 8 hatte ich die Stirn geboten. Der Fluch war vorbei. Das hoffte ich zumindest und unglaublich gerne hätte ich ihn einfach ein ein oder zwei Personen, so wie im Staffellauf, weitergereicht.
Jetzt konnte laut Wahrsagerin das schöne 2002 von ihr vorausgesagte Leben beginnen.
Schade, der Film wäre einfach zu schön gewesen. In der realen Welt war ich zwar Kurt, meinen Bonsai-Blumenkohl-Tumor (den ich blöderweise zwischen den beiden OP’s auch noch lieb gewonnen hatte) los. Mein Hirn suchte ständig nach Kurt > das sei normal, meinte der Arzt< und vor lauter Sehnsucht, kippte auch noch mein Stammhirn leicht nach links in die Lücke, wo der größte Teil von Kurt vorher saß), aber ich schlich weiter wenig munter in der Hölle herum. Der Unterschied zu vorher war, dass ich mehr körperliche sichtbare Einschränkungen als vorher hatte, obwohl das eigentlich unmöglich war. Und es gab keine Hoffnung auf Besserung. Ich lebte, so der Arzt. Das sei Wunder genug. Und das war ein Wunder!
Für mich ein unverhofftes saublödes Wunder.
Wie eine gewonnene Kreuzfahrt, die man nicht weiter verschenken darf. Bei meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn einfach nur toll. Mir hatte man etwas geschenkt, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ein Leben!
Kaum war ich zu Hause (ich hatte eine Reha nach meiner zweiten OP ausgeschlagen), passierte natürlich rein gar nichts. Ich hatten und fand keinen Platz mehr in dieser Welt, nicht beruflich, nicht privat und gesundheitlich hatte ich gerade erst so halbwegs eine Katastrophe überlebt. Immer noch war ich aus meinem Leben gefallen. Die Probleme haben sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Dafür löste sich der kläglicher Rest meines Freundeskreises zunehmend in Wohlgefallen auf. Alle um mich herum waren mit ihrem vorhandenen Leben beschäftigt und ich mit meinen körperlichen, seelischen und existentiellen Problemen schlichtweg lästig. Von einem annähernd normalen Leben war ich Lichtjahre entfernt und somit auch von meinem Umfeld. Wir lebten in Parallel-Universen, die verschiedener hätten nicht sein können.
Es wäre jetzt schon gemein zu sagen, ich erntete in den Jahren ausschließlich Desinteresse. Der Egoismus boomt! Nein, das war nicht so. Damals noch Fremde haben mit mir Kontakt gehalten und geholfen. Menschen, die mich vorher gar nicht kannten. Als ich vor dem existentiellen Ruin stand, meine Bank mir mein Girokonto kündigte und ich nicht wußte, wie ich die Miete zahlen soll, hatten sie mir Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt. Es gab auch eine sehr überschaubare Anzahl von den alten Freunden, die mich all die Jahre ausgehalten und ertragen, mich einfach nicht aufgegeben haben. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.
Aber was hatte ich denn erwartet?
Nichts haut einen mehr um, als falsche Erwartungen.
Ein Feuerwerk? Ja, echt jetzt! Wenn schon nicht tot, dann wenigsten ein Fest mit Feuerwerk.
So was in der Art hatte ich wirklich erwartet! Und ich hätte es verdient. Blöderweise sah nur ich das so. Ich hatte absolut keinen Plan, wie es weitergehen sollte.
Die Jahre (2012 bis 2018) nach der OP waren daher ein Sammelsurium von Tagen, mit dem immer gleichen Frage- und Antwortspiel: Wie schaffe ich es heute? Irgendwie! Und wenn nicht, Du hast 50 kleine weiße Pillen und drei Brücken zur Auswahl! Ich kam einfach nicht mehr hoch. Hatte ich eine Baustelle ein wenig unter Kontrolle, tat sich eine andere auf. Jahr für Jahr! Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.
Ich war über all die Jahre ein Gänseblümchen auf einem riesengroßen Hundehaufen, was mit aller Kraft versuchte, den Kopf nicht hängenzulassen, um in der Scheiße zu ersticken.
