Italien, meine Leichtigkeit.

Meine Liebe zu Italien ist seit Jahrzehnten eine Herzens-Liebe.  Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung als Rahmenbauer und Vergolder in einem alteingesessenen Kunsthaus mit eigener Vergolder-Werkstatt begonnen. Der Plan war, nach der Ausbildung als Restauratorin und Vergolderin nach Italien zu gehen. Nach 1 1/2 Jahren musste ich die Ausbildung abbrechen, weil ich auf all die gesundheitsschädlichen Farben und Mittel, die in der Werkstatt offen herumstanden, allergisch reagierte. Gleichzeitig flog mir mein ganzes Leben um die Ohren.
Was übrig blieb, war die Liebe zu Italien, zu alten Schinken (also zu alten Gemälden mit pompösen Rahmen), zu dicken Putten und Engelsbildern. Bis heute liebe ich Kitsch, Blattgold und hauptsächlich Schlagmetall, womit ich über viele Jahre alles Mögliche, am liebsten banale Alltagsgegenstände  (z. B. einen Toilettendeckel für mein Froschklo), vergoldet habe.

Anfang der 90er hatte ich das große Glück, mit einem Kunststudenten, der in Florenz Malerei studierte, für eine längere Zeit dort zu sein und Florenz gelebt und erlebt zuhaben. Diese Zeit war unbeschreibbar leicht und unbeschwert. Wir haben nächtelang bei Wein, Brot und Oliven und natürlich Zigaretten (es waren schließlich die 90er) über die Bedeutung der Bildenden Kunst diskutiert, sind zu dritt oder viert auf einem Mofa  gefahren oder haben wichtigen Blödsinn gemacht. Es gab keine Gedanken an Unfälle, Krankheit oder an die Zukunft. Es gab nur das Jetzt. Daher war es für mich auch vollkommen selbstverständlich, täglich meine Zeit an der „Fontana del  Porcellino neben der Loggia del Mercato Nuovo zu verschwenden. Jeden Tag rieb ich dem Ferkel gründlich die blank geputzte Schnauze, legte eine Münze dahinein und hoffte inständig, dass die Münze hinunterfällt und mit dem Wasser wegfließt, damit mir Glück und Geld beschert wird. Das klappte allerdings nur mit den großen Münzen.
Meine Interessen galten auch nicht den langen Touristenschlangen (sich darin einreihen, fanden wir damals wirklich schnöde und profan) vor den Uffizien. Und ob ich den David nun in Original sah oder als Bronzeskulptur, war gänzlich unerheblich. Denn ich kannte schließlich alle wichtigen Törtchen- und Kuchenläden der Stadt, die wenigen Cafés, die Bei & Nannini Kaffee führten, und schloss mit allen möglichen Italienerinnen und Italienern Freundschaft, obwohl ich bis heute kein Wort Italienisch spreche. Sehr gerne widmete ich meine Zeit dem Hofzwerg Braccio di Bartolo der Medicis.

Wir dachten damals, wenn wir eins im Überfluss haben,
dann war es Zeit …

 

… und dementsprechend gingen wir damit  frei, unbeschwert und verschwenderisch um. Später, während meiner Ehe, war ich mit meinem Mann oft im Umkreis von Carrara unterwegs. Als Bildhauer arbeitete er in den Marmorwerkstätten, in denen Bildhauer aus der ganzen Welt ihre Skulpturen kreierten, und fertigte dort seine Marmorskulpturen an. Einmal saßen wir in Siena in einer völlig überteuerten Touristenpizzeria, aßen schlechte, matschige Pizza und tranken warmen Wein dazu. Dabei wurden wir von einem unglaublichen, filmreifen Mond, der neben dem Torre del Mangia aufging, beschenkt, auf den wir einen direkten Blick hatten. Unbezahlbar!

Auch liebte ich meine Zeit in der Café-Bar „La Perla“ in Marina di Massa. Ich saß dort stundenlang, trank Bei & Nannini Cappuccino, aß Törtchen, las Zeitung, quatschte gelegentlich mit wem auch immer. Zeitgleich schaute ich dem Barbesitzer zu, wie er nach jedem gemachten Cappuccino voller Stolz mit einem extra weichen Handtuch seine Theke polierte.

Während meiner Chemo habe ich mich oft auf meinem Hinterhof-Balkon, der viel Ähnlichkeit mit einem italienischen Hinterhof-Balkon hat, nach Florenz, Pisa, Siena, Carrara, Lucca, San Gimignano, Marina di Massa, Pietrasanta, Viareggio … gebeamt. Dadurch konnte ich viele Kleinigkeiten des Glücks und der Leichtigkeit in Gedanken wiederbeleben und ‑erleben. Sie leben seit Jahren in mir weiter. Ich habe während der Chemo erkannt, welches große Glück ich hatte, dass ich all das erleben durfte und nun diese schönen Erinnerungen als Rettungsanker verwenden konnte. Wenn ich die Augen auf meinem Balkon schloss, war ich dort. Wenn ich in meinem italienischen Café in meinem Viertel saß, war ich dort. Auch wenn es nur für kurze Momente möglich war, aber ich war da! In Italien.

Daher lag der Gedanke sehr nahe, dass ich, sollte ich die Therapie schaffen, all diese Orte besuchen werde.  Jedoch, je näher die Zeit rückte, desto weniger Lust verspürte ich dazu. Es fühlte sich wie aufgewärmter Kaffee an. Die Zeiten, die ich dort erlebt hatte, können nicht neu erzwungen werden, denn so etwas passiert, so wie sich verlieben, passiert. Je mehr man es sich wünscht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es um die Ecke kommt. Ich bekam Angst, dass sich auf dieser Reise eine Leere breitmachen könnte und all die schönen Erinnerungen mit in den Abgrund reißt. Also habe ich es für dieses Jahr abgehakt. Die Welt ist groß und schön, aber Italien sollte es schon sein. Sardinien ist es geworden. Ein neues Ziel ohne Vergangenheit. So neu wie mein Leben jetzt.

 

Ich war da! Und glücklich.

März 2024: Ich habe meinen Exmann in Carrara besucht, der dort drei Skulpturen kreierte, und dort endlich mein heiß geliebtes Atelier mit all den Modellen der vielen Skulpturen fotografieren können. Ganz klar: Ich war im La Perla!
Mehr oder weniger war alles anders, aber trotzdem einfach nur wunderschön. Ich war, obwohl mich mein Exmann nervte, glücklich an all den Orten: Pisa, Carrara, Lucca,  Marina di Massa und  Pietrasanta. Sie haben ihren Zauber nicht verloren. Zum Schluss habe ich noch in Florenz vorbeigeschaut und gleich mein kleines Ferkel besucht und dieses Mal auch den David. Für ihn habe ich mich im strömenden Regen in eine Touristenschlange gestellt: unbeschreiblich!