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Mein Scheiß-Bonsai-Blumenkohl.

Vor der OP saß ich oft auf dem wunderschönen großen Balkon in dem alten Jugendstilgebäude, der die Patientenzimmer der Neurochirurgie miteinander verband. Wir hatten für Ende April milde Frühlingstage und die meisten Patienten saßen am Tag draußen. Ich stellte mir immer wieder vor, hinter den Bäumen, auf die wir schauten, ist das Meer.

Vielleicht noch ein einziges Mal ans Meer, die Wellen an den Füßen spüren oder Italien leben.

Afrika. Ja, Afrika wollte ich in diesem Leben sehen. 

Aber ansonsten war ich mit  meinem Leben rund. Ich war 47 Jahre alt und konnte mich von dieser Welt ohne Groll verabschieden. Mir fiel der Roman von Peggy Guggenheim  „Ich habe alles gelebt“ ein. Natürlich hatte ich nicht so ein buntes und abwechslungsreiches Leben wie sie, aber ich habe mich wie sie nie von anderen abhalten lassen und habe mein Leben gelebt, so wie ich es für richtig hielt.

Dachte ich an meinen Bonsai-Blumenkohl im Kopf, kam mir der beginnende Satz „Ich hatte eine Farm in Afrika“  aus Jenseits von Afrika in den Sinn. Für mein Leben übersetzt (ein wenig platt, ich weiß): Ich hatte einen Tumor in meinem Kopf. Leider wäre mein Film nicht so romantisch verlaufen und ein Robert Redford würde bei mir auch nicht vorbeischauen.  Allerdings konnte ich  hier in der Klinik eine echt gute Alternative zu Dr. Derek Shepherd aus Grey’s Anatomy vorweisen.

Obwohl Osterfeiertage waren und die meisten Ärzte in Urlaub, musste schnell eine Entscheidung her. Und wieder ein sehr junger Arzt (bestimmt die Ostern-Notbesetzung) erläuterte mir über eine Stunde meine brenzlige Situation, zeigte mir auf den Bildern, den von mir eingebildeten Bonsai-Blumenkohl (ich sah immer noch diesen Blumenkohl und nicht meinen realen Tumor) und sagte: „Es ist wirklich ein Wunder, dass Sie überhaupt hier sitzen. Die Größe Ihres Tumors findet man bestenfalls in der Pathologie. Vielleicht noch zwei oder drei Monate oder ein halbes Jahr, wenn Sie sich gegen eine OP entscheiden. Sie werden letztlich ersticken. Ich denke, da kam noch etwas an Erklärung vorher. Aber ich habe innerlich dichtgemacht und es einfach verdrängt.
Sollten Sie keine OP wollen, schicke ich Ihnen nach Ostern den Sozialdienst vorbei und wir finden ein schönes Pflegeheim oder Hospiz für Sie.

Mit einer OP haben Sie eine Überlebenschance von 20 %. Dass Sie die OP ohne schwere Behinderungen überstehen, liegt bei ca. 10 %, so der junge Arzt weiter.  Das Gespräch war sachlich, menschlich, mitfühlend, unsicher, was es für mich nicht leichter machte. Dadurch wurde es real.

Er meinte es wirklich sehr ernst. Das war hier keine Psycho-Nummer, wie in der Vergangenheit.

Ich brauchte keine Bedenkzeit für eine Entscheidung. Für mich war sofort klar, dass ich die Abkürzung nehmen werde. 3 Monate, niemals! Ich stimmte der OP ohne ein Zögern zu.

Nach diesem Gespräch – was hatte ich erwartet? Hey Sorry, Sie sind doch ein Psycho? – saß ich  vollkommen losgelöst und entspannt auf dem Balkon der Klinik. Um mich herum die laue Luft und der vielversprechende Frühlingsanfang. Ich schaute stundenlang auf die Bäume. Sie wiegten sich im Wind, trugen zarte Knospen, und ich dachte dabei: Wie schön kann die Welt, das Leben doch sein. Es war ein wunderbarer Zustand, den ich seit Jahren nicht gehabt hatte.

Aber die Wut brodelte weiter in mir. Urplötzlich explodierte der innere Vulkan und  Schwalle von Lava-Wut quollen aus mir heraus. Mental brach ich völlig auseinander, saß zusammengesunken auf meinem Stuhl. Pfleger kamen, sprachen mich an, setzten sich neben mich, spendeten Trost und gaben mir Tavor. Ich war so unfassbar wütend auf mein Leben, auf die  arroganten und wissenden Ärzte (9 Neurologen, 7 praktische Ärzte, 3 Orthopäden) sowie auf die vollkommen überteuerten und überschätzten „Sie-müssen-schon-mitmachen-wenn-ich-Ihnen-helfen-soll-Alternativ-Idioten“  (3 Heilpraktiker, 5 Homöopathen,  2 Heiler, Jin-Shin-Jyutsu-Anbieter und was ich sonst noch alles ausprobiert habe) im Vorfeld, auf alle, die mich abgestempelt und damit verraten und im Stich gelassen hatten. Aus mir etwas gemacht haben, was ich gar nicht war: eine Vollidiotin.

In Gedanken brüllte ich sie alle an, schlug auf sie ein und trat sie. Das Lied „Mitten in die Fresse rein“ von den Ärzten hörte ich, rauf und runter. Es half nichts.
Zu der Wut gesellte sich tiefste Verzweiflung. Ich hätte alles dafür gegeben, wenn ich in diesem Moment einfach gestorben wäre. Schluss, aus, tot!

Die Wut wurde in den nächsten Monaten meine größte Verbündete. Sie war stärker als die Verzweiflung und mein ICH WILL NICHT MEHR! Aber ich musste damit irgendwohin.

Ich sprach mittlerweile nur noch in der Scheißsprache. Alles fing mit Scheiß an:
Scheißessen, Scheißgang, Scheißleben, ohnehin alles Scheiße. Wohin nur mit dieser Wut? Er, der Scheißtumor, hat mir all das in den vergangenen Jahren eingebrockt. Und auf ihn war ich wirklich wütend. Nur wie schreit man mutierte Zellen an? Oder tritt sie?

Ich vermenschlichte meinen Scheiß-Bonsai-Blumenkohl, gab ihm den Scheißnamen Kurt. 

Stellte mir vor, dieses Geschöpf sitzt gemütlich an meiner Leitstelle und macht mir das Leben zur Hölle. Er würde sterben, das stand außer Frage, denn er war eine reine Scheiß-Selbstvernichtungsmaschine. Mein langjähriger schmarotzender und sich breitmachender Untermieter Kurt würde mich mit in den Abgrund ziehen. Das war klar. Aber wir mussten ja noch ein paar Tage bis zur OP miteinander aushalten.

Kurt, der blöde Arsch, und ich. 

Ich nahm mir vor, dass ich es ihm nicht leicht machen würde, diesem Scheiß-Arsch. Hatte ich Angst? Ja, ich hatte eine Scheißangst.

 

TADAAA – Das Glück ist da!

Bereits nach meinen beiden Gehirntumor-OPs hatte ich mit dem

Phänomen ‚Glücklichsein müssen‘ 

zu  kämpfen. Vorher hatte mich nie jemand dazu gedrängt.
Und nun? Unaufgefordert wurde mir mitgeteilt, wie glücklich ich doch sein muss. Schließlich hatte ich zwei lebensbedrohliche OPs überlebt. Mir ist ein Dr. Chhadeh begegnet, der den Tumor nach über 10 Jahren entdeckte! Meinen Mann war ich endlich los, was für ein Glück! Hamburg und die damit verbundene Lebensplanung – ade, Hauptgewinn! Die Chemo hatte ich gut hinbekommen, so was passierte ausschließlich mir! Und überhaupt hatte ich das Glück nur so gepachtet.

Leute, das sind Schläge mitten ins Gesicht, und das mit der flachen Hand. 

Was hat ein ca. 10 bis 11 Jahre lang gewachsener Gehirntumor mit Glück zu tun? Was hat das Versagen von fast 20 Ärzten in 10 Jahren mit Glück zu tun? Auch das Scheitern einer schlechten Ehe tut weh. Und überhaupt, seit wann macht Chemo, die gegen Krebszellen eingesetzt wird, glücklich?

Was richtig ist: Ich bin zäh und habe einen unschlagbar großen Willen, und ja, ich bin dickköpfig, stur und verbohrt. Alles wunderbare Eigenschaften, die mich durch diese Zeit gebracht haben, und das war ein wirkliches Glück für mich. Auch in der dicksten Scheiße konnte ich geradeaus denken und mich immer wieder auf mich selbst verlassen. Laut der anderen war ich undankbar. Immer hatte ich was, nörgelte herum, war die meiste Zeit schlecht gelaunt und überhaupt war ich viel zu oft ungenießbar.
Es war nicht meine beste Zeit (das stimmt wohl, ich war auch ein Stimmungskiller, Spaßfaktor ging bei mir gegen null), und es war bestimmt für meine Mitmenschen nicht wirklich einfach, mit mir klarzukommen. Aber was wussten sie schon? All ihre Weisheiten, Ratschläge und Kommentare kamen nur aus einer Beobachter-Haltung heraus! Wurde mein Leben zu unangenehm, wurde mir erzählt, was sie Wichtiges zu tun hatten. Die Masche (ich kenne sie in allen erdenklichen Anwendungen) mit der Uhrzeit (WICHTIG-ALARM) hatten alle drauf. Plötzlich kam dieses hektische „Ach, hast Du die Uhrzeit? Schon so!! Spät? Ich muss los, hatte die Zeit völlig vergessen. Das ist gewiss wichtig. Sorry, melde mich! Na, dann! Geh mal Deinen Bären töten, dachte ich oft dabei. Meine Freunde waren so unfassbar wichtig. Manchmal fragte ich sie, ob gerade eine Not-OP am Herzen anstehe, eine Sturzgeburt oder der Einsatz für Ärzte ohne Grenzen (keiner dieser alten Freunde ist Arzt). In der Regel ging es um einen Kinobesuch (wenn überhaupt), eine andere Freizeitgeschichte oder was auch immer Belangloses. Wenn sie ehrlich gewesen wären, hätten sie gesagt: Ich habe gerade überhaupt keinen Bock auf diesen Mist von Dir, melde Dich, wenn Du wieder okay bist. Ich sah sie nur an, rechtfertigte mich nicht mehr, wurde sprachlos gegenüber dem ganzen Glücklichsein und trennte mich von diesen Freundschaften.

Real war ich letzte Woche wirklich glücklich! Selbst gemerkt hatte ich es allerdings nicht. Ich wurde darauf auf meinem Nachhauseweg angesprochen, als ich an meinem italienischen Café vorbeiging. Der Kellner kam auf mich zu und meinte fröhlich: „Du siehst heute eindeutig glücklich aus. Was ist passiert? Hat er einen Namen? Ich sagte: Nö! Du weißt doch, Kerle verursachen nur Ärger! Wirklich schön, Dich so zu sehen! Er nahm mich noch kurz in den Arm (an diesem Tag musste mich alle, die ich traf, in den Arm nehmen, vielleicht war wirklich etwas dran), und wir verabschiedeten uns. Glück, von dem alle in der Vergangenheit sprachen, hatte sich bei mir tatsächlich eingeschlichen und ich bekam es nicht einmal mit. Ich hatte dermaßen lange im Dreck festgesteckt, dass ich nicht mehr wusste, wie sich Glück überhaupt anfühlt: dieses Gefühl, einfach so mit sich und der Welt eins zu sein. Im absoluten Reinen mit sich. Ich musste daran erinnert werden. Mein Körper wusste es bereits. Er strahlte es aus und andere konnten es sehen. Als ich weiter nach Hause ging, war mein Gang um einiges ausgelassener, jetzt, da ich darauf achtete, und ja, in diesen Momenten war ich glücklich. Ein kleines, leises und feines Glück umgab mich. Und rückblickend betrachtet: Ganz so glücklos war meine Vergangenheit nun auch nicht, obwohl ich die Menschen um mich herum kaum noch ertragen konnte, die ständig davon sprachen, wie glücklich ich doch sein müsste. Zum Beispiel brachte mir mein abgrundtiefer schwarzer Humor einige passable glückliche Momente. Mein oftmals schräger und kurioser Blick auf meine vielen ausweglosen Situationen war ein wirklich großes charakterliches Glücksgeschenk für mich, mit dem ich all die Jahre überleben konnte.

Bis heute kann ich einen einfachen Trick anwenden und Glücksmomente damit heraufbeschwören. Der Trick funktioniert zwar nicht immer, aber doch meistens. Oft laufe ich noch vollkommen lustlos meine Runden im Rheinpark und jammere innerlich über das Wetter. Obendrein spüre ich meine schweren Elefantenbeine. Dann denke ich: Was soll dieses hirnrissige Vorhaben mit New York? Der Sinn davon ist mir völlig entfallen.  Doch dann schleicht sich  von meiner Lauf-Musikbeschallung ein ABBA-Lied ein. (habe doch nicht alle gelöscht). Ich singe dabei gerne lauthals und ziemlich schräg mit, da ich mit Sicherheit keinen einzigen Ton treffe. Für die anderen Läufer*innen ist dies oft sehr lustig, von denen ich dann meistens angegrinst werde. Und so komme ich dann auch wieder besser in Schwung und finde meine Welt nicht mehr ganz so trostlos und leer.

Als ich diese Woche ein immer wiederkehrendes, bleiernes Tief nicht beiseiteschieben konnte, kaum war es weg – rauschte es auch schon wieder an, wurde Dancing Queen im Radio gespielt. Ich unterbrach spontan das Kochen, sang und tanzte in meiner Küche mit, hatte dabei völlig vergessen, dass mein Fenster weit offen (wir hatten an diesem Tag 30 Grad) stand und es in unserem Hinterhof ziemlich schallt. Als ich während meiner Küchenaufführung aus dem Fenster schaute, stand mein dickbäuchiger Nachbar von gegenüber im Fenster, tanzte eine Runde mit und zeigte unkoordiniert dabei „Daumen hoch!“ Sein breites, fröhliches Lachen füllte sein ganzes Gesicht. Das ist Glück.

And when you get the chance – You are the dancing queen.“

 

Ihr seid gesund. Lebt verdammt nochmal.

Einerseits habe ich in den letzten Jahren ein komplettes Adressbuch in die Tonne gedrückt. Dafür durfte ich auf der anderen Seite, Menschen kennenlernen, die ich nicht mehr missen möchte. Während meiner Krebstherapie machte ich die Erfahrung, es gibt diese Menschen, die unsere Welt jeden Tag ein Stück besser machen.

Sie stehen ungern im Rampenlicht, sie machen einfach. Sie sind da. Sie hören zu. Sie urteilen nicht. Sie freuen sich mit einem. Sie sind bescheiden. Sie haben mir etwas zurückgegeben, was ich völlig verloren hatte: Vertrauen in mich und wieder in die Welt.

Auch möchte ich davon erzählen, dass ich durch die Diagnose Brustkrebs etwas geschenkt bekam (sie hat nicht nur gefordert und genommen), was ich überhaupt nicht mehr kannte: Menschlichkeit und das Gefühl, so kann Leben auch sein.

Als ich 2011 meine beiden Kopf‑OPs unerwartet überlebte, fand ich nicht ins Leben zurück. Meiner Seele und meinem Körper fehlten einfach die Kraft für das Leben, aber auch die Kraft, das Leben zu beenden (dafür war ich schlichtweg zu feige). So befand ich mich über Jahre in einer Art Schockstarre, aus der ich nicht mehr herausfand. Während der Diagnosestellung meines Brustkrebses und der späteren Therapie lernte ich Menschen kennen: Menschen, die sahen, was mit mir los war.

Tausendmal danke!

Ich möchte Euch Gesunden sagen: Lebt im Jetzt und nicht im Morgen (mehr haben wir nicht, alles andere ist reine Illusion). Gleich könnt ihr ein Bonbon verschlucken und schon ist es vorbei. Das passierte 2011 einem Bekannten, als ich auf der Intensivstation im Sterben lag. In seiner Eile hatte er ein Hustenbonbon in die Luftröhre bekommen und ist daran erstickt.

Das Leben ist unberechenbar. In den letzten Jahren habe ich so viele Schicksalsschläge gesehen, und so viel Tod miterlebt, dass es für mich reines Glück ist, meinen Lebensweg bis hierhin überhaupt geschafft zu haben.
Deshalb möchte ich weiter davon erzählen, dass Krankheit und Tod, Teil unseres Lebens sind. Die einen gehen früher, die anderen schaffen es länger. Egal, wer wir sind, wir werden alle gleich enden, und in 100 Jahren sind wir ohnehin alle tot. Also, was soll oft der Scheiß, den wir uns gegenseitig antun? Es könnte manchmal so einfach sein, wären wir nur ein wenig ehrlicher zu uns selbst und zu den anderen und wenn wir verstehen würden, dass wir nur Gäste auf dieser Erde sind.

Handelt und seht mit dem Herzen! Macht das, wozu Euch schon immer der Mut gefehlt hat! Lebt.

Haare sind für Buddhisten ein Ausdruck für Schönheit ….

… und der Eitelkeit der Menschen im weltlichen Leben. Mit ihren kahl rasierten Köpfen zeigen die Nonnen und Mönche, dass sie keinen Wert mehr auf weltliche Dinge legen. Sie kehren dieser Welt den Rücken und widmen sich ganz ihrem Glauben. Eine durch und durch freiwillige Entscheidung!

Erhält man die Diagnose Krebs und entscheidet sich für den Therapievorschlag Chemo, so sieht das mit der Entscheidungsfreiheit nicht mehr dolle aus. Klar gibt es auch Chemos ohne Haarausfall oder diese Kühlhauben. Die meisten verlieren ihre Haare jedoch gänzlich unfreiwillig.

Als ich die Diagnose Krebs erhalten habe, schwor ich mir: Egal was mir diese mutierten Zellen nehmen werden, meine Würde bekommen sie nicht.

Ich gehörte zu den Chemo-Patientinnen ohne Kühlhaube oder Perücke und mit Glatze nach der dritten Chemo. Mit bunten und auffälligen Tüchern aus dem Secondhandladen bin ich dadurch gegangen: Wenn schon keine Haare, dann bunte Tücher in einer extravaganten Verknotung, so mein persönliches Motto.

Bei einer meiner Untersuchungen verrutschte mein Tuch. Ich war genervt und wollte es nicht wieder neu binden, und überhaupt ging mir an diesem Tag alles auf die Nerven. Da meinte meine Ärztin: Gehen Sie doch einfach so, oben ohne! Steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Ich tat es tatsächlich. Erhobenen Hauptes trat ich aus der Praxis und nicht auf den Boden blickend ging ich heim. Ich fühlte mich dabei nackter, als wenn ich mit freiem Oberkörper durch die Straßen gegangen wäre.

Bildete ich mir das ein (also ist es mein Ding), oder gibt es wirklich diese Blicke: den scheuen Schrecken, das schnelle Zur-Seite-Schauen, die versuchte Ignoranz, die gerne als Toleranz bezeichnet wird? Trotz eingebildeter oder auch nicht eingebildeter Blicke ging ich unerschütterlich weiter nach Hause und mein Kopf saß fest und erhaben auf meinem langgestreckten Hals. Ich fühlte die Würde in mir. Das gab mir unglaublich viel Kraft: Keine dummen, respektlosen und gefräßigen Zellen finden in meinem Körper oder in meiner Seele eine Heimat. Die sollen sich alle andere Opfer suchen. Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung! Basta!

An meiner Hausecke sprach mich der Italiener an und sagte vollkommen entsetzt: „Hey Petra, so heiß ist es nun auch nicht. Warum hast Du Dir alle Haare abrasiert? Du bist doch kein Mann!“ Ich hätte ihn für diese Aussage küssen und in den Arm nehmen können. Denn der Krebs hatte genau in diesem Moment verloren: Ich war sichtbar. Nicht der Krebs. Mit oder ohne Haare: Ich war ich und wurde nicht auf eine Krebspatientin reduziert.

Jetzt, ein Jahr später, es ist wieder Sommer, und ich kann behaupten: Oben ohne kann irre schön sein, denn ich habe mich komplett in meinem Smart Cabrio verliebt. Es ist einfach nur wunderbar, wenn ich in diesem Auto sitze, die Sonne scheint und ich offen damit zum Freibad fahre. Letztens fand ich das Gefühl so toll, dass ich, als ich wieder zu Hause vor der Tür stand, erneut das Gaspedal betätigte und die Runde mit meinem offenen Auto einfach noch einmal drehte. Ein Knopfdruck kann so glücklich machen: Verdeck auf und wieder zu und wieder auf. Ich liebe diesen Knopf in meinem Auto.

 

Italien, meine Leichtigkeit.

Meine Liebe zu Italien ist seit Jahrzehnten eine Herzens-Liebe.  Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung als Rahmenbauer und Vergolder in einem alteingesessenen Kunsthaus mit eigener Vergolder-Werkstatt begonnen. Der Plan war, nach der Ausbildung als Restauratorin und Vergolderin nach Italien zu gehen. Nach 1 1/2 Jahren musste ich die Ausbildung abbrechen, weil ich auf all die gesundheitsschädlichen Farben und Mittel, die in der Werkstatt offen herumstanden, allergisch reagierte. Gleichzeitig flog mir mein ganzes Leben um die Ohren.
Was übrig blieb, war die Liebe zu Italien, zu alten Schinken (also zu alten Gemälden mit pompösen Rahmen), zu dicken Putten und Engelsbildern. Bis heute liebe ich Kitsch, Blattgold und hauptsächlich Schlagmetall, womit ich über viele Jahre alles Mögliche, am liebsten banale Alltagsgegenstände  (z. B. einen Toilettendeckel für mein Froschklo), vergoldet habe.

Anfang der 90er hatte ich das große Glück, mit einem Kunststudenten, der in Florenz Malerei studierte, für eine längere Zeit dort zu sein und Florenz gelebt und erlebt zuhaben. Diese Zeit war unbeschreibbar leicht und unbeschwert. Wir haben nächtelang bei Wein, Brot und Oliven und natürlich Zigaretten (es waren schließlich die 90er) über die Bedeutung der Bildenden Kunst diskutiert, sind zu dritt oder viert auf einem Mofa  gefahren oder haben wichtigen Blödsinn gemacht. Es gab keine Gedanken an Unfälle, Krankheit oder an die Zukunft. Es gab nur das Jetzt. Daher war es für mich auch vollkommen selbstverständlich, täglich meine Zeit an der „Fontana del  Porcellino neben der Loggia del Mercato Nuovo zu verschwenden. Jeden Tag rieb ich dem Ferkel gründlich die blank geputzte Schnauze, legte eine Münze dahinein und hoffte inständig, dass die Münze hinunterfällt und mit dem Wasser wegfließt, damit mir Glück und Geld beschert wird. Das klappte allerdings nur mit den großen Münzen.
Meine Interessen galten auch nicht den langen Touristenschlangen (sich darin einreihen, fanden wir damals wirklich schnöde und profan) vor den Uffizien. Und ob ich den David nun in Original sah oder als Bronzeskulptur, war gänzlich unerheblich. Denn ich kannte schließlich alle wichtigen Törtchen- und Kuchenläden der Stadt, die wenigen Cafés, die Bei & Nannini Kaffee führten, und schloss mit allen möglichen Italienerinnen und Italienern Freundschaft, obwohl ich bis heute kein Wort Italienisch spreche. Sehr gerne widmete ich meine Zeit dem Hofzwerg Braccio di Bartolo der Medicis.

Wir dachten damals, wenn wir eins im Überfluss haben,
dann war es Zeit …

 

… und dementsprechend gingen wir damit  frei, unbeschwert und verschwenderisch um. Später, während meiner Ehe, war ich mit meinem Mann oft im Umkreis von Carrara unterwegs. Als Bildhauer arbeitete er in den Marmorwerkstätten, in denen Bildhauer aus der ganzen Welt ihre Skulpturen kreierten, und fertigte dort seine Marmorskulpturen an. Einmal saßen wir in Siena in einer völlig überteuerten Touristenpizzeria, aßen schlechte, matschige Pizza und tranken warmen Wein dazu. Dabei wurden wir von einem unglaublichen, filmreifen Mond, der neben dem Torre del Mangia aufging, beschenkt, auf den wir einen direkten Blick hatten. Unbezahlbar!

Auch liebte ich meine Zeit in der Café-Bar „La Perla“ in Marina di Massa. Ich saß dort stundenlang, trank Bei & Nannini Cappuccino, aß Törtchen, las Zeitung, quatschte gelegentlich mit wem auch immer. Zeitgleich schaute ich dem Barbesitzer zu, wie er nach jedem gemachten Cappuccino voller Stolz mit einem extra weichen Handtuch seine Theke polierte.

Während meiner Chemo habe ich mich oft auf meinem Hinterhof-Balkon, der viel Ähnlichkeit mit einem italienischen Hinterhof-Balkon hat, nach Florenz, Pisa, Siena, Carrara, Lucca, San Gimignano, Marina di Massa, Pietrasanta, Viareggio … gebeamt. Dadurch konnte ich viele Kleinigkeiten des Glücks und der Leichtigkeit in Gedanken wiederbeleben und ‑erleben. Sie leben seit Jahren in mir weiter. Ich habe während der Chemo erkannt, welches große Glück ich hatte, dass ich all das erleben durfte und nun diese schönen Erinnerungen als Rettungsanker verwenden konnte. Wenn ich die Augen auf meinem Balkon schloss, war ich dort. Wenn ich in meinem italienischen Café in meinem Viertel saß, war ich dort. Auch wenn es nur für kurze Momente möglich war, aber ich war da! In Italien.

Daher lag der Gedanke sehr nahe, dass ich, sollte ich die Therapie schaffen, all diese Orte besuchen werde.  Jedoch, je näher die Zeit rückte, desto weniger Lust verspürte ich dazu. Es fühlte sich wie aufgewärmter Kaffee an. Die Zeiten, die ich dort erlebt hatte, können nicht neu erzwungen werden, denn so etwas passiert, so wie sich verlieben, passiert. Je mehr man es sich wünscht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es um die Ecke kommt. Ich bekam Angst, dass sich auf dieser Reise eine Leere breitmachen könnte und all die schönen Erinnerungen mit in den Abgrund reißt. Also habe ich es für dieses Jahr abgehakt. Die Welt ist groß und schön, aber Italien sollte es schon sein. Sardinien ist es geworden. Ein neues Ziel ohne Vergangenheit. So neu wie mein Leben jetzt.

 

Ich war da! Und glücklich.

März 2024: Ich habe meinen Exmann in Carrara besucht, der dort drei Skulpturen kreierte, und dort endlich mein heiß geliebtes Atelier mit all den Modellen der vielen Skulpturen fotografieren können. Ganz klar: Ich war im La Perla!
Mehr oder weniger war alles anders, aber trotzdem einfach nur wunderschön. Ich war, obwohl mich mein Exmann nervte, glücklich an all den Orten: Pisa, Carrara, Lucca,  Marina di Massa und  Pietrasanta. Sie haben ihren Zauber nicht verloren. Zum Schluss habe ich noch in Florenz vorbeigeschaut und gleich mein kleines Ferkel besucht und dieses Mal auch den David. Für ihn habe ich mich im strömenden Regen in eine Touristenschlange gestellt: unbeschreiblich!