07. Mai 2011
Auf den Tod hatte mich eingestellt und ich wäre friedlich, mit mir im Reinen von dieser Welt gegangen. Nach dem Aufwachen war ich absolut nicht darauf vorbereitet, dass ich überlebet hatte. Zwar nur irgendwie, aber halt immer noch da.
Meine Abkürzung war eine weitere Talfahrt noch tiefer hinein in die Hölle. Ich weiß nicht, was ich in meinem alten Leben verbrochen hatte oder wie die Religion Schicksale mit Prüfungen von Gott erklärt, warum mir diese Prüfungen auferlegt wurden, damit ich ins Paradies komme. Ich wollte nicht ins Paradies. Ich wollte einfach NICHTS!
Ich möchte selbstbestimmt leben oder eben sterben. Und das hatte ich verpasst.
Daher möchte ich „da draußen“ jedem sagen: „Verfasst eine gescheite Patientenverfügung!“ Wir sollten selbst entscheiden können, ob wir weiterleben möchten, oder nicht. Für die erste OP hatte ich eine spontane Patientenverfügung aus dem Internet. Es musste alles sehr schnell gehen und ich dachte eh, ich brauch sie nicht. Diese formlose und völlig nichts sagende Patientenverfügung hat mich 2 x an einem Beatmungsgerät aufwachen lassen.
Klar, aus heutiger Sicht könnte man sagen, sie hat es ja gepackt. Mit einer detailgetreuen Patientenverfügung wäre sie jetzt tot. Ersten! Man weiß es nicht. Zweitens! Innerlich habe ich diese Erlebnisse auf der Intensivstation bis heute nicht überlebt. Es gibt Erlebnisse, die sind in jede einzelne Zelle des Körpers gespeichert. Ich bin immer noch eine Geisel dieser Wochen auf der ITS. Flashbacks sind nur eine Erinnerung daran.
Ich weiß, niemand denkt gerne über Krankheit oder über die eigene Endlichkeit nach. Aber egal bei wem, es kommt dann doch immer völlig überraschend. Wenn ich neidisch auf die Gesunden bin und das kommt doch schonmal vor (gerade an ganz miesen Tagen),dann sage ich mir (es ist böse und klingt verbittert – aber ich finde es ist auch menschlich, da Schicksalsschläge einfach schrecklich ungerecht sind):
„Bis zur nächsten Vorsorge seid Ihr alle gesund!“
Niemand – absolut niemand weiß, was der Körper oder das Schicksal für einen bereithalten. Das Leben planen können, ist eine Illusion der Gesunden. Es trifft auch nicht immer die anderen. Lasst nicht andere über Euch entscheiden! Nehmt Euren Freunden, Partnern, Eltern und den Ärzten solche schwierigen und sehr persönlichen Entscheidungen ab.
2015 – Vier Jahre später: Der Besuch auf der ITS.
Die Neurochirurgie ist mittlerweile in einem Neubau auf dem Unigelände gezogen. Die Patientenzimmer in dem alten Jugendstilgebäude standen deshalb 2015 leer. Als ich im Dezember an dem Projekt 30 Gedanken zum Tod teilnahm, war es mein Wunsch, noch einmal an die Orte, die mich so nachhaltig geprägt hatte, zurückzukehren. Ich musste einfach noch einmal zurück an diesen Ort, auf diesen Balkon, der für mich die Magie nicht verloren hatte. Zudem versprach man mir, dass ich die alte Intensivstation nach dem Interview besuchen durften. Mittlerweile wurde sie als ambulante Anlaufstelle für orthopädische Angelegenheiten genutzt. In meinem Intensivzimmer (das damalige Sterbezimmer) war die Annahmestelle dafür.
Ich war unglaublich aufgeregt, als ich die Intensivstation, die Hölle meines Lebens betrat. Alles hatte sich verändern, aber irgendwie auch nichts. Ich ging durch die Tür, die sich automatisch öffnet und wodurch die Krankenbetten mit den Patienten auf die Intensiv geschoben wurden. Sah in mein Zimmer und ging wieder durch den Besucherraum zurück. Und dann alles noch einmal. Und wieder umgedreht, um es noch einmal zu tun. Auf zwei Beinen, diesen Ort zu betreten und wieder zu verlassen und wieder zu betreten, um ihn wieder zu verlassen und alles noch einmal…
