Kategorie: Artikel

Der Lauf

Für jedes Lebensjahr einen Kilometer 

war mein Motto.

Am 04.05.21 lief ich 10 km. Freund haben mich dabei unterstützt und für mich an die Deutsche Hirntumorhilfe gespendet. Es kamen über 1.100,00  EUR an Spenden zusammen.

Mein erster Probelauf:

Im Frühjahr 2020  habe ich an einem virtuellen Lauf gegen Brustkrebs teilgenommen und
am 26.04.20 an einem virtuellen Spendenlauf (Corona) der Deutschen Hirntumorhilfe:

Der Aufruf:
„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens
30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum,
Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … .

Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien
der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte
Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen.

Sie die Mitmachaktion mit Ihrem Beitrag auf das Spendenkonto der
Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen.

Es lautet: „LM 2020.“

Online-Spende (Spendenkonto Deutsche Hirntumorhilfe: Sparkasse
Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020″)

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften
Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla: 8,3 km
Gabi: 7,1 km
Petra: 7,1 km

 

Volle Kraft voraus!

Nach meinem  ersten Training mit einem Profi-Lauftrainer war ich mehr als motiviert. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es schaffen:

New York, 10 km und mein Leben. 

Mir geht es nicht um den Wettbewerb beim New Yorker Marathon. Ich muss das einfach tun! Zum einen bedeutet mir die Stadt sehr viel (in den 90ern alles!) und zum anderen benötige ich das Gefühl, an etwas ganz Großem teilzunehmen.

Ich laufe für mein neues Leben, um mein Leben und gegen die Angst, die viel zu oft noch schneller ist als ich. Ich möchte es mir einfach selbst beweisen, dass ich es schaffen kann: leben.

So wie ich es nach den beiden Gehirntumor-OPs geschafft habe, wieder gehen zu können. Mein Problem dabei ist, meine Vorstellung über den Weg dahin (ich bin vollkommen werbeverseucht und stelle mir vor, wie ich mit meinem Laufpartner schwatzend, leichtfüßig die Runden im Rheinpark drehen werde), dieser jedoch sehr weit davon entfernt ist, was meine Leistungen betreffen und von meinem 10-Kilometer-Ziel.

Als Kulturmanagerin weiß ich: Man muss sich auf jedes Projekt neu einlassen, um  auf alle Unwägbarkeiten (die 100 pro eintreten werden) reagieren zu können. Allen Widrigkeiten trotzten. Der Weg ist ein ständiger Abgleich mit der Realität.

Die erste Trainingswoche lag in der Woche meiner Antikörpertherapie, was gewiss eine Fehlplanung von mir war, da  dieses Mal  auch noch mein rechter Oberschenkel anschwoll, in den die Spritze gesetzt worden war. Sich Antikörper spritzen zu lassen, ist eindeutig nichts für Feiglinge. Pro Spritze dauert es eine halbe Stunde, bis die Antikörper in den Körper gelangen. Die Schwester sitzt einem gegenüber und spritzt das Mittel sehr langsam. Sind die Antikörper zu kalt oder wird zu schnell gespritzt, dann brennt es flächendeckend um die Einstichstelle herum wie in einem Hochofen. Dieses Mal brannte das halbe Bein fast über zwei Tage hinaus. Also lief ich erst am Mittwoch los. Ich schaffte anstelle von 8 km nur 6,5 km und hinkte mit dem geschwollenen Bein nach Hause. Am Freitag schaffte ich die vorgegebenen 10 km und am Sonntag sogar ganz knapp mit 11,96 km die 12-km-Strecke.  Wenn ich hier vom Laufen schreibe, ist es in erster Linie Power-Walking mit 3 × 5 Minuten Jogging dazwischen. Donnerstag und Samstag machte ich Yoga.  Damit hatte ich das geplante Programm, bis auf Radfahren durchgezogen. Ich war ein wenig stolz auf mich, obwohl ich wusste, ich hatte es ziemlich übertrieben für den Anfang. Ich wollte einfach zu viel auf einmal.

Sonntag bekam ich prompt die Quittung für meinen Übermut. Nach den 12 km war ich dermaßen platt, dass gar nichts mehr ging.  Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch meinen unteren Rücken völlig verhakt und kam kaum noch die Treppe hinunter. Becken und Hüfte waren dicht und verdreht. Daran war ganz bestimmt das geschwollene und brennende Bein schuld (späte Erkenntnis meines gesunden Menschenverstands). Nach 100 Metern ging es  nur noch humpelnd vorwärts. Zwischen all dem, wie schleppe und hinke ich mich vorwärts,  knickte dann auch noch mein linkes Bein ohne Vorankündigung weg, was bei mir sofort HIRNTUMOR-ALARM  auslöste. Wenn das Bein einfach so wie Pudding wegknickt, gerate ich aus dem mentalen Stand heraus in Panik. Sofort sind alte Erinnerungen geweckt und Hirn wie Körper in Alarmbereitschaft. Ich hatte es bereits nach der ersten Woche absolut versemmelt.

Meine zweite Trainingswoche bestand somit völlig ausgebremst aus Physiotherapie, Yoga und Schwimmen. In der dritten Woche konnte ich schon fast wieder laufen, doch da kam die Hitze. Also wieder nur Schwimmen und Yoga. Am Freitag der erste kleine Lauf. Samstag Yoga und am Sonntag wieder schwimmen. Mehr war nicht drin.

Am daraufkommenden Montag erhielt ich meine letzte Antikörperspritze. Mit der großen Erleichterung, endlich die Therapie beendet zu haben, überkam mich  die große Lethargie. Diese Woche hätte ich so schön laufen können. Kein dickes Bein, keine Hitze, aber dafür Freunde treffen, Bücher lesen, Rom buchen und Italien-Reiseführer lesen. Kekse und Törtchen essen und dazu Kaffee trinken. Nebenan mit der Katze spielen. Sie liebt meine neuen Locken (mit denen ich mich nicht so recht anfreunden kann) und streicht vorsichtig mit ihrer Pfote dadurch.
Ich schäme mich ein wenig, da ich doch so Großes vorhabe und schon nach einer Woche Training den Totalausfall hinlege. Dazu aktuell gänzlich unmotiviert nichts tun, was mir aber echt Spaß macht.
Nächste Woche bin ich in meiner alten Heimat Hamburg. Dort kenne ich mich gut aus, also habe ich keine Ausrede, die gegen die Fortsetzung meines Lauftrainings spricht.

Am Sonntag mache ich mir einen neuen Plan. Ich schaffe das!

Unterm Strich ….!

Was war ich bisher für eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorn geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor  und 25 wieder zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen  folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.

Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad, und darum beeilte ich mich, noch einen OP‑Termin vor dem Covid-19‑Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr freundlich und benutzte daher häufig die Worte „minimalinvasiv“. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: „Zwei Wochen – spätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief vollkommen glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Nullkommanull Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimalinvasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger zum Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging – plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.

Mitten in meinem Frust wollte ich später wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füßen an Strecke zurückgelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. bis 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den  Niederlagen und zahlreichen Rückschlägen im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine  positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit  kann gearbeitet werden. Mag sein, dass ich die 10 km nicht am Stück joggen werde. Aber es gibt doch noch etwas dazwischen. Unter anderem Intervall-Laufen.

Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.

… mach weiter!

Bevor ich nach Sardinien flog, hatte ich mir für die Zeit dort ein kleines, ambitioniertes Sportprogramm zurechtgelegt. Wegen der vielen Rückschläge wollte ich das Lauftraining und meine Yoga-Übungen nicht schon wieder unterbrechen. Ich hatte zwar noch genügend Zeit  bis zum Marathon, aber wenn ich in diesem Schneckentempo weitermache, benötige ich für die 10 km mindestens zwei Stunden.

Der Kenianer Eliud Kipchoge hat für 42,195 Kilometer in Wien 1:59:40 Stunden gebraucht. Nur so als Beispiel! Richtlinie! Zielsetzung! Ansporn!

Okay, der Vergleich hinkt. Er ist absoluter Profi, läuft seit Jahrzehnten und hatte für diesen Rekord ein riesengroßes Team dabei, welches sich um ihn kümmerte und ihn anspornte. Mann, ich wäre schon natürlich froh, wenn ich die 10 km in einer Stunde hinbekäme. Im Hintergrund höre ich bereits Stimmen der alten, genervten und ungeduldigen Petra: Dann mach doch endlich! Hintern hoch! Hör auf zu jammern! Stell Dich nicht so an! Mein Vorhaben Laufen spiegelt eins zu eins mein Vorhaben Leben wider.

Es gibt Tage, da klappt alles großartig. Meine vorgenommene Strecke schaffe ich fast mühelos. Mir geht’s gut. Ich mache wieder Pläne für mein Training und für das Leben. Gefühlt geht’s aufwärts. Frohen Mutes glaube ich ernsthaft daran, dass ich meinen Platz in diesem Leben wiederfinden werde. Meine 10 km in zwei Jahren schaffen werde. Und dann! Aus heiterem Himmel: BÄHM! Der Rückschlag! Etwas Unbekanntes ist immer. Körper, Geist und Seele sind sich leider immer noch viel zu selten einig. Ständig gerate ich an einer Stelle aus dem Takt. Das Konstrukt Petra ist eine sehr instabile Angelegenheit.

Das komplette Gegenteil von früher! Da trugen mich die plumpen Sprüche:

„Nur die Harten kommen in den Garten.
Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter.“

Ich konnte mit Weicheiern, so wie ich heute eins bin, überhaupt nicht umgehen. Und ehrlich, ich kann überhaupt nicht mit mir umgehen: Dieses ständige Ins-Loch-fallen und wieder da herauskrabbeln müssen. Manchmal bekomme ich es kompensiert, manchmal verdränge ich es einfach, und dann kommen auch wieder die Tage, da geht absolut gar nichts. Gleichzeitig setzten die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit ein, irgendwann einmal wirklich wieder einen Platz in diesem Leben zu haben. Ich weiß, man heilt nicht linear, sondern in Wellen. Mal geht’s aufwärts, dann wieder rückwärts. Und wieder ein Stück aufwärts, dann wieder rückwärts. …

Sardinien hat es mir, mein kleines sportliches Vorhaben umzusetzen, einfach gemacht. Ich fand einen wunderschönen Ort vor. Gleich am nächsten Tag bin ich zum hauseigenen Strand gelaufen und hatte die gesamte Bucht am Meer entlang geschafft. Am nächsten Tag schloss ich mich heimlich einer Gruppe an und bin ihr nachgegangen, was auch gut gelaufen ist. Das „Jippieee“ am Ende der Runde und der dazugehörige Luftsprung, beides ließ ich einfach ausfallen. War mir dann doch zu doof. Gegen Mittag hatte ich mein kleines Yoga-Training umgesetzt und am späten Nachmittag schwamm ich im herrlichen Meer. Es klappte alles unglaublich gut.

Am 5. Tag saß ich zum Trocknen am Strand und dachte: Wow, endlich klappt mal was! Du ziehst es durch! Ich sollte wirklich damit aufhören, so was zu denken oder überhaupt daran zu denken, alles wird vielleicht doch noch gut! Ich schaffe das! Es wird! Am Abend hustete meine Tischnachbarin beim Abendessen quer über den Tisch und meinte, die Bronchitis habe sie sich aus Deutschland mitgebracht. Während des gesamten Abendessens hustete und prustete sie vor sich hin. Der nächste Tag klappte noch gut.

Aber ab dem 7. Tag war es dann doch vorbei. Ich trat auf die Bremse. Mein Kopf schmerzte und im Hals fing es an. Trotzdem bin ich bis zum letzten Tag morgens vor dem Frühstück an den Strand und bin meine Strecke zwar nicht gejoggt, aber immerhin gewalkt.

Mit den Füßen im Wasser, freute ich mich über die drei älteren Italiener, denen ich seit dem ersten Tag dort begegnet bin, und dachte mir: Ja, eigentlich machen die es richtig. Sie genießen diesen Weg und das Wasser. Oft standen sie auf meinem Rückweg mitten im Meer und diskutierten lautstark, was ich so gerne beobachtete. Ich machte es ihnen nach, saß nach meinem Gang noch am Strand und schaute auf das unfassbar schöne Meer in der unfassbar schönen Bucht. Yoga ließ ich ausfallen (machte nur noch kleine Gleichgewichtsübungen). Aber schwimmen war ich abermals.

Leider konnte ich die Erkältung nicht abwenden und nahm sie mit nach Hause. Einen Trost hatte ich dann aber doch, denn mein Immunsystem ist genauso gut oder schlecht wie das von den anderen am Tisch. Es hatte uns alle erwischt.

Krönchen richten.

Laufen alleine reicht nicht, darauf kam ich ja bereits zu Beginn meines Vorhabens und direkt nach dem ersten Training. Der Körper benötigt Muskelaufbau, passende Ernährung, einen Ausgleich (Yoga, Physio, Massage, Entspannung), ein ausgewogenes und angepasstes Training und gute Kleidung.

Mein Ziel ist auch, es nicht IRGENDWIE zu schaffen, so wie in meiner Vergangenheit: Irgendwie bekam ich die Miete zusammen. Irgendwie die Gelder für das Projekt. Irgendwie den Rechtsstreit vom Tisch. Rückblickend habe ich alles hinbekommen, sogar meine Niederlagen: Hamburg, Scheidung, Gehirntumor, Brustkrebs. Und irgendwie würde ich auch meine 10 km in New York schaffen.

Laut meinem damaligen Freundeskreis war jedoch alles unkompliziert bei mir. Sie mussten jeden Tag zu einem Job, worauf sie keinen Bock hatten, und ich zog einfach mein Ding durch. Ich hielt mich an keine für sie gänzlich normalen Regeln und machte einfach, was ich für richtig hielt, ohne Wenn und Aber. Mag sein, dass es so war – so ist, aber auch Träume leben wollen hat seinen Preis, der bezahlt werden will! Als es dann während meiner Jahre zwischen Gehirntumor und Brustkrebs bei mir weniger gut lief, schlug deren Verhalten mir gegenüber um, in:  Du schon wieder! Jammere nicht herum! Selbstmitleid ist scheiße (ist es!). …

Zudem war ich eine Meisterin darin, mir selbst kräftig ins Gesicht zu schlagen. Ja, es nervte mich selbst ungemein, wenn ich völlig kraft- und perspektivlos in der Gegend herumstand und so gar nicht mehr hochkam. Trotz allem blieb ich eine, die nach dem Postkarten-Motto lebte:

Hinfallen, aufstehen, aufrichten, Krönchen richten, lächeln, weitergehen.

Auch wenn es Zeiten gab, an denen es sehr, sehr lange dauerte, bis ich das Krönchen wieder einigermaßen gerade auf meinem Kopf platziert hatte. Dabei rutschte es täglich hin und her und wieder herunter.

Bevor mich der Hirntumor zur Strecke brachte, wurde ich ausschließlich mitten im dicksten Stress ruhig, und konnte erst dann klare und konstruktive Entscheidungen treffen, wobei mich stressfreie Zeiten komplett stressten. Wenn ich eins kann, dann ist es Krise. Das wollte ich für meine Zukunft ändern und nicht erst dann gute Entscheidungen treffen können, wenn ich wie ein Kaninchen vor der Flinte stehe, starr vor Anspannung und Angst.

In der Serie Sex and the City sagte die Figur Samantha einen für mich sehr klugen Satz, als sie sich nach der Chemo von ihrem Freund trennte.

Ich liebe Dich und Du bist mir unglaublich wichtig, aber es gibt einen Menschen, der mir wichtiger ist, das bin ich selbst.

Seit einiger Zeit  stresst es mich weniger, wenn mein Krönchen schief sitzt. Das ist nun mal so. Ich stelle mich nicht mehr ständig infrage oder finde mich vollkommen nervig – anstrengend. Ich übe mich darin, mir selbst wichtig zu sein. Welch eine Ironie für meinen alten Freundeskreis.

Meine neue Lebenseinstellung wird durch die Yin Yoga Praxis gestützt. Dabei lasse ich mir von einer tollen Yoga-Lehrerin helfen. Yin Yoga erdet mich, stellt eine Verbindung zum Körper her und beruhigt meinen Geist. Ich lerne, mit meinem Körper und mir achtsam umzugehen, und staune so oft, was er alles kann. Das  hilft mir beim Laufen. Ich lerne, mit den Kräften zu haushalten und anders durchzuhalten: in meinem Tempo und nicht irgendwie.

Schuhe an und los.

Und da war sie, meine erste Trainingsstunde. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was auf mich zukommt, und war so aufgeregt, dass ich den Trainer direkt mal vollgequatscht habe. Reden lenkt mich ab (und ich lenke den anderen, das meine allerdings nur ich, von meiner Aufregung ab) und fördert ausschließlich meine Konzentration. Nicht seine. Der Gegenüber ist genervt oder überfordert. Zum Schluss wurde ich ruhiger, konnte auch vieles mitmachen und verstehen. Am Ende habe ich die erste Stunde ohne große Pleiten überstanden.

Zwischendurch konnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es auch wirklich schaffen könnte, meine Idee mit New York. Vielleicht ist es in zwei Jahren auch gar nicht mehr so wichtig und es geht mir dabei so wie mit meiner Idee, um Italien.

> Während der Chemo gab es nur einen einzigen Strohhalm für mich: Italien. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich im Herbst 2019 mit einem dreirädrigen italienischen Gefährt durch die  Toskana düse. Ich sah mich damit auf den Straßen zwischen Siena, Florenz, Pisa und Carrara hin und her fahren. Ich sah die Baum-Alleen, die Sonne in Lucca untergehen, das Meer und spürte das italienische Leben. Ohne diesen Strohhalm – ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hätte! <

Jetzt könnte ich es wirklich tun und was ist? Je näher ich dieser Möglichkeit der Umsetzung komme, umso weiter schiebe ich sie vor mir her.

Einen Tag nach dem ersten Training erhielt ich den Trainingsplan. Zack, war ich auf dem Boden der Tatsachen.

Mein Trainingsplan für die nächsten Wochen:

1 × Yoga, 1 × Ergobike oder Crosstrainer (45 Min.), 3 × Power Walking (8, 10 und 12 km), gespickt mit Laufphasen (siehe nachfolgende Angaben)

1. Woche:
je 5, 5, 5 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power-Walking)
2. Woche:
je 5, 5, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
3. Woche:
je 5, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
4. Woche:
je 6, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
5. Woche
je 10, 15, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
6. Woche
je 15, 20, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)

Meine erste alleinige Proberunde habe ich bereits hinter mir und JA!:
Das wird eine echte Herausforderung. Mein ganzer Optimismus schwand  dahin.

Anstelle von 8 km schaffte ich reale 6,57 km. Gemessen per GPS! Laut Laufuhr (gemessen per Schritte) schon um die 10 km und laut Handy  (gemessen per Schritte) so um die 8 km. Ansonsten ging es so gerade eben. Aber wie ich die 12 km schaffen soll? Keine Ahnung. Vielleicht einfach nach der Laufuhr laufen :-). Das Trainingsziel des Trainers: reine Utopie.
Bei der Trainingsstunde habe ich es geschafft, eine Leichtigkeit in meinem Laufschritt einzubauen, und dachte noch: So bekomme ich das hin. Gestern lief ich wie ein Elefant, und anstatt nach dem Himmel zu streben und aufrecht zu laufen, war ich fest mit der Erde verwurzelt. Aber ich stresse mich jetzt nicht mehr mit meinem dämlichen Perfektionismus, obwohl ich diese Vorgaben schon in meinem Terminkalender detailliert eingetragen habe. So bin und kenne  ich mich! Orga, das bin ich! Jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich meinen Plan für New York umgesetzt bekomme.  So geht es jedenfalls nicht. Ich benötige ein auf mich angepasstes Training.
Ein Training für eine 54-jährige Frau mit etwas zu großen Ambitionen.

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Das eine ist die Vision im Kopf und gefühlt schon durchs Ziel zu laufen. Das andere, diese umzusetzen. Seitdem ich beschlossen habe, professionell zu laufen, geht nicht mehr: Schuhe an und los. Und wenn man halt keine Lust mehr hat, einfach wieder zurück. Zwischendurch auf der Mauer sitzen und Schiffe schauen.
Ab jetzt muss der Herzschlag geprüft werden, so mein Physiotherapeut. Und das richtige Schuhwerk muss her. Eine angemessene Sportbekleidung und -ausrüstung dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen. Ganz plötzlich habe ich nur noch beratende Laufprofis um mich herum. Atmungsaktiv, ein Wort, welches ich zu meinem Wortschatz hinzugefügt habe. Und obendrauf: Wind- und Regenschutz und noch mehr Kleidung für all das, was das Wetter so zu bieten hat. Laufen alleine geht plötzlich auch nicht mehr. Ich benötige Ausgleichssport: für die Kraft, für die Beine und überhaupt. Meine Ernährung ist suboptimal. Immerhin habe ich einen Pluspunkt: Mein Ruhepuls bewegt sich zwischen 70 und 75. Das heißt laut Google: Ich bin nicht ganz so schwach auf der Brust.

Das ist kein einfaches Am-Rhein-laufen mehr, sondern wächst zu einer echten Herausforderung heran. Ich kann jetzt nicht mehr wie Rocky in ollen Joggingklamotten durch die Gegend laufen und oben auf der Treppe ein wenig in der Luft herumboxen und triumphierend die Arme in die Höhe werfen.  Wenn ich mir das vorstelle: Ich oben auf der kleinen Treppe im Rheinpark, muss ich laut lachen. Aber eins habe ich mit Rocky doch gemeinsam. Ich stelle mich einer Herausforderung, in die ich – wenn ich all meinen Optimismus und kindlichen Größenwahn zusammennehme – hineinwachsen muss.

Für den Anfang ersetze ich meinen persönlichen Motivations-Song: Dancing Queen gegen Eye of the Tiger. Schmeiße alle meine Element-of-Crime-Lieder aus der Playlist und drehe ab sofort leichtfüßig meine Runden im Rheinpark – ohne Mauer und Schiffe.  🙂