Alle Artikel von Petra

Die wunderbare Schatzkiste.

In meiner Kindheit begann ich bereits damit. Ich tat alles, was ich liebte und mit dem ich etwas Besonderes verband in einen kleinen roten Koffer. Damit jeder in meiner Familie wusste, dass es meiner war, klebte ich eine Minnie Mouse, ausgeschnitten aus einem Comic meiner Schwester, darauf. Darin befand sich (so meine Erinnerung bis heute), mein Hase Fritz mit losem Kopf, da ich unbedingt mal sehen wollte, wie Fritz innen aussah. Eine leere Plastikhülle von meinem geliebten Balla-Eis. Der Kaugummi klebte noch ganz unten, denn ihn wollte ich mir für schlechtere Zeiten aufheben. Weiter befand sich darin ein Freundschaftsring aus dem Kaugummiautomaten, den mir meine allerbeste Freundin schenkte. Und viele kleine Zettelchen, aber da weiß ich nicht mehr, was darauf war. Und natürlich ganz viel vom schönen bunt glänzenden Bonbon-Papier, meiner geizigen nicht geliebten Oma.

Wenn ich mit meiner Mutter in Streit geriet und das geschah sehr oft, schnappte ich mir diesen Koffer und schrie ihr wütend entgegen:

Ich wandere aus! Du siehst mich nie nie wieder!

als diesen Koffer brauchte ich damals schon nicht. Real lief ich damit um die Ecke zu meiner wirklichen Oma. Aus diesem kleinen Koffer ist mittlerweile eine gut gefüllte Lebenskiste geworden, die alle meine Umzüge überlebte.

Vor der zweiten Hirn-OP sagte ich zu meiner Freundin, wenn ich jetzt dabei draufgehe, muss die Asche dieser Kiste unbedingt mit in die Urne, damit mein ganzes Leben bei mir bleibt und ich, wo auch immer, mich an diese Momente erinnern kann.

Als ich am 03. Mai 2011, am Abend vor meiner ersten Hirn-OP auf dem Balkon saß wusste ich, dass dieser Abschnitt des Lebens unwiderruflich vorbei war. Dieses Leben und diese Petra war jetzt Geschichte und die endete am 03. Mai 2011 nach 47 Jahren auf dem Krankenhausbalkon. Nach der OP gab es nur noch ein VOR dem Gehirntumor und ein NACH dem Gehirntumor. Oder eben mein Tod.
Was ich dabei damals allerdings nicht in Betracht zog, war das Zenario DAZWISCHEN! Ich saß da auf diesem Balkon, völlig im Reinen mit mir und dachte, was habe ich verpasst, wenn es morgen auf dem OP Tisch endet?

Afrika! Ich wollte immer nach Afrika. 

Gleichzeitig dachte ich: Ach scheiß drauf. Ich habe über Jahre afrikanischen Tanz bei Adja getanzt. Und gefühlte 1.000 Mal Jenseits von Afrika geschaut. Mehr Afrika geht sowieso nicht. Bis heute war ich nicht in Afrika. Meine Schätze sind keine materiellen.

Es sind Schätze des Herzens und Lebens.

Uns kann im Leben alles genommen werden und  mir ist in den letzten Jahren alles genommen worden. Viele Jahre hatte ich nichts, außer einen starren Blick auf einen fixen Punkt an der Wand, damit der Drehschwindel mich nicht um den Verstand brachte. Aber diese kostbaren Momente konnte mir niemand nehmen. Jede einzelne Zelle im Körper hatte sie in sich gespeichert. Und sie halfen mir in diesen Zeiten beim Überleben! Manchmal liegt viel Schutt darauf und sie verlieren an Leuchtkraft. Fürs Freischaufeln ist dann meine wunderbare Schatzkiste da, denn wenn ich diese meine autobiografische Petra-Lebens-best-off-Kiste öffne, wird es mir sofort warm ums Herz und ich weiß, ich wurde und werde vom Leben geliebt.

Jeder sollte so eine wunderbare Lebenskiste haben!

Es ist auch nicht so, dass man für solche Momente, was ich Leben nenne, keinen Preis zahlt, verantwortungslos und auf Kosten der anderen durchs Leben rennt. Sich nimmt was einem guttut oder wie man heute so gerne sagt, einem zusteht und dann weitermarschiert oder wegschaut, wenn es unangenehm wird. Diese Momente sind durch und durch freiwilliger Natur, verbunden mit einer großen Portion Verantwortung, Wertschätzung, Respekt und Achtsamkeit dem andern oder der Welt gegenüber, damit die Kostbarkeit des Moments nicht beschädigt wird. Ohne den Preis der Unsicherheit und der Angst vorm scheitern, bedingungsloses Vertrauen ins Leben und Mut gehts nicht.

Ich habe viel gezahlt, gerne gezahlt und draufgezahlt, aber egal wie hoch der Preis auch war, ich würde es immer und immer wieder tun: Mich auf diese Momente einlassen.

Letzte Woche war Zahltag. Oft verschoben, aber diesmal konnte ich mich nicht weiter selbst belügen und davor drücken. So begann ich damit, meinen längst überfälligen Preis endlich zu zahlen. Ein Teil der Begleichung davon befand sich in meiner Lebenskiste. Während der Suchaktion in dem chaotisch Sammelsurium bin ich auf so viele schöne Briefe, Fotos und Erinnerungen gestoßen, sodass ich  die Zeit und den Grund für das Hervorholen der Kiste vergaß. Ich schüttete die Kiste komplett auf meinem Bett aus. Setzte mich mit zwei Tafeln Schokolade dazu und betrachtete mein Leben.

Ich begriff, dass ich viel viel mehr als nur die letzten Jahre war. In mir wohnt ein wunderbar wildes, freies und aufregendes Leben. Das Horror-Dazwischen steuert dem Ende entgegen und es wird ein danach geben.

 

Gemüse ist gesund!

Ich bin eine leidliche Esserin. Meine Eltern scheiterten schon während meiner Kindheit an meinem Essverhalten. Ich sortierte das Essen auf dem Teller hin und her, von der einen Seite auf die andere. Früher gab es auch noch sonderbare Strafmaßnahmen:

 

Was man beim Mittagessen stehen ließ, bekam man am Abend noch einmal vorgesetzt.

Mich kriegten meine Eltern damit nicht. Ich ging dann halt ohne Essen ins Bett. Ich mache mir bis heute nicht viel bis gar nichts aus Essen. Es muss praktisch sein und zu Hause wenig Arbeit machen. Fleisch war nie wirklich meins, nicht wegen des Geschmacks, sondern weil mich schon als Kind die Seelen der toten Tiere anschauten. Liegt vielleicht auch am Esszimmer meiner Großmutter. An den Wänden hingen riesengroße Ölschinken mit von Jägern erlegten toten Tieren darauf, die mich unentwegt strafend und tot anstarrten. Dazu gesellten sich ausgestopfte heimische Tiere, wie Hasen, Füchse oder Rebhühner, sowie viele verschiedene Hirschgeweihe. Ein Ort deskindlichen Grauens.

Ich mag Gemüse und Salat. Nicht alles gleichermaßen, aber immerhin. Obst vertrage ich nur bedingt. Ich denke, das habe ich von meiner Mutter geerbt. Aber Bananen und Beeren gehen. Käse liebe ich und ein ordentliches Rührei lockt mich eher hinter dem Ofen hervor als ein saftiges Steak oder ein durchwachsener Burger. Mein Vater meinte immer: Du mit Deinen Käsebrötchen. Iss mal was Anständiges?

Wenn ich mich mal krank fühlte oder schwächelte, gab es eben zum Käsebrötchen eine Vitaminkur aus der Apotheke.

Ich bin eine eigenwillige Esserin geblieben. Immer noch gehe ich nicht gerne ins Restaurant, da ich mir die Hygiene-Bedingungen vorstelle oder denke, der Koch hustet übers Essen. Kontraproduktiv. Ich weiß.

Was ich allerdings immer kann, sind Törtchen: italienische Törtchen mit einem guten Cappuccino. Beides zusammen versetzt mich sofort in eine schöne und leichte italienische Sommerstimmung.

Als ich einmal meinen Exmann nach Italien begleitet hatte und er ständig unterwegs war, fand ich mich fast täglich in der Bar La Perla wieder. Ich aß mit den Italienerinnen und Italienern Panini und Törtchen und dazu gab es zahlreiche Cappuccinos. Stundenlang diskutierten wir mit Händen und Füßen, Papier und Stift. Als mein Mann und ich wieder nach Hause mussten und mit dem Auto vor der Bar standen, da er noch Proviant für die Rückfahrt besorgen wollte, klopfte einer seiner Bildhauerkollegen ans Autofenster und überreichte mir eine große Tüte mit vielen tollen Törtchen darin. Mein Mann fragte ihn, was das sollte und der Bildhauer lachte:

„Du weißt überhaupt nicht, wo Deine Frau all die Tage tagsüber war? Was sie gemacht hat – oder?“

Die Törtchen waren super. Die Stimmung während der Rückfahrt eher nicht. Seitdem mich der Krebs erwischt hat (Ich möchte ja mein Bestes geben, damit er da bleibt, wo er hingehört: weit weg!), geht das alles nicht mehr, das mit meiner unüberlegten Ernährung. Ich machte bisher nicht alles falsch, aber als ich nach dem Ernährungsvortrag für Krebspatienten über meine Ernährung nachgedacht hatte, da bekam ich schon ein sehr schlechtes Gewissen. Es ist nicht einmal was ich esse, sondern wie und mit wie viel wenig Beachtung: im Stehen, nebenbei, so zwischendurch, genervt, weil ich schon wieder etwas kochen muss oder raus was holen. Wenn nichts passen wollte oder der Kühlschrank leer war, ging ich problemlos ohne Essen vor die Tür oder ins Bett. Meine ersten Fragen nach dem Vortrag an mich waren:

Kann mein Körper mir all das verzeihen, was ich ihm über all die vielen Jahre angetan habe? Wie viel Schaden habe ich angerichtet und kann ich ihn beheben?

 

Ich war schon immer ein Fan von Ayurveda, vertrete aber deren Philosophie nicht so militant, wie die wirklich Wissenden. Es passt einfach vieles für mich. Ich bin der Vata Typ. Ayurveda zeigt mir, was ich eher essen sollte (und dann auch vertrage) und was weniger gut für mich ist und lehrt, wie man sowohl körperlich als auch seelisch wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Es ist zu meinem Leitfaden geworden. Dadurch hat der Optimierungsstress abgenommen, alles richtig machen zu müssen. Ich lerne auf mich zu hören und nicht auf die anderen, die wissen was gut für mich ist.

Körper, Geist und Seele bilden bei mir noch keine Einheit. Zu oft übernimmt die Angst das Kommando und rüttelt mich mit ihrer Panikmache immer wieder durch. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und durch meine bessere Ernährung, dadurch, dass ich achtsamer mit mir umgehe und durch das Laufen und den Yogaübungen bin schon viel sicherer und manchmal auch mutiger im Umgang mit meiner neuen Situation geworden.

Die Diagnose | Hirntumor

21. April 2011:
Da saß ich nun am Gründonnerstag seit Stunden vor den Osterfeiertagen in der völlig überfüllten Notaufnahme der Uniklinik. Einen bescheuerten Tag hätte ich mir dafür auch nicht aussuchen können. Nach gefühlten 100 Stunden kam ein sehr junger Arzt in unserem Wartebereich und meinte:

Es brennt die Hütte und es würde noch Stunden dauern, bis wir dran kämen. Da dachte ich mir kurzerhand, was soll’s, ich geh, stand mithilfe meines Sitznachbarn auf und wackelte in Richtung Ausgang. Der Arzt sah mir hinterher, pfiff mich laut zurück und sagte bestimmend: Sie kommen sofort mit mir durch! 

Von diesem Moment an, ging alles sehr schnell. Ich bekam sofort einen Zugang gelegt. Einen Fragebogen unter die Nase geschoben und wurde auf direktem Weg zum MRT bugsiert. Endstadium MS war der Verdacht des jungen Arztes.  Ich wurde über zwei Stunden ins Gerät hineingeschoben, wieder hinausgeschoben, wieder hineingeschoben und wieder hinausgeschoben. Im Hintergrund ging die Tür ständig auf und wieder zu. Andere Ärzte kamen hinzu, einige gingen wieder. Sie diskutierten unentwegt. Die Stimmung im Raum war angespannt. In der Röhre, während meiner dritten Untersuchung habe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder gebetet:

Lieber Gott, sollte es Dich wirklich geben, dann lass es keine MS sein. So möchte ich nicht sterben. Gott hatte mich zumindest in diesem Punkt erhört.

Danach folgte das große Warten. Ich saß im Flur der Notaufnahme, sah den Patienten, Pflegern und Ärzten zu

und wartete. Ich wartete. Und wartete. Und wartete ….

Dass ich nicht mit einem blauen Auge davon kommen würde, war klar.
Der nette junge Arzt hatte letztendlich die Aufgabe erhalten, mir meine Diagnose mitzuteilen. Es gab keinen angemessenen Raum in der Notaufnahme, um mit mir die Diagnose zu besprechen, wofür er sich mehrfach entschuldigte. (Gibt es so was überhaupt, einen angemessenen Raum, für die Übermittlung beschissener Diagnosen?) Daher saßen wir im Aufenthaltsraum der Ärzte vor einem Computer. Sein Einstiegssatz war, es ist keine MS, das sei schon einmal eine sehr gute Nachricht. ABER! (….) Ist schon komisch, was man über Jahre an Erinnerungen gespeichert hat. Ich kann mich noch an die Schuhe im Schrank hinter mir erinnern und könnte beschreiben, wie sie alle aussahen, welche Farbe sie hatten, wie abgenutzt das eine Paar Schuhe war und wie neu das andere. Ich habe die Frauenschuhe von den Männerschuhen unterscheiden können  und stellte mir vor, wie später die Eigentümer der Schuhe hier hineinkommen würden, um  ihre Schuhe zu tauschen und in die Feiertage gehen würden.
Aber was der Arzt mir da erklärte, daran kann ich  mich Null erinnern. Anhand des Bildes auf dem Computer erklärte mir der Arzt die spezielle Lage meines Tumors am Stammhirn.

Ich sah nur einen Bonsai-Blumenkohl, was völlige Einbildung gewesen sein muss.

Denn mein Tumor wuchs länglich den Halswirbel hinunter. Er meinte zudem, er könnte bei dieser Größe des Tumors fast sicher sagen, dass er gutartig sei, was zumindest eine gute Nachricht sei. Seine Kollegen auf der Neurochirurgie würden mir die Diagnose noch genau erläutern und mit mir besprechen, wie es weitergeht. Ob ich noch Fragen hätte.
Meine einzige Frage, die ich hatte, eigentlich war es eher eine Feststellung, war:

ICH BIN NICHT IRRE?!?!

Eine übergroße Erleichterung brach über mich herein, denn ich war gar nicht irre. Alle hatten sich getäuscht. Dieser blöde Blumenkohl war an allem Schuld. ICH WAR NIE IRRE! Ich fühlte die ganzen Jahre richtig. Ich war richtig.

Nach dem Gespräch saß ich wieder auf dem Flur und wartete. Niemand wusste so recht, wie es jetzt weitergehen sollte. Nur ich wusste ganz genau, dass ich nicht nach Hause gehen werde. Einmal ging ich raus und stand auf einer Wiese im Grünen. Ich rief mit dem Handy eine alte Liebe an und sagte:

Hey, ich habe einen übergroßen Gehirntumor und werden voraussichtlich bald sterben. 

Beendete das Gespräch, ohne eine Antwort abzuwarten und  ging wieder zurück in die Notaufnahme (nett war das wirklich nicht von mir – aber irgendwie nötig). Ich saß wieder im Flur auf einem Stuhl, extra für mich geholt und hatte darüber nachgedacht, wie beschissen es für einen jungen Arzt sein muss, einer Patientin so eine Diagnose zu übermitteln, und fragte mich, ob die das im Studium lernen. Und dann! Ganz plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzeinschlag. Vielleicht war es auch wieder einer meiner neurologischen Ausfälle. Jedenfalls wurde ich in einem separaten Raum auf einer Liege wach. Von diesem Moment an, konnte ich für Stunden nicht mehr aufhören zu heulen. Kein Beruhigungsmittel half.

Gegen 24:00 Uhr, nach 16 Stunden in der Notaufnahme bekam ich ein Bett auf der Neurochirurgie.

Schau nicht runter! Spring!

In meinem Leben bin ich nur ein einziges Mal real von einem Zehn-Meter-Brett ins kalte Wasser gesprungen. Vielleicht war es auch nur das Drei- oder Fünf-Meter-Brett. Es war jedenfalls sehr hoch aus der Perspektive einer 11-Jährigen. Ich stand dort oben am hintersten Ende des Brettes (hinter mir drängten bereits die anderen Kinder auf der Leiter) und wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Sich zurück durch die drängenden Kinder quetschen und wieder die Leiter hinuntergehen, was nur Rückwärts möglich war und ziemlich albern aussah?

Aufgeben?

Panik machte sich breit, denn ich hielt alle auf. Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, wusste aber, ich muss es tun. Das war so eine innerliche Gewissheit. Egal wie: Mach es einfach! Also tat ich es. Ich lief einfach los, vergaß mir die Nase mit dem Zeigefinder und Daumen zuzuhalten, den Mund zu schließen, die Arme eng an den Körper zu schmiegen, um so kerzengerade wie möglich ins Wasser zu springen. Ich hatte alle Anweisungen meines Lehrers komplett vergessen. So sprang ich im vollen Galopp ziemlich ungelenk mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mund einfach hinunter ins kalte Wasser. Ich spüre heute noch den harten Aufprall darauf, was echt weh tat, sodass ich völlig geschockt erst einmal wie ein Stein unterging. Mein Kopf füllte sich durch Nase und Mund mit brennendem Chlorwasser. Ich schluckte alles herunter, bis ich damit vollkommen voll war. Krebsrot am gesamten Körper durch den Aufprall und mit dem viel zu viel verschluckten Chlorwasser in meinem Magen, tauchte ich nach gefühlten Stunden prustend und um mich schlagend wieder auf. Meine Klassenkameraden sowie die anderen Schwimmbadbesucher fanden meine Vorstellung extrem lustig. Mein Lehrer weniger. Er half mir mit einer Stange an den Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und schimpfe lautstark mit mir rum. Nein! Für mich war das kein Spaß. Keine Heldentat. Es war einfach nur der reinste Horror.

Gerne hätte ich mich panisch heulend an die Brust des Lehrers geschmissen und Trost eingefordert, aber er ergoss nur sein Geschimpfe und sein Entsetzen über mich. Damals habe ich gelernt, verlass Dich auf niemanden.

Im übertragenen Sinne stand ich in den letzten 10 Jahren oft am Ende eines Zehn-Meter-Sprungbretts, allerdings mit dem Unterschied, dass sich hinter mir ein geschlossenes Gitter befand, welches den Weg für die Treppe nach unten versperrte. Im Becken befand sich kein Wasser. Ein ziemlich harter und vielleicht tödlicher Aufprall war mehr als gewiss. Es gab keinen Ausweg, sondern nur die Entscheidung:

Spring! Niemand hätte anstelle von mir springen können.

Niemand hätte es für mich tun wollen oder können.

Bis zum 8. Mai 2010 verharrte ich schon einige Zeit da oben auf dem Brett, absolut nicht bereit für den Absprung.

Hoffte insgeheim darauf, dass sich alle meine Probleme in Luft auflösen. Oder ich mich einfach in Luft auflöse.

An diesem Samstag lehnte ich inDüsseldorf mit dem Rücken an einer Hauswand und wartete auf den Fahrer, der mich in Hamburg abgeholt und mich mit nach Düsseldorf genommen hatte. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich kann mich heute noch an das Plakat erinnern, auf dem die Nacht der Museen für den 8. Mai angekündigt wurde. Ich dachte: Heute ist Nacht der Museen. Nächstes Jahr gehst Du hin! Was ich in diesem kleinen unbeobachteten Moment tat: Ich sprang! Es gab kein Aha-Erlebnis, sondern nur eine leise wissende Stimme in mir, die sagte:

Ich bleibe hier! Was auch kommen mag, Hamburg ist vorbei.

In diesem Moment wusste ich es einfach, obwohl ich dazu überhaupt keinen Bock hatte. Oder gar eine Perspektive, geschweige einen Job oder eine Wohnung.

Mein Leben war in Hamburg. Kurt, mein unentdeckter Hirntumor am Stammhirn noch an seinem Platz und teilte sich fröhlich und unaufhaltsam heiter weiter in meinem Kopf. Ich blieb! Ich ging kurz darauf nur noch zurück nach Hamburg, um dort mein Leben aufzulösen.

Genau ein Jahr später, am 8. Mai 2011 wurde ich auf der Intensivstation in der Düsseldorfer Uniklinik wiederbelebt. Ich hatte am 04. Mai die 18-stündige OP nicht wirklich überlebt. Die OP musste abgebrochen werden. Der halbe Tumor blieb dort, wo er war. Mein Hirn schwoll an. Es gab Blutungen und einen Hirnschlag. Mein Herz setze für einige Zeit aus. Wie und ob es mit mir weitergehen sollte, wusste niemand. Abwarten!

Obwohl ich überhaupt keinen Bock auf eine Zukunft als Behinderte hatte oder als Mitbewohnerin in einer Beatmungsgerät-WG enden wollte, auf einen Tod auf dem OP-Tisch gesetzt hatte, entschied diesmal mein Körper für mich. Er sprang, weil mir der Mut und die Zuversicht dafür fehlten. Er entschied sich für das Leben. Mein Herz fing wieder an zu schlagen. Die Ärzte gewährten mir eine Verschnaufpause und versetzten mich ins künstliche Koma, bevor der Horror meines zukünftigen Lebens der nächsten 9 Jahre beginnen konnte.

2010 – 2020: TOP 10

 

🙁

1. Meningeom am Stammhirn
2. Stempel Psycho
3. Drehschwindel
4. Heimat- und wohnungslos / vollkommen pleite
5. Sie werden nie wieder laufen können
6. Hartz 4
7. Sie haben beidseitigen Brustkrebs
8. Wir empfehlen Ihnen eine adjuvante Chemotherapie
9. Panikattacken und Flashbacks
10. Düsseldorf

🙂

1. Sonnenaufgänge, die ich vom Bett aus sehen kann
2. Schlampentage
3. Lanzarote | Italien
4. Fantastic Five
5. Eiscafé am Dreieck
6. Mein erster Lachanfall über meine bescheuerte Frisur
7. Piaggio Ape
8. Dr. Chhadeh | Jens-Peter Kruse
9. Körbchengröße 75 b
10. Düsseldorf

Der Lauf

Für jedes Lebensjahr einen Kilometer

 

war mein Motto.

Am 04.05.21 lief ich 10 km. Freund haben mich dabei unterstützt und für mich an die Deutsche Hirntumorhilfe gespendet. Es kamen über 1.100,00  EUR an Spenden zusammen.

Meine Probenläufe:

Im Frühjar 2020  habe ich an einem virtuellen Lauf gegen Brustkrebs teilgenommen und
am 26.04.20 an einen  virtuellen Spendenlauf (Corona) der Deutsche Hirntumorhilfe:

Der Aufruf:
„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens
30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum,
Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … .

Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien
der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte
Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen

Sie die Mitmachaktion mit Ihrer Beitrag auf das Spendenkonto der
Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen.

Es lautet: „LM 2020″

Online-Spende (Spendenkonto Deutschen Hirntumorhilfe: Sparkasse
Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020“)

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften
Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla: 8,3 km
Gabi: 7,1 km
Petra: 7,1 km

Es hat uns allen viel Spaß gemacht.

 

 

„I sit | I just sit!“

Blogeintrag Mai 2019:

Momentan stecke ich fest. Ich habe nach über einem Jahr bald meine Therapie, auch Teil 2 geschafft. Meine Haare sind soweit wieder da und wachsen lockig vor sich hin. Ich beginne irgendwie chaotisch und stolpernd mein neues Leben. Ehrlich betrachtet bin ich die meiste Zeit überfordert und heule ständig los. Ich fühle mich nicht, wie ein Mensch, der ein Jahr lang eine schwierige Krebstherapie durchgezogen hat,

 

sondern wie ein Fisch im See, der kein Wasser mehr hat. Ich bin wie die Hilfe suchenden Fische, die sich im Schlamm winden und mit aufgerissenen Augen und ihren großen offenen Mäulern nach Luft japsen.

Habe ich mal in einer Doku gesehen. In dieser Dokumentation kamen zum Glück erst kleine Tropfen und dann dicke, bis endlich der erlösende lang anhaltende Regenguss kam. Auch, wenn es in diesem Zusammenhang kontraproduktiv erscheint. Ich hätte so gerne einen Sommer mit Sonne und Dürre, mit sehr viel Sonne und sehr viel Dürre, wie im letzten Jahr. Und noch ein bisschen mehr Sonnenschein obendrauf. Sonne ist mein lang anhaltender Regenguss. Vielleicht bin ich auch einfach eine Blume, die Sonne braucht und sich dieser entgegenstreckt oder so. In Metaphern war ich nie so richtig gut.

Meine seit Jahren von dem Leben aufgedrückte Lebensphilosophie lautet:

Zurück auf Anfang.

Egal, was ich mir vornehmen, ich lande am  Ausgangspunkt von vor 10 Jahren. Wieder falsch gewürfelt, nicht auf der Parkstraße gelandet und obendrauf die falsche Ereigniskarte gezogen:

Gehen Sie zurück auf Los! Gehen Sie direkt dort hin, ziehen sie keine 4.000,- DM – heute bestimmt 2.000 € ein.

Ich war nie gut bei diesem Spiel und ständig pleite oder im Gefängnis.

Ich setze jetzt einfach mal auf den Film: „Und täglich grüßt das Murmeltier.“  Darin wurde ja auch alles gut. Bill Murray musste ja auch ständig auf Anfang und trotzdem hat er sein Leben geändert bekommen, sodass er zum Schluss doch noch sein Lebensglück gefunden hat.
Grönemeyer singt gerade im Radio vom Sekundenglück, draußen ist es wegen Feiertag totenstill und zu allem Überfluss  regenreich und windig.

Hey, her mit dem schönen Leben,

von denen immer – ich nenne sie neuerdings Ex-Freundinnen und /-Freunde – sprechen, wenn sie mir – für sie echt blöd – über den Weg laufen:

„Genieße jetzt das Leben mal so richtig!“ Joa! „Lass es Dir jetzt richtig gut gehen!“ Klaro! „Mach was Schönes!“ Joa! „Du siehst gut aus!“ Klar doch! Was sonst.

Niemand dieser Freunde brachte über die Lippen: Hey wie geht es Dir? Wie ist es Dir ergangen? Möchtest Du einen Kaffee mit mir trinken? Kann ich Dir helfen? Kein Besuch im Krankenhaus oder später zu Hause.

In den letzten 10 Jahren ging mein  altes familiäres und freundschaftliches Umfeld mit diesen Fragen so sparsam um, dass solche Fragen gar nicht erst vorkamen. Diese Fragen wurden nicht einmal gedacht, sondern nur: Scheiße, auf diese Begegnung habe ich jetzt so gar keinen Bock. Oder, die hat ja immer was.

Während der Chemo und auch danach, keine einzige WhatsApp oder ein Anruf oder ein Hallo. Nur peinliche nicht gewollte Begegnungen. Ich habe mir während der Chemo gesagt, diese haut die böswilligen und falschen Zellen aus meinem Körper und ich schmeiße meine toxischen Freundschaften aus meinem Leben.
Und zum Glück gibt es neue tolle Menschen in meinem Leben. Ich sag‘s ja:  Ich setze auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Monopoly war nie mein Spiel gewesen.

Happy End!

Liebeskomödien enden mit einem Happy End:

In der Serie Sex And The City bekam Carrie Bradshaw  zum Schluss der Serie endlich ihren Mr. Big, der dann 25 Jahre später in der neuen Staffel gleich in der 1. Episode verstarb.

Meine Geschichte nahm einfach kein Ende. Ich stecke in einem nicht endend wollenden Drama fest. Ich blieb in der Hölle und nahm gleich den Aufzug weiter nach unten.
Okay, ich befand mich auch in keiner Liebeskomödie (der Vergleich hinkt völlig), obwohl der Beginn meiner Geschichte vielleicht danach aussah:

Sie kämpfe um ihr Leben, um danach in die Arme ihres Liebsten geschlossen zu werden

oder so ähnlich kitschig. Es gab halt keinen Liebsten, denn der verlebte zu dieser Zeit die glücklichste Zeit seines Lebens mit einer anderen ohne mich, wie er es mir später auch noch aufs Brot schmieren musste.

Der Kreuz 8 hatte ich die Stirn geboten. Der Fluch war vorbei.  Das hoffte ich zumindest und unglaublich gerne hätte ich ihn einfach ein ein oder zwei Personen, so wie im Staffellauf, weitergereicht.

Jetzt konnte laut Wahrsagerin das schöne 2002 von ihr vorausgesagte Leben  beginnen.
Schade, der Film wäre einfach zu schön gewesen. In der realen Welt war ich zwar Kurt, meinen Bonsai-Blumenkohl-Tumor (den ich blöderweise zwischen den beiden OP’s auch noch lieb gewonnen hatte) los. Mein Hirn suchte ständig nach Kurt  > das sei normal, meinte der Arzt< und vor lauter Sehnsucht, kippte auch noch mein Stammhirn leicht nach links in die Lücke, wo der größte Teil von Kurt vorher saß), aber ich schlich weiter wenig munter in der Hölle herum. Der Unterschied zu vorher war, dass ich  mehr körperliche sichtbare Einschränkungen als vorher hatte, obwohl das eigentlich unmöglich war. Und es gab keine Hoffnung auf Besserung. Ich lebte, so der Arzt. Das sei Wunder genug. Und das war ein Wunder!

Für mich ein unverhofftes saublödes Wunder.

Wie eine gewonnene Kreuzfahrt, die man nicht weiter verschenken darf. Bei meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn einfach nur toll. Mir hatte man etwas geschenkt, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ein Leben!

Kaum war ich zu Hause (ich hatte eine Reha nach meiner zweiten OP ausgeschlagen), passierte natürlich rein gar nichts. Ich hatten und fand keinen Platz  mehr in dieser Welt, nicht beruflich, nicht privat und gesundheitlich hatte ich gerade erst so halbwegs eine Katastrophe überlebt. Immer noch war ich aus meinem Leben gefallen. Die Probleme haben sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Dafür löste sich der kläglicher Rest  meines Freundeskreises zunehmend in Wohlgefallen auf. Alle um mich herum waren mit ihrem vorhandenen Leben beschäftigt und ich mit meinen körperlichen, seelischen und existentiellen Problemen schlichtweg lästig. Von einem annähernd normalen Leben war ich Lichtjahre entfernt und somit auch von meinem Umfeld. Wir lebten in Parallel-Universen, die verschiedener hätten nicht sein können.

Es wäre jetzt schon gemein zu sagen, ich erntete in den Jahren ausschließlich Desinteresse. Der Egoismus boomt! Nein, das war nicht so. Damals noch Fremde haben mit mir Kontakt gehalten und  geholfen. Menschen, die mich vorher gar nicht kannten.  Als ich vor dem existentiellen Ruin stand, meine Bank mir mein Girokonto kündigte und ich nicht wußte, wie ich die Miete zahlen soll, hatten sie mir Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt. Es gab auch eine sehr überschaubare Anzahl von den alten Freunden, die mich all die Jahre ausgehalten und ertragen, mich einfach nicht aufgegeben haben. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.

Aber was hatte ich denn erwartet?

Nichts haut einen mehr um, als falsche Erwartungen.

Ein Feuerwerk? Ja, echt jetzt! Wenn schon nicht tot, dann wenigsten ein Fest mit Feuerwerk.

So was in der Art hatte ich wirklich erwartet! Und ich hätte es  verdient. Blöderweise sah nur ich das so. Ich hatte absolut keinen Plan, wie es weitergehen sollte.

Die Jahre (2012 bis 2018) nach der OP  waren daher ein Sammelsurium von Tagen, mit dem immer gleichen Frage- und Antwortspiel:  Wie schaffe ich es heute? Irgendwie! Und wenn nicht, Du hast 50 kleine weiße Pillen und drei Brücken zur Auswahl!  Ich kam einfach nicht mehr hoch. Hatte ich eine Baustelle ein wenig unter Kontrolle, tat sich eine andere auf. Jahr für Jahr! Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

 Ich war  über all die Jahre ein Gänseblümchen auf einem riesengroßen Hundehaufen, was mit aller Kraft versuchte, den Kopf nicht hängenzulassen, um in der Scheiße zu ersticken.

Die Diagnose | Brustkrebs

8. April 2018:

Als ich von meinem Arzt die Diagnose ‚Beidseitigen Brustkrebs‘ , mit dem Vorschlag einer beidseitigen Brustamputation bekam und er im weiteren Gesprächsverlauf  zu den Therapien nach der OP überging, die in der Tumorkonferenz für mich beschlossen wurde, hörte ich bereits nicht mehr zu und meinte: Das Gespräch können wir abkürzen:

NEVER EVER! 
Ich kaufe mit jetzt eine APE und fahre solange damit durch die Toskana bis es nicht mehr geht und dann gebe ich mir die Kugel: SO MACH ICH DAS JETZT!!!

Daraufhin legte er seine Hand auf meine und sagte:

„Frau Bach, wir ziehen das jetzt hier gemeinsam durch und dann können Sie ab nächstes Jahr so lange mit ihrem APE durch die Toskana fahren, wie sie wollen. Meinetwegen ihr ganzes Leben!“

Ich war komplett sprachlos. Er nahm mir damit allen Wind aus meinen Segeln. Ich sah ihn einfach nur mit grossen offenen Augen an und er klärte mich in seiner ruhigen und menschlichen Art über die weitere Vorgehensweise auf. Ich vertraute ihm und habe es bist heute nicht bereut. Ohne seine Empathie gäbe es mich heute vermutlich nicht mehr.

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, bliebt jedoch mein Plan,. Dann eben ein Jahr später. Was ist schon ein Jahr? Dieser Plan brachte mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überleben und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter.

Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluß verpasst. Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen Darm Infekt erwischt hatte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul Auster Roman ‚Mond über Manhattan‘ gegen den Strom Menschen auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, frage ich mich:

Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken oder joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimierten mit der Ernährung ihren Körper. Sie fahren nicht einfach Roller Skate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. Sie kaufen nicht ein, sie shoppen.

Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte, heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los und ich fragte sie:

Was mache ich denn jetzt da draußen?

Wenn ich durch die Stadt gehe, frage ich mich wie schon so lange: Wo wollt ihr denn alle hin?

HALLO!
In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde.

DIe Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht ja gar nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Small Talk wird an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin und habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: Ein Leben auf der ständigen Überholspur. Immer am Anschlag. Und meinen, dass wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazu gehören? Will ich ständig und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Völlig frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio APE Kastenwagen zu machen? Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich irgendwann auch wieder ein Leben wagen.

 Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen Darm Infekt haben! So perfekt wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht! Und irgendwo wird es einen kleinen Platz Un-Perfekt schon für mich geben.

 

AUFGEWACHT!

07. Mai 2011

Auf den Tod hatte mich eingestellt und ich wäre friedlich, mit mir im Reinen von dieser Welt gegangen.  Nach dem Aufwachen war ich absolut nicht darauf vorbereitet, dass ich überlebet hatte. Zwar nur irgendwie, aber halt immer noch da.
Meine Abkürzung war eine weitere Talfahrt noch tiefer hinein in die Hölle. Ich weiß nicht, was ich in meinem alten Leben verbrochen hatte oder wie die Religion Schicksale mit Prüfungen von Gott erklärt, warum mir diese Prüfungen auferlegt wurden, damit ich ins Paradies komme. Ich wollte nicht ins Paradies. Ich wollte einfach NICHTS!

Ich möchte selbstbestimmt leben oder eben sterben. Und das hatte ich verpasst.

Daher möchte ich „da draußen“ jedem sagen: „Verfasst eine gescheite Patientenverfügung!“ Wir sollten selbst entscheiden können, ob wir weiterleben möchten, oder nicht. Für die erste OP hatte ich eine  spontane Patientenverfügung aus dem Internet. Es musste alles sehr schnell gehen und ich dachte eh, ich brauch sie nicht. Diese formlose und völlig nichts sagende Patientenverfügung hat mich 2 x  an einem Beatmungsgerät aufwachen lassen.

Klar, aus heutiger Sicht könnte man sagen, sie hat es ja gepackt. Mit einer detailgetreuen Patientenverfügung wäre sie jetzt tot. Ersten! Man weiß es nicht.  Zweitens! Innerlich habe ich diese Erlebnisse auf der Intensivstation bis heute nicht überlebt. Es gibt Erlebnisse, die sind in jede einzelne Zelle des Körpers gespeichert. Ich bin immer noch eine Geisel dieser Wochen auf der ITS. Flashbacks sind nur eine Erinnerung daran.

Ich weiß, niemand denkt gerne über Krankheit oder über die eigene Endlichkeit nach. Aber egal bei wem, es kommt dann doch immer völlig überraschend. Wenn ich neidisch auf die Gesunden bin und das kommt doch schonmal vor (gerade an ganz miesen Tagen),dann sage ich mir (es ist böse und klingt verbittert – aber ich finde es ist auch menschlich, da Schicksalsschläge einfach schrecklich ungerecht sind):

„Bis zur nächsten Vorsorge seid Ihr alle gesund!“ 

Niemand – absolut niemand weiß, was der Körper oder das Schicksal für einen bereithalten. Das Leben planen können, ist eine Illusion der Gesunden. Es trifft auch nicht immer die anderen.  Lasst nicht andere über Euch entscheiden! Nehmt Euren Freunden, Partnern, Eltern und den Ärzten solche schwierigen und sehr persönlichen Entscheidungen ab.

2015 – Vier Jahre später: Der Besuch auf der ITS.
Die Neurochirurgie ist mittlerweile in einem Neubau auf dem Unigelände gezogen. Die Patientenzimmer in dem alten Jugendstilgebäude standen deshalb 2015 leer. Als ich im Dezember an dem Projekt 30 Gedanken zum Tod teilnahm, war es mein  Wunsch, noch einmal an die Orte, die mich so nachhaltig geprägt hatte, zurückzukehren. Ich musste einfach noch einmal zurück an diesen Ort, auf diesen Balkon, der für mich die Magie nicht verloren hatte. Zudem versprach man mir, dass ich die alte Intensivstation nach dem Interview besuchen durften. Mittlerweile  wurde sie als ambulante Anlaufstelle für orthopädische Angelegenheiten genutzt. In meinem Intensivzimmer (das damalige Sterbezimmer) war die Annahmestelle dafür.

Ich war unglaublich aufgeregt, als ich die Intensivstation, die Hölle meines Lebens betrat. Alles hatte sich verändern, aber irgendwie auch nichts. Ich ging durch die Tür, die sich automatisch öffnet und wodurch die Krankenbetten mit den Patienten auf die Intensiv geschoben wurden. Sah in mein Zimmer und ging wieder durch den Besucherraum zurück. Und dann alles noch einmal. Und wieder umgedreht, um es noch einmal zu tun. Auf zwei Beinen, diesen Ort zu betreten und wieder zu verlassen und wieder zu betreten, um ihn wieder zu verlassen und alles noch einmal…

Volle Kraft voraus!!!!!

Nach meinem  ersten Training mit einem Profi-Lauftrainer war ich hoch motiviert. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es schaffen:

New York, 10 km und mein Leben.

Mir geht es nicht um den Wettbewerb beim New Yorker Marathon. Ich muss das einfach tun! Zum einem bedeutet mir die Stadt sehr viel (in den 90gern fast alles!) und zum anderen brauche ich das Gefühl an etwas ganz Großem teilzunehmen.

Ich laufe für mein neues Leben, um mein Leben und gegen die Angst, die viel zu oft noch schneller ist als ich. Ich möchte es mir einfach selbst beweisen, dass ich es schaffen kann: leben!

So wie ich es nach dem Gehirntumor geschafft habe, aufrecht zu gehen. Mein Problem dabei ist, meine Vorstellung über den Weg dahin (ich bin völlig werbeverseucht und stelle mir immer wieder vor, wie leichtfüßig ich die Runden drehen werde), dieser jedoch absolut und sehr weit entfernt davon sein wird.

Als Kulturmanagerin weiß ich, man muss sich auf jedes Projekt neu einlassen, um  auf alle Unwägbarkeiten (die 100 pro eintreten werden) reagieren zu können. Allen Widrigkeiten trotzten. Der Weg ist ein ständiger Abgleich mit der Realität.

Die erste Trainingswoche lag in der Woche meiner Antikörpertherapie, was leider echt blöde war, da  dieses Mal  auch noch mein rechter Oberschenkel anschwoll, in dem die Spritze gesetzt wurde. Sich Antikörper spritzen zu lassen, ist echt eklig. Ist das Mittel zu kalt oder wird zu schnell gespritzt, dann brennt das wie Bolle. Dieses Mal brannte das halbe Bein fast über zwei Tage hinaus. Also lief ich erst am Mittwoch los. Ich schaffte anstelle von 8 km, 6,5 km und hinkte mit dem geschwollenen Bein nach Hause. Am Freitag schaffte ich die vorgegebenen 10 km und am Sonntag sogar ganz knapp mit 11,96 km die 12 km Strecke.  Wenn ich hier vom Laufen schreibe, ist es in erster Linie Power Walking mit 3 x 5 Minuten Jogging dazwischen. Donnerstag und Samstag machte ich Yoga.  Damit hatte ich das geplante Programm, bis auf Radfahren durchgezogen. Ich war ein wenig stolz auf mich, obwohl ich wusste, ich hatte es ziemlich übertrieben für den Anfang. Wollte einfach zu viel auf einmal.

Sonntag bekam ich prompt die Quittung für meinen Übermut. Nach den 12 km war ich dermaßen platt, sodass gar nichts mehr ging.  Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch meinen unteren Rücken völlig verhakt und kam kaum noch die Treppe hinunter. Becken und Hüfte waren dicht und verdreht. Daran war ganz bestimmt das geschwollene und brennende Bein Schuld (späte Erkenntnis meines gesunden Menschenverstands). Nach 100 Metern ging es  nur noch omamäßig langsam vorwärts. Zwischen all dem, wie schleppe und hinke ich mich vorwärts,  knickte dann auch noch mein linkes Bein ohne Vorankündigung weg, was bei mir sofort HIRNTUMOR-ALARM  auslöste. Wenn das Bein einfach so wie Pudding wegknickt, gerate ich aus dem mentalen Stand heraus in Panik. Sofort sind alte Erinnerungen geweckt und Hirn wie Körper in Alarmbereitschaft. Ich hatte es bereits nach der ersten Woche absolut versemmelt.

Meine zweite Trainingswoche bestand somit völlig ausgebremst aus Physiotherapie, Yoga und schwimmen. In der dritten Woche konnte ich schon fast wieder laufen, doch da kam die Hitze. Also wieder nur schwimmen und Yoga. Am Freitag der erste kleine Lauf. Samstag Yoga und am Sonntag wieder schwimmen. Mehr war nicht drin.

Am draufkommenden Montag erhielt ich meine letzte Antikörperspritze. Mit der großen Erleichterung: geschafft, endlich die Therapie beendet zu haben, überkam mich  die große Lethargie. Diese Woche hätte ich so schön laufen können. Kein dickes Bein, keine Hitze aber dafür Freunde treffen, Bücher lesen, Rom buchen und Italien Reiseführer lesen. Kekse und Törtchen essen und dazu Kaffee trinken. Nebenan mit der Katze spielen. Sie liebt meine neuen Locken (mit denen ich mich nicht so recht anfreunden kann) und streicht vorsichtig mit ihrer Pfote dadurch.
Ich schäme mich ein wenig, da ich doch so Großes vorhabe und schon nach einer Woche Training den Totalausfall hinlege. Dazu aktuell völlig unmotiviert nix tu, was mir aber echt Spaß macht.
Nächste Woche bin ich in meiner alten Heimat Hamburg. Dort kenne ich mich gut aus, also habe ich keine Ausrede, die gegen die Fortsetzung meines Lauftrainings spricht.

Am Sonntag mache ich mir einen neuen Plan. Ich schaffe das!