Meine Geschichte beginnt im Frühjahr 2002 in einem Zelt auf einem Trödelmarkt mit einer Kreuz 8!
Ein Jahr vorher lernte ich meinen heutigen Ex-Mann kennen, an dem Tag, als meine Galerie-Partnerin und ich vor unserer letzten gemeinsamen Ausstellungseröffnung standen. Von einem Wettbewerb mussten noch einige Künstler ihre Werke abholen und das wollte meine Partnerin übernehmen. Denn ich wollte am nächsten Tag in Urlaub: URLAUB!!! Jedoch bestand mein Ex darauf, was mich unglaublich genervt hatte, dass ich ihm seine Skulptur, die er für diesen Wettbewerb eingereicht hatte, am Tag der Ausstellungseröffnung persönlich zurückgeben sollte.
Ein Jahr später – im Frühjahr 2002 – zog ich zunächst zu ihm nach Hessen. Wir wollten testen, ob das mit uns klappt, und wenn ja, dann wollten wir gemeinsam in unsere Wahlheimat Hamburg ziehen. Eine neue und glückliche Zukunft stand vor der Tür. Ich war gut gelaunt.
Kurz vor meinem Umzug ging ich mit meiner Freundin über unseren Trödelmarkt. An diesem Tag war DIE WAHRSAGERIN dort und sie wollte sich unbedingt die Karten von ihr legen lassen. Sie freute sich schon wochenlang darauf. In einem nach Moschus riechenden Zelt saßen wir mitten in einem Wahrsagerin-Klischee der Wahrsagerin an einem Tisch gegenüber. Meine Freundin neben mir wurde unruhig und rutschte auf ihrem Stuhl laut hin und her und reichte der Wahrsagerin das Geld. Schnell sagte sie, sodass ich es gar nicht begriff: Meine Freundin (also ich) möchte heute die Karten gelegt bekommen. Was meine Freundin in diesem Moment geritten hat, weiß ich bis heute nicht. Sie wollte plötzlich nicht mehr, aber hey, es war schon bezahlt.
Die Wahrsagerin streckte mir daraufhin die Karten entgegen und forderte mich auf, welche zu ziehen, was ich auch völlig überrumpelt tat. Die Stimmung kippte und wurde zunehmend bedrohlicher. Das Zelt wurde eng und stickig. Der schwere Moschusgeruch verursachte Übelkeit.
Und da lag sie! Die Kreuz 8!
Gleich kam auch die Erläuterung der Wahrsagerin:
Sie werden eine schwere Krankheit erleiden, und sollten sie diese überleben, dann fängt ihr Leben an.
DARF MAN DAS?!?!?!? , fragte ich in Gedanken meine Freundin und schaute sie dabei vollkommen fassungslos und überfordert an.
Draußen – vor dem Zelt – stieß meine Freundin einen riesengroßen Seufzer der Erleichterung aus. Sie war noch einmal davongekommen, jedoch hatte ich dafür urplötzlich und gänzlich unerwartet eine Kreuz-8-Zukunft.
Ich konnte diesen Fluch wochenlang nicht abschütteln. Egal was ich machte, immer wieder war sie da, die Kreuz 8. Ich ging in Düsseldorf und auch später in ganz Hessen in Buchhandlungen, und Esoterik-Läden oder suchte im Internet etwas Erfreuliches über die Kreuz 8. Alle Informationen, die ich dazu finden konnte, sagten das Gleiche aus: dass die Kreuzkarte (je höher die Zahl, desto beschissener) Trennung, Krankheit und Unglück bedeutet.
All die Jahre in Hamburg ist die Kreuz 8 dann endlich und völlig in Vergessenheit geraten. Esoterik war ohnehin nie so richtig mein Ding. Doch sie holte mich Jahre später wieder ein.
Im Rückblick scheinen solche Begegnungen immer bedeutungsvoll. Davon leben Wahrsagerinnen. Von den Zufällen des Lebens und wie wir sie dann besetzen.
Wäre mein Leben wie geplant verlaufen, dann hätte ich niemals mehr daran gedacht oder später über diesen Tag bei der Wahrsagerin mit Freunden gelacht.
Aber 2011, als ich auf der Intensivstation lag, war sie wieder da! DIE KREUZ 8 und ich dachte mir. Ja, damals begann mein Tumor bereits im Kopf zu wachsen. Dafür konnte die Wahrsagerin nichts. Aber konnte sie es wirklich schon sehen, was ich für eine Bombe im Kopf hatte? Ich weiß es nicht. Aber wenn ja, dann fängt nun MEIN LEBEN AN.
Als ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote war, konnte ich ganze 21 Tage bleiben. Da endlich alle Therapien ausgestanden waren und die nächste Nachsorge erst im März anstand, so auch über Silvester.
Gegen Mittag gehe ich bis heute meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinstem Raum, sogar Lanzarote-Salz, abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.
Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischer Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier bislang nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken. Zu Beginn meines Urlaubs gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorn. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder rasch und oftmals vollkommen unfreiwillig ins Gespräch. Später rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen möchten nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, über die ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Vergangenes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunde auf ziemlich schlechtem Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort in Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.
Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro bei mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später, genau an Heiligabend, nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist eine solche Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin gewesen war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde, meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie solle es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend machte: Sie und Essen stehlen?!? Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute aus unserem Hotel-Restaurant, die sie indessen mit sich bei 30 Grad herumschleppte. Darin hortete sie ihre Schätze, und jetzt hatte sie Angst, dass, wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer fände, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele Päckchen Butter und Marmelade, sowie mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst, in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren zwölf frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte: Wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.
Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die auf die eine oder andere Weise ausgehen, aber bei denen niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern. 🙂