Alle Artikel von Petra

Der Lauf

Für jedes Lebensjahr einen Kilometer 

war mein Motto.

Am 04.05.21 lief ich 10 km. Freund haben mich dabei unterstützt und für mich an die Deutsche Hirntumorhilfe gespendet. Es kamen über 1.100,00  EUR an Spenden zusammen.

Mein erster Probelauf:

Im Frühjahr 2020  habe ich an einem virtuellen Lauf gegen Brustkrebs teilgenommen und
am 26.04.20 an einem virtuellen Spendenlauf (Corona) der Deutschen Hirntumorhilfe:

Der Aufruf:
„Der virtuelle Startschuss erfolgt um 10:00 Uhr (wer kurz vorher oder nachher oder an einem anderen Tag teilnehmen will, kann dies selbstverständlich tun).

Idealerweise schickt Ihr uns dann Eure Daten bis spätestens
30.04.2020 an e.s.dunkel[at]online[dot]de: Vorname, Name, Datum,
Ort, Art der Teilnahme, erreichte cm/m/km, Bilder, Statements, … .

Veröffentlicht werden die einzelnen Aktionen in den digitalen Medien
der Deutschen Hirntumorhilfe. Eine namentlich anonymisierte
Veröffentlichung ist selbstverständlich möglich.*Bitte unterstützen.

Sie die Mitmachaktion mit Ihrem Beitrag auf das Spendenkonto der
Deutschen Hirntumorhilfe. Kennwort nicht vergessen.

Es lautet: „LM 2020.“

Online-Spende (Spendenkonto Deutsche Hirntumorhilfe: Sparkasse
Muldental / IBAN: DE38 8605 02001010 0369 00 / Kennwort: LM 2020″)

Jeder Schritt zählt. Meine Freundinnen und ich haben bei traumhaften
Wetter daran teilgenommen:

Adina: 7,0 km
Carla: 8,3 km
Gabi: 7,1 km
Petra: 7,1 km

 

„I sit | I just sit!“

Blogeintrag Mai 2019:

Momentan stecke ich fest. Ich habe nach über einem Jahr bald meine Therapie, auch Teil 2, geschafft. Meine Haare sind so weit wieder da und wachsen lockig vor sich hin. Ich lebe etwas chaotisch und stolpernd mein Leben. Ehrlich betrachtet, bin ich die meiste Zeit überfordert, vollkommen erledigt und heule ständig los.

So wie ein Hilfe suchender Fisch im See, mit wenig bis gar keinem Wasser, der sich mit weit aufgerissenen Augen und offenem Maul, nach Luft japsend und schnappend, im nassen Schlamm windet.

Habe ich mal in einer Doku gesehen. In dieser Dokumentation kamen zum Glück erst kleine Tropfen und dann dicke, bis endlich der erlösende, lang anhaltende Regenguss kam. Auch, wenn es in diesem Zusammenhang kontraproduktiv erscheint. Ich hätte so gerne einen Sommer mit Sonne und Dürre, mit sehr viel Sonne und sehr viel Dürre, wie im letzten Jahr. Und noch ein wenig mehr Sonnenschein obendrauf. Sonne ist mein lang anhaltender Regenguss. Vielleicht bin ich auch einfach eine Blume, die Sonne benötigt und sich dieser entgegenstreckt oder so. In Metaphern war ich nie so richtig gut.

Meine seit Jahren von dem Leben aufgedrückte Lebensphilosophie lautet:

Zurück auf Anfang.

Egal, was ich mir vornehme, ich lande am Ausgangspunkt von vor 10 Jahren. Wieder falsch gewürfelt, nicht auf der Parkstraße gelandet und obendrauf die falsche Ereigniskarte gezogen:

Gehen Sie zurück auf Los! Gehen Sie direkt dorthin, ziehen Sie keine 4000,– DM – heute bestimmt 2000 € ein. 

Ich war nie gut bei diesem Spiel und ständig pleite oder im Gefängnis.

Ich setze jetzt einfach mal auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Bill Murray wurde wiederholt auf Anfang gesetzt und trotzdem hat er sein Leben geändert bekommen, sodass er zum Schluss doch noch sein Lebensglück gefunden hat.
Grönemeyer singt gerade im Radio vom Sekundenglück, draußen ist es wegen Feiertag totenstill und zu allem Überfluss  regenreich und windig.

Hey, her mit dem schönen Leben, 

von denen immer – ich nenne sie neuerdings Exfreundinnen und /-Freunde – sprechen, wenn sie mir – für sie echt blöd – über den Weg laufen:

„Genieße jetzt das Leben mal so richtig!“ Jo! „Lass es Dir jetzt richtig gut gehen!“ Klaro! „Mach was Schönes!“ Jo! „Du siehst gut aus!“ Klar doch! Was sonst?

Niemand dieser Freunde brachte über die Lippen: „Hey, wie geht es Dir?“ Wie ist es Dir ergangen? Möchtest Du einen Kaffee mit mir trinken? Kann ich Dir helfen? Kein Besuch im Krankenhaus oder später zu Hause.

In den vergangenen 10 Jahren ging mein  altes familiäres und freundschaftliches Umfeld mit diesen Fragen so sparsam um, dass solche Fragen gar nicht erst vorkamen. Diese Fragen wurden nicht einmal gedacht, sondern nur: Scheiße, auf diese Begegnung habe ich jetzt so gar keinen Bock. Oder: Die hat immer was.

Während der Chemo und auch danach, keine einzige WhatsApp oder ein Anruf oder ein Hallo. Nur peinliche, nicht gewollte Begegnungen. Ich habe mir während der Chemo gesagt: Diese haut die böswilligen und falschen Zellen aus meinem Körper und ich schmeiße meine toxischen Freundschaften aus meinem Leben.

Und zum Glück gibt es neue, liebenswerte  Menschen in meinem Leben. Ich sag’s ja:  Ich setze auf den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Monopoly war nie mein Spiel gewesen.

Ein Feuerwerk für mich!

Liebeskomödien enden mit einem Happy End: 

In der Serie „Sex and the City“ bekam Carrie Bradshaw  zum Schluss der Serie endlich ihren Mr. Big, der dann 25 Jahre später in der neuen Staffel gleich in der 1. Episode verstarb.

Meine Geschichte nahm einfach kein Ende. Ich stecke in einem nicht enden wollenden Drama fest. Ich blieb in der Hölle und nahm gleich den Aufzug weiter nach unten.
Okay, ich befand mich auch in keiner Liebeskomödie (der Vergleich hinkt völlig), obwohl der Beginn meiner Geschichte vielleicht danach aussah:

Sie kämpfe um ihr Leben, um danach in die Arme ihres Liebsten geschlossen zu werden

oder so ähnlich kitschig. Es gab nun mal keinen Liebsten, denn der verlebte zu dieser Zeit die glücklichste Zeit seines Lebens mit einer anderen ohne mich, wie er es mir später auch noch aufs Brot schmieren musste.

Der Kreuz 8 hatte ich die Stirn geboten. Der Fluch war vorbei. Das hoffte ich zumindest, und unglaublich gerne hätte ich ihn einfach an ein oder zwei Personen, so wie im Staffellauf, weitergereicht.

Jetzt konnte laut Wahrsagerin das schöne, vorausgesagte Leben  beginnen.
Schade, der Film wäre einfach zu schön gewesen. In der realen Welt war ich zwar Kurt, meinen Bonsai-Blumenkohl-Tumor (den ich blöderweise zwischen den beiden OPs auch noch liebgewonnen hatte) los. Mein Hirn suchte ständig nach Kurt (das sei normal, meinte der Arzt, und vor lauter Sehnsucht, kippte auch noch mein Stammhirn leicht nach links in die Lücke, wo der größte Teil von Kurt vorher saß), aber ich schlich weiter wenig munter in der Hölle herum. Der Unterschied zu vorher war, dass ich mehr körperlich sichtbare Einschränkungen als vorher hatte, obwohl das eigentlich unmöglich war. Und es gab keine Hoffnung auf Besserung. Ich lebte, so der Arzt. Das sei Wunder genug. Und das war ein Wunder!

Für mich ein unverhofftes ungewolltes Wunder. 

Wie eine gewonnene Kreuzfahrt, die man nicht weiter verschenken darf. Bei meinem nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn einfach nur toll. Mir hatte man etwas geschenkt, womit ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ein Leben!

Kaum war ich zu Hause (ich hatte eine Reha nach meiner zweiten OP ausgeschlagen), passierte natürlich rein gar nichts. Ich hatte und fand keinen Platz  mehr in dieser Welt, nicht beruflich, nicht privat, und gesundheitlich hatte ich gerade erst so halbwegs eine Katastrophe überlebt. Immer noch war ich aus meinem Leben gefallen. Die Probleme haben sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst. Dafür löste sich der klägliche Rest  meines Freundeskreises zunehmend in Wohlgefallen auf. Alle um mich herum waren mit ihrem vorhandenen Leben beschäftigt und ich war mit meinen körperlichen, seelischen und existenziellen Problemen schlichtweg lästig. Von einem annähernd normalen Leben war ich Lichtjahre entfernt und infolgedessen auch von meinem Umfeld. Wir lebten in Paralleluniversen, die verschiedener hätten nicht sein können.

Es wäre jetzt schon gemein zu sagen, ich erntete in den Jahren ausschließlich Desinteresse. Der Egoismus boomt! Nein, das war nicht so. Damals noch Fremde haben mit mir Kontakt gehalten und geholfen. Menschen, die mich vorher gar nicht kannten. Als ich vor dem existenziellen Ruin stand, meine Bank mir mein Girokonto kündigte und ich nicht wusste, wie ich die Miete zahlen sollte, hatten sie mir Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt. Es gab auch eine sehr überschaubare Anzahl von den alten Freunden, die mich all die Jahre ausgehalten und ertragen, und mich einfach nicht aufgegeben haben. Dafür bin ich heute noch unendlich dankbar.

Aber was hatte ich denn erwartet? 

Nichts haut einen mehr um, als falsche Erwartungen.

Ein Feuerwerk? Ja, echt jetzt! Wenn schon nicht tot, dann wenigstens ein Fest mit Feuerwerk. 

So was in der Art hatte ich wirklich erwartet! Und ich hätte es verdient. Blöderweise sah nur ich das so. Ich hatte absolut keinen Plan, wie es weitergehen sollte.

Die Jahre (2012 bis 2018) nach der OP  waren daher ein Sammelsurium von Tagen, mit dem immer gleichen Frage- und Antwortspiel:  Wie schaffe ich es heute? Mehr oder weniger! Und wenn nicht, Du hast 50 kleine weiße Pillen und drei Brücken zur Auswahl! Ich kam einfach nicht mehr hoch. Hatte ich eine Baustelle ein wenig unter Kontrolle, tat sich eine andere auf. Jahr für Jahr! Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

 Ich war  über all die Jahre ein Gänseblümchen auf einem riesengroßen Hundehaufen, das mit aller Kraft versuchte, den Kopf nicht hängen zu lassen, um nicht in der Scheiße zu ersticken.

Und dann kam HER2 positiv.

Die Diagnose | Brustkrebs

8. April 2018:
Da saß ich wieder und ein Arzt hatte die Aufgabe, mir eine schwerwiegende Diagnose mitzuteilen: Beidseitiger Brustkrebs. Er ging direkt über in das Therapiegespräch: Brustamputation beidseitig. Nach dem histologischen Befund sehen wir weiter. Ab der Tumorkonferenz hörte ich auf zu denken und grätschte dazwischen.

NEVER EVER! 
Ich kaufe mir jetzt eine APE und fahre so lange damit durch die Toskana, bis es nicht mehr geht, und dann gebe ich mir die Kugel: SO MACH ICH DAS JETZT!!! GENAUSO!

Daraufhin legte er seine Hand auf meine und sagte:

„Frau Bach, wir ziehen das jetzt hier gemeinsam durch, und dann können Sie ab nächstem Jahr so lange mit Ihrem APE durch die Toskana fahren, wie Sie wollen. Meinetwegen ihr ganzes Leben!“

Ich war komplett sprachlos. Er nahm mir damit allen Wind aus meinen Segeln. Ich sah ihn einfach nur mit großen, offenen Augen an und er klärte mich in seiner ruhigen und menschlichen Art über die weitere Vorgehensweise auf. Ich vertraute ihm und habe es bis heute nicht bereut. Ohne seine Empathie gäbe es mich heute vermutlich nicht mehr.

Mit einem Piaggio APE 50 durch die Toskana, blieb jedoch mein Plan. Dann eben ein Jahr später. Was ist schon ein Jahr? Dieser Plan brachte mich durch meine Krebsdiagnose und die vielen Therapien. Ich brauchte in meinem italienischen Café oder auf meinem kleinen Hinterhofbalkon nur die Augen zu schließen und hörte das knatternde Geräusch, die Fehlzündungen und dann das Pöttern, wenn das Gerät fuhr. Und schon war ich in Italien. Wenn mich die Sehnsucht schmerzhaft packte, schaute ich mir auf der Internetseite Piaggio Commercial die verschiedenen Modelle an.

Obwohl die Idee Toskana über Monate mein Anker war, habe ich diese Reise in die Toskana bisher nicht gemacht. Ob ich sie nur verschoben habe? Ich weiß es nicht! Als alles vorbei war, kam erst einmal das ganz große Nichts. Ich war so damit beschäftigt, die Therapien zu überleben und damit, mein Leben auszumisten, dass – als es endlich vorbei war – nichts passierte. Die Erde drehte sich einfach weiter.

Alle um mich herum lebten ihr Leben wie gewohnt. Und ich steckte über Jahre in einem Leerlauf fest und hatte den Anschluss verpasst. Bis heute finde ich meinen Platz in dieser Welt nicht. Ich fühle mich, wie damals, als ich 1995 zum ersten Mal in New York war und mich ein Magen-Darm-Infekt erwischte. Ich schleppte mich wie Marco Stanley Fogg aus dem Paul-Auster-Roman ‚Mond über Manhattan‘ gegen den Strom Menschen auf der Fifth Avenue zum Central Park und wollte dort eine Bank finden und mich ausruhen. Einen ruhigen Moment im Grünen sitzen: Sonne sehen! Himmel und Wolken! Als ich da mit meinen Bauchkrämpfen saß und den Menschen zuschaute, fragte ich mich:

Wo wollen die alle so schnell hin? Gab es einen Bombenalarm? Sind Kriminelle hinter denen her? New Yorkerinnen und New Yorker gehen nicht, sie walken oder joggen. Sie essen nicht einfach ein Sandwich oder trinken gemütlich einen Kaffee, sie optimieren mit der Ernährung ihren Körper. Sie fuhren nicht einfach Rollerskate oder Rad, sie stellten Rekorde auf. New Yorker*innen kaufen nicht ein, sie shoppen.

Und mittendrin die Touristen in den Pferdekutschen. Mit aufgeladenen Akkus ist das super. Dann reißt New York einen mit, als gäbe es kein Morgen. Schwäche hingegen gilt nicht!

An so einem Tiefpunkt, wie 1995 auf der Parkbank im New Yorker Central Park, wurde ich im Juli nach meinen Therapien wieder ins Leben gespuckt. Als mir meine Onkologin sagte: „Heute ist ihr letzter Tag, wie schön! Ich konnte nicht anders und heulte los und ich fragte sie:

Was mache ich denn jetzt da draußen?

Wenn ich durch die Stadt gehe, frage ich mich wie schon so lange: Wo wollt ihr denn alle hin?

HALLO! 
In 100 Jahren leben nicht einmal mehr unsere Enkel auf dieser Erde.

Die Worte Stress, Spaß und Optimierung kann ich nicht mehr hören. In unserer europäischen Welt ist New York längst angekommen: Wer normal oder sogar noch krank ist, der ist raus. Der darf nicht mehr mitspielen.

Auf meiner Straße traf ich vor ein paar Tagen eine alte Freundin. Sie war, wie alle, im Stress. Was sonst? Wir haben mittlerweile 12 Monate im Jahr stressige vorweihnachtliche Ausverkauf-Stimmung. Die Eltern, der Freund, ihr Laden, die fiese Erkältung und damit ins Bett, geht nicht und überhaupt. Ich stand ihr nicht gerade aufmunternd gegenüber und meinte: Wie wäre es mit ein wenig Ruhe? In solch einem Moment werde ich immer mit großen Augen fassungslos und wortlos angestarrt: Wie bist Du denn drauf!!! Der Smalltalk wird an diesem Punkt in der Regel abrupt beendet, weil ein stressiger Termin ansteht. Mir wurde nach diesem Treffen schlagartig klar, wie privilegiert ich bin, und ich habe mich in Gedanken gefragt: Will ich so was überhaupt noch: ein Leben auf der ständigen Überholspur? Immer am Anschlag. Und meinen, das wäre auch noch cool? Möchte ich wirklich wieder dazugehören? Will ich konstant und überall abgelenkt von mir selbst sein? Ich bin frei. Vollkommen frei! Alle Altlasten sind entsorgt. Mein Leben ist geregelt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Aber auch Freiheit muss man können! Ich weiß nicht, wie lange ich jetzt noch um die Frage kreise: Ziehe ich einfach nach Lanzarote oder lerne ich doch Italienisch, um endlich meinen Toskana-Trip mit einem Piaggio-APE-Kastenwagen zu machen? Aber genauso wie ich 1995 mit meinen Bauchkrämpfen von der Bank aufgestanden bin und mich wieder über die Fifth Avenue zurück zum Hotel wagte, werde ich später auch wieder ein Leben wagen.

Auch New Yorker werden in ihrem Leben mal einen Magen-Darm-Infekt haben. So perfekt, wie die Welt mir scheint, ist sie vielleicht doch nicht. Und irgendwo wird es einen kleinen Platz unperfekt schon für mich geben.

Volle Kraft voraus!

Nach meinem  ersten Training mit einem Profi-Lauftrainer war ich mehr als motiviert. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es schaffen:

New York, 10 km und mein Leben. 

Mir geht es nicht um den Wettbewerb beim New Yorker Marathon. Ich muss das einfach tun! Zum einen bedeutet mir die Stadt sehr viel (in den 90ern alles!) und zum anderen benötige ich das Gefühl, an etwas ganz Großem teilzunehmen.

Ich laufe für mein neues Leben, um mein Leben und gegen die Angst, die viel zu oft noch schneller ist als ich. Ich möchte es mir einfach selbst beweisen, dass ich es schaffen kann: leben.

So wie ich es nach den beiden Gehirntumor-OPs geschafft habe, wieder gehen zu können. Mein Problem dabei ist, meine Vorstellung über den Weg dahin (ich bin vollkommen werbeverseucht und stelle mir vor, wie ich mit meinem Laufpartner schwatzend, leichtfüßig die Runden im Rheinpark drehen werde), dieser jedoch sehr weit davon entfernt ist, was meine Leistungen betreffen und von meinem 10-Kilometer-Ziel.

Als Kulturmanagerin weiß ich: Man muss sich auf jedes Projekt neu einlassen, um  auf alle Unwägbarkeiten (die 100 pro eintreten werden) reagieren zu können. Allen Widrigkeiten trotzten. Der Weg ist ein ständiger Abgleich mit der Realität.

Die erste Trainingswoche lag in der Woche meiner Antikörpertherapie, was gewiss eine Fehlplanung von mir war, da  dieses Mal  auch noch mein rechter Oberschenkel anschwoll, in den die Spritze gesetzt worden war. Sich Antikörper spritzen zu lassen, ist eindeutig nichts für Feiglinge. Pro Spritze dauert es eine halbe Stunde, bis die Antikörper in den Körper gelangen. Die Schwester sitzt einem gegenüber und spritzt das Mittel sehr langsam. Sind die Antikörper zu kalt oder wird zu schnell gespritzt, dann brennt es flächendeckend um die Einstichstelle herum wie in einem Hochofen. Dieses Mal brannte das halbe Bein fast über zwei Tage hinaus. Also lief ich erst am Mittwoch los. Ich schaffte anstelle von 8 km nur 6,5 km und hinkte mit dem geschwollenen Bein nach Hause. Am Freitag schaffte ich die vorgegebenen 10 km und am Sonntag sogar ganz knapp mit 11,96 km die 12-km-Strecke.  Wenn ich hier vom Laufen schreibe, ist es in erster Linie Power-Walking mit 3 × 5 Minuten Jogging dazwischen. Donnerstag und Samstag machte ich Yoga.  Damit hatte ich das geplante Programm, bis auf Radfahren durchgezogen. Ich war ein wenig stolz auf mich, obwohl ich wusste, ich hatte es ziemlich übertrieben für den Anfang. Ich wollte einfach zu viel auf einmal.

Sonntag bekam ich prompt die Quittung für meinen Übermut. Nach den 12 km war ich dermaßen platt, dass gar nichts mehr ging.  Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch meinen unteren Rücken völlig verhakt und kam kaum noch die Treppe hinunter. Becken und Hüfte waren dicht und verdreht. Daran war ganz bestimmt das geschwollene und brennende Bein schuld (späte Erkenntnis meines gesunden Menschenverstands). Nach 100 Metern ging es  nur noch humpelnd vorwärts. Zwischen all dem, wie schleppe und hinke ich mich vorwärts,  knickte dann auch noch mein linkes Bein ohne Vorankündigung weg, was bei mir sofort HIRNTUMOR-ALARM  auslöste. Wenn das Bein einfach so wie Pudding wegknickt, gerate ich aus dem mentalen Stand heraus in Panik. Sofort sind alte Erinnerungen geweckt und Hirn wie Körper in Alarmbereitschaft. Ich hatte es bereits nach der ersten Woche absolut versemmelt.

Meine zweite Trainingswoche bestand somit völlig ausgebremst aus Physiotherapie, Yoga und Schwimmen. In der dritten Woche konnte ich schon fast wieder laufen, doch da kam die Hitze. Also wieder nur Schwimmen und Yoga. Am Freitag der erste kleine Lauf. Samstag Yoga und am Sonntag wieder schwimmen. Mehr war nicht drin.

Am daraufkommenden Montag erhielt ich meine letzte Antikörperspritze. Mit der großen Erleichterung, endlich die Therapie beendet zu haben, überkam mich  die große Lethargie. Diese Woche hätte ich so schön laufen können. Kein dickes Bein, keine Hitze, aber dafür Freunde treffen, Bücher lesen, Rom buchen und Italien-Reiseführer lesen. Kekse und Törtchen essen und dazu Kaffee trinken. Nebenan mit der Katze spielen. Sie liebt meine neuen Locken (mit denen ich mich nicht so recht anfreunden kann) und streicht vorsichtig mit ihrer Pfote dadurch.
Ich schäme mich ein wenig, da ich doch so Großes vorhabe und schon nach einer Woche Training den Totalausfall hinlege. Dazu aktuell gänzlich unmotiviert nichts tun, was mir aber echt Spaß macht.
Nächste Woche bin ich in meiner alten Heimat Hamburg. Dort kenne ich mich gut aus, also habe ich keine Ausrede, die gegen die Fortsetzung meines Lauftrainings spricht.

Am Sonntag mache ich mir einen neuen Plan. Ich schaffe das!

Mein Scheiß-Bonsai-Blumenkohl.

Vor der OP saß ich oft auf dem wunderschönen großen Balkon in dem alten Jugendstilgebäude, der die Patientenzimmer der Neurochirurgie miteinander verband. Wir hatten für Ende April milde Frühlingstage und die meisten Patienten saßen am Tag draußen. Ich stellte mir immer wieder vor, hinter den Bäumen, auf die wir schauten, ist das Meer.

Vielleicht noch ein einziges Mal ans Meer, die Wellen an den Füßen spüren oder Italien leben.

Afrika. Ja, Afrika wollte ich in diesem Leben sehen. 

Aber ansonsten war ich mit  meinem Leben rund. Ich war 47 Jahre alt und konnte mich von dieser Welt ohne Groll verabschieden. Mir fiel der Roman von Peggy Guggenheim  „Ich habe alles gelebt“ ein. Natürlich hatte ich nicht so ein buntes und abwechslungsreiches Leben wie sie, aber ich habe mich wie sie nie von anderen abhalten lassen und habe mein Leben gelebt, so wie ich es für richtig hielt.

Dachte ich an meinen Bonsai-Blumenkohl im Kopf, kam mir der beginnende Satz „Ich hatte eine Farm in Afrika“  aus Jenseits von Afrika in den Sinn. Für mein Leben übersetzt (ein wenig platt, ich weiß): Ich hatte einen Tumor in meinem Kopf. Leider wäre mein Film nicht so romantisch verlaufen und ein Robert Redford würde bei mir auch nicht vorbeischauen.  Allerdings konnte ich  hier in der Klinik eine echt gute Alternative zu Dr. Derek Shepherd aus Grey’s Anatomy vorweisen.

Obwohl Osterfeiertage waren und die meisten Ärzte in Urlaub, musste schnell eine Entscheidung her. Und wieder ein sehr junger Arzt (bestimmt die Ostern-Notbesetzung) erläuterte mir über eine Stunde meine brenzlige Situation, zeigte mir auf den Bildern, den von mir eingebildeten Bonsai-Blumenkohl (ich sah immer noch diesen Blumenkohl und nicht meinen realen Tumor) und sagte: „Es ist wirklich ein Wunder, dass Sie überhaupt hier sitzen. Die Größe Ihres Tumors findet man bestenfalls in der Pathologie. Vielleicht noch zwei oder drei Monate oder ein halbes Jahr, wenn Sie sich gegen eine OP entscheiden. Sie werden letztlich ersticken. Ich denke, da kam noch etwas an Erklärung vorher. Aber ich habe innerlich dichtgemacht und es einfach verdrängt.
Sollten Sie keine OP wollen, schicke ich Ihnen nach Ostern den Sozialdienst vorbei und wir finden ein schönes Pflegeheim oder Hospiz für Sie.

Mit einer OP haben Sie eine Überlebenschance von 20 %. Dass Sie die OP ohne schwere Behinderungen überstehen, liegt bei ca. 10 %, so der junge Arzt weiter.  Das Gespräch war sachlich, menschlich, mitfühlend, unsicher, was es für mich nicht leichter machte. Dadurch wurde es real.

Er meinte es wirklich sehr ernst. Das war hier keine Psycho-Nummer, wie in der Vergangenheit.

Ich brauchte keine Bedenkzeit für eine Entscheidung. Für mich war sofort klar, dass ich die Abkürzung nehmen werde. 3 Monate, niemals! Ich stimmte der OP ohne ein Zögern zu.

Nach diesem Gespräch – was hatte ich erwartet? Hey Sorry, Sie sind doch ein Psycho? – saß ich  vollkommen losgelöst und entspannt auf dem Balkon der Klinik. Um mich herum die laue Luft und der vielversprechende Frühlingsanfang. Ich schaute stundenlang auf die Bäume. Sie wiegten sich im Wind, trugen zarte Knospen, und ich dachte dabei: Wie schön kann die Welt, das Leben doch sein. Es war ein wunderbarer Zustand, den ich seit Jahren nicht gehabt hatte.

Aber die Wut brodelte weiter in mir. Urplötzlich explodierte der innere Vulkan und  Schwalle von Lava-Wut quollen aus mir heraus. Mental brach ich völlig auseinander, saß zusammengesunken auf meinem Stuhl. Pfleger kamen, sprachen mich an, setzten sich neben mich, spendeten Trost und gaben mir Tavor. Ich war so unfassbar wütend auf mein Leben, auf die  arroganten und wissenden Ärzte (9 Neurologen, 7 praktische Ärzte, 3 Orthopäden) sowie auf die vollkommen überteuerten und überschätzten „Sie-müssen-schon-mitmachen-wenn-ich-Ihnen-helfen-soll-Alternativ-Idioten“  (3 Heilpraktiker, 5 Homöopathen,  2 Heiler, Jin-Shin-Jyutsu-Anbieter und was ich sonst noch alles ausprobiert habe) im Vorfeld, auf alle, die mich abgestempelt und damit verraten und im Stich gelassen hatten. Aus mir etwas gemacht haben, was ich gar nicht war: eine Vollidiotin.

In Gedanken brüllte ich sie alle an, schlug auf sie ein und trat sie. Das Lied „Mitten in die Fresse rein“ von den Ärzten hörte ich, rauf und runter. Es half nichts.
Zu der Wut gesellte sich tiefste Verzweiflung. Ich hätte alles dafür gegeben, wenn ich in diesem Moment einfach gestorben wäre. Schluss, aus, tot!

Die Wut wurde in den nächsten Monaten meine größte Verbündete. Sie war stärker als die Verzweiflung und mein ICH WILL NICHT MEHR! Aber ich musste damit irgendwohin.

Ich sprach mittlerweile nur noch in der Scheißsprache. Alles fing mit Scheiß an:
Scheißessen, Scheißgang, Scheißleben, ohnehin alles Scheiße. Wohin nur mit dieser Wut? Er, der Scheißtumor, hat mir all das in den vergangenen Jahren eingebrockt. Und auf ihn war ich wirklich wütend. Nur wie schreit man mutierte Zellen an? Oder tritt sie?

Ich vermenschlichte meinen Scheiß-Bonsai-Blumenkohl, gab ihm den Scheißnamen Kurt. 

Stellte mir vor, dieses Geschöpf sitzt gemütlich an meiner Leitstelle und macht mir das Leben zur Hölle. Er würde sterben, das stand außer Frage, denn er war eine reine Scheiß-Selbstvernichtungsmaschine. Mein langjähriger schmarotzender und sich breitmachender Untermieter Kurt würde mich mit in den Abgrund ziehen. Das war klar. Aber wir mussten ja noch ein paar Tage bis zur OP miteinander aushalten.

Kurt, der blöde Arsch, und ich. 

Ich nahm mir vor, dass ich es ihm nicht leicht machen würde, diesem Scheiß-Arsch. Hatte ich Angst? Ja, ich hatte eine Scheißangst.

 

Wenn das Leben andere Pläne mit Dir hat.

Der Lebensentwurf meines heutigen Ex-Mannes und von mir platzte am 3. Juni 2004. Geheiratet hatten wir am 21.05.2004. Wir hielten bis 2009 durch.

Voller Ideen, Pläne und Vorstellungen, jedoch unfassbar naiv und größenwahnsinnig, zogen wir Ende 2002 nach Hamburg. Wir fühlten uns wie Pioniere. Neun Monate später, am 6.09.2003, eröffneten wir unsere SkulpturenLandschaft mit über 30 tonnenschweren Skulpturen auf 6 Hektar Wiesenfläche in Hamburg-Reitbrook.

Im September 2004 zogen wir mit all den Skulpturen an einen anderen Standort, an dem einige Skulpturen heute noch stehen. Ein solcher Skulpturenpark kostet so unglaublich viel Zeit, Geld und Kraft. Ich weiß bis heute nicht, wie wir die Skulpturenlandschaft und darüber hinaus unsere Existenz all die Jahre ohne öffentliche Zuschüsse, Spenden oder Rücklagen aufrechterhalten haben. Im Prinzip lebten wir ständig auf Kante.

Wir waren die Neuen in Hamburg, aber auch alle anderen (Familie und Freunde) schauten kopfschüttelnd zu:

Schaffen die das? Es wurden bestimmt Wetten abgeschlossen, aber ich denke, niemand hat auf uns gewettet.

Am Tag unserer Hochzeit waren wir voller Zukunftspläne. Wir hatten unsere Wahlheimat gefunden. Der Skulpturenpark hatte einen neuen Standort, mein Ex-Mann ein Atelier. Wir kamen in unserer Stadt Hamburg an und wollten eine kleine Familie gründen. Wir heirateten bereits zu dritt. Lily-Mathilda war unterwegs. Alles passte. Er, der Bildhauer, und ich, die Kulturmanagerin. Wir hatten sogar ein wenig Promistatus erreicht. Es war nicht einfach, aber meins. Ich habe es geliebt.

Mitte März 2004 zeigte sich der Tumor zum ersten Mal.
Ich wachte nachts auf und der ganze Raum war schief. Es gab kein Oben, kein Unten, keine Ecken und Kanten. Zuerst dachte ich, ich träume noch. Ich wollte aufstehen, trat ins Leere. Ich wollte mich festhalten, doch da war nichts. Drehte ich meinen Kopf, drehte sich alles. Ich fiel hin und robbte auf alle Viere aufs Sofa. Mein Ex-Mann rief den Notarzt. Schon im Krankenwagen wurde es besser und im Krankenhaus war der Anfall vorüber. Ich war schwanger. Deshalb wurden keine Bilder, kein CT oder MRT vom Kopf gemacht. So hatte ich nur ein Konsil bei einem Neurologen. Er tat es als eine neumodische neurologische Erkrankung ab und meinte: Oft ist so etwas einmalig. Stress halt!
Am selben Tag wurde ich wieder entlassen. Leider war der Tumor ziemlich schlau, er machte wochenlang Pause, lenkte ständig von sich ab. Mein Körper reagierte unspezifisch und vollkommen irrational.

Am 03. Juni kam Lily-Mathilda als Schmetterlingskind auf die Welt. Drei kleine Atemzüge durfte sie machen. Tage vorher hatte ich Lily-Mathilda noch auf dem Bildschirm (in 3 D) gesehen, wie sie  mit ihren Händchen und Füßchen herumwerkelte. Es war das verspätete große Ultraschall. Eine Freude für jedes Elternteil. Ich hatte niemals mehr einen traurigeren Moment in meinem Leben.

Wir zogen im August 2004 in den Künstlerbahnhof Hamburg-Bergedorf und im September mit allen Skulpturen an den neuen Ort, gleich um die Ecke. Wieder stimmte alles. Rückschläge gehören zum Leben. Planten sogar, es mit einer kleinen Familie noch einmal zu versuchen. Wir hielten an unserem Plan fest. Ließen uns nicht unterkriegen. Rückblickend weiß ich: Wir hatten keine Chance.

Meine unerkannte Bombe im Kopf würde alles zerstören.

 Ich hielt durch und machte weiter. Bis zum 21.09.2009.

Die Kreuz 8

Meine Geschichte beginnt im Frühjahr 2002  in einem Zelt auf einem Trödelmarkt  mit einer Kreuz 8!

Ein Jahr vorher lernte ich meinen heutigen Ex-Mann kennen, an dem Tag, als meine Galerie-Partnerin und ich  vor unserer letzten gemeinsamen Ausstellungseröffnung standen. Von einem Wettbewerb mussten noch einige Künstler ihre Werke abholen und das wollte meine Partnerin übernehmen. Denn ich wollte am nächsten Tag in Urlaub: URLAUB!!! Jedoch bestand mein Ex darauf, was mich unglaublich genervt hatte, dass ich ihm seine Skulptur, die er für diesen Wettbewerb eingereicht hatte, am Tag der Ausstellungseröffnung persönlich zurückgeben sollte.

Ein Jahr später – im Frühjahr 2002 – zog ich zunächst zu ihm nach Hessen. Wir wollten testen, ob das mit uns klappt, und wenn ja, dann wollten wir gemeinsam in unsere Wahlheimat Hamburg ziehen. Eine neue und glückliche Zukunft stand vor der Tür. Ich war gut gelaunt.

Kurz vor meinem Umzug ging ich mit meiner Freundin über unseren Trödelmarkt. An diesem Tag war DIE WAHRSAGERIN dort und sie wollte sich unbedingt die Karten von ihr legen lassen. Sie freute sich schon wochenlang darauf. In einem nach Moschus riechenden Zelt saßen wir mitten in einem Wahrsagerin-Klischee der Wahrsagerin an einem Tisch gegenüber.  Meine Freundin neben mir wurde unruhig und rutschte auf ihrem Stuhl laut hin und her und reichte der Wahrsagerin das Geld. Schnell sagte sie, sodass ich es gar nicht begriff: Meine Freundin (also ich) möchte heute die Karten gelegt bekommen. Was meine Freundin in diesem Moment geritten hat, weiß ich bis heute nicht. Sie wollte plötzlich nicht mehr, aber hey, es war schon bezahlt.

Die Wahrsagerin streckte mir daraufhin die Karten entgegen und forderte mich auf, welche zu ziehen, was ich auch völlig überrumpelt tat. Die Stimmung kippte und wurde zunehmend bedrohlicher. Das Zelt wurde eng und stickig. Der schwere Moschusgeruch verursachte Übelkeit.
Und da lag sie! Die Kreuz 8!

Gleich kam auch die Erläuterung der Wahrsagerin:

Sie werden eine schwere Krankheit erleiden, und sollten sie diese überleben, dann fängt ihr Leben an.

DARF MAN DAS?!?!?!? , fragte ich in Gedanken meine Freundin und schaute sie  dabei vollkommen fassungslos und überfordert an.

Draußen – vor dem Zelt – stieß meine Freundin einen riesengroßen Seufzer der Erleichterung aus. Sie war noch einmal davongekommen, jedoch hatte ich dafür urplötzlich und gänzlich unerwartet eine Kreuz-8-Zukunft.
Ich konnte diesen Fluch wochenlang nicht abschütteln. Egal was ich machte, immer wieder war sie da, die Kreuz 8. Ich ging in Düsseldorf und auch später in ganz Hessen in Buchhandlungen, und Esoterik-Läden oder suchte im Internet etwas Erfreuliches über die Kreuz 8. Alle Informationen, die ich dazu finden konnte, sagten das Gleiche aus: dass die Kreuzkarte (je höher die Zahl, desto beschissener) Trennung, Krankheit und Unglück bedeutet.
All die Jahre in Hamburg ist die Kreuz 8 dann endlich und völlig in Vergessenheit geraten. Esoterik war ohnehin nie so richtig mein Ding. Doch sie holte mich Jahre später wieder ein.

Im Rückblick scheinen solche Begegnungen immer bedeutungsvoll. Davon leben Wahrsagerinnen. Von den Zufällen des Lebens und wie wir sie dann besetzen.
Wäre mein Leben wie geplant verlaufen, dann hätte ich niemals mehr daran gedacht oder später über diesen Tag bei der Wahrsagerin mit Freunden gelacht.

Aber 2011, als ich auf der Intensivstation lag, war sie wieder da! DIE KREUZ 8 und ich dachte mir. Ja, damals  begann  mein Tumor bereits im Kopf  zu wachsen. Dafür konnte die Wahrsagerin nichts. Aber konnte sie es wirklich schon sehen, was ich für eine Bombe im Kopf hatte? Ich weiß es nicht. Aber wenn ja, dann fängt nun MEIN LEBEN AN.

 

Eier im Gepäck. Sachen gibts :-)

Als ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote war, konnte ich ganze 21 Tage bleiben. Da endlich alle Therapien ausgestanden waren und die nächste Nachsorge erst im März anstand, so auch über Silvester.

Gegen Mittag gehe ich bis heute meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinstem Raum, sogar Lanzarote-Salz, abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.

Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischer Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier bislang nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken. Zu Beginn meines Urlaubs gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorn. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder rasch und oftmals vollkommen unfreiwillig ins Gespräch. Später rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen möchten nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, über die ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Vergangenes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunde auf ziemlich schlechtem Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort in Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro bei mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später, genau an Heiligabend, nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist eine solche Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin gewesen war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde, meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie solle es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend machte: Sie und Essen stehlen?!? Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute aus unserem Hotel-Restaurant, die sie indessen mit sich bei 30 Grad herumschleppte. Darin hortete sie ihre Schätze, und jetzt hatte sie Angst, dass, wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer fände, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele Päckchen Butter und Marmelade, sowie mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst, in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren zwölf frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte: Wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die auf die eine oder andere Weise ausgehen, aber bei denen niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern. 🙂

TADAAA – Das Glück ist da!

Bereits nach meinen beiden Gehirntumor-OPs hatte ich mit dem

Phänomen ‚Glücklichsein müssen‘ 

zu  kämpfen. Vorher hatte mich nie jemand dazu gedrängt.
Und nun? Unaufgefordert wurde mir mitgeteilt, wie glücklich ich doch sein muss. Schließlich hatte ich zwei lebensbedrohliche OPs überlebt. Mir ist ein Dr. Chhadeh begegnet, der den Tumor nach über 10 Jahren entdeckte! Meinen Mann war ich endlich los, was für ein Glück! Hamburg und die damit verbundene Lebensplanung – ade, Hauptgewinn! Die Chemo hatte ich gut hinbekommen, so was passierte ausschließlich mir! Und überhaupt hatte ich das Glück nur so gepachtet.

Leute, das sind Schläge mitten ins Gesicht, und das mit der flachen Hand. 

Was hat ein ca. 10 bis 11 Jahre lang gewachsener Gehirntumor mit Glück zu tun? Was hat das Versagen von fast 20 Ärzten in 10 Jahren mit Glück zu tun? Auch das Scheitern einer schlechten Ehe tut weh. Und überhaupt, seit wann macht Chemo, die gegen Krebszellen eingesetzt wird, glücklich?

Was richtig ist: Ich bin zäh und habe einen unschlagbar großen Willen, und ja, ich bin dickköpfig, stur und verbohrt. Alles wunderbare Eigenschaften, die mich durch diese Zeit gebracht haben, und das war ein wirkliches Glück für mich. Auch in der dicksten Scheiße konnte ich geradeaus denken und mich immer wieder auf mich selbst verlassen. Laut der anderen war ich undankbar. Immer hatte ich was, nörgelte herum, war die meiste Zeit schlecht gelaunt und überhaupt war ich viel zu oft ungenießbar.
Es war nicht meine beste Zeit (das stimmt wohl, ich war auch ein Stimmungskiller, Spaßfaktor ging bei mir gegen null), und es war bestimmt für meine Mitmenschen nicht wirklich einfach, mit mir klarzukommen. Aber was wussten sie schon? All ihre Weisheiten, Ratschläge und Kommentare kamen nur aus einer Beobachter-Haltung heraus! Wurde mein Leben zu unangenehm, wurde mir erzählt, was sie Wichtiges zu tun hatten. Die Masche (ich kenne sie in allen erdenklichen Anwendungen) mit der Uhrzeit (WICHTIG-ALARM) hatten alle drauf. Plötzlich kam dieses hektische „Ach, hast Du die Uhrzeit? Schon so!! Spät? Ich muss los, hatte die Zeit völlig vergessen. Das ist gewiss wichtig. Sorry, melde mich! Na, dann! Geh mal Deinen Bären töten, dachte ich oft dabei. Meine Freunde waren so unfassbar wichtig. Manchmal fragte ich sie, ob gerade eine Not-OP am Herzen anstehe, eine Sturzgeburt oder der Einsatz für Ärzte ohne Grenzen (keiner dieser alten Freunde ist Arzt). In der Regel ging es um einen Kinobesuch (wenn überhaupt), eine andere Freizeitgeschichte oder was auch immer Belangloses. Wenn sie ehrlich gewesen wären, hätten sie gesagt: Ich habe gerade überhaupt keinen Bock auf diesen Mist von Dir, melde Dich, wenn Du wieder okay bist. Ich sah sie nur an, rechtfertigte mich nicht mehr, wurde sprachlos gegenüber dem ganzen Glücklichsein und trennte mich von diesen Freundschaften.

Real war ich letzte Woche wirklich glücklich! Selbst gemerkt hatte ich es allerdings nicht. Ich wurde darauf auf meinem Nachhauseweg angesprochen, als ich an meinem italienischen Café vorbeiging. Der Kellner kam auf mich zu und meinte fröhlich: „Du siehst heute eindeutig glücklich aus. Was ist passiert? Hat er einen Namen? Ich sagte: Nö! Du weißt doch, Kerle verursachen nur Ärger! Wirklich schön, Dich so zu sehen! Er nahm mich noch kurz in den Arm (an diesem Tag musste mich alle, die ich traf, in den Arm nehmen, vielleicht war wirklich etwas dran), und wir verabschiedeten uns. Glück, von dem alle in der Vergangenheit sprachen, hatte sich bei mir tatsächlich eingeschlichen und ich bekam es nicht einmal mit. Ich hatte dermaßen lange im Dreck festgesteckt, dass ich nicht mehr wusste, wie sich Glück überhaupt anfühlt: dieses Gefühl, einfach so mit sich und der Welt eins zu sein. Im absoluten Reinen mit sich. Ich musste daran erinnert werden. Mein Körper wusste es bereits. Er strahlte es aus und andere konnten es sehen. Als ich weiter nach Hause ging, war mein Gang um einiges ausgelassener, jetzt, da ich darauf achtete, und ja, in diesen Momenten war ich glücklich. Ein kleines, leises und feines Glück umgab mich. Und rückblickend betrachtet: Ganz so glücklos war meine Vergangenheit nun auch nicht, obwohl ich die Menschen um mich herum kaum noch ertragen konnte, die ständig davon sprachen, wie glücklich ich doch sein müsste. Zum Beispiel brachte mir mein abgrundtiefer schwarzer Humor einige passable glückliche Momente. Mein oftmals schräger und kurioser Blick auf meine vielen ausweglosen Situationen war ein wirklich großes charakterliches Glücksgeschenk für mich, mit dem ich all die Jahre überleben konnte.

Bis heute kann ich einen einfachen Trick anwenden und Glücksmomente damit heraufbeschwören. Der Trick funktioniert zwar nicht immer, aber doch meistens. Oft laufe ich noch vollkommen lustlos meine Runden im Rheinpark und jammere innerlich über das Wetter. Obendrein spüre ich meine schweren Elefantenbeine. Dann denke ich: Was soll dieses hirnrissige Vorhaben mit New York? Der Sinn davon ist mir völlig entfallen.  Doch dann schleicht sich  von meiner Lauf-Musikbeschallung ein ABBA-Lied ein. (habe doch nicht alle gelöscht). Ich singe dabei gerne lauthals und ziemlich schräg mit, da ich mit Sicherheit keinen einzigen Ton treffe. Für die anderen Läufer*innen ist dies oft sehr lustig, von denen ich dann meistens angegrinst werde. Und so komme ich dann auch wieder besser in Schwung und finde meine Welt nicht mehr ganz so trostlos und leer.

Als ich diese Woche ein immer wiederkehrendes, bleiernes Tief nicht beiseiteschieben konnte, kaum war es weg – rauschte es auch schon wieder an, wurde Dancing Queen im Radio gespielt. Ich unterbrach spontan das Kochen, sang und tanzte in meiner Küche mit, hatte dabei völlig vergessen, dass mein Fenster weit offen (wir hatten an diesem Tag 30 Grad) stand und es in unserem Hinterhof ziemlich schallt. Als ich während meiner Küchenaufführung aus dem Fenster schaute, stand mein dickbäuchiger Nachbar von gegenüber im Fenster, tanzte eine Runde mit und zeigte unkoordiniert dabei „Daumen hoch!“ Sein breites, fröhliches Lachen füllte sein ganzes Gesicht. Das ist Glück.

And when you get the chance – You are the dancing queen.“