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Volle Kraft voraus!

Nach meinem  ersten Training mit einem Profi-Lauftrainer war ich mehr als motiviert. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es schaffen:

New York, 10 km und mein Leben. 

Mir geht es nicht um den Wettbewerb beim New Yorker Marathon. Ich muss das einfach tun! Zum einen bedeutet mir die Stadt sehr viel (in den 90ern alles!) und zum anderen benötige ich das Gefühl, an etwas ganz Großem teilzunehmen.

Ich laufe für mein neues Leben, um mein Leben und gegen die Angst, die viel zu oft noch schneller ist als ich. Ich möchte es mir einfach selbst beweisen, dass ich es schaffen kann: leben.

So wie ich es nach den beiden Gehirntumor-OPs geschafft habe, wieder gehen zu können. Mein Problem dabei ist, meine Vorstellung über den Weg dahin (ich bin vollkommen werbeverseucht und stelle mir vor, wie ich mit meinem Laufpartner schwatzend, leichtfüßig die Runden im Rheinpark drehen werde), dieser jedoch sehr weit davon entfernt ist, was meine Leistungen betreffen und von meinem 10-Kilometer-Ziel.

Als Kulturmanagerin weiß ich: Man muss sich auf jedes Projekt neu einlassen, um  auf alle Unwägbarkeiten (die 100 pro eintreten werden) reagieren zu können. Allen Widrigkeiten trotzten. Der Weg ist ein ständiger Abgleich mit der Realität.

Die erste Trainingswoche lag in der Woche meiner Antikörpertherapie, was gewiss eine Fehlplanung von mir war, da  dieses Mal  auch noch mein rechter Oberschenkel anschwoll, in den die Spritze gesetzt worden war. Sich Antikörper spritzen zu lassen, ist eindeutig nichts für Feiglinge. Pro Spritze dauert es eine halbe Stunde, bis die Antikörper in den Körper gelangen. Die Schwester sitzt einem gegenüber und spritzt das Mittel sehr langsam. Sind die Antikörper zu kalt oder wird zu schnell gespritzt, dann brennt es flächendeckend um die Einstichstelle herum wie in einem Hochofen. Dieses Mal brannte das halbe Bein fast über zwei Tage hinaus. Also lief ich erst am Mittwoch los. Ich schaffte anstelle von 8 km nur 6,5 km und hinkte mit dem geschwollenen Bein nach Hause. Am Freitag schaffte ich die vorgegebenen 10 km und am Sonntag sogar ganz knapp mit 11,96 km die 12-km-Strecke.  Wenn ich hier vom Laufen schreibe, ist es in erster Linie Power-Walking mit 3 × 5 Minuten Jogging dazwischen. Donnerstag und Samstag machte ich Yoga.  Damit hatte ich das geplante Programm, bis auf Radfahren durchgezogen. Ich war ein wenig stolz auf mich, obwohl ich wusste, ich hatte es ziemlich übertrieben für den Anfang. Ich wollte einfach zu viel auf einmal.

Sonntag bekam ich prompt die Quittung für meinen Übermut. Nach den 12 km war ich dermaßen platt, dass gar nichts mehr ging.  Zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch meinen unteren Rücken völlig verhakt und kam kaum noch die Treppe hinunter. Becken und Hüfte waren dicht und verdreht. Daran war ganz bestimmt das geschwollene und brennende Bein schuld (späte Erkenntnis meines gesunden Menschenverstands). Nach 100 Metern ging es  nur noch humpelnd vorwärts. Zwischen all dem, wie schleppe und hinke ich mich vorwärts,  knickte dann auch noch mein linkes Bein ohne Vorankündigung weg, was bei mir sofort HIRNTUMOR-ALARM  auslöste. Wenn das Bein einfach so wie Pudding wegknickt, gerate ich aus dem mentalen Stand heraus in Panik. Sofort sind alte Erinnerungen geweckt und Hirn wie Körper in Alarmbereitschaft. Ich hatte es bereits nach der ersten Woche absolut versemmelt.

Meine zweite Trainingswoche bestand somit völlig ausgebremst aus Physiotherapie, Yoga und Schwimmen. In der dritten Woche konnte ich schon fast wieder laufen, doch da kam die Hitze. Also wieder nur Schwimmen und Yoga. Am Freitag der erste kleine Lauf. Samstag Yoga und am Sonntag wieder schwimmen. Mehr war nicht drin.

Am daraufkommenden Montag erhielt ich meine letzte Antikörperspritze. Mit der großen Erleichterung, endlich die Therapie beendet zu haben, überkam mich  die große Lethargie. Diese Woche hätte ich so schön laufen können. Kein dickes Bein, keine Hitze, aber dafür Freunde treffen, Bücher lesen, Rom buchen und Italien-Reiseführer lesen. Kekse und Törtchen essen und dazu Kaffee trinken. Nebenan mit der Katze spielen. Sie liebt meine neuen Locken (mit denen ich mich nicht so recht anfreunden kann) und streicht vorsichtig mit ihrer Pfote dadurch.
Ich schäme mich ein wenig, da ich doch so Großes vorhabe und schon nach einer Woche Training den Totalausfall hinlege. Dazu aktuell gänzlich unmotiviert nichts tun, was mir aber echt Spaß macht.
Nächste Woche bin ich in meiner alten Heimat Hamburg. Dort kenne ich mich gut aus, also habe ich keine Ausrede, die gegen die Fortsetzung meines Lauftrainings spricht.

Am Sonntag mache ich mir einen neuen Plan. Ich schaffe das!

Mein Scheiß-Bonsai-Blumenkohl.

Vor der OP saß ich oft auf dem wunderschönen großen Balkon in dem alten Jugendstilgebäude, der die Patientenzimmer der Neurochirurgie miteinander verband. Wir hatten für Ende April milde Frühlingstage und die meisten Patienten saßen am Tag draußen. Ich stellte mir immer wieder vor, hinter den Bäumen, auf die wir schauten, ist das Meer.

Vielleicht noch ein einziges Mal ans Meer, die Wellen an den Füßen spüren oder Italien leben.

Afrika. Ja, Afrika wollte ich in diesem Leben sehen. 

Aber ansonsten war ich mit  meinem Leben rund. Ich war 47 Jahre alt und konnte mich von dieser Welt ohne Groll verabschieden. Mir fiel der Roman von Peggy Guggenheim  „Ich habe alles gelebt“ ein. Natürlich hatte ich nicht so ein buntes und abwechslungsreiches Leben wie sie, aber ich habe mich wie sie nie von anderen abhalten lassen und habe mein Leben gelebt, so wie ich es für richtig hielt.

Dachte ich an meinen Bonsai-Blumenkohl im Kopf, kam mir der beginnende Satz „Ich hatte eine Farm in Afrika“  aus Jenseits von Afrika in den Sinn. Für mein Leben übersetzt (ein wenig platt, ich weiß): Ich hatte einen Tumor in meinem Kopf. Leider wäre mein Film nicht so romantisch verlaufen und ein Robert Redford würde bei mir auch nicht vorbeischauen.  Allerdings konnte ich  hier in der Klinik eine echt gute Alternative zu Dr. Derek Shepherd aus Grey’s Anatomy vorweisen.

Obwohl Osterfeiertage waren und die meisten Ärzte in Urlaub, musste schnell eine Entscheidung her. Und wieder ein sehr junger Arzt (bestimmt die Ostern-Notbesetzung) erläuterte mir über eine Stunde meine brenzlige Situation, zeigte mir auf den Bildern, den von mir eingebildeten Bonsai-Blumenkohl (ich sah immer noch diesen Blumenkohl und nicht meinen realen Tumor) und sagte: „Es ist wirklich ein Wunder, dass Sie überhaupt hier sitzen. Die Größe Ihres Tumors findet man bestenfalls in der Pathologie. Vielleicht noch zwei oder drei Monate oder ein halbes Jahr, wenn Sie sich gegen eine OP entscheiden. Sie werden letztlich ersticken. Ich denke, da kam noch etwas an Erklärung vorher. Aber ich habe innerlich dichtgemacht und es einfach verdrängt.
Sollten Sie keine OP wollen, schicke ich Ihnen nach Ostern den Sozialdienst vorbei und wir finden ein schönes Pflegeheim oder Hospiz für Sie.

Mit einer OP haben Sie eine Überlebenschance von 20 %. Dass Sie die OP ohne schwere Behinderungen überstehen, liegt bei ca. 10 %, so der junge Arzt weiter.  Das Gespräch war sachlich, menschlich, mitfühlend, unsicher, was es für mich nicht leichter machte. Dadurch wurde es real.

Er meinte es wirklich sehr ernst. Das war hier keine Psycho-Nummer, wie in der Vergangenheit.

Ich brauchte keine Bedenkzeit für eine Entscheidung. Für mich war sofort klar, dass ich die Abkürzung nehmen werde. 3 Monate, niemals! Ich stimmte der OP ohne ein Zögern zu.

Nach diesem Gespräch – was hatte ich erwartet? Hey Sorry, Sie sind doch ein Psycho? – saß ich  vollkommen losgelöst und entspannt auf dem Balkon der Klinik. Um mich herum die laue Luft und der vielversprechende Frühlingsanfang. Ich schaute stundenlang auf die Bäume. Sie wiegten sich im Wind, trugen zarte Knospen, und ich dachte dabei: Wie schön kann die Welt, das Leben doch sein. Es war ein wunderbarer Zustand, den ich seit Jahren nicht gehabt hatte.

Aber die Wut brodelte weiter in mir. Urplötzlich explodierte der innere Vulkan und  Schwalle von Lava-Wut quollen aus mir heraus. Mental brach ich völlig auseinander, saß zusammengesunken auf meinem Stuhl. Pfleger kamen, sprachen mich an, setzten sich neben mich, spendeten Trost und gaben mir Tavor. Ich war so unfassbar wütend auf mein Leben, auf die  arroganten und wissenden Ärzte (9 Neurologen, 7 praktische Ärzte, 3 Orthopäden) sowie auf die vollkommen überteuerten und überschätzten „Sie-müssen-schon-mitmachen-wenn-ich-Ihnen-helfen-soll-Alternativ-Idioten“  (3 Heilpraktiker, 5 Homöopathen,  2 Heiler, Jin-Shin-Jyutsu-Anbieter und was ich sonst noch alles ausprobiert habe) im Vorfeld, auf alle, die mich abgestempelt und damit verraten und im Stich gelassen hatten. Aus mir etwas gemacht haben, was ich gar nicht war: eine Vollidiotin.

In Gedanken brüllte ich sie alle an, schlug auf sie ein und trat sie. Das Lied „Mitten in die Fresse rein“ von den Ärzten hörte ich, rauf und runter. Es half nichts.
Zu der Wut gesellte sich tiefste Verzweiflung. Ich hätte alles dafür gegeben, wenn ich in diesem Moment einfach gestorben wäre. Schluss, aus, tot!

Die Wut wurde in den nächsten Monaten meine größte Verbündete. Sie war stärker als die Verzweiflung und mein ICH WILL NICHT MEHR! Aber ich musste damit irgendwohin.

Ich sprach mittlerweile nur noch in der Scheißsprache. Alles fing mit Scheiß an:
Scheißessen, Scheißgang, Scheißleben, ohnehin alles Scheiße. Wohin nur mit dieser Wut? Er, der Scheißtumor, hat mir all das in den vergangenen Jahren eingebrockt. Und auf ihn war ich wirklich wütend. Nur wie schreit man mutierte Zellen an? Oder tritt sie?

Ich vermenschlichte meinen Scheiß-Bonsai-Blumenkohl, gab ihm den Scheißnamen Kurt. 

Stellte mir vor, dieses Geschöpf sitzt gemütlich an meiner Leitstelle und macht mir das Leben zur Hölle. Er würde sterben, das stand außer Frage, denn er war eine reine Scheiß-Selbstvernichtungsmaschine. Mein langjähriger schmarotzender und sich breitmachender Untermieter Kurt würde mich mit in den Abgrund ziehen. Das war klar. Aber wir mussten ja noch ein paar Tage bis zur OP miteinander aushalten.

Kurt, der blöde Arsch, und ich. 

Ich nahm mir vor, dass ich es ihm nicht leicht machen würde, diesem Scheiß-Arsch. Hatte ich Angst? Ja, ich hatte eine Scheißangst.

 

Wenn das Leben andere Pläne mit Dir hat.

Der Lebensentwurf meines heutigen Ex-Mannes und von mir platzte am 3. Juni 2004. Geheiratet hatten wir am 21.05.2004. Wir hielten bis 2009 durch.

Voller Ideen, Pläne und Vorstellungen, jedoch unfassbar naiv und größenwahnsinnig, zogen wir Ende 2002 nach Hamburg. Wir fühlten uns wie Pioniere. Neun Monate später, am 6.09.2003, eröffneten wir unsere SkulpturenLandschaft mit über 30 tonnenschweren Skulpturen auf 6 Hektar Wiesenfläche in Hamburg-Reitbrook.

Im September 2004 zogen wir mit all den Skulpturen an einen anderen Standort, an dem einige Skulpturen heute noch stehen. Ein solcher Skulpturenpark kostet so unglaublich viel Zeit, Geld und Kraft. Ich weiß bis heute nicht, wie wir die Skulpturenlandschaft und darüber hinaus unsere Existenz all die Jahre ohne öffentliche Zuschüsse, Spenden oder Rücklagen aufrechterhalten haben. Im Prinzip lebten wir ständig auf Kante.

Wir waren die Neuen in Hamburg, aber auch alle anderen (Familie und Freunde) schauten kopfschüttelnd zu:

Schaffen die das? Es wurden bestimmt Wetten abgeschlossen, aber ich denke, niemand hat auf uns gewettet.

Am Tag unserer Hochzeit waren wir voller Zukunftspläne. Wir hatten unsere Wahlheimat gefunden. Der Skulpturenpark hatte einen neuen Standort, mein Ex-Mann ein Atelier. Wir kamen in unserer Stadt Hamburg an und wollten eine kleine Familie gründen. Wir heirateten bereits zu dritt. Lily-Mathilda war unterwegs. Alles passte. Er, der Bildhauer, und ich, die Kulturmanagerin. Wir hatten sogar ein wenig Promistatus erreicht. Es war nicht einfach, aber meins. Ich habe es geliebt.

Mitte März 2004 zeigte sich der Tumor zum ersten Mal.
Ich wachte nachts auf und der ganze Raum war schief. Es gab kein Oben, kein Unten, keine Ecken und Kanten. Zuerst dachte ich, ich träume noch. Ich wollte aufstehen, trat ins Leere. Ich wollte mich festhalten, doch da war nichts. Drehte ich meinen Kopf, drehte sich alles. Ich fiel hin und robbte auf alle Viere aufs Sofa. Mein Ex-Mann rief den Notarzt. Schon im Krankenwagen wurde es besser und im Krankenhaus war der Anfall vorüber. Ich war schwanger. Deshalb wurden keine Bilder, kein CT oder MRT vom Kopf gemacht. So hatte ich nur ein Konsil bei einem Neurologen. Er tat es als eine neumodische neurologische Erkrankung ab und meinte: Oft ist so etwas einmalig. Stress halt!
Am selben Tag wurde ich wieder entlassen. Leider war der Tumor ziemlich schlau, er machte wochenlang Pause, lenkte ständig von sich ab. Mein Körper reagierte unspezifisch und vollkommen irrational.

Am 03. Juni kam Lily-Mathilda als Schmetterlingskind auf die Welt. Drei kleine Atemzüge durfte sie machen. Tage vorher hatte ich Lily-Mathilda noch auf dem Bildschirm (in 3 D) gesehen, wie sie  mit ihren Händchen und Füßchen herumwerkelte. Es war das verspätete große Ultraschall. Eine Freude für jedes Elternteil. Ich hatte niemals mehr einen traurigeren Moment in meinem Leben.

Wir zogen im August 2004 in den Künstlerbahnhof Hamburg-Bergedorf und im September mit allen Skulpturen an den neuen Ort, gleich um die Ecke. Wieder stimmte alles. Rückschläge gehören zum Leben. Planten sogar, es mit einer kleinen Familie noch einmal zu versuchen. Wir hielten an unserem Plan fest. Ließen uns nicht unterkriegen. Rückblickend weiß ich: Wir hatten keine Chance.

Meine unerkannte Bombe im Kopf würde alles zerstören.

 Ich hielt durch und machte weiter. Bis zum 21.09.2009.

Die Kreuz 8 für die Zukunft.

Meine Geschichte beginnt im Frühjahr 2002  in einem Zelt auf einem Trödelmarkt  mit einer Kreuz 8!

Ein Jahr vorher lernte ich meinen heutigen Ex-Mann kennen, an dem Tag, als meine Galerie-Partnerin und ich  vor unserer letzten gemeinsamen Ausstellungseröffnung standen. Von einem Wettbewerb mussten noch einige Künstler ihre Werke abholen und das wollte meine Partnerin übernehmen. Denn ich wollte am nächsten Tag in Urlaub: URLAUB!!! Jedoch bestand mein Ex darauf, was mich unglaublich genervt hatte, dass ich ihm seine Skulptur, die er für diesen Wettbewerb eingereicht hatte, am Tag der Ausstellungseröffnung persönlich zurückgeben sollte.

Ein Jahr später – im Frühjahr 2002 – zog ich zunächst zu ihm nach Hessen. Wir wollten testen, ob das mit uns klappt, und wenn ja, dann wollten wir gemeinsam in unsere Wahlheimat Hamburg ziehen. Eine neue und glückliche Zukunft stand vor der Tür. Ich war gut gelaunt.

Kurz vor meinem Umzug ging ich mit meiner Freundin über unseren Trödelmarkt. An diesem Tag war DIE WAHRSAGERIN dort und sie wollte sich unbedingt die Karten von ihr legen lassen. Sie freute sich schon wochenlang darauf. In einem nach Moschus riechenden Zelt saßen wir mitten in einem Wahrsagerin-Klischee der Wahrsagerin an einem Tisch gegenüber.  Meine Freundin neben mir wurde unruhig und rutschte auf ihrem Stuhl laut hin und her und reichte der Wahrsagerin das Geld. Schnell sagte sie, sodass ich es gar nicht begriff: Meine Freundin (also ich) möchte heute die Karten gelegt bekommen. Was meine Freundin in diesem Moment geritten hat, weiß ich bis heute nicht. Sie wollte plötzlich nicht mehr, aber hey, es war schon bezahlt.

Die Wahrsagerin streckte mir daraufhin die Karten entgegen und forderte mich auf, welche zu ziehen, was ich auch völlig überrumpelt tat. Die Stimmung kippte und wurde zunehmend bedrohlicher. Das Zelt wurde eng und stickig. Der schwere Moschusgeruch verursachte Übelkeit.
Und da lag sie! Die Kreuz 8!

Gleich kam auch die Erläuterung der Wahrsagerin:

Sie werden eine schwere Krankheit erleiden, und sollten sie diese überleben, dann fängt ihr Leben an.

DARF MAN DAS?!?!?!? , fragte ich in Gedanken meine Freundin und schaute sie  dabei vollkommen fassungslos und überfordert an.

Draußen – vor dem Zelt – stieß meine Freundin einen riesengroßen Seufzer der Erleichterung aus. Sie war noch einmal davongekommen, jedoch hatte ich dafür urplötzlich und gänzlich unerwartet eine Kreuz-8-Zukunft.
Ich konnte diesen Fluch wochenlang nicht abschütteln. Egal was ich machte, immer wieder war sie da, die Kreuz 8. Ich ging in Düsseldorf und auch später in ganz Hessen in Buchhandlungen, und Esoterik-Läden oder suchte im Internet etwas Erfreuliches über die Kreuz 8. Alle Informationen, die ich dazu finden konnte, sagten das Gleiche aus: dass die Kreuzkarte (je höher die Zahl, desto beschissener) Trennung, Krankheit und Unglück bedeutet.
All die Jahre in Hamburg ist die Kreuz 8 dann endlich und völlig in Vergessenheit geraten. Esoterik war ohnehin nie so richtig mein Ding. Doch sie holte mich Jahre später wieder ein.

Im Rückblick scheinen solche Begegnungen immer bedeutungsvoll. Davon leben Wahrsagerinnen. Von den Zufällen des Lebens und wie wir sie dann besetzen.
Wäre mein Leben wie geplant verlaufen, dann hätte ich niemals mehr daran gedacht oder später über diesen Tag bei der Wahrsagerin mit Freunden gelacht.

Aber 2011, als ich auf der Intensivstation lag, war sie wieder da! DIE KREUZ 8 und ich dachte mir. Ja, damals  begann  mein Tumor bereits im Kopf  zu wachsen. Dafür konnte die Wahrsagerin nichts. Aber konnte sie es wirklich schon sehen, was ich für eine Bombe im Kopf hatte? Ich weiß es nicht. Aber wenn ja, dann fängt nun MEIN LEBEN AN.

 

Eier im Gepäck. Sachen gibts :-)

Als ich zum dritten Mal über Weihnachten auf Lanzarote war, konnte ich ganze 21 Tage bleiben. Da endlich alle Therapien ausgestanden waren und die nächste Nachsorge erst im März anstand, so auch über Silvester.

Gegen Mittag gehe ich bis heute meistens in ein kleines Café und lege eine Pause ein. Dort gibt es die besten Törtchen und direkt hinter der Törtchen-, Kuchen-, Getränke- und Kaffee-Theke befindet sich ein kleiner Supermarkt. Es ist wie in meiner Kindheit bei Tante Emma. Es fehlen nur der vertraute Geruch und das Glöckchen, welches klingelt, sobald die Tür aufgeht. Hier gibt es alles auf kleinstem Raum, sogar Lanzarote-Salz, abgepackt in winzigen Plastiktüten für 50 Cent. Und natürlich in allen Variationen (Cremes, Seifen, Duschgels, Getränke, Tabletten und vieles mehr) und Ausführungen: Aloe vera. Das Wundermittel schlechthin! Aloe vera wird z. B. sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung erfolgversprechend eingesetzt. Solche Hinweise verwirren mich immer. Denn bei mir geht entweder das eine oder das andere.

Was ich hier auf Lanzarote liebe und in jedem Supermarkt zu finden ist, sind Oliven und spanischer Käse: beides spottbillig im Vergleich zu Deutschland. In Italien haben sich die Preise durch den Euro mittlerweile angepasst. Hier bislang nicht. Jedes Mal bilde ich mir ein, dass die Oliven und der Käse hier anders und viel besser schmecken. Zu Beginn meines Urlaubs gehe ich erst einmal in den kleinen Supermarkt. Dabei schaue ich immer wieder zur Terrasse, damit ich schnell dorthin sprinten kann, sobald dort einer der begehrten Plätze frei wird. Der Hauptgewinn ist ein Sonnenplatz ganz vorn. Gehört man zu den Glücklichen und hat einen Sitzplatz ergattert, verlässt man diesen nicht mehr so schnell. Denn er verspricht guten Kaffee, leckere Törtchen, kuriose Unterhaltung, viel zu sehen, da die Verkaufsstraße direkt daran vorbeigeht, sowie einen wunderbaren direkten Blick auf das Meer. Wegen der begrenzten Kapazitäten der Sitzplätze und Tische komme ich immer wieder rasch und oftmals vollkommen unfreiwillig ins Gespräch. Später rückt man einfach zusammen: Die Neuankömmlinge wollen auch einen Platz und die Glücklichen möchten nicht aufstehen. An diesem Ort habe ich schon Berufe kennengelernt, über die ich mir zuvor keinerlei Gedanken gemacht habe. Auch lernte ich Menschen und Orte kennen, mit denen ich in meinem Alltag niemals in Berührung komme. Vergangenes Jahr habe ich mich mit einer Frau über eine halbe Stunde auf ziemlich schlechtem Englisch unterhalten, bis wir beide herausgefunden haben, dass sie aus einem kleinen Ort in Hessen kommt und ich aus Düsseldorf.

Einen Tag vor Weihnachten saß über eine Stunde lang Doro bei mir. Fragte nicht, ob der Stuhl noch frei sei, sondern setzte sich mit großem Gestöhne einfach hin. Sie musste einen Tag später, genau an Heiligabend, nach Hause. Zu spät gebucht. Und jetzt ist eben alles ausgebucht. Sie ist eine solche Person mit einer Ausstrahlung, der man nicht widerspricht. Sie erzählte mir direkt, dass sie aus Hamburg sei. Als sie ihre Bestellung perfekt auf Spanisch aufgab, teilte sie mir unaufgefordert mit, dass sie in ihrem langjährigen Berufsleben Simultan-Dolmetscherin gewesen war. Ihre Kurzbiografie sprudelte vorbehaltlos aus ihr heraus. Ziemlich blöde, meinte sie weiter, dass sie zu Hause nichts im Kühlschrank hat und nun von Lanzarote Essen mit nach Hause nehmen muss. Zudem hat man sie gerade in ihrem Hotel darauf hingewiesen, sie solle es unterlassen, Essen mit aufs Zimmer zu nehmen, was sie unglaublich wütend machte: Sie und Essen stehlen?!? Neben ihrem Stuhl stand eine prall gefüllte Plastiktüte. Sie zeigte mir ihre Ausbeute aus unserem Hotel-Restaurant, die sie indessen mit sich bei 30 Grad herumschleppte. Darin hortete sie ihre Schätze, und jetzt hatte sie Angst, dass, wenn man die Tüte (mit den geklauten Sachen darin :-)) auf ihrem Zimmer fände, wieder abnehmen würde. In der Tüte befanden sich viele Päckchen Butter und Marmelade, sowie mindestens 10 Brötchen, mehrere Scheiben Käse und Wurst, in Servietten gewickelt. Die Krönung von alledem waren zwölf frische Eier in einem Eierkarton, die ihr der Koch aus dem Restaurant besorgt hatte. Die Tüte hatte etwas von einem Feldzug nach St. Martin oder Halloween. Ich fragte: Wie willst Du all das transportieren? Völlig selbstverständlich antwortete sie: Kommt alles ins Hauptgepäck. Das gebe ich ja auf. Wenn ich die Sachen mit ins Handgepäck nehme, nimmt man mir die Lebensmittel ab. Ja, so ist das mit der Logik und der Eigen- und der Fremdwahrnehmung, dachte ich grinsend. Zudem wäre ich so gerne dabei, wenn sie den Koffer zu Hause öffnet oder der Zoll am Flughafen ihren Koffer unter die Lupe nimmt.

Das Tollste an diesem Mittag im Café war: Es haben wieder kuriose und leichte Geschichten Platz in meinem Leben! Verlorengegangene Leichtigkeit hat wieder Einzug genommen. Die Geschichten sind nicht mehr bedrohlich, sondern einfach nur Geschichten, die auf die eine oder andere Weise ausgehen, aber bei denen niemand wirklich Schaden nimmt. Vielleicht die Klamotten neben den Eiern. 🙂

TADAAA – Das Glück ist da!

Bereits nach meinen beiden Gehirntumor-OPs hatte ich mit dem

Phänomen ‚Glücklichsein müssen‘ 

zu  kämpfen. Vorher hatte mich nie jemand dazu gedrängt.
Und nun? Unaufgefordert wurde mir mitgeteilt, wie glücklich ich doch sein muss. Schließlich hatte ich zwei lebensbedrohliche OPs überlebt. Mir ist ein Dr. Chhadeh begegnet, der den Tumor nach über 10 Jahren entdeckte! Meinen Mann war ich endlich los, was für ein Glück! Hamburg und die damit verbundene Lebensplanung – ade, Hauptgewinn! Die Chemo hatte ich gut hinbekommen, so was passierte ausschließlich mir! Und überhaupt hatte ich das Glück nur so gepachtet.

Leute, das sind Schläge mitten ins Gesicht, und das mit der flachen Hand. 

Was hat ein ca. 10 bis 11 Jahre lang gewachsener Gehirntumor mit Glück zu tun? Was hat das Versagen von fast 20 Ärzten in 10 Jahren mit Glück zu tun? Auch das Scheitern einer schlechten Ehe tut weh. Und überhaupt, seit wann macht Chemo, die gegen Krebszellen eingesetzt wird, glücklich?

Was richtig ist: Ich bin zäh und habe einen unschlagbar großen Willen, und ja, ich bin dickköpfig, stur und verbohrt. Alles wunderbare Eigenschaften, die mich durch diese Zeit gebracht haben, und das war ein wirkliches Glück für mich. Auch in der dicksten Scheiße konnte ich geradeaus denken und mich immer wieder auf mich selbst verlassen. Laut der anderen war ich undankbar. Immer hatte ich was, nörgelte herum, war die meiste Zeit schlecht gelaunt und überhaupt war ich viel zu oft ungenießbar.
Es war nicht meine beste Zeit (das stimmt wohl, ich war auch ein Stimmungskiller, Spaßfaktor ging bei mir gegen null), und es war bestimmt für meine Mitmenschen nicht wirklich einfach, mit mir klarzukommen. Aber was wussten sie schon? All ihre Weisheiten, Ratschläge und Kommentare kamen nur aus einer Beobachter-Haltung heraus! Wurde mein Leben zu unangenehm, wurde mir erzählt, was sie Wichtiges zu tun hatten. Die Masche (ich kenne sie in allen erdenklichen Anwendungen) mit der Uhrzeit (WICHTIG-ALARM) hatten alle drauf. Plötzlich kam dieses hektische „Ach, hast Du die Uhrzeit? Schon so!! Spät? Ich muss los, hatte die Zeit völlig vergessen. Das ist gewiss wichtig. Sorry, melde mich! Na, dann! Geh mal Deinen Bären töten, dachte ich oft dabei. Meine Freunde waren so unfassbar wichtig. Manchmal fragte ich sie, ob gerade eine Not-OP am Herzen anstehe, eine Sturzgeburt oder der Einsatz für Ärzte ohne Grenzen (keiner dieser alten Freunde ist Arzt). In der Regel ging es um einen Kinobesuch (wenn überhaupt), eine andere Freizeitgeschichte oder was auch immer Belangloses. Wenn sie ehrlich gewesen wären, hätten sie gesagt: Ich habe gerade überhaupt keinen Bock auf diesen Mist von Dir, melde Dich, wenn Du wieder okay bist. Ich sah sie nur an, rechtfertigte mich nicht mehr, wurde sprachlos gegenüber dem ganzen Glücklichsein und trennte mich von diesen Freundschaften.

Real war ich letzte Woche wirklich glücklich! Selbst gemerkt hatte ich es allerdings nicht. Ich wurde darauf auf meinem Nachhauseweg angesprochen, als ich an meinem italienischen Café vorbeiging. Der Kellner kam auf mich zu und meinte fröhlich: „Du siehst heute eindeutig glücklich aus. Was ist passiert? Hat er einen Namen? Ich sagte: Nö! Du weißt doch, Kerle verursachen nur Ärger! Wirklich schön, Dich so zu sehen! Er nahm mich noch kurz in den Arm (an diesem Tag musste mich alle, die ich traf, in den Arm nehmen, vielleicht war wirklich etwas dran), und wir verabschiedeten uns. Glück, von dem alle in der Vergangenheit sprachen, hatte sich bei mir tatsächlich eingeschlichen und ich bekam es nicht einmal mit. Ich hatte dermaßen lange im Dreck festgesteckt, dass ich nicht mehr wusste, wie sich Glück überhaupt anfühlt: dieses Gefühl, einfach so mit sich und der Welt eins zu sein. Im absoluten Reinen mit sich. Ich musste daran erinnert werden. Mein Körper wusste es bereits. Er strahlte es aus und andere konnten es sehen. Als ich weiter nach Hause ging, war mein Gang um einiges ausgelassener, jetzt, da ich darauf achtete, und ja, in diesen Momenten war ich glücklich. Ein kleines, leises und feines Glück umgab mich. Und rückblickend betrachtet: Ganz so glücklos war meine Vergangenheit nun auch nicht, obwohl ich die Menschen um mich herum kaum noch ertragen konnte, die ständig davon sprachen, wie glücklich ich doch sein müsste. Zum Beispiel brachte mir mein abgrundtiefer schwarzer Humor einige passable glückliche Momente. Mein oftmals schräger und kurioser Blick auf meine vielen ausweglosen Situationen war ein wirklich großes charakterliches Glücksgeschenk für mich, mit dem ich all die Jahre überleben konnte.

Bis heute kann ich einen einfachen Trick anwenden und Glücksmomente damit heraufbeschwören. Der Trick funktioniert zwar nicht immer, aber doch meistens. Oft laufe ich noch vollkommen lustlos meine Runden im Rheinpark und jammere innerlich über das Wetter. Obendrein spüre ich meine schweren Elefantenbeine. Dann denke ich: Was soll dieses hirnrissige Vorhaben mit New York? Der Sinn davon ist mir völlig entfallen.  Doch dann schleicht sich  von meiner Lauf-Musikbeschallung ein ABBA-Lied ein. (habe doch nicht alle gelöscht). Ich singe dabei gerne lauthals und ziemlich schräg mit, da ich mit Sicherheit keinen einzigen Ton treffe. Für die anderen Läufer*innen ist dies oft sehr lustig, von denen ich dann meistens angegrinst werde. Und so komme ich dann auch wieder besser in Schwung und finde meine Welt nicht mehr ganz so trostlos und leer.

Als ich diese Woche ein immer wiederkehrendes, bleiernes Tief nicht beiseiteschieben konnte, kaum war es weg – rauschte es auch schon wieder an, wurde Dancing Queen im Radio gespielt. Ich unterbrach spontan das Kochen, sang und tanzte in meiner Küche mit, hatte dabei völlig vergessen, dass mein Fenster weit offen (wir hatten an diesem Tag 30 Grad) stand und es in unserem Hinterhof ziemlich schallt. Als ich während meiner Küchenaufführung aus dem Fenster schaute, stand mein dickbäuchiger Nachbar von gegenüber im Fenster, tanzte eine Runde mit und zeigte unkoordiniert dabei „Daumen hoch!“ Sein breites, fröhliches Lachen füllte sein ganzes Gesicht. Das ist Glück.

And when you get the chance – You are the dancing queen.“

 

Ihr seid gesund. Lebt verdammt nochmal.

Einerseits habe ich in den letzten Jahren ein komplettes Adressbuch in die Tonne gedrückt. Dafür durfte ich auf der anderen Seite, Menschen kennenlernen, die ich nicht mehr missen möchte. Während meiner Krebstherapie machte ich die Erfahrung, es gibt diese Menschen, die unsere Welt jeden Tag ein Stück besser machen.

Sie stehen ungern im Rampenlicht, sie machen einfach. Sie sind da. Sie hören zu. Sie urteilen nicht. Sie freuen sich mit einem. Sie sind bescheiden. Sie haben mir etwas zurückgegeben, was ich völlig verloren hatte: Vertrauen in mich und wieder in die Welt.

Auch möchte ich davon erzählen, dass ich durch die Diagnose Brustkrebs etwas geschenkt bekam (sie hat nicht nur gefordert und genommen), was ich überhaupt nicht mehr kannte: Menschlichkeit und das Gefühl, so kann Leben auch sein.

Als ich 2011 meine beiden Kopf‑OPs unerwartet überlebte, fand ich nicht ins Leben zurück. Meiner Seele und meinem Körper fehlten einfach die Kraft für das Leben, aber auch die Kraft, das Leben zu beenden (dafür war ich schlichtweg zu feige). So befand ich mich über Jahre in einer Art Schockstarre, aus der ich nicht mehr herausfand. Während der Diagnosestellung meines Brustkrebses und der späteren Therapie lernte ich Menschen kennen: Menschen, die sahen, was mit mir los war.

Tausendmal danke!

Ich möchte Euch Gesunden sagen: Lebt im Jetzt und nicht im Morgen (mehr haben wir nicht, alles andere ist reine Illusion). Gleich könnt ihr ein Bonbon verschlucken und schon ist es vorbei. Das passierte 2011 einem Bekannten, als ich auf der Intensivstation im Sterben lag. In seiner Eile hatte er ein Hustenbonbon in die Luftröhre bekommen und ist daran erstickt.

Das Leben ist unberechenbar. In den letzten Jahren habe ich so viele Schicksalsschläge gesehen, und so viel Tod miterlebt, dass es für mich reines Glück ist, meinen Lebensweg bis hierhin überhaupt geschafft zu haben.
Deshalb möchte ich weiter davon erzählen, dass Krankheit und Tod, Teil unseres Lebens sind. Die einen gehen früher, die anderen schaffen es länger. Egal, wer wir sind, wir werden alle gleich enden, und in 100 Jahren sind wir ohnehin alle tot. Also, was soll oft der Scheiß, den wir uns gegenseitig antun? Es könnte manchmal so einfach sein, wären wir nur ein wenig ehrlicher zu uns selbst und zu den anderen und wenn wir verstehen würden, dass wir nur Gäste auf dieser Erde sind.

Handelt und seht mit dem Herzen! Macht das, wozu Euch schon immer der Mut gefehlt hat! Lebt.

Was kostet die Welt?

Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischem Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder.
Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.

Ich hatte eine freie Kindheit.

Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: Zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für meine Geschwister und mich und waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.

Für andere sah mein Leben immer unkompliziert und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal bösartig: Du hast ja ohnehin immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst schuld, dachte ich.) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.

Zwar bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, dass ich anders war. „Völlig aus der Art geschlagen“, hat mein Opa immer gesagt.
Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und zügig verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln: Wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen. Und aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.

Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken.

Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite.

Heute noch eines der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen  Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: Ja, ich!

Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf dem Boden liegenbleiben gilt nicht. Heulen ohnehin nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte herum.

Trotz allem, was in den letzten Jahren vorgefallen ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller toller Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.

Jetzt habe ich die 60 überschritten und gehöre nun zu den alten Eisen. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.

Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.

Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten, schaute, nahm ich mir vor, im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte, und nicht, was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat vorher auch funktioniert.

Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine, mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.

Die pinke Community.

Laut Robert Koch-Institut erkrankt jede 2. Frau und jeder 2. Mann im Laufe ihres/seines Lebens an Krebs. Zum einen mag es an der alternden Gesellschaft liegen, aber das kann es nicht alleine sein, denn die Zahlen der Krebserkrankungen bei jungen Menschen steigt ebenfalls unaufhaltsam an. Zählt man schwere Krankheitsverläufe von Multipler Sklerose, Parkinson, Diabetes, Schlaganfall, Herzerkrankungen … hinzu, kommt einem schnell der Gedanke: Nur ganz wenige Menschen werden das Glück haben, bis ins hohe Alter gesund und fit zu bleiben. Und wenn ich an die Babyboomer-Generation denke, die jetzt ins Alter geht, frage ich mich: Wie fängt zukünftig unser Gesundheitssystem diese auf uns zukommende Krankheitsflut ab? Unsere selbstoptimierte westliche Gesellschaft verdrängt dieses zukünftige Problem. In der Werbung sehen wir gesund alternde Menschen, die Sport treiben, in der Natur sind und einen festen und fürsorglichen Halt in der Familie finden. Und wenn es mit der Mobilität nicht mehr so rund läuft, dann gibt es halt einen Lifta. Uns wird entweder eine spießige Jacobs-Krönung-Idylle oder eine lockere Miracoli-Familie verkauft, in der Oma und Opa gesund sind und einen festen Platz in der Familie haben.  Wer mit offenen Augen über die Straße geht oder Nachrichten schaut, wird schnell erkennen: Unser aller Selbstbetrug ist groß.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und wird jede 8. Frau in Deutschland treffen. Während meiner Zeit in der Onkologie war das  Durchschnittsalter 35 Jahre und nicht, wie es die Statistik sagt, 55. Bei den Zahlen vom RKI handelt es sich ausschließlich um Erstdiagnosen, nicht um zweite oder dritte Diagnosen. Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Schicksalsschlag, der die ganze Familie, Freunde, Kollegen, Kinder trifft.

Wie die meisten Frauen habe ich nicht auf das Verbot meines Arztes gehört und  Dr. Google nach meiner Diagnose gefragt, saß mit dem Arztbrief im Bett und versuchte, ohne medizinisches Wissen, herauszufinden, wie schlimm es um mich stand. Ich wollte Heilern glauben, an Essen gegen den Krebs, an Vitamin-C-Infusionen anstelle von Chemo, und habe auf die Pharma-Lobby geschimpft, bis ich feststellte, dass es dazu keine Alternative für mich gab. Also trieb ich mich in anderen Foren herum, in denen sich betroffene Frauen austauschen. Von Beginn an des Verdachts, über die Diagnose und die OPs bis heute war – bin es teilweise noch – süchtig danach. Es war eine Suche nach Klarheit, nach Sicherheit, nach der Gewissheit: Gott sei Dank, bei mir ist es nicht so schlimm. Es ist makaber, aber es gab Momente der Erleichterung, weil es mich nicht so schlimm getroffen hatte, wie eine andere Frau aus dem Forum, neben mir in der Onkologie oder im Krankenzimmer. Trotz fachlicher Informationen aus dem Netz, aus Büchern und von meinem Arzt, war ich nicht fähig, meine Diagnose ins Verhältnis zu setzen. Ich wusste einfach nicht, wie krank ich war. Wie hart der Einschlag.

Unweigerlich stößt man bei der Suche nach einer Antwort auf die pinke Community. Die rosa Schleife ist ein internationales Solidaritäts-Symbol für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, oder ein besonders hohes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. * „Die rosa Schleife wurde erstmals im Herbst 1991 von der US-amerikanischen Stiftung Susan G. Komen (bis 2006: Susan G. Komen Breast Cancer Foundation) im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt, als jeder Teilnehmer am Race for the Cure – einem Brustkrebs-Solidaritätslauf von Susan G. Komen in New York City – eine rosa Schleife erhielt.“

Mit vielen frechen Slogans und mutmachenden Sprüchen wird im Namen der Rosa Schleife für uns betroffene Frauen gelaufen, gepaddelt, geritten, gespendet und veranstaltet. Man läuft gemeinsam in pinkfarbenen Stiefeln herum oder trägt pinke T-Shirts (der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt) … und diskutiert über Brustkrebs. Betroffene tauschen sich untereinander im Netz, auf Facebook oder Instagram aus. Sie erzählen ihre Geschichte, geben Tipps. Sterben. Wenn die brutale Diagnose Brustkrebs nicht der Motor dazu wäre, könnte man annehmen, es ist eine dauerhafte, immerwährende, rundum freudige und gesellschaftsfähige Hochglanzveranstaltung für die Tapferen unter uns Betroffenen. Ich schaute auf Instagram in lächelnde Gesichter von krebskranken und glatzköpfigen Marathonläuferinnen, in schöne Gesichter, makellos gestylt, mit oder ohne Haare. Das rosa Motto lautet: DAUMEN HOCH! Alles im Griff. Der Krebs bekommt mich nicht. Wenn ich an miesen Tagen in den Spiegel schaute, hatte ich absolut nichts mit diesen Frauen gemeinsam. Ich sah einfach scheiße aus, hatte von den Steroiden ein rotes und aufgedunsenes Gesicht. Haare, Augenbrauen und Wimpern fehlten. Ich war eine leidende – keine tapfere Krebspatientin. Nicht mal ein Daumen hoch bekam ich hin. Und wie die Mona Lisa lächelte ich auch nicht. Hatte den heruntergezogenen Merkel-Mund.

Trotz allem habe ich mich über Monate von der rosa Wolke tragen lassen, war ein wenig wie auf Droge. Ich gehörte zu den Gewinnerinnen in diesem Spiel mit dem Krebs und holte mir dort täglich meinen rosa eingefärbten Prinzessinnen-Zuspruch ab: hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Lächeln! Und wenn es gerade nicht geht, einfach Lippenstift auftragen. Geht doch!

Letztes fiel mir das Sachbuch „Die Unsterblichen – Krankheit, Körper, Kapitalismus – in die Hände. Die amerikanische Autorin Anne Boyer beschreibt darin ihre Brustkrebsdiagnose, die sie im Jahr 2015 mit 41 Jahren erhielt, und setzt die Diagnose Krebs im Allgemeinen und Brustkrebs im Besonderen in einen gesellschaftlichen Kontext.

Die Passage  „Ehefrauen füllen für ihre Ehemänner aus. Mütter für ihre Kinder. Kranke Frauen füllen ihre Formulare selbst aus. Ich bin krank und eine Frau. Ich schreibe meinen eigenen Namen“ hat mich persönlich am meisten berührt. Da ich an so vielen Tagen in der Vergangenheit alleine meinen Namen der Schwester bestätigte, bevor sie mir die Infusion anhing, bevor es zu den OPs ging, oder eben unzählige Formulare ausfüllte, las und unterschrieb. Denn bereits nach der Diagnose „Gehirntumor“ gingen die Freunde mit der Zeit, die Familie machte sich rar. Der Nochehemann schickte die Scheidungspapiere, die ich auf der Intensivstation erhielt. Bis zur Diagnose Brustkrebs waren nur noch wenige übrig, die sich nach mir erkundigten. Ich war nicht nur eine alleinstehende, sondern auch eine alleingelassene Frau und Krebspatientin.

Sowohl in Amerika als auch in Deutschland ist es eine Tatsache, dass alleinstehende und/oder alleinerziehende Frauen eher sterben als andere Frauen. Zudem driften sie häufig in die Armut – später unabwendbar in die Altersarmut ab. Letztlich hat sich unsere Gesellschaft seit den 50er Jahren nicht wirklich weiterentwickelt, die Pille hat nur wenige Frauen von dem typischen Frauenbild befreit. Wir Frauen haben geringeren Zugang zur Bildung, arbeiten in Berufen mit geringem Gehalt oder für weniger Geld als die Männer. Frauen sind für die Pflege und Fürsorge zuständig, sei es in Pflegeberufen oder zu Hause, und wenn dies innerhalb der Familie geschieht, dann ist das selbstverständlich kostenlos. Schlägt obendrauf der Krebs zu, sind viele Frauen schlichtweg neben dem Schicksalsschlag auch existenziell und gesellschaftlich am Arsch. Denn die wenigsten können sich die Diagnose existenziell leisten, auch wenn sie, wie hier in Deutschland, die Behandlung bezahlt bekommen, denn sie können sich ihr Leben nicht mehr leisten.

Diese Frauen haben keine Lobby, keine rosa Community, niemanden, der für sie paddelt oder läuft. Sie haben keine Zeit und keine Kraft für Instagram oder Facebook. Keine Energie, sich zu vernetzen, auszutauschen oder zu informieren. Die pinke Gesellschaft lässt sie im Stich, wie wir alle.

Diese Frauen sind einfach unsichtbar, weil sie leise und nicht laut sind. Sie haben keine frechen Sprüche parat und kommen mit einem Fuck You daher. Dafür haben sie keine Energie. Ich habe sie selbst all die Jahre nicht wahrgenommen. Erst als mich eine Pflegerin darauf ansprach, als ich eine Tüte mit Tüchern und Mützen dabei hatte, weil ich sie nach der Therapie bei Oxfam vorbeibringen wollte, ob ich die Tücher und Mützen nicht hier in der Onkologie abgeben möchte. Ich fragte nach, warum? Weil es bestimmt viele Abnehmerinnen dafür gäbe, da sich viele Patientinnen eine  Kopfbedeckung nicht leisten können“, antwortete sie. Natürlich sagte ich direkt zu, und ließ die Tüte dort. Aber es beschämte mich unglaublich, weil ich mir wie viele andere überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, dass Frau sich so einfache und selbstverständliche Dinge in Deutschland nicht leisten kann, nicht einmal aus dem Secondhandladen.

Das ist die andere Seite der pinkfarbenen Community: Mit gesellschaftlich benachteiligten oder mit sehr kranken und sterbenden Frauen lässt sich kein Geld verdienen.

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*Auszug aus Wikipedia

 

 

Kintsugi – 金継ぎ

Mosaike sind Großartig. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudí in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült).

Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie wozu auch immer neu zusammensetzen werde. Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe. Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben: Sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.

Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer.  Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch, daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt stellenweise. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.

Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir: Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft. Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: „Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?“

In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war, und mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (???: mit Gold und Silber reparieren).

Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert, welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der  Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen-Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit: Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt. Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.

In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi-Schüssel. Und es waren und sind sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Risse sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen.

Wenn’s miserabel läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.