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Ausgerechnet Zoé

Der Film  „Ausgerechnet Zoé“  lief in den 90ern in unseren Kinos. Darin geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Ex-Freund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war.

Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig herum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal perfekt und insbesondere sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd herum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.

Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über die anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen geht’s hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir geht’s super! Ich halte die Arschkarte in der Hand! Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter herum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.

Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen? Was sagt der Film uns über das Leben?

Ich telefonierte alle paar Wochen mit einer Freundin aus meiner Zeit, während ich in Hamburg lebte. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei!
Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate mit ihr reduzierte.

Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte. Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer, heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben. Diese Information hat mich geschockt. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: Schau, Petra, so kann es auch sein, das Leben!

Unser Schicksal ist manchmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und jede Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet, und die sind dann plötzlich nicht mehr da. Einfach gestorben. Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.

Brüste, Melonen, Möpse

Fast alle Männer träumen davon. Frauen wollen sie in der Regel haben. Werbeplakate und -spots sind voll damit: perfekte Brüste! Große, knackige, runde, pralle, kleine, falsche. Hauptsache: PERFEKT! Was auch immer das heißen mag.

Wir Frauen sind viel zu selten glücklich mit dem, was wir haben. Zu klein sind sie, zu groß, zu hängend. Der Garten von nebenan ist immer etwas grüner: Haben wir bereits die perfekten Brüste, gibt es mit absoluter Sicherheit eine Frau, die schönere hat. Und wenn halt nicht im Gesamtbild, dann zerlegt in kleinteilige Nuancen: die andere hat eine schönere Hautfarbe, etwas bessere Rundungen, die ideale Größe (obwohl gleich groß, wie die eigenen). Es gibt kilometerlange Gründe, um sich herunterzuziehen.

Kein Mann dieser Welt würde sich derart selbst infrage stellen.

Ich konnte bis zu meiner Mastektomie (Brustamputation) im letzten Jahr meinem eigenen Brustthema nicht mit buddhistischer Gelassenheit begegnen. Ich mochte meine Brüste einfach nicht. Sie waren sowohl für meinen Körper (TWIGGY) als auch für meinen Bewegungsdrang zu groß. Ich habe bis heute meinen Basketballtrainer (Franzose) aus der Jugendzeit im Ohr: „Petra, laufen, laufen und jetzt springen und setz den Ball in den Korb!“ (Dabei muss man sich seinen charmanten französischen Akzent vorstellen: schneller, schneller und hoch jetzt!). Fröhliches Gegröle bei den Jungs. Niemand interessierte sich dafür, dass ich den Ball versenkt hatte.

Da Twiggy die Modewelt bestimmte, gab es während meiner Jugend oder später für mich als junge Frau nur schreckliche Oma-Panzer (die man auch noch umnähen und anpassen musste) anstelle von sexy oder sportlichen BHs für meine Figur. Kleider gingen gar nicht, weil oben zu eng und unten zu weit. In den 80ern hatte ich für sehr, sehr lange Zeit den Spitznamen Pam (die Figur Pamela Ewing aus der amerikanischen Serie Dallas). Und sie trug meistens das, was ich absolut hasste: (zum Beispiel) engen Pulli zu engen Jeans. Mit den 80ern kamen auch die schrecklichen Schulterpolster. Aber war das wirklich von Vorteil? Auch damit machte ich mich zum Affen.

Als mir mein Arzt letztes Jahr vorschlug, eine beidseitige Mastektomie vorzunehmen, konnte ich nur freudig zustimmen und habe zusätzlich hart dafür gekämpft, zwei Körbchengrößen kleiner zu bekommen. Es hätten auch drei oder vier sein können. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Mir hatte die Diagnose Brustkrebs somit auch ein großes Lebensgeschenk gemacht: Freiheit.

Ich fühle mich endlich wohl mit meinen Brüsten! Später in der Onkologie stellte ich fest, dass ich ziemlich alleine mit meinem Wohlbefinden dastand, das mir die neuen Brüste (eine neue Freiheit) bescherten. Viele Frauen haben komplizierte OPs über sich ergehen lassen, damit die Brust erhalten bleibt. Sie kämpften regelrecht, um den Erhalt ihrer Brust. Der Garten der anderen war plötzlich nicht mehr grüner, sondern der eigene Garten wunderschön. Und der sollte plötzlich rüde zerstört oder gar beseitigt werden.

Liebe Frauen, unsere Brüste sind alle wunderschön: die großen, die kleinen, die prallen, die nicht mehr vorhandenen, die operierten, die alternden, die jungen, die hängenden. Mit großen, kleinen, dicken und fast nicht sichtbaren Narben.

Ich habe mir 40 Jahre lang das Leben mit meinen Brüsten zur Hölle gemacht. Okay, mir ist meine Entscheidung, sie zu entfernen, nicht schwergefallen. Damit hatte ich gegenüber sehr vielen Frauen einen ganz klaren Vorteil. Aber HALLO! 40 Jahre für nichts! Weil die Natur mit mir etwas anderes vorhatte, als meinem Selbstbild zu entsprechen. Und jetzt, kein ABER … WIR SIND SCHÖN! WEIL WIR, WIR SIND! JEDE IST FÜR SICH EINZIGARTIG. Uns gibt es nur in dieser einen Version auf der Welt.

Wenn wir uns nicht mit dem Herzen sehen und uns von Äußerlichkeiten, von Werbeplakaten, anderen Frauen, oberflächlichen oder sexistischen Männern beeindrucken lassen, dann verleugnen wir uns selbst. Das ist doch sehr schade. Denn das verstellt uns den Blick. Wir sehen dann nur das Schlechte, das, was uns genommen wurde, und nicht das Geschenk, welches wir erhalten haben: gewonnene Lebenszeit.

Vielleicht sind wir nicht mehr ganz so perfekt wie vorher. Aber dafür vielleicht besser oder einfach nur anders schön. Gestern habe ich mit einem Floristen über meine Bertha (einen Kaktus, der sehr krumm wächst) gesprochen. Ich wollte, dass sie wieder gerade wird. Er meinte: „Warum? Die Natur hat etwas anderes mit ihr vor. Das ist doch schön. Sie wächst, wie sie will.“ Ja, jetzt, wo ich Bertha mit seinen Augen sehe. Ja, meine Bertha ist etwas ganz Besonderes.

Unterm Strich ….!

Was war ich bisher für eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorn geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor  und 25 wieder zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen  folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.

Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad, und darum beeilte ich mich, noch einen OP‑Termin vor dem Covid-19‑Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr freundlich und benutzte daher häufig die Worte „minimalinvasiv“. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: „Zwei Wochen – spätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief vollkommen glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Nullkommanull Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimalinvasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger zum Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging – plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.

Mitten in meinem Frust wollte ich später wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füßen an Strecke zurückgelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. bis 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den  Niederlagen und zahlreichen Rückschlägen im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine  positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit  kann gearbeitet werden. Mag sein, dass ich die 10 km nicht am Stück joggen werde. Aber es gibt doch noch etwas dazwischen. Unter anderem Intervall-Laufen.

Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.

Haare sind für Buddhisten ein Ausdruck für Schönheit ….

… und der Eitelkeit der Menschen im weltlichen Leben. Mit ihren kahl rasierten Köpfen zeigen die Nonnen und Mönche, dass sie keinen Wert mehr auf weltliche Dinge legen. Sie kehren dieser Welt den Rücken und widmen sich ganz ihrem Glauben. Eine durch und durch freiwillige Entscheidung!

Erhält man die Diagnose Krebs und entscheidet sich für den Therapievorschlag Chemo, so sieht das mit der Entscheidungsfreiheit nicht mehr dolle aus. Klar gibt es auch Chemos ohne Haarausfall oder diese Kühlhauben. Die meisten verlieren ihre Haare jedoch gänzlich unfreiwillig.

Als ich die Diagnose Krebs erhalten habe, schwor ich mir: Egal was mir diese mutierten Zellen nehmen werden, meine Würde bekommen sie nicht.

Ich gehörte zu den Chemo-Patientinnen ohne Kühlhaube oder Perücke und mit Glatze nach der dritten Chemo. Mit bunten und auffälligen Tüchern aus dem Secondhandladen bin ich dadurch gegangen: Wenn schon keine Haare, dann bunte Tücher in einer extravaganten Verknotung, so mein persönliches Motto.

Bei einer meiner Untersuchungen verrutschte mein Tuch. Ich war genervt und wollte es nicht wieder neu binden, und überhaupt ging mir an diesem Tag alles auf die Nerven. Da meinte meine Ärztin: Gehen Sie doch einfach so, oben ohne! Steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Ich tat es tatsächlich. Erhobenen Hauptes trat ich aus der Praxis und nicht auf den Boden blickend ging ich heim. Ich fühlte mich dabei nackter, als wenn ich mit freiem Oberkörper durch die Straßen gegangen wäre.

Bildete ich mir das ein (also ist es mein Ding), oder gibt es wirklich diese Blicke: den scheuen Schrecken, das schnelle Zur-Seite-Schauen, die versuchte Ignoranz, die gerne als Toleranz bezeichnet wird? Trotz eingebildeter oder auch nicht eingebildeter Blicke ging ich unerschütterlich weiter nach Hause und mein Kopf saß fest und erhaben auf meinem langgestreckten Hals. Ich fühlte die Würde in mir. Das gab mir unglaublich viel Kraft: Keine dummen, respektlosen und gefräßigen Zellen finden in meinem Körper oder in meiner Seele eine Heimat. Die sollen sich alle andere Opfer suchen. Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung! Basta!

An meiner Hausecke sprach mich der Italiener an und sagte vollkommen entsetzt: „Hey Petra, so heiß ist es nun auch nicht. Warum hast Du Dir alle Haare abrasiert? Du bist doch kein Mann!“ Ich hätte ihn für diese Aussage küssen und in den Arm nehmen können. Denn der Krebs hatte genau in diesem Moment verloren: Ich war sichtbar. Nicht der Krebs. Mit oder ohne Haare: Ich war ich und wurde nicht auf eine Krebspatientin reduziert.

Jetzt, ein Jahr später, es ist wieder Sommer, und ich kann behaupten: Oben ohne kann irre schön sein, denn ich habe mich komplett in meinem Smart Cabrio verliebt. Es ist einfach nur wunderbar, wenn ich in diesem Auto sitze, die Sonne scheint und ich offen damit zum Freibad fahre. Letztens fand ich das Gefühl so toll, dass ich, als ich wieder zu Hause vor der Tür stand, erneut das Gaspedal betätigte und die Runde mit meinem offenen Auto einfach noch einmal drehte. Ein Knopfdruck kann so glücklich machen: Verdeck auf und wieder zu und wieder auf. Ich liebe diesen Knopf in meinem Auto.

 

… mach weiter!

Bevor ich nach Sardinien flog, hatte ich mir für die Zeit dort ein kleines, ambitioniertes Sportprogramm zurechtgelegt. Wegen der vielen Rückschläge wollte ich das Lauftraining und meine Yoga-Übungen nicht schon wieder unterbrechen. Ich hatte zwar noch genügend Zeit  bis zum Marathon, aber wenn ich in diesem Schneckentempo weitermache, benötige ich für die 10 km mindestens zwei Stunden.

Der Kenianer Eliud Kipchoge hat für 42,195 Kilometer in Wien 1:59:40 Stunden gebraucht. Nur so als Beispiel! Richtlinie! Zielsetzung! Ansporn!

Okay, der Vergleich hinkt. Er ist absoluter Profi, läuft seit Jahrzehnten und hatte für diesen Rekord ein riesengroßes Team dabei, welches sich um ihn kümmerte und ihn anspornte. Mann, ich wäre schon natürlich froh, wenn ich die 10 km in einer Stunde hinbekäme. Im Hintergrund höre ich bereits Stimmen der alten, genervten und ungeduldigen Petra: Dann mach doch endlich! Hintern hoch! Hör auf zu jammern! Stell Dich nicht so an! Mein Vorhaben Laufen spiegelt eins zu eins mein Vorhaben Leben wider.

Es gibt Tage, da klappt alles großartig. Meine vorgenommene Strecke schaffe ich fast mühelos. Mir geht’s gut. Ich mache wieder Pläne für mein Training und für das Leben. Gefühlt geht’s aufwärts. Frohen Mutes glaube ich ernsthaft daran, dass ich meinen Platz in diesem Leben wiederfinden werde. Meine 10 km in zwei Jahren schaffen werde. Und dann! Aus heiterem Himmel: BÄHM! Der Rückschlag! Etwas Unbekanntes ist immer. Körper, Geist und Seele sind sich leider immer noch viel zu selten einig. Ständig gerate ich an einer Stelle aus dem Takt. Das Konstrukt Petra ist eine sehr instabile Angelegenheit.

Das komplette Gegenteil von früher! Da trugen mich die plumpen Sprüche:

„Nur die Harten kommen in den Garten.
Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter.“

Ich konnte mit Weicheiern, so wie ich heute eins bin, überhaupt nicht umgehen. Und ehrlich, ich kann überhaupt nicht mit mir umgehen: Dieses ständige Ins-Loch-fallen und wieder da herauskrabbeln müssen. Manchmal bekomme ich es kompensiert, manchmal verdränge ich es einfach, und dann kommen auch wieder die Tage, da geht absolut gar nichts. Gleichzeitig setzten die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit ein, irgendwann einmal wirklich wieder einen Platz in diesem Leben zu haben. Ich weiß, man heilt nicht linear, sondern in Wellen. Mal geht’s aufwärts, dann wieder rückwärts. Und wieder ein Stück aufwärts, dann wieder rückwärts. …

Sardinien hat es mir, mein kleines sportliches Vorhaben umzusetzen, einfach gemacht. Ich fand einen wunderschönen Ort vor. Gleich am nächsten Tag bin ich zum hauseigenen Strand gelaufen und hatte die gesamte Bucht am Meer entlang geschafft. Am nächsten Tag schloss ich mich heimlich einer Gruppe an und bin ihr nachgegangen, was auch gut gelaufen ist. Das „Jippieee“ am Ende der Runde und der dazugehörige Luftsprung, beides ließ ich einfach ausfallen. War mir dann doch zu doof. Gegen Mittag hatte ich mein kleines Yoga-Training umgesetzt und am späten Nachmittag schwamm ich im herrlichen Meer. Es klappte alles unglaublich gut.

Am 5. Tag saß ich zum Trocknen am Strand und dachte: Wow, endlich klappt mal was! Du ziehst es durch! Ich sollte wirklich damit aufhören, so was zu denken oder überhaupt daran zu denken, alles wird vielleicht doch noch gut! Ich schaffe das! Es wird! Am Abend hustete meine Tischnachbarin beim Abendessen quer über den Tisch und meinte, die Bronchitis habe sie sich aus Deutschland mitgebracht. Während des gesamten Abendessens hustete und prustete sie vor sich hin. Der nächste Tag klappte noch gut.

Aber ab dem 7. Tag war es dann doch vorbei. Ich trat auf die Bremse. Mein Kopf schmerzte und im Hals fing es an. Trotzdem bin ich bis zum letzten Tag morgens vor dem Frühstück an den Strand und bin meine Strecke zwar nicht gejoggt, aber immerhin gewalkt.

Mit den Füßen im Wasser, freute ich mich über die drei älteren Italiener, denen ich seit dem ersten Tag dort begegnet bin, und dachte mir: Ja, eigentlich machen die es richtig. Sie genießen diesen Weg und das Wasser. Oft standen sie auf meinem Rückweg mitten im Meer und diskutierten lautstark, was ich so gerne beobachtete. Ich machte es ihnen nach, saß nach meinem Gang noch am Strand und schaute auf das unfassbar schöne Meer in der unfassbar schönen Bucht. Yoga ließ ich ausfallen (machte nur noch kleine Gleichgewichtsübungen). Aber schwimmen war ich abermals.

Leider konnte ich die Erkältung nicht abwenden und nahm sie mit nach Hause. Einen Trost hatte ich dann aber doch, denn mein Immunsystem ist genauso gut oder schlecht wie das von den anderen am Tisch. Es hatte uns alle erwischt.

Patientenverfügung: Ein Austausch mit Nina Hagen.

Erst vor meiner 2. Gehirn-OP im Jahr 2011 hatte ich an eine rechtlich abgesicherte Patientenverfügung gedacht. Ich wollte endlich selbst bestimmen und die Verantwortung nicht mehr anderen überlassen.

Denn als ich in der Nacht am 21. September 09 mit 44 Jahren über die Notaufnahme eines normalen Hamburger Krankenhauses ohne Untersuchung auf direktem Weg in der Psychiatrie landete, kam mir die Möglichkeit einer rechtlichen Absicherung gar nicht in den Sinn. Jedoch glaubte mir mit dem fetten Stempel „Psycho“ auf meiner Stirn von diesem Tag an niemand mehr. Es ging zeitweise so weit, dass ich kurz vor einer Entmündigung stand, weil ich die vielen Psychopharmaka verweigerte. Und nur durch einen Zufall und einen Arzt, der mich auf mein Gangbild aufmerksam gemacht hatte, entdeckte man drei Jahre später den Gehirntumor am Stammhirn, die Ursache für all meine Symptome. Heute wäre ich tot, wenn ich nicht zufällig vor diesem Arzt hergelaufen wäre.

Vor der ersten Gehirn-OP hatte ich schnell eine Standard-Patientenverfügung aus dem Internet erstellt, die rechtlich gar nichts absicherte, weil zu allgemein. Während der Zeit auf der Intensivstation, an einem Beatmungsgerät hängend, mit einem Körper, der nichts mehr konnte, entschieden deshalb über Wochen andere für mich.

Wenn es richtig schlecht gelaufen wäre, hätten die Ärzte mich in ein Pflegeheim – in eine sogenannte Beatmungs-WG – verlegen müssen.

In den Jahren 2013 und 2014 leitete ich gegen die Psychiatrie rechtliche Schritte ein.
Ohne Erfolg. Seit dieser Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Tätigkeit der Musikerin Nina Hagen, die sich als Schirmherrin von Patverfü.de mit den Worten „Für die Freiheit gegen Zwang“ in den Psychiatrien engagiert.

Zu ihrer Aussage möchte ich hinzufügen:

Behaltet Eure Rechte, wenn Ihr für Euch selbst nicht mehr eintreten könnt und andere die Verantwortung übernehmen müssen.

Im September 2020 hatte ich Nina Hagen angeschrieben.

In der Korrespondenz mit Nina Hagen erfährt man, wie wichtig es ist, als Patient seine Rechte zu behalten und wie eine Patientenverfügung dabei helfen kann.

Liebe Nina Hagen, seit 2014 verfolge ich Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bezüglich der ungerechtfertigten Vorgehensweisen in Psychiatrien. Damals hatte ich versucht, gegen eine Psychiatrie zu klagen, und aufgegeben.

Liebe Petra, als Schirmfrau der www.PatVerfü.de weiß ich inzwischen sehr wohl, dass das, was Dir widerfahren ist, nur möglich war, wenn man vorher keine PatVerfü gemacht hat, und es ist leider die Regel.

Bevor Dir so was noch mal passieren könnte, empfehle ich Dir, Dich mit so einer speziellen Patientenverfügung mit eingebauter Vorsorgevollmacht zu schützen, siehe hier: mit allen Hinweisen, Formularen und Handbuch: https://www.patverfue.de. Ich bin die Schirmfrau und habe eine ausführliche Erklärung dazu verfasst: https://www.patverfue.de/nina-hagen-ueber-die-patverfue

Du schreibst: „Man verschaffte mich ohne physische Untersuchung und ohne Kopf-MRT über die Notaufnahme auf dem direkten Weg in die Psychiatrie. „Der Grund für meine körperlichen und seelischen Symptome war jedoch ein übergroßer Gehirntumor am Stammhirn, der erst im Mai 2011 entdeckt wurde.“

Du schreibst: „Diese Anwälte sitzen das einfach aus, solange bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen.“

Das ist typisch, weil sie, dadurch, dass Du keine PatVerfü hattest, die Einweisung auch durch einen richterlichen Beschluss einsegnen lassen konnten, und dann hast Du rechtlich so gut wie keine Chance mehr, weil dann nur noch medizinische Argumente gelten. Die Richter machen es sich einfach und sagen:

Ich hab’ keine Ahnung, also folge ich dem, was die gutachtenden Ärzte sagen.“

Du schreibst: Bei dem Versuch, gegen die Psychiatrie zu klagen, hat mir die Deutsche Hirntumorhilfe erzählt, dass Menschen, mit unentdeckten Tumoren häufig in der Psychiatrie landen, weil sich Neurologen und Psychiater mit Hirntumoren nicht auskennen. Sie stützen sich ausschließlich auf die psychischen Symptome, und so geht es dann oft ohne Kopf-MRT ab in die Psychiatrie. Hat man erst einmal den Stempel Psycho, interessiert sich auch danach niemand mehr für physische Symptome. Eben!

Hätten sie eine PatVerfü, ginge das nicht mehr – deshalb vielleicht der Hirntumorhilfe mal einen Hinweis auf die PatVerfü geben? Solange nur neurologische Ärzte behandeln, geht alles nur mit der Zustimmung der Patientin. Nur Psychiater sind gewohnt, Zwang anzuwenden.

Du schreibst: „Hätte ich auf die Ärzte in der Psychiatrie gehört, und mich auf deren Tabletten-Therapien eingelassen, wäre ich heute tot. Ein trauriger und elendiger Tod.“

Eben, besser mit einer PatVerfü vorsorgen!

Sei lieb, ganz doll lieb gedrückt von Nina Hagen

8 1/2 Wochen | Psychiatrie

In der Nacht vom 20.09.2009 auf den 21.09.2009 landete ich mit extremen körperlichen Beschwerden in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Bevor ich gegen 2 Uhr in der Früh einen Notarzt rief, wanderte ich bereits über Stunden durch unsere Wohnung und draußen durch die Gegend. Meine Beine krampften und krampften seit Monaten, als wollten sie sich aus meinem Becken schälen. Ich schlief deswegen wenig bis gar nicht und an den 14 Tagen, bevor ich den Notruf rief, fand ich gar keinen Schlaf. Um die Krämpfe in den Beinen zu lindern, stellte ich mich auf Eisakkus, brauste meine Beine mit eiskaltem Wasser ab oder legte mich mit dem ganzen Körper ins eisige Wasser in die Badewanne. Kaum kam ich zum Stillstand, zuckten und krampften die Beine wieder. Und wieder. Als ich mal bei Freunden witzig sein wollte, meinte ich: „Ich laufe und laufe und laufe, wie der VW Käfer damals.“ Kein Lacher. An Pausen war nicht zu denken.

Tagsüber hatte ich meine Beine besser im Griff, jedoch einen so starken Rechtsdrall, dass ich ständig Leute anrempelte. Es gab Tage, da lag ich einfach so – aus heiterem Himmel – auf dem Bürgersteig oder in der Wohnung (heute weiß ich, das waren neurologische Ausfälle). Dreh- und Schwankschwindel gesellten sich abwechselnd hinzu. Und ja, ich war vorher bei vielen Ärzten. Sie fragten: „Haben Sie Kopfschmerzen?“  „Nein!“, antwortete ich. Dummerweise hatte ich während der ganzen Zeit keine Kopfschmerzen. Hätte ich nur ein einziges Mal ja gesagt: „Ja!!!“ Ich habe zwischendurch furchtbare Kopfschmerzen, dann wäre alles anders gelaufen. So jedoch verpassten sie mir aufgrund meiner kuriosen Symptome den Stempel „Psycho“. Mit einem Psychopharmaka-Rezept verließ ich wieder eine weitere Praxis oder mit homöopathischen Kügelchen, wenn ich Alternativen ausprobiert hatte. Kaum saß ich vor einem anderen Arzt, drückte er mir wieder Psychopharmaka in die Hand. „Mitmachen müsste ich schon! Gesund werden wollen auch!“ Wie oft habe ich diese und andere Sätze gehört: „Mitmachen müssen Sie schon“:  Egal, was ich machte, erklärte oder beschrieb. Laut all der vielen Ärzte war ich eine Irre. Zudem war mein Mann extrem genervt von mir: „Ich sollte mich mal besser im Griff haben!“

In dieser Nacht gesellten sich zu den krampfenden Beinen mein Kopf und die Arme hinzu. Nichts war mehr ruhig, alles krampfte und bewegte sich. Mein Körper war völlig aus dem Ruder. Ich geriet in Panik und wählte den Notruf. Als der Notarzt eintraf, robbte ich auf allen Vieren zur Tür. Kurz davor lag ich am ganzen Körper zuckend mit starkem Drehschwindel auf dem Boden und fixierte einen Punkt an der Decke, um mich zu beruhigen. Vielleicht bin ich tatsächlich eine Irre, flüsterte ich mir zu. Mein Mann schlief in dieser Nacht, wie in allen davor. Der Notarzt weckte ihn. So fuhren wir beide mit Vorankündigung des Notarztes in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Dort wurde ich von zwei  Ärzten wie ein Zirkustier begutachtet. Später steckte mir eine Schwester ein Tavor in den Mund und sie verlegten mich auf direktem Weg auf die  Akutstation 11 der Psychiatrie. Das war’s. Kein Blutbild. Kein gar nichts. Mein Mann konnte wieder erleichtert zurück ins Bett. Erst im Laufe des nächsten Tages musste er mir Sachen für den Aufenthalt in der Psychiatrie bringen. Vielmehr an der Tür der Station für mich abgeben, denn ich hatte vorerst Kontaktverbot. Ich sah und hörte über 7 Wochen nichts von meinem Mann.

Zwei oder drei Tage später wurde ich auf der Akutstation der Psychiatrie dem Oberarzt vorgestellt, der den weiteren Weg für mich festlegen sollte. Bis dahin gab man mir starke Psychopharmaka.

 

Eine nicht gerade wenig aggressive und stimmgewaltige Patientin, die sich im Raucherzimmer über die freigiebige Tablettenverteilung in unserer Abteilung ausließ, meinte böse: „Tavor verteilen die hier wie Smarties, Patienten beginnen hier mit dem Rauchen, aber Alkohol zur Beruhigung ist für die Ärzte Sucht! Wie verlogen ist das denn?“  

Als ein Pfleger mich in meinem Zimmer abholte und stützend zum Arztzimmer brachte, um mich dort auf dem Sitzplatz vor dem Schreibtisch von Dr. (den Namen darf ich nicht nennen, ansonsten droht mir eine Klage) zu  platzieren, begann die neurologische Untersuchung. Zumindest sollte das eine sein. Sie bestand jedoch ausschließlich aus Fragen, die ich, zugedröhnt von den Medikamenten, mechanisch beantwortete. Kurz und ohne dass er auch nur eine  physische Untersuchung vornahm, diagnostizierte er eine Persönlichkeitsstörung und verlegte mich auf seine Station 12, auf der gerade ein Bett frei wurde.

 

Dort verbrachte ich meine nächsten 8 1/2 Wochen.

Es dauerte fast die Hälfte meines Aufenthalts auf dieser Station, bis ich für meine überaus aktive Beinmotorik (die Beine krampften und zuckten unentwegt) einen akzeptablen Umgang damit und die Kraft gefunden hatte, mir zu überlegen: WAS MACH ICH JETZT? Zumal ich ja überhaupt nicht wusste, wohin und was jetzt. Mein Lebensplan lag in Scherben, meine Ehe war zu Ende (darauf ritten die Therapeuten immer sehr gerne herum). Zudem musste ich versuchen, dass der Aufenthalt nicht bekannt wurde, damit ich meiner Selbstständigkeit weiter nachgehen und meine laufenden Projekte abschließen konnte (ich arbeitete in der Psychiatrie einfach heimlich weiter, teilte niemandem mit, wo ich war). Mein Entschluss, aus den Fängen der Psychiatrie zu kommen, also meine persönlich geplante Entlassung aus der Psychiatrie, entpuppte sich als gar nicht leicht.

Ist man erst einmal auf Station, übernehmen andere die Kontrolle über einen. Denn ich war natürlich psychisch äußerst instabil und das wurde mir täglich in den Therapierunden erklärt. Für den Geschmack der Therapeuten hatte ich zu viel eigene Meinung, war Tablettenverweigerin und stellte mich quer bei den Therapien, stellte zu viele Fragen und kritisierte deren Vorgehensweise recht offen.

Etwa in der 4. Woche kam ich auf die Idee, vielleicht könnte man in einem allgemeinen Krankenhaus, in dem ich doch war, meinen körperlichen Beschwerden auf den Grund gehen. Ich sprach bei einer der Ärztesprechstunden, die jeden Freitag nach dem Mittagessen stattfanden, vor. Und fragte nach einer physischen Untersuchung. Bis heute vergesse ich diesen arroganten Blick des Arztes nicht: „Ja, Blut können wir Ihnen abnehmen! Jedoch gibt es dazu aktuell keine Veranlassung. „Wie kommen Sie auf ein Kopf-MRT?“, fragte er missbilligend. Ich antwortete: „Weil meine Symptome auf MS oder  Parkinson hinweisen!“ Er sah mich an, als ob ich nun gänzlich den Verstand verloren hätte. Mit einem strafenden Gesichtsausdruck und hochgezogenen Augenbrauen, gepaart mit einem leicht amüsierten bis angeekelten Tonfall, als sei ich fünf und hätte versehentlich den Spinat vom Mittagessen auf seinen Schreibtisch ausgespuckt, antwortete er: „Meinen Sie wirklich, Sie können eine Diagnose stellen und meine Arbeit machen?“

Von diesem Moment an wusste ich: Ich bin denen hier ausgeliefert.

Von dieser Seite kann ich keine Hilfe erwarten. Denn die Ärzte und Therapeuten hatten ihr Urteil über mich gefällt, und wenn ich nicht mitmache, dann geht das hier für mich verdammt böse aus.

Von dem Tag an wurde ich zunehmend einsichtiger, beteiligte mich an den Therapien, erfand meine eigene Persönlichkeitsstörung und inszenierte meine Besserung davon. So nahm ich die Psychopharmaka jeden Abend entgegen und meinte, ich kann es mal versuchen (ich hatte das Glück, dass bei mir noch nicht kontrolliert wurde, ob ich sie auch schluckte, in diesem Stadium der Entmündigung war ich noch nicht angekommen), und warf sie anschließend ins Klo. Ich rollte während der konstruktiven Bewegungstherapie auf dem Bauch liegend über ein Kissen, anderen Patienten Murmeln zu und sprach später in der Runde über meine Empfindungen und neuen Erfahrungen, die ich mir während des Murmelvorgangs ausgedacht hatte. Während der Musiktherapie schnappte ich mir jedes Mal die Rassel. Ich rasselte mitunter, klinkte mich während der gemeinsamen musikalischen Darbietung innerlich aus (denn wir alle hatten gar keine Instrumentenerfahrung oder eine Ausbildung darin) und sprach später darüber, wie viel Halt mir die Rassel gab. In der Morgenrunde sprach ich über meinen vergangenen Schlaf und abends über den bevorstehenden Schlaf. In der Gruppentherapie verhielt ich mich ruhig und in der Einzeltherapie kramte ich Geschichten aus meiner Kindheit hervor. Nachts riss ich mich zusammen und lief nicht mehr über die Flure. Ich ertrug meine Beine. In den wöchentlichen Abschlussgesprächen teilte ich der gesamten Therapeuten- und Ärztemannschaft mit, wie gut mir die Tabletten jetzt täten und wie viel ruhiger ich dadurch geworden sei und welche Fortschritte ich durch die Therapien machte.

Zudem zitierte ich meinen Mann zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arzt, damit er aussagte, dass wir beide es noch einmal miteinander versuchen werden, also ich eine Zukunft in der Außenwelt haben werde. Mein schwarzer Humor ließ mich die vielen Krisen und Verzweiflungsanfälle überstehen. Ich war damals (bin es heute noch) fassungslos, dass es wirklich funktionierte. Ich wurde Mitte November mit den Worten entlassen, dass ich gute Fortschritte gemacht hätte und auf einem guten Weg wäre.

An dem Tag, als ich die Psychiatrie verließ, verkündete mir mein Mann per Telefon, dass er eine neue Liebe hat  und nun erstmal bei ihr leben würde. Unsere Ehe sei aus. Wir ließen uns scheiden. 1 1/2 Jahre später erhielt ich den Scheidungsbeschluss auf der Intensivstation.

Und weil ich es nicht oft genug sagen kann, da so etwas einfach nicht passieren darf:  Ich wurde, obwohl ich 8 1/2 Wochen in einem allgemeinen Krankenhaus (Abteilung: Psychiatrie) war, physisch zu keinem Zeitpunkt untersucht. Meine Bitte, das nachzuholen, wurde abgewiesen. Mir wurde eine vollkommen unnötige Therapie aufgezwungen, und damit ich überhaupt wieder entlassen werden konnte, machte ich nach vier Wochen scheinbar mit. Was die Ärzte (Psychiater) und Therapeuten nicht merkten, sondern mich noch ermunterten, so weiterzumachen: Ich sei auf einem guten Weg! Hätte ich diesen Ärzten vertraut, dann wäre ich heute tot. Ich wäre als PSYCHO gestorben. Vielleicht wäre man eines Tages doch noch auf die Idee eines MRTs gekommen. Vielleicht? Aber ich denke eher nicht, so wie man auf dieser Station mit Psychopharmaka vollgestopft wurde, hätte man weiterhin alle meine physischen Symptome auf meine Psyche oder auf die Medikamente geschoben.

Auch wenn ich gesagt hätte, ich nehme diese Pillen gar nicht, wer hätte mir denn geglaubt? Wer hätte auf meine Bitte hin und für den Beweis dafür, einen Bluttest gemacht? Wer schießt sich denn selbst ins Knie?

Im Herbst 2013 musste ich zum Jobcenter und Hartz IV anmelden. Durch die jahrelangen Fehleinschätzungen so vieler Ärzte und die dadurch verspäteten Kopf-Ops im Jahr 2011 waren meine Aufträge weg, meine Ehe beendet, meine mentalen und körperlichen Kräfte nicht mehr vorhanden, um mein neues Leben in Düsseldorf aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Mein persönliches und berufliches Leben hatte ich 2010 in Hamburg gelassen. Meine Rücklagen waren verbraucht. Meine kleinen Projekte deckten meine Kosten nicht. 2011, im Jahr der Diagnose „Meningenom am Stammhirn“wurde der Oberarzt (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), der mich auf seiner Station für 8 1/2 Wochen aufgenommen hatte, mir eine physische Untersuchung verweigerte und eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, Chefarzt der Psychiatrie.

Als ich 2013 bis 2014 versuchte, gegen die Behandlung in der Psychiatrie rechtlich vorzugehen, bekam ich kein Recht. Die Gegenseite zerpflückte alles in Einzelteile und setzte darauf, wie irre ich doch war. Die fehlende physische Untersuchung wurde schlichtweg und permanent ignoriert. Diese Anwälte der Versicherungen der Krankenhäuser und Ärzte sitzen das einfach aus, bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen. Zudem fehlte mir der emotionale Abstand, um besser mit den Argumenten der Gegenseite umgehen zu können. Ich streckte eines Tages die Flügel.

Wenn mein innerer Schutzengel, mit seinen vielen tollen und unermüdlichen Gefährten – Trotz, Sturheit, Willenskraft, Intelligenz, Widerspruch, Skepsis, Misstrauen und Mut – mir nicht zur Seite gestanden hätte, wäre ich als Irre gestorben. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Wahrheit herauszufinden. Niemand hatte mir bis 2011, bis zur Diagnose, geglaubt. Die Liste dieser Ärzte, Heilpraktiker, Heiler, Osteopathen und Alternativmedizinern aller Art ist sehr lang. Mein Ex-Mann, meine Freunde und meine Familie glaubten mir ohnehin nicht.

Ich hatte PSYCHO fett auf der Stirn stehen.

Es war natürlich für alle auch so unglaublich einfach: Reiß Dich mal zusammen. Du immer! Du hast doch immer was! Man muss auch wollen! Nimm endlich die Tabletten! Sicherlich waren Familie und Freunde nach der Diagnose „Gehirntumor am Stammhirn“ etwas verhalten, aber dann schoss man sich darauf ein:

Woher hätten wir das denn wissen sollen? Die Ärzte haben Mist gebaut!

Aber auch wenn jemand Psycho ist, ist er doch immer noch ein Mensch, dem man respektvoll und menschlich begegnen kann. Hinter jedem Psycho steckt ein Mensch. Wenn er könnte, würde er ganz bestimmt anders sein. Wenn er könnte!

Ich bekam im Jahr 2011 drei Entschuldigungen von drei Menschen, die alles richtig gemacht haben. Und das bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Denn kein Geld der Welt kann die eigene innere Welt und die eigene Würde nach so einem Drama wieder heil machen, aber ein ehrliches  >Tut mir ehrlich leid< oder eine aufrichtige Entschuldigung können das. Denn dann weiß man, dass man richtig ist, und spürt, der andere kann das große Leid sehen, das einem widerfahren ist. Er nimmt Anteil an diesem Leid.

In der Uniklinik Düsseldorf wurde ich wegen meiner körperlichen Beschwerden (in der Notaufnahme) auf Endstadium MS untersucht. Als der junge Arzt mir die Diagnose „Gehirntumor“ (der Tumor am Stammhirn war gutartig und saß dort schon fast 12 Jahre, so deren Einschätzung) mitteilte, fragte er mich: „Niemand hat bei Ihnen ein MRT in Erwägung gezogen, bei Ihren Symptomen? Ich verneinte. Er holte tief Luft, ließ sie langsam raus und sagte:

„Ich möchte mich in aller Form für meine Kollegen bei Ihnen entschuldigen.“

Das Gleiche haben meine beiden Operateure auf der Neurochirurgie gemacht. Sie entschuldigten sich für ihre Kollegen bei mir.

Dr. Chaddeh hatte es mit seinen Worten, bei unserer ersten Begegnung auf den Punkt gebracht. Er meinte damals, als er mich nach nicht einmal 10 Minuten auf direktem Weg mit einem Taxi in die Notaufnahme der Uniklinik schicken wollte, auf meinen Ausruf „Wieso das denn jetzt? Ich bin eine Irre!

Frau Bach, man kann Läuse und Flöhe gleichzeitig haben, aber ich bin mir sicher. Sie haben nur Flöhe!“

 

Brust-Tattoo nach Brustkrebs:

Ein Gespräch mit Andy Engel.

Andy Engel ist nicht nur in Deutschland (er wohnt und arbeitet in einem kleinen Ort in der Nähe von Würzburg) sehr gefragt, sondern wird auch von den besten und bekanntesten Tattoo-Studios und Conventions, unter anderem in den USA, Spanien, England, Italien, Australien, China und Indien, regelmäßig gebucht. Wenn jemand ein Tattoo von ihm persönlich gestochen haben möchte, muss sie/er bis zu 8 Jahre warten. Neben der Arbeit als Tätowierer gibt er Seminare und setzt sich für allgemeingültige Hygieneregelungen in Tattoo-Studios ein. Damit wäre für die meisten Menschen der Tag mehr als gefüllt, aber er findet noch Zeit für seine Leidenschaft als Schlagzeuger und spielt in einer Band. 2013 ging er mit seiner eigenen kleinen und selbstgefertigten Schmuckkollektion an den Start, die er selbst als Herzensangelegenheit bezeichnet und die an die präzise Arbeit seines Vaters als Schmiedemeister erinnert. Der Vater von drei Kindern sei ein Familienmensch, sagt er von sich selbst.

Wie kam es dazu, dass du dich neben deinem ausgefüllten Leben für Frauen nach einer Brustkrebserkrankung für eine Brustwarzenrekonstruktion engagierst und ihnen dadurch ein Stück verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückgibst?

AE
Vor 13 Jahren kam eine Stammkundin, die den Brustkrebs hinter sich gebracht hatte und dabei ihre Brustwarze verloren hatte, zu mir. Sie meinte, tätowiere mir eine neue Brustwarze. Zuerst habe ich mich gar nicht daran getraut. Die Haut hatte sich durch die OP, durch die Narben und durch Bestrahlungen sehr verändert. Ich wusste auch nicht, wie die angegriffene Haut auf eine Tätowierung, also auf die vielen kleinen Nadelstiche und Farben, reagiert. Hinzu kommt, dass man die Narben berücksichtigen muss und, wenn es nur eine Brustwarze ist, sie zu der anderen passen muss. All das musste ich bei meiner Arbeit in Betracht ziehen. Es ist etwas vollkommen anderes, in eine gesunde Haut, ein Tattoo zu stechen. Aber wir beide sind es angegangen und sie war von dem Ergebnis so begeistert, dass sie damit zum Bayerischen Rundfunk gegangen ist und denen das Ergebnis präsentierte und meinte: Das hat Andy Engel für mich getan. So begann alles.

Trotzdem hättest du sagen können, das Krebsthema passt nicht in dein Leben, und warum dich damit belasten? Das war eine einmalige Sache; ich freue mich darüber, dass meine Kundin glücklich ist. Du bist jedoch einen anderen Weg gegangen. Warum?

AE
In meiner Vergangenheit habe ich bei Freunden und in der Familie einige Krebserkrankungen und Leidenswege miterlebt. Mit diesem Brustwarzen-Tattoo konnte ich einen Menschen wieder glücklich machen. Das hat mich sehr berührt. Auch das Vertrauen der Kundin mir gegenüber. Der Moment, in dem eine Frau nach einer Brust-OP die Bluse hochzieht, ist kein einfacher Moment für sie, aber ich erhalte ihr Vertrauen.

Durch die Aktion meiner Stammkundin bin ich mit Dr. med. Andreas Cramer – er arbeitet als Oberarzt in der Missioklinik in Würzburg – in Kontakt gekommen und habe dabei erfahren, wie wichtig eine schöne Brust für die Genesung nach solch einer Erkrankung ist. Obwohl seitens der Schulmedizin bereits viel passiert, damit sich die Frauen nach einer Brust-OP und dem Krebstrauma wieder gut fühlen, haben sich Brustzentren, Kliniken und Ärzte mit fotorealistischen Brustwarzen in 3-D noch nicht wirklich beschäftigt. Dr. Cramer hatte mich gefragt, ob ich dazu einen Vortrag an seiner Klinik halten würde. Und das tat ich dann auch. Daraus folgten weitere Gespräche mit anderen Ärzten und Kliniken. So entstand von Mal zu Mal ein starkes Netzwerk. 2008 rief ich dann medbwk Brustwarzenrekonstruktion ins Leben.

Was ist besonders an medbwk?

AE
In den vergangenen Jahren hat sich das Netzwerk medbwk zu einer GmbH und Co. KG entwickelt. Es kamen weitere Partner und Mitstreiter dazu. Zudem habe ich immer wieder Vorträge in Kliniken gehalten. Gemeinsam haben wir uns tiefer in das Thema hineingearbeitet – ich habe dadurch medizinisches Fachwissen erhalten. Heute ist medbwk eine fachlich kompetente und seriöse Anlaufstelle für Frauen, mit dem Wunsch nach einer Brustwarzenrekonstruktion. Da ich nicht selbst alle Brustwarzen stechen kann, haben wir über Schulungen Tätowierer in ganz Deutschland ausgebildet. Somit gibt es mittlerweile viele medbwk zertifizierte Studios, die nach den hohen Standards von medbwk eine Rekonstruktion für betroffene Frauen anbieten und ausführen können. In meinem Studio sind wir mit Lisa Smith und Maria Böhm mittlerweile zu dritt.

Gerade Frauen werden sich vor der Entscheidung für ein Tattoo nach ihrer Krebserkrankung viele Gedanken machen. Wie nimmst du ihnen insbesondere ihre Sorgen in Bezug auf die Verwendung der Farben, oder ob ihre Brust nach Operationen und einer möglichen Bestrahlung überhaupt für ein Tattoo geeignet ist, und wie steht es um das Thema Hygiene?

AE
Ja, Hygiene ist den meisten Frauen sehr wichtig. Deshalb haben die Tätowierer von medbwk für jede Frau ein Package, in dem nur ihre Utensilien, sowie ihre Farben enthalten sind, die auch nur für sie verwendet werden. Wenn nach einigen Monaten noch einmal nachgestochen werden muss, liegen uns alle Unterlagen vor und es wird dafür auch wieder ein neues Package verwendet. Damit erreichen wir, neben allen anderen hygienischen Maßnahmen, einen höchstmöglichen Standard. Um weitere Hautirritationen zu verhindern, die oftmals durch die OPs und Therapien hervorgerufen wurden, benutzen wir eigene zertifizierte Farben. Alle unsere Tätowierer arbeiten nur mit hochwertigem Equipment.

Jede Brust hat etwas anderes durchgemacht. Es sind Narben, die berücksichtigt werden müssen, eine bestrahlte Haut, Implantate und, und, und. Ich weiß, dass es auf jeden kleinsten Punkt ankommt, den ich mit der Farbe setze. Durch die Erfahrungen und die Kommunikation mit den Kundinnen erzielen die zertifizierten Tätowierer und ich die bestmöglichen Ergebnisse. Unser Ziel ist es, die verloren gegangene Lebensqualität, soweit es geht, wieder zurückzugeben.

Im Laufe der Zeit wurden uns von den Frauen sehr viele Fragen gestellt, zum Beispiel: Darf ich mir mit einem Implantat die Brust tätowieren lassen? Was sind die Risiken? Darf man Narben tätowieren? Wie lange hält ein Tattoo? Darf ich damit in die Sonne? Wir haben sie gesammelt und auf die wichtigsten Fragen geben wir in Zusammenarbeit mit den Medizinern und unserem Team Antworten, die man auf der Website https://medbwk.de nachlesen kann.

Nicht alle Frauen können sich eine Brustwarzenrekonstruktion finanziell leisten. Jedoch übernehmen mittlerweile 60 % der Krankenkassen alle Kosten. Auf unserer Homepage https://medbwk.de kann man völlig unverbindlich den Kostenvoranschlag für die Krankenkassen bei uns beantragen. Für persönliche Fragen oder wenn Hilfe für die Antragstellung benötigt wird, steht eine Mitarbeiterin von uns dafür zur Verfügung.

Man merkt, dass du und dein Team absolut mit dem Herzen dabei seid und es euch wichtig ist, dass es Betroffenen wieder gut geht, oder wie eine Frau auf deiner Website treffend sagt: „Endlich fühle ich mich wieder ganz.“

AE
Wir Männer sollten uns da nichts vormachen. Wenn die Frau sich nicht wohlfühlt, haben wir Männer ein Riesenproblem. Frauen sind unser Motor.

Informationen

Andy Engel Tattoo
Marktbreiter Straße 24, 97342 Marktsteft

phone: +49 9332 5913 900
mail: info@andyengeltattoo.com

web: www.med-bwk.com
web: www.andyengeltattoo.com

Instagram: bwk_by_andyengel
Instagram: andyengeltattoo
Instagram: andyengeltattoostudio

Facebook: Med-BWK by Andy Engel
Facebook: Andy Engel Tattoo Studio
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Yoga, eine Lebenseinstellung: Ein Gespräch mit Alex.

Erst im Mai 2019 begann ich mit Yoga und nahm bei Dir Einzelunterricht. Ich würde mich eher als eine Sprinterin bezeichnen als eine Marathonläuferin, daher entschied ich mich von Beginn an bewusst für Yin Yoga. Während unserer Zeit habe ich verstanden, dass Yoga so viel mehr ist, als sich nur zu bewegen. Wenn man sich darauf einlässt, ist es eine Reise zu sich selbst. Mir begegnen bis heute immer wieder die Worte von Siddhartha Gautama Buddha:

 

„Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern  ausschließlich das Durchhalten.“

 

Dank Deiner Unterstützung im Zusammenhang mit Yoga habe ich wieder zur körperlichen und seelischen Balance gefunden. Mich überrascht mein Körper immer noch, indem er mir zeigt, was er alles kann.

Was bedeutet Yoga für Dich?

Alex: Für mich ist Yoga keine Praxis, die nur auf einer Matte stattfindet oder auf einem Meditationskissen, sondern eine Haltung dem Leben gegenüber. Es ist gerade der Alltag und kein gesonderter Zeitraum, in dem Yoga für mich stattfindet. Das Kind benötigt natürlich immer einen Namen, und so sei der Name Yoga. Yoga bedeutet, im Moment zu sein, ganz bewusst, mit allem, was auftaucht, dem Hier und Jetzt ins Gesicht zu blicken, mit allen Emotionen und Gedanken, die da sind. Darin seine eigene Balance zu finden, sich selbst zu erkennen und darin Stärke und Sinn zu finden.

Eben genau durch diese Alltagstauglichkeit wollte ich es zu meinem Beruf machen. Es ergab einfach Sinn und ich unterrichte mittlerweile seit sechs Jahren.

Du hast bis Mitte November auch die Yogagruppe (in der ich selbst auch war) für Krebspatienten und chronisch Erkrankte geleitet. Alle Teilnehmer*innen sagten, nach der Yoga-Stunde geht es ihnen besser, sowohl körperlich als auch seelisch. Wie schaffst Du das, Dich auf uns so einzulassen, dass es uns allen gut geht?

Alex: Wenn ich etwas dazu beitragen konnte, damit es den Menschen in unserer Gruppe der Krebspatient(en)*innen besser nach der Praxis geht, ist das an mich selbst das größte Geschenk. Wer eine schwere Krankheit erfährt, entwickelt meist an einem gewissen Punkt eine große Bereitschaft, im Hier und Jetzt zu sein und sich alles anzuschauen, was er bis jetzt unterdrückt hat. Das ist es, wofür ich den Raum geben möchte in diesen Stunden: sich begegnen zu können, mit allen Dingen, egal wie unschön sie manchmal auftauchen. Und zu sehen, dass man nicht alleine ist und gesehen wird.

Wenn wir alle in diesen Stunden zusammen sind, ist es für mich das Wichtigste, mich ebenso authentisch als Mensch zu zeigen, auch wenn ich vor der Gruppe auf der Matte stehe. Dort schließt sich dann wieder der Kreis: Yoga findet für mich nicht nur auf der Matte statt, sondern ständig. Ich versuche jeden Einzelnen wirklich zu erkennen mit dem, was er mitbringt, und diesen Menschen uneingeschränkt anzunehmen.

Ende des Jahres 2020 hast Du den mutigen Schritt gewagt und lebst seit November in einem anderen Land. Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Alex: Ich bin im November ins Kleinwalsertal gezogen, weil es 2020 auch bei mir ordentlich gerüttelt hat. Zurzeit versuche ich, mein Leben mit neuen Augen zu sehen, um eventuell Festgefahrenes darin lösen zu können.

Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Gegenwärtig kann man nicht lange im Voraus planen, sondern wird in Flexibilität und Geduld geprüft.

In der Arbeit mit Dir, das ist mir noch wichtig zu sagen, konnte ich ganz wunderbar an Deinem Beispiel erleben, was es bedeutet, wirklich konsistent zu sein. Ich habe sehr viel mitgenommen aus diesen gemeinsamen Stunden und bin dafür sehr dankbar.

 

Liebe Alex, es geht mir nicht anders. Herzlichen Dank für die
gemeinsame Zeit mit Dir und für das Gespräch.

 

 

Krönchen richten.

Laufen alleine reicht nicht, darauf kam ich ja bereits zu Beginn meines Vorhabens und direkt nach dem ersten Training. Der Körper benötigt Muskelaufbau, passende Ernährung, einen Ausgleich (Yoga, Physio, Massage, Entspannung), ein ausgewogenes und angepasstes Training und gute Kleidung.

Mein Ziel ist auch, es nicht IRGENDWIE zu schaffen, so wie in meiner Vergangenheit: Irgendwie bekam ich die Miete zusammen. Irgendwie die Gelder für das Projekt. Irgendwie den Rechtsstreit vom Tisch. Rückblickend habe ich alles hinbekommen, sogar meine Niederlagen: Hamburg, Scheidung, Gehirntumor, Brustkrebs. Und irgendwie würde ich auch meine 10 km in New York schaffen.

Laut meinem damaligen Freundeskreis war jedoch alles unkompliziert bei mir. Sie mussten jeden Tag zu einem Job, worauf sie keinen Bock hatten, und ich zog einfach mein Ding durch. Ich hielt mich an keine für sie gänzlich normalen Regeln und machte einfach, was ich für richtig hielt, ohne Wenn und Aber. Mag sein, dass es so war – so ist, aber auch Träume leben wollen hat seinen Preis, der bezahlt werden will! Als es dann während meiner Jahre zwischen Gehirntumor und Brustkrebs bei mir weniger gut lief, schlug deren Verhalten mir gegenüber um, in:  Du schon wieder! Jammere nicht herum! Selbstmitleid ist scheiße (ist es!). …

Zudem war ich eine Meisterin darin, mir selbst kräftig ins Gesicht zu schlagen. Ja, es nervte mich selbst ungemein, wenn ich völlig kraft- und perspektivlos in der Gegend herumstand und so gar nicht mehr hochkam. Trotz allem blieb ich eine, die nach dem Postkarten-Motto lebte:

Hinfallen, aufstehen, aufrichten, Krönchen richten, lächeln, weitergehen.

Auch wenn es Zeiten gab, an denen es sehr, sehr lange dauerte, bis ich das Krönchen wieder einigermaßen gerade auf meinem Kopf platziert hatte. Dabei rutschte es täglich hin und her und wieder herunter.

Bevor mich der Hirntumor zur Strecke brachte, wurde ich ausschließlich mitten im dicksten Stress ruhig, und konnte erst dann klare und konstruktive Entscheidungen treffen, wobei mich stressfreie Zeiten komplett stressten. Wenn ich eins kann, dann ist es Krise. Das wollte ich für meine Zukunft ändern und nicht erst dann gute Entscheidungen treffen können, wenn ich wie ein Kaninchen vor der Flinte stehe, starr vor Anspannung und Angst.

In der Serie Sex and the City sagte die Figur Samantha einen für mich sehr klugen Satz, als sie sich nach der Chemo von ihrem Freund trennte.

Ich liebe Dich und Du bist mir unglaublich wichtig, aber es gibt einen Menschen, der mir wichtiger ist, das bin ich selbst.

Seit einiger Zeit  stresst es mich weniger, wenn mein Krönchen schief sitzt. Das ist nun mal so. Ich stelle mich nicht mehr ständig infrage oder finde mich vollkommen nervig – anstrengend. Ich übe mich darin, mir selbst wichtig zu sein. Welch eine Ironie für meinen alten Freundeskreis.

Meine neue Lebenseinstellung wird durch die Yin Yoga Praxis gestützt. Dabei lasse ich mir von einer tollen Yoga-Lehrerin helfen. Yin Yoga erdet mich, stellt eine Verbindung zum Körper her und beruhigt meinen Geist. Ich lerne, mit meinem Körper und mir achtsam umzugehen, und staune so oft, was er alles kann. Das  hilft mir beim Laufen. Ich lerne, mit den Kräften zu haushalten und anders durchzuhalten: in meinem Tempo und nicht irgendwie.