Einerseits habe ich in den letzten Jahren ein komplettes Adressbuch in die Tonne gedrückt. Dafür durfte ich auf der anderen Seite, Menschen kennenlernen, die ich nicht mehr missen möchte. Während meiner Krebstherapie machte ich die Erfahrung, es gibt diese Menschen, die unsere Welt jeden Tag ein Stück besser machen.
Sie stehen ungern im Rampenlicht, sie machen einfach. Sie sind da. Sie hören zu. Sie urteilen nicht. Sie freuen sich mit einem. Sie sind bescheiden. Sie haben mir etwas zurückgegeben, was ich völlig verloren hatte: Vertrauen in mich und wieder in die Welt.
Auch möchte ich davon erzählen, dass ich durch die Diagnose Brustkrebs etwas geschenkt bekam (sie hat nicht nur gefordert und genommen), was ich überhaupt nicht mehr kannte: Menschlichkeit und das Gefühl, so kann Leben auch sein.
Als ich 2011 meine beiden Kopf‑OPs unerwartet überlebte, fand ich nicht ins Leben zurück. Meiner Seele und meinem Körper fehlten einfach die Kraft für das Leben, aber auch die Kraft, das Leben zu beenden (dafür war ich schlichtweg zu feige). So befand ich mich über Jahre in einer Art Schockstarre, aus der ich nicht mehr herausfand. Während der Diagnosestellung meines Brustkrebses und der späteren Therapie lernte ich Menschen kennen: Menschen, die sahen, was mit mir los war.
Tausendmal danke!
Ich möchte Euch Gesunden sagen: Lebt im Jetzt und nicht im Morgen (mehr haben wir nicht, alles andere ist reine Illusion). Gleich könnt ihr ein Bonbon verschlucken und schon ist es vorbei. Das passierte 2011 einem Bekannten, als ich auf der Intensivstation im Sterben lag. In seiner Eile hatte er ein Hustenbonbon in die Luftröhre bekommen und ist daran erstickt.
Das Leben ist unberechenbar. In den letzten Jahren habe ich so viele Schicksalsschläge gesehen, und so viel Tod miterlebt, dass es für mich reines Glück ist, meinen Lebensweg bis hierhin überhaupt geschafft zu haben.
Deshalb möchte ich weiter davon erzählen, dass Krankheit und Tod, Teil unseres Lebens sind. Die einen gehen früher, die anderen schaffen es länger. Egal, wer wir sind, wir werden alle gleich enden, und in 100 Jahren sind wir ohnehin alle tot. Also, was soll oft der Scheiß, den wir uns gegenseitig antun? Es könnte manchmal so einfach sein, wären wir nur ein wenig ehrlicher zu uns selbst und zu den anderen und wenn wir verstehen würden, dass wir nur Gäste auf dieser Erde sind.
Handelt und seht mit dem Herzen! Macht das, wozu Euch schon immer der Mut gefehlt hat! Lebt.
Meine Kindheit verbrachte ich in den 60/70er Jahren in einer spießigen Reihenhaus-Siedlung, die auf katholischem Grund und Boden für Familien gebaut wurde. Um uns herum gab es damals viele Wiesen und Felder.
Und da ich alles andere als eine Stubenhockerin war, fand mein Leben auf der Straße, in unseren Gärten sowie auf den Wiesen und Feldern statt. Uns Kindern gehörte diese Welt. Sie war unser alleiniges Reich, welches wir untereinander mit eigenen Regeln aufteilten. Dabei flogen auch schon mal die Fäuste auf die Nasen der anderen.
Ich hatte eine freie Kindheit.
Gegenüber den anderen wohlerzogenen Kindern hatte ich alle Freiheiten der Welt: Zu Hause interessierte sich niemand dafür, was ich da draußen tat. Meine Eltern hatten wenig bis gar keine Zeit für meine Geschwister und mich und waren viel zu alt (damals zumindest). Meine Erziehung fand vor der Tür statt.
Für andere sah mein Leben immer unkompliziert und völlig unbeschwert aus. Ich tat einfach nur das, was ich für richtig hielt. Was nicht unbedingt falsch beobachtet war. Meine älteste Schwester meinte einmal bösartig: Du hast ja ohnehin immer gemacht, was Du wolltest, und ich musste den Regeln unserer Eltern folgen. (Selbst schuld, dachte ich.) Ja, meinte ich. Das habe ich. Aber ich habe dafür auch alle Preise gezahlt, die es zu zahlen gab. Nichts gibt es umsonst im Leben.
Zwar bin ich wirklich ein echtes Königskind. Das hat meine Schwester schon richtig gesehen. Aber es lag nicht daran, dass meine Eltern anders zu mir waren, als zu meinen Geschwistern. Es lag daran, dass ich anders war. „Völlig aus der Art geschlagen“, hat mein Opa immer gesagt.
Oft hörte ich auch: Von wem ist dieses Kind? Wo habt ihr das her? Den meisten Unfug hat man mir auch einfach nicht übel genommen und zügig verziehen. Einfach so, war wieder alles gut. Allerdings, das waren die einzigen beiden wirklichen unausgesprochenen Elternregeln: Wenn ich Mist baute, musste ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen. Und aufstehen, das musste ich wieder alleine. Mit deren Hilfe konnte ich nicht rechnen.
Als ich älter wurde, hatte sich an meiner Lebensphilosophie so gar nichts geändert. Ich entschied mich dafür, Abitur zu machen, als ich in der 10. Klasse sitzen geblieben war und kein ehrliches Interesse für den Schulunterricht aufbringen konnte. Stillsitzen und Autoritäten aushalten, sind bis heute nicht meine Stärken. Aber ich machte mein Abitur. Nicht gerade mit einem glamourösen Abschluss. Es reichte jedoch für mein Vorhaben, eine komplett neue Welt für mich zu entdecken.
Jeden Morgen fuhr ich mit der Straßenbahn an der Kunstakademie vorbei. Sie befindet sich hinter der Brücke auf der rechten Seite. Oder andersherum vor der Brücke auf der linken Seite.
Heute noch eines der imposantesten Gebäude meiner Stadt für mich. Und obwohl ich damals von der bildenden Kunst absolut keine Ahnung hatte, sagte ich mir jedes Mal, als ich auf meinem Schulweg an der Akademie vorbeifuhr: Dort werde ich einmal studieren! Woher ich diesen ureigenen Glauben an etwas hatte, was ich gar nicht kannte, weiß ich bis heute nicht. Jedoch landete ich mit zahlreichen Umwegen, zwar nicht sehr lange, da ich mich während des Orientierungsjahrs für Kulturmanagement entschieden hatte, als Studentin an der Kunstakademie Düsseldorf: Ja, ich!
Bis heute lebt dieses fröhliche, abenteuerlustige, mutige und kämpferische Mädchen in mir. Es hat mich durch alle Katastrophen der letzten Jahre gebracht: Auf dem Boden liegenbleiben gilt nicht. Heulen ohnehin nicht! Eine kindliche Weisheit, der ich in den letzten Jahren nicht immer nachkommen konnte. Oft blieb ich einfach nur am Boden liegen und gab auf. Heulte herum.
Trotz allem, was in den letzten Jahren vorgefallen ist, habe ich meine kindliche Freiheit nicht ganz verloren. Irgendwo gibt es sie noch, die große, farbenfrohe und verheißungsvolle Welt, die voller toller Abenteuer steckt und nur eins möchte: entdeckt und erobert werden.
Jetzt habe ich die 60 überschritten und gehöre nun zu den alten Eisen. Es ist eine andere Herausforderung, der ich mich jetzt stellen muss: Wie geht man mit Alter um? Wie damit, dass man nicht mehr alle Schlachten schlagen kann und auch gar nicht mehr bereit dazu ist.
Ich kann jedes Projekt planen. Wenn ich beruflich eine Stärke habe, dann das Organisieren von den unmöglichsten Dingen. Nur in meinem Leben Struktur bringen, das habe ich bis heute nicht geschafft. Sobald es an eine Zukunftsplanung geht, bekomme ich Panik und fühle mich sofort eingesperrt. Eine Freundin meinte dazu: Mach Dir nicht so einen Kopf. Du bist eine Jägerin und ich eine Sammlerin und Bewahrerin.
Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal einen meiner Lieblingsfilme, die grünen Tomaten, schaute, nahm ich mir vor, im Alter wie Ninny aus dem Film zu werden. Ja, heute noch! Ich möchte so werden, wie sie. Vielleicht sollte ich mir solche Ziele setzen, wie ich sein möchte, und nicht, was ich alles noch haben und erleben möchte. Das hat vorher auch funktioniert.
Und wenn ich mir manchmal den Druck nehmen kann und das Grübeln aufgebe: Was wird sein? Wie lange hast Du noch? Wie viel Leid noch? Wenn ich an solchen Tagen morgens in den Spiegel schaue, sehe ich hinter meinem nicht so schönen und müden Spiegelbild manchmal immer noch das kleine, mutige und lebensfrohe Mädchen, welches sich die Wiesen und Straßen erobert.
Laut Robert Koch-Institut erkrankt jede 2. Frau und jeder 2. Mann im Laufe ihres/seines Lebens an Krebs. Zum einen mag es an der alternden Gesellschaft liegen, aber das kann es nicht alleine sein, denn die Zahlen der Krebserkrankungen bei jungen Menschen steigt ebenfalls unaufhaltsam an. Zählt man schwere Krankheitsverläufe von Multipler Sklerose, Parkinson, Diabetes, Schlaganfall, Herzerkrankungen … hinzu, kommt einem schnell der Gedanke: Nur ganz wenige Menschen werden das Glück haben, bis ins hohe Alter gesund und fit zu bleiben. Und wenn ich an die Babyboomer-Generation denke, die jetzt ins Alter geht, frage ich mich: Wie fängt zukünftig unser Gesundheitssystem diese auf uns zukommende Krankheitsflut ab? Unsere selbstoptimierte westliche Gesellschaft verdrängt dieses zukünftige Problem. In der Werbung sehen wir gesund alternde Menschen, die Sport treiben, in der Natur sind und einen festen und fürsorglichen Halt in der Familie finden. Und wenn es mit der Mobilität nicht mehr so rund läuft, dann gibt es halt einen Lifta. Uns wird entweder eine spießige Jacobs-Krönung-Idylle oder eine lockere Miracoli-Familie verkauft, in der Oma und Opa gesund sind und einen festen Platz in der Familie haben. Wer mit offenen Augen über die Straße geht oder Nachrichten schaut, wird schnell erkennen: Unser aller Selbstbetrug ist groß.
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und wird jede 8. Frau in Deutschland treffen. Während meiner Zeit in der Onkologie war das Durchschnittsalter 35 Jahre und nicht, wie es die Statistik sagt, 55. Bei den Zahlen vom RKI handelt es sich ausschließlich um Erstdiagnosen, nicht um zweite oder dritte Diagnosen. Hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch. Ein Schicksalsschlag, der die ganze Familie, Freunde, Kollegen, Kinder trifft.
Wie die meisten Frauen habe ich nicht auf das Verbot meines Arztes gehört und Dr. Google nach meiner Diagnose gefragt, saß mit dem Arztbrief im Bett und versuchte, ohne medizinisches Wissen, herauszufinden, wie schlimm es um mich stand. Ich wollte Heilern glauben, an Essen gegen den Krebs, an Vitamin-C-Infusionen anstelle von Chemo, und habe auf die Pharma-Lobby geschimpft, bis ich feststellte, dass es dazu keine Alternative für mich gab. Also trieb ich mich in anderen Foren herum, in denen sich betroffene Frauen austauschen. Von Beginn an des Verdachts, über die Diagnose und die OPs bis heute war – bin es teilweise noch – süchtig danach. Es war eine Suche nach Klarheit, nach Sicherheit, nach der Gewissheit: Gott sei Dank, bei mir ist es nicht so schlimm. Es ist makaber, aber es gab Momente der Erleichterung, weil es mich nicht so schlimm getroffen hatte, wie eine andere Frau aus dem Forum, neben mir in der Onkologie oder im Krankenzimmer. Trotz fachlicher Informationen aus dem Netz, aus Büchern und von meinem Arzt, war ich nicht fähig, meine Diagnose ins Verhältnis zu setzen. Ich wusste einfach nicht, wie krank ich war. Wie hart der Einschlag.
Unweigerlich stößt man bei der Suche nach einer Antwort auf die pinke Community. Die rosa Schleife ist ein internationales Solidaritäts-Symbol für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, oder ein besonders hohes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. * „Die rosa Schleife wurde erstmals im Herbst 1991 von der US-amerikanischen Stiftung Susan G. Komen (bis 2006: Susan G. Komen Breast Cancer Foundation) im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt, als jeder Teilnehmer am Race for the Cure – einem Brustkrebs-Solidaritätslauf von Susan G. Komen in New York City – eine rosa Schleife erhielt.“
Mit vielen frechen Slogans und mutmachenden Sprüchen wird im Namen der Rosa Schleife für uns betroffene Frauen gelaufen, gepaddelt, geritten, gespendet und veranstaltet. Man läuft gemeinsam in pinkfarbenen Stiefeln herum oder trägt pinke T-Shirts (der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt) … und diskutiert über Brustkrebs. Betroffene tauschen sich untereinander im Netz, auf Facebook oder Instagram aus. Sie erzählen ihre Geschichte, geben Tipps. Sterben. Wenn die brutale Diagnose Brustkrebs nicht der Motor dazu wäre, könnte man annehmen, es ist eine dauerhafte, immerwährende, rundum freudige und gesellschaftsfähige Hochglanzveranstaltung für die Tapferen unter uns Betroffenen. Ich schaute auf Instagram in lächelnde Gesichter von krebskranken und glatzköpfigen Marathonläuferinnen, in schöne Gesichter, makellos gestylt, mit oder ohne Haare. Das rosa Motto lautet: DAUMEN HOCH! Alles im Griff. Der Krebs bekommt mich nicht. Wenn ich an miesen Tagen in den Spiegel schaute, hatte ich absolut nichts mit diesen Frauen gemeinsam. Ich sah einfach scheiße aus, hatte von den Steroiden ein rotes und aufgedunsenes Gesicht. Haare, Augenbrauen und Wimpern fehlten. Ich war eine leidende – keine tapfere Krebspatientin. Nicht mal ein Daumen hoch bekam ich hin. Und wie die Mona Lisa lächelte ich auch nicht. Hatte den heruntergezogenen Merkel-Mund.
Trotz allem habe ich mich über Monate von der rosa Wolke tragen lassen, war ein wenig wie auf Droge. Ich gehörte zu den Gewinnerinnen in diesem Spiel mit dem Krebs und holte mir dort täglich meinen rosa eingefärbten Prinzessinnen-Zuspruch ab: hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Lächeln! Und wenn es gerade nicht geht, einfach Lippenstift auftragen. Geht doch!
Letztes fiel mir das Sachbuch „Die Unsterblichen – Krankheit, Körper, Kapitalismus – in die Hände. Die amerikanische Autorin Anne Boyer beschreibt darin ihre Brustkrebsdiagnose, die sie im Jahr 2015 mit 41 Jahren erhielt, und setzt die Diagnose Krebs im Allgemeinen und Brustkrebs im Besonderen in einen gesellschaftlichen Kontext.
Die Passage „Ehefrauen füllen für ihre Ehemänner aus. Mütter für ihre Kinder. Kranke Frauen füllen ihre Formulare selbst aus. Ich bin krank und eine Frau. Ich schreibe meinen eigenen Namen“ hat mich persönlich am meisten berührt. Da ich an so vielen Tagen in der Vergangenheit alleine meinen Namen der Schwester bestätigte, bevor sie mir die Infusion anhing, bevor es zu den OPs ging, oder eben unzählige Formulare ausfüllte, las und unterschrieb. Denn bereits nach der Diagnose „Gehirntumor“ gingen die Freunde mit der Zeit, die Familie machte sich rar. Der Nochehemann schickte die Scheidungspapiere, die ich auf der Intensivstation erhielt. Bis zur Diagnose Brustkrebs waren nur noch wenige übrig, die sich nach mir erkundigten. Ich war nicht nur eine alleinstehende, sondern auch eine alleingelassene Frau und Krebspatientin.
Sowohl in Amerika als auch in Deutschland ist es eine Tatsache, dass alleinstehende und/oder alleinerziehende Frauen eher sterben als andere Frauen. Zudem driften sie häufig in die Armut – später unabwendbar in die Altersarmut ab. Letztlich hat sich unsere Gesellschaft seit den 50er Jahren nicht wirklich weiterentwickelt, die Pille hat nur wenige Frauen von dem typischen Frauenbild befreit. Wir Frauen haben geringeren Zugang zur Bildung, arbeiten in Berufen mit geringem Gehalt oder für weniger Geld als die Männer. Frauen sind für die Pflege und Fürsorge zuständig, sei es in Pflegeberufen oder zu Hause, und wenn dies innerhalb der Familie geschieht, dann ist das selbstverständlich kostenlos. Schlägt obendrauf der Krebs zu, sind viele Frauen schlichtweg neben dem Schicksalsschlag auch existenziell und gesellschaftlich am Arsch. Denn die wenigsten können sich die Diagnose existenziell leisten, auch wenn sie, wie hier in Deutschland, die Behandlung bezahlt bekommen, denn sie können sich ihr Leben nicht mehr leisten.
Diese Frauen haben keine Lobby, keine rosa Community, niemanden, der für sie paddelt oder läuft. Sie haben keine Zeit und keine Kraft für Instagram oder Facebook. Keine Energie, sich zu vernetzen, auszutauschen oder zu informieren. Die pinke Gesellschaft lässt sie im Stich, wie wir alle.
Diese Frauen sind einfach unsichtbar, weil sie leise und nicht laut sind. Sie haben keine frechen Sprüche parat und kommen mit einem Fuck You daher. Dafür haben sie keine Energie. Ich habe sie selbst all die Jahre nicht wahrgenommen. Erst als mich eine Pflegerin darauf ansprach, als ich eine Tüte mit Tüchern und Mützen dabei hatte, weil ich sie nach der Therapie bei Oxfam vorbeibringen wollte, ob ich die Tücher und Mützen nicht hier in der Onkologie abgeben möchte. Ich fragte nach, warum? Weil es bestimmt viele Abnehmerinnen dafür gäbe, da sich viele Patientinnen eine Kopfbedeckung nicht leisten können“, antwortete sie. Natürlich sagte ich direkt zu, und ließ die Tüte dort. Aber es beschämte mich unglaublich, weil ich mir wie viele andere überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, dass Frau sich so einfache und selbstverständliche Dinge in Deutschland nicht leisten kann, nicht einmal aus dem Secondhandladen.
Das ist die andere Seite der pinkfarbenen Community: Mit gesellschaftlich benachteiligten oder mit sehr kranken und sterbenden Frauen lässt sich kein Geld verdienen.
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*Auszug aus Wikipedia
Mosaike sind Großartig. Mehr noch die einzelnen zerbrochenen Fliesenteile, anstelle der ganzen Bilder, die man daraus machen kann, so wie es Gaudí in Barcelona tat. Aus Italien habe ich Hunderte kleine bunte Mosaikfliesen, die ich am Strand gefunden habe (die Italiener werfen abgeschlagene und alte Fliesen einfach ins Meer und diese werden irgendwann wieder an Land gespült).
Immer wieder habe ich mir vorgenommen, dass ich irgendwann etwas Schönes daraus mache. Sie wozu auch immer neu zusammensetzen werde. Aber ich finde jedes einzelne Fliesenstück mit der jeweiligen Eigenart so schön, dass ich bis heute nichts daraus gemacht habe. Denn jedes einzelne Fliesenstück erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht war es Teil eines Bades oder einer Küche? Oder Teil eines Fußbodens in einem Geschäft oder in einer Privatwohnung. Die einen Fliesenstücke wurden geliebt und gepflegt, die anderen nicht gemocht – gar gehasst, weil sie so hässlich waren. Was alle gemeinsam haben: Sie waren einmal ein Teil von etwas Ganzem. Sie gehörten dazu! Machten das Gesamtbild komplett.
Ich gehörte auch einmal dazu. Wozu auch immer. Rückblickend verändert sich die Wahrnehmung. Und so weiß ich heute nicht mehr, wovon ich Teil des Ganzen war. Zudem wurde über Jahre mein Leben immer wieder in verschiedene Einzelteile zerlegt. Der ständige Versuch, daraus wieder ein einigermaßen ansehnliches neues, meinetwegen auch anderes Mosaik zu basteln, erweist sich bis heute als eher schwierig. Irgendwo bricht wieder eine Ecke ab oder es entsteht ein Riss. Es hakt stellenweise. Nichts will so richtig zusammenpassen. Schief und krumm stehe ich da und kann mit mir nicht wirklich etwas anfangen. Stehe vor dem Spiegel und frage die Person darin: Wer bist Du? So alt, schief und krumm, wie Du dastehst.
Als ich mal wieder ins Tal der Jammerei und Schwarzmalerei abdriftete, meinte eine Künstlerfreundin, bei der ich mich ausheulte, zu mir: Ach Petra, wenn eine Schüssel viele Risse hat und Du bist für mich eine angeschlagene und gebrauchte Schüssel mit viel Patina, dann kommt da auch sehr viel Licht hindurch. Du strahlst von innen durch diese Risse nach draußen. Aber auch das Licht von außen kommt in die Schüssel hinein, also zu Dir. So bist Du umgeben von Licht und Luft. Wenn ich an ihre Worte denke und über das Beispiel mit der ollen Schüssel hinwegsehe, dann wird mir immer ganz warm ums Herz und ich strahle durch meine Risse hindurch. Zumal die gleiche Person vor über 20 Jahren zu mir wütend sagte: „Dein innerer Diamant ist mit so viel Müll zugeschüttet, den musst Du erst einmal wieder freischaufeln. Wie soll er mit so viel Müll um sich herum leuchten?“
In der letzten Woche hatte ich echtes Glück. Auseinandergefallen in alle möglichen Einzelteile, wie ich wieder einmal war, und mitten auf meinem selbst verursachten Schlachtfeld schlechter Gefühle, stieß ich auf das wunderbare japanische Handwerk Kintsugi (???: mit Gold und Silber reparieren).
Kintsugi ist eine sehr alte handwerkliche Tradition aus dem 16. Jahrhundert, welche zerbrochene Keramik mit Gold oder Silber repariert. Während der Zeit der japanischen Wabi-Sabi-Ästhetik der Schönen und Reichen, die ihren Reichtum durch eine besondere Ästhetik darstellen wollte, entwickelte sich durch den Zen-Buddhismus die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit: Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt. Das Besondere daran ist, dass die offensichtlichen Makel der Reparatur nicht verborgen bleiben, sondern die Bruchstellen oder Risse durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten in den Vordergrund gestellt werden. Somit entsteht eine neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts.
In den eher wenig guten Momenten meiner schlechten Phasen sage ich mir: Ja, ich bin eine olle geflickte Kintsugi-Schüssel. Und es waren und sind sehr viele Gold- und Silber-Reparaturen nötig. Ein paar Risse sind auch wirklich nicht mehr reparabel. Aber durch diese scheine ich von innen nach außen.
Wenn’s miserabel läuft, hat wenigstens das Licht die Möglichkeit, mich zu finden.
Der Film „Ausgerechnet Zoé“ lief in den 90ern in unseren Kinos. Darin geht es um die 22 Jahre alte Zoé, die sich bei einem One-Night-Stand mit ihrem Ex-Freund mit HIV angesteckt hatte. Den gesamten Film bekomme ich nach all den Jahren nicht mehr zusammen. Jedoch ist mir bis heute die Freundin Pat der Hauptfigur Zoé in Erinnerung geblieben, da sie ungemein anstrengend war.
Stellvertretend für Zoé jammert sie ständig herum: Warum ausgerechnet Zoé? Noch so jung und gesund und überhaupt. Pat ging mir furchtbar auf die Nerven, denn Zoé hatte nach dieser Diagnose ihr Schicksal perfekt und insbesondere sehr ehrlich gemeistert. Was jammerte Pat da überhaupt so blöd herum? Ihr Leben war völlig in Ordnung. Sie hatte doch noch ihre Zukunft vor sich.
Ich mag diese Pseudobetroffenheit nicht. Damit stellen sich diese Menschen über die anderen. Und was nutzt es dem Betroffenen? Das Verhalten ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Es macht nur noch mehr Drama zudem, was man selbst schon zu bewältigen hat. In meiner Vergangenheit habe ich mich bei diesen Menschen immer gefragt: Um wen geht’s hier eigentlich? Um mich bestimmt nicht! Denn: Hallo! Dir geht’s super! Ich halte die Arschkarte in der Hand! Also Pat jammert in dem Film bis fast zum Schluss weiter herum und geht dann ein letztes Mal unachtsam über die Straße. Völlig unaufgeregt wird sie von einem Auto überfahren. So banal kann das Leben sein: Pat ist tot und Zoé geht auf ihre Beerdigung anstelle umgekehrt.
Der Film fiel mir letzte Woche wieder ein und hängt mir bis heute nach. Was wollte der Film uns Zuschauern eigentlich sagen? Was sagt der Film uns über das Leben?
Ich telefonierte alle paar Wochen mit einer Freundin aus meiner Zeit, während ich in Hamburg lebte. Sie hatte alles, was ich in meinem Leben bis heute nicht erreichen konnte: Sie war rundum zufrieden bis fast glücklich damit. Einfach nur über Gott und die Welt quatschen ging allerdings seit meiner Gehirntumor-Diagnose mit ihr nicht mehr. Sie bekam so etwas Nerviges von dieser Pat und war seitdem nicht nur sehr betroffen, wenn wir telefonierten, sondern gab mir ständig unaufgefordert Tipps. Sie wusste alles: wie ich mich ernähren musste. Was der richtige Schlafrhythmus ist. Welchen Sport ich machen sollte und warum Vitamin D so unglaublich schlecht für mich sei!
Mit der Schulmedizin stand sie auch immer wieder auf Kriegsfuß, was ständig zur Diskussion stand. Ihre Eltern waren beide Heilpraktiker und hielten überhaupt nichts von der Schul-/Gerätemedizin, die nur symptomatisch behandelt und nicht ganzheitlich! Ich mochte sie wirklich von Herzen gerne, aber in dieser Situation war sie wenig hilfreich. Der Grund, warum ich während meiner Katastrophenjahre die Telefonate mit ihr reduzierte.
Als dann im Frühjahr 2018 die Diagnose Brustkrebs kam und im Sommer die Chemo folgte, unterbrach ich den Kontakt für die gesamte Zeit. Ich wollte mir eine Diskussion über die Chemo einfach ersparen. Deshalb dachte ich mir überhaupt nichts dabei, dass ich lange nichts mehr von ihr hörte. Letzte Woche rief ich sie an. Ihr Mann ging ans Telefon. Er teilte mir in wenigen Worten mit, sie sei nach kurzer, heftiger Krankheit am 11.11.2019 verstorben. Diese Information hat mich geschockt. Nicht sie: eine Person, die ein gutes und gesundes Leben hatte. Eine kostbare Seltenheit heute. Ihr Leben war in meinen Augen mehr als perfekt: Es war schön! Wie konnte so etwas passieren? Sie gehörte für mich zu den Hoffnungsträgerinnen, wohin ich schaute, wenn ich mal wieder so richtig an die eigenen Grenzen kam: Schau, Petra, so kann es auch sein, das Leben!
Unser Schicksal ist manchmal völlig verdreht. Es gibt Menschen, die wirklich heftige Diagnosen zu bewältigen haben und jeden Tag, jede Stunde und jede Minute für ein wenig mehr Zeit auf dieser Erde kämpfen. Und dann gibt es die Menschen, bei denen man denkt, die haben die Zeit, das Leben, die Liebe, das Glück und die Gesundheit für sich gepachtet, und die sind dann plötzlich nicht mehr da. Einfach gestorben. Aus meinem Blickwinkel heraus hatte sie noch wesentlich mehr Zeit auf dieser Erde vor sich als ich. Das Leben hatte jedoch etwas anderes mit uns vor.
Fast alle Männer träumen davon. Frauen wollen sie in der Regel haben. Werbeplakate und -spots sind voll damit: perfekte Brüste! Große, knackige, runde, pralle, kleine, falsche. Hauptsache: PERFEKT! Was auch immer das heißen mag.
Wir Frauen sind viel zu selten glücklich mit dem, was wir haben. Zu klein sind sie, zu groß, zu hängend. Der Garten von nebenan ist immer etwas grüner: Haben wir bereits die perfekten Brüste, gibt es mit absoluter Sicherheit eine Frau, die schönere hat. Und wenn halt nicht im Gesamtbild, dann zerlegt in kleinteilige Nuancen: die andere hat eine schönere Hautfarbe, etwas bessere Rundungen, die ideale Größe (obwohl gleich groß, wie die eigenen). Es gibt kilometerlange Gründe, um sich herunterzuziehen.
Kein Mann dieser Welt würde sich derart selbst infrage stellen.
Ich konnte bis zu meiner Mastektomie (Brustamputation) im letzten Jahr meinem eigenen Brustthema nicht mit buddhistischer Gelassenheit begegnen. Ich mochte meine Brüste einfach nicht. Sie waren sowohl für meinen Körper (TWIGGY) als auch für meinen Bewegungsdrang zu groß. Ich habe bis heute meinen Basketballtrainer (Franzose) aus der Jugendzeit im Ohr: „Petra, laufen, laufen und jetzt springen und setz den Ball in den Korb!“ (Dabei muss man sich seinen charmanten französischen Akzent vorstellen: schneller, schneller und hoch jetzt!). Fröhliches Gegröle bei den Jungs. Niemand interessierte sich dafür, dass ich den Ball versenkt hatte.
Da Twiggy die Modewelt bestimmte, gab es während meiner Jugend oder später für mich als junge Frau nur schreckliche Oma-Panzer (die man auch noch umnähen und anpassen musste) anstelle von sexy oder sportlichen BHs für meine Figur. Kleider gingen gar nicht, weil oben zu eng und unten zu weit. In den 80ern hatte ich für sehr, sehr lange Zeit den Spitznamen Pam (die Figur Pamela Ewing aus der amerikanischen Serie Dallas). Und sie trug meistens das, was ich absolut hasste: (zum Beispiel) engen Pulli zu engen Jeans. Mit den 80ern kamen auch die schrecklichen Schulterpolster. Aber war das wirklich von Vorteil? Auch damit machte ich mich zum Affen.
Als mir mein Arzt letztes Jahr vorschlug, eine beidseitige Mastektomie vorzunehmen, konnte ich nur freudig zustimmen und habe zusätzlich hart dafür gekämpft, zwei Körbchengrößen kleiner zu bekommen. Es hätten auch drei oder vier sein können. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Mir hatte die Diagnose Brustkrebs somit auch ein großes Lebensgeschenk gemacht: Freiheit.
Ich fühle mich endlich wohl mit meinen Brüsten! Später in der Onkologie stellte ich fest, dass ich ziemlich alleine mit meinem Wohlbefinden dastand, das mir die neuen Brüste (eine neue Freiheit) bescherten. Viele Frauen haben komplizierte OPs über sich ergehen lassen, damit die Brust erhalten bleibt. Sie kämpften regelrecht, um den Erhalt ihrer Brust. Der Garten der anderen war plötzlich nicht mehr grüner, sondern der eigene Garten wunderschön. Und der sollte plötzlich rüde zerstört oder gar beseitigt werden.
Liebe Frauen, unsere Brüste sind alle wunderschön: die großen, die kleinen, die prallen, die nicht mehr vorhandenen, die operierten, die alternden, die jungen, die hängenden. Mit großen, kleinen, dicken und fast nicht sichtbaren Narben.
Ich habe mir 40 Jahre lang das Leben mit meinen Brüsten zur Hölle gemacht. Okay, mir ist meine Entscheidung, sie zu entfernen, nicht schwergefallen. Damit hatte ich gegenüber sehr vielen Frauen einen ganz klaren Vorteil. Aber HALLO! 40 Jahre für nichts! Weil die Natur mit mir etwas anderes vorhatte, als meinem Selbstbild zu entsprechen. Und jetzt, kein ABER … WIR SIND SCHÖN! WEIL WIR, WIR SIND! JEDE IST FÜR SICH EINZIGARTIG. Uns gibt es nur in dieser einen Version auf der Welt.
Wenn wir uns nicht mit dem Herzen sehen und uns von Äußerlichkeiten, von Werbeplakaten, anderen Frauen, oberflächlichen oder sexistischen Männern beeindrucken lassen, dann verleugnen wir uns selbst. Das ist doch sehr schade. Denn das verstellt uns den Blick. Wir sehen dann nur das Schlechte, das, was uns genommen wurde, und nicht das Geschenk, welches wir erhalten haben: gewonnene Lebenszeit.
Vielleicht sind wir nicht mehr ganz so perfekt wie vorher. Aber dafür vielleicht besser oder einfach nur anders schön. Gestern habe ich mit einem Floristen über meine Bertha (einen Kaktus, der sehr krumm wächst) gesprochen. Ich wollte, dass sie wieder gerade wird. Er meinte: „Warum? Die Natur hat etwas anderes mit ihr vor. Das ist doch schön. Sie wächst, wie sie will.“ Ja, jetzt, wo ich Bertha mit seinen Augen sehe. Ja, meine Bertha ist etwas ganz Besonderes.
Was war ich bisher für eine absolute Laufniete. Mit 3 km Joggen am Stück im Gepäck kam ich Anfang Januar von Lanzarote wieder. Noch knapp zwei Jahre für die zusätzlichen 7 km, das war zu schaffen. Im Flugzeug war ich noch guter Stimmung: 2020 sollte ein Jahr sein, in dem es nach vorn geht. Ich wollte nur noch in eine Richtung schauen. Vorwärts. Und den deprimierenden Tanz der Vergangenheit > ein Schritt vor und 25 wieder zurück < hinter mir lassen. Der erste mentale harte Aufprall kam direkt nach der Landung in Düsseldorf. Ich hatte unser Deutschlandwetter völlig vergessen. In den nächsten Wochen folgten alle möglichen Varianten von Regen und Grautönen, die nur das Rheinland bieten kann. Richtige Läufer benutzen niemals das Wetter als Ausrede. Ich schon. Mein innerer Schweinehund nutzte jede banale und noch so durchschaubare Ausrede.
Im März kam endlich das ersehnte Hochdruckwetter mit viel Licht und Sonne. Morgens wurde es schon wieder heller, die Luft war kühl und angenehm. Ideales Laufwetter. Nicht, dass ich mich um das Lauftraining gerissen hätte, aber bei meiner Hauptuntersuchung Mitte März entdeckte man etwas in meinem Bauch, was da so nicht hingehörte. Mein Kopfkino drehte am Rad, und darum beeilte ich mich, noch einen OP‑Termin vor dem Covid-19‑Shutdown zu bekommen. Der Chirurg verkaufte mir die OP sehr freundlich und benutzte daher häufig die Worte „minimalinvasiv“. Bis auf die gruselige Vorstellung, dass er durch meinen Bauchnabel gehen würde und es auch tat, schien alles recht easy zu sein: „Zwei Wochen – spätestens drei Wochen nach dem Eingriff können Sie wieder laufen!“ Die OP lief vollkommen glatt. Spätfolgen gab es auch keine. Der Befund war super. Nullkommanull Krebs. Alles gut. Jedoch hatte ich verdrängt, dass bei mir ein Organ entfernt wurde. Minimalinvasiv hin oder her, es war eine recht große OP, bei der mein Körper länger zum Heilen benötigte, als ich dachte. Mein Lauftraining und auch die Yogastunden wurden von Woche zu Woche verschoben. Der Sommer kam und ging – plätscherte wegen COVID-19 vor sich hin. Wenig motiviert und lustlos aktivierte ich das Lauftraining, ging wieder zum Yoga. Aber richtig in Schwung kam ich nicht.
Mitten in meinem Frust wollte ich später wissen, was ich überhaupt in diesem Jahr auf meinen beiden Beinen und Füßen an Strecke zurückgelegt hatte. Ich zählte vom 01.01. bis 15.09. alle Kilometer vom Handy-Schrittzähler zusammen. Manchmal ist es richtig gut, wenn man die euphorische Vorstellung, die man zu Beginn eines Vorhabens hatte, mit den Niederlagen und zahlreichen Rückschlägen im Laufe der Zeit, der Realität gegenüberstellt. Denn bei mir hielt sie eine positive Überraschung für mich bereit. Ich war bereits 1.903 km gegangen, gewalkt und gejoggt. Das macht pro Tag 7,3 Kilometer. Damit kann gearbeitet werden. Mag sein, dass ich die 10 km nicht am Stück joggen werde. Aber es gibt doch noch etwas dazwischen. Unter anderem Intervall-Laufen.
Und überhaupt, ich kenne mich. Es kommt der Zeitpunkt, da stehe ich wieder auf. Dann packt mich der Ehrgeiz und ich ziehe mein Vorhaben, wie vorgehabt, durch.
… und der Eitelkeit der Menschen im weltlichen Leben. Mit ihren kahl rasierten Köpfen zeigen die Nonnen und Mönche, dass sie keinen Wert mehr auf weltliche Dinge legen. Sie kehren dieser Welt den Rücken und widmen sich ganz ihrem Glauben. Eine durch und durch freiwillige Entscheidung!
Erhält man die Diagnose Krebs und entscheidet sich für den Therapievorschlag Chemo, so sieht das mit der Entscheidungsfreiheit nicht mehr dolle aus. Klar gibt es auch Chemos ohne Haarausfall oder diese Kühlhauben. Die meisten verlieren ihre Haare jedoch gänzlich unfreiwillig.
Als ich die Diagnose Krebs erhalten habe, schwor ich mir: Egal was mir diese mutierten Zellen nehmen werden, meine Würde bekommen sie nicht.
Ich gehörte zu den Chemo-Patientinnen ohne Kühlhaube oder Perücke und mit Glatze nach der dritten Chemo. Mit bunten und auffälligen Tüchern aus dem Secondhandladen bin ich dadurch gegangen: Wenn schon keine Haare, dann bunte Tücher in einer extravaganten Verknotung, so mein persönliches Motto.
Bei einer meiner Untersuchungen verrutschte mein Tuch. Ich war genervt und wollte es nicht wieder neu binden, und überhaupt ging mir an diesem Tag alles auf die Nerven. Da meinte meine Ärztin: Gehen Sie doch einfach so, oben ohne! Steht Ihnen übrigens ausgezeichnet. Ich tat es tatsächlich. Erhobenen Hauptes trat ich aus der Praxis und nicht auf den Boden blickend ging ich heim. Ich fühlte mich dabei nackter, als wenn ich mit freiem Oberkörper durch die Straßen gegangen wäre.
Bildete ich mir das ein (also ist es mein Ding), oder gibt es wirklich diese Blicke: den scheuen Schrecken, das schnelle Zur-Seite-Schauen, die versuchte Ignoranz, die gerne als Toleranz bezeichnet wird? Trotz eingebildeter oder auch nicht eingebildeter Blicke ging ich unerschütterlich weiter nach Hause und mein Kopf saß fest und erhaben auf meinem langgestreckten Hals. Ich fühlte die Würde in mir. Das gab mir unglaublich viel Kraft: Keine dummen, respektlosen und gefräßigen Zellen finden in meinem Körper oder in meiner Seele eine Heimat. Die sollen sich alle andere Opfer suchen. Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung! Basta!
An meiner Hausecke sprach mich der Italiener an und sagte vollkommen entsetzt: „Hey Petra, so heiß ist es nun auch nicht. Warum hast Du Dir alle Haare abrasiert? Du bist doch kein Mann!“ Ich hätte ihn für diese Aussage küssen und in den Arm nehmen können. Denn der Krebs hatte genau in diesem Moment verloren: Ich war sichtbar. Nicht der Krebs. Mit oder ohne Haare: Ich war ich und wurde nicht auf eine Krebspatientin reduziert.
Jetzt, ein Jahr später, es ist wieder Sommer, und ich kann behaupten: Oben ohne kann irre schön sein, denn ich habe mich komplett in meinem Smart Cabrio verliebt. Es ist einfach nur wunderbar, wenn ich in diesem Auto sitze, die Sonne scheint und ich offen damit zum Freibad fahre. Letztens fand ich das Gefühl so toll, dass ich, als ich wieder zu Hause vor der Tür stand, erneut das Gaspedal betätigte und die Runde mit meinem offenen Auto einfach noch einmal drehte. Ein Knopfdruck kann so glücklich machen: Verdeck auf und wieder zu und wieder auf. Ich liebe diesen Knopf in meinem Auto.
Bevor ich nach Sardinien flog, hatte ich mir für die Zeit dort ein kleines, ambitioniertes Sportprogramm zurechtgelegt. Wegen der vielen Rückschläge wollte ich das Lauftraining und meine Yoga-Übungen nicht schon wieder unterbrechen. Ich hatte zwar noch genügend Zeit bis zum Marathon, aber wenn ich in diesem Schneckentempo weitermache, benötige ich für die 10 km mindestens zwei Stunden.
Der Kenianer Eliud Kipchoge hat für 42,195 Kilometer in Wien 1:59:40 Stunden gebraucht. Nur so als Beispiel! Richtlinie! Zielsetzung! Ansporn!
Okay, der Vergleich hinkt. Er ist absoluter Profi, läuft seit Jahrzehnten und hatte für diesen Rekord ein riesengroßes Team dabei, welches sich um ihn kümmerte und ihn anspornte. Mann, ich wäre schon natürlich froh, wenn ich die 10 km in einer Stunde hinbekäme. Im Hintergrund höre ich bereits Stimmen der alten, genervten und ungeduldigen Petra: Dann mach doch endlich! Hintern hoch! Hör auf zu jammern! Stell Dich nicht so an! Mein Vorhaben Laufen spiegelt eins zu eins mein Vorhaben Leben wider.
Es gibt Tage, da klappt alles großartig. Meine vorgenommene Strecke schaffe ich fast mühelos. Mir geht’s gut. Ich mache wieder Pläne für mein Training und für das Leben. Gefühlt geht’s aufwärts. Frohen Mutes glaube ich ernsthaft daran, dass ich meinen Platz in diesem Leben wiederfinden werde. Meine 10 km in zwei Jahren schaffen werde. Und dann! Aus heiterem Himmel: BÄHM! Der Rückschlag! Etwas Unbekanntes ist immer. Körper, Geist und Seele sind sich leider immer noch viel zu selten einig. Ständig gerate ich an einer Stelle aus dem Takt. Das Konstrukt Petra ist eine sehr instabile Angelegenheit.
Das komplette Gegenteil von früher! Da trugen mich die plumpen Sprüche:
„Nur die Harten kommen in den Garten.
Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter.“
Ich konnte mit Weicheiern, so wie ich heute eins bin, überhaupt nicht umgehen. Und ehrlich, ich kann überhaupt nicht mit mir umgehen: Dieses ständige Ins-Loch-fallen und wieder da herauskrabbeln müssen. Manchmal bekomme ich es kompensiert, manchmal verdränge ich es einfach, und dann kommen auch wieder die Tage, da geht absolut gar nichts. Gleichzeitig setzten die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit ein, irgendwann einmal wirklich wieder einen Platz in diesem Leben zu haben. Ich weiß, man heilt nicht linear, sondern in Wellen. Mal geht’s aufwärts, dann wieder rückwärts. Und wieder ein Stück aufwärts, dann wieder rückwärts. …
Sardinien hat es mir, mein kleines sportliches Vorhaben umzusetzen, einfach gemacht. Ich fand einen wunderschönen Ort vor. Gleich am nächsten Tag bin ich zum hauseigenen Strand gelaufen und hatte die gesamte Bucht am Meer entlang geschafft. Am nächsten Tag schloss ich mich heimlich einer Gruppe an und bin ihr nachgegangen, was auch gut gelaufen ist. Das „Jippieee“ am Ende der Runde und der dazugehörige Luftsprung, beides ließ ich einfach ausfallen. War mir dann doch zu doof. Gegen Mittag hatte ich mein kleines Yoga-Training umgesetzt und am späten Nachmittag schwamm ich im herrlichen Meer. Es klappte alles unglaublich gut.
Am 5. Tag saß ich zum Trocknen am Strand und dachte: Wow, endlich klappt mal was! Du ziehst es durch! Ich sollte wirklich damit aufhören, so was zu denken oder überhaupt daran zu denken, alles wird vielleicht doch noch gut! Ich schaffe das! Es wird! Am Abend hustete meine Tischnachbarin beim Abendessen quer über den Tisch und meinte, die Bronchitis habe sie sich aus Deutschland mitgebracht. Während des gesamten Abendessens hustete und prustete sie vor sich hin. Der nächste Tag klappte noch gut.
Aber ab dem 7. Tag war es dann doch vorbei. Ich trat auf die Bremse. Mein Kopf schmerzte und im Hals fing es an. Trotzdem bin ich bis zum letzten Tag morgens vor dem Frühstück an den Strand und bin meine Strecke zwar nicht gejoggt, aber immerhin gewalkt.
Mit den Füßen im Wasser, freute ich mich über die drei älteren Italiener, denen ich seit dem ersten Tag dort begegnet bin, und dachte mir: Ja, eigentlich machen die es richtig. Sie genießen diesen Weg und das Wasser. Oft standen sie auf meinem Rückweg mitten im Meer und diskutierten lautstark, was ich so gerne beobachtete. Ich machte es ihnen nach, saß nach meinem Gang noch am Strand und schaute auf das unfassbar schöne Meer in der unfassbar schönen Bucht. Yoga ließ ich ausfallen (machte nur noch kleine Gleichgewichtsübungen). Aber schwimmen war ich abermals.
Leider konnte ich die Erkältung nicht abwenden und nahm sie mit nach Hause. Einen Trost hatte ich dann aber doch, denn mein Immunsystem ist genauso gut oder schlecht wie das von den anderen am Tisch. Es hatte uns alle erwischt.
Erst vor meiner 2. Gehirn-OP im Jahr 2011 hatte ich an eine rechtlich abgesicherte Patientenverfügung gedacht. Ich wollte endlich selbst bestimmen und die Verantwortung nicht mehr anderen überlassen.
Denn als ich in der Nacht am 21. September 09 mit 44 Jahren über die Notaufnahme eines normalen Hamburger Krankenhauses ohne Untersuchung auf direktem Weg in der Psychiatrie landete, kam mir die Möglichkeit einer rechtlichen Absicherung gar nicht in den Sinn. Jedoch glaubte mir mit dem fetten Stempel „Psycho“ auf meiner Stirn von diesem Tag an niemand mehr. Es ging zeitweise so weit, dass ich kurz vor einer Entmündigung stand, weil ich die vielen Psychopharmaka verweigerte. Und nur durch einen Zufall und einen Arzt, der mich auf mein Gangbild aufmerksam gemacht hatte, entdeckte man drei Jahre später den Gehirntumor am Stammhirn, die Ursache für all meine Symptome. Heute wäre ich tot, wenn ich nicht zufällig vor diesem Arzt hergelaufen wäre.
Vor der ersten Gehirn-OP hatte ich schnell eine Standard-Patientenverfügung aus dem Internet erstellt, die rechtlich gar nichts absicherte, weil zu allgemein. Während der Zeit auf der Intensivstation, an einem Beatmungsgerät hängend, mit einem Körper, der nichts mehr konnte, entschieden deshalb über Wochen andere für mich.
Wenn es richtig schlecht gelaufen wäre, hätten die Ärzte mich in ein Pflegeheim – in eine sogenannte Beatmungs-WG – verlegen müssen.
In den Jahren 2013 und 2014 leitete ich gegen die Psychiatrie rechtliche Schritte ein.
Ohne Erfolg. Seit dieser Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Tätigkeit der Musikerin Nina Hagen, die sich als Schirmherrin von Patverfü.de mit den Worten „Für die Freiheit gegen Zwang“ in den Psychiatrien engagiert.
Zu ihrer Aussage möchte ich hinzufügen:
Behaltet Eure Rechte, wenn Ihr für Euch selbst nicht mehr eintreten könnt und andere die Verantwortung übernehmen müssen.
Im September 2020 hatte ich Nina Hagen angeschrieben.
In der Korrespondenz mit Nina Hagen erfährt man, wie wichtig es ist, als Patient seine Rechte zu behalten und wie eine Patientenverfügung dabei helfen kann.
Liebe Nina Hagen, seit 2014 verfolge ich Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bezüglich der ungerechtfertigten Vorgehensweisen in Psychiatrien. Damals hatte ich versucht, gegen eine Psychiatrie zu klagen, und aufgegeben.
Liebe Petra, als Schirmfrau der www.PatVerfü.de weiß ich inzwischen sehr wohl, dass das, was Dir widerfahren ist, nur möglich war, wenn man vorher keine PatVerfü gemacht hat, und es ist leider die Regel.
Bevor Dir so was noch mal passieren könnte, empfehle ich Dir, Dich mit so einer speziellen Patientenverfügung mit eingebauter Vorsorgevollmacht zu schützen, siehe hier: mit allen Hinweisen, Formularen und Handbuch: https://www.patverfue.de. Ich bin die Schirmfrau und habe eine ausführliche Erklärung dazu verfasst: https://www.patverfue.de/nina-hagen-ueber-die-patverfue
Du schreibst: „Man verschaffte mich ohne physische Untersuchung und ohne Kopf-MRT über die Notaufnahme auf dem direkten Weg in die Psychiatrie. „Der Grund für meine körperlichen und seelischen Symptome war jedoch ein übergroßer Gehirntumor am Stammhirn, der erst im Mai 2011 entdeckt wurde.“
Du schreibst: „Diese Anwälte sitzen das einfach aus, solange bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen.“
Das ist typisch, weil sie, dadurch, dass Du keine PatVerfü hattest, die Einweisung auch durch einen richterlichen Beschluss einsegnen lassen konnten, und dann hast Du rechtlich so gut wie keine Chance mehr, weil dann nur noch medizinische Argumente gelten. Die Richter machen es sich einfach und sagen:
„Ich hab’ keine Ahnung, also folge ich dem, was die gutachtenden Ärzte sagen.“
Du schreibst: Bei dem Versuch, gegen die Psychiatrie zu klagen, hat mir die Deutsche Hirntumorhilfe erzählt, dass Menschen, mit unentdeckten Tumoren häufig in der Psychiatrie landen, weil sich Neurologen und Psychiater mit Hirntumoren nicht auskennen. Sie stützen sich ausschließlich auf die psychischen Symptome, und so geht es dann oft ohne Kopf-MRT ab in die Psychiatrie. Hat man erst einmal den Stempel Psycho, interessiert sich auch danach niemand mehr für physische Symptome. Eben!
Hätten sie eine PatVerfü, ginge das nicht mehr – deshalb vielleicht der Hirntumorhilfe mal einen Hinweis auf die PatVerfü geben? Solange nur neurologische Ärzte behandeln, geht alles nur mit der Zustimmung der Patientin. Nur Psychiater sind gewohnt, Zwang anzuwenden.
Du schreibst: „Hätte ich auf die Ärzte in der Psychiatrie gehört, und mich auf deren Tabletten-Therapien eingelassen, wäre ich heute tot. Ein trauriger und elendiger Tod.“
Eben, besser mit einer PatVerfü vorsorgen!
Sei lieb, ganz doll lieb gedrückt von Nina Hagen