Alle Artikel von Petra

Italien, meine Leichtigkeit.

Meine Liebe zu Italien ist seit Jahrzehnten eine Herzens-Liebe.  Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung als Rahmenbauer und Vergolder in einem alteingesessenen Kunsthaus mit eigener Vergolder-Werkstatt begonnen. Der Plan war, nach der Ausbildung als Restauratorin und Vergolderin nach Italien zu gehen. Nach 1 1/2 Jahren musste ich die Ausbildung abbrechen, weil ich auf all die gesundheitsschädlichen Farben und Mittel, die in der Werkstatt offen herumstanden, allergisch reagierte. Gleichzeitig flog mir mein ganzes Leben um die Ohren.
Was übrig blieb, war die Liebe zu Italien, zu alten Schinken (also zu alten Gemälden mit pompösen Rahmen), zu dicken Putten und Engelsbildern. Bis heute liebe ich Kitsch, Blattgold und hauptsächlich Schlagmetall, womit ich über viele Jahre alles Mögliche, am liebsten banale Alltagsgegenstände  (z. B. einen Toilettendeckel für mein Froschklo), vergoldet habe.

Anfang der 90er hatte ich das große Glück, mit einem Kunststudenten, der in Florenz Malerei studierte, für eine längere Zeit dort zu sein und Florenz gelebt und erlebt zuhaben. Diese Zeit war unbeschreibbar leicht und unbeschwert. Wir haben nächtelang bei Wein, Brot und Oliven und natürlich Zigaretten (es waren schließlich die 90er) über die Bedeutung der Bildenden Kunst diskutiert, sind zu dritt oder viert auf einem Mofa  gefahren oder haben wichtigen Blödsinn gemacht. Es gab keine Gedanken an Unfälle, Krankheit oder an die Zukunft. Es gab nur das Jetzt. Daher war es für mich auch vollkommen selbstverständlich, täglich meine Zeit an der „Fontana del  Porcellino neben der Loggia del Mercato Nuovo zu verschwenden. Jeden Tag rieb ich dem Ferkel gründlich die blank geputzte Schnauze, legte eine Münze dahinein und hoffte inständig, dass die Münze hinunterfällt und mit dem Wasser wegfließt, damit mir Glück und Geld beschert wird. Das klappte allerdings nur mit den großen Münzen.
Meine Interessen galten auch nicht den langen Touristenschlangen (sich darin einreihen, fanden wir damals wirklich schnöde und profan) vor den Uffizien. Und ob ich den David nun in Original sah oder als Bronzeskulptur, war gänzlich unerheblich. Denn ich kannte schließlich alle wichtigen Törtchen- und Kuchenläden der Stadt, die wenigen Cafés, die Bei & Nannini Kaffee führten, und schloss mit allen möglichen Italienerinnen und Italienern Freundschaft, obwohl ich bis heute kein Wort Italienisch spreche. Sehr gerne widmete ich meine Zeit dem Hofzwerg Braccio di Bartolo der Medicis.

Wir dachten damals, wenn wir eins im Überfluss haben,
dann war es Zeit …

 

… und dementsprechend gingen wir damit  frei, unbeschwert und verschwenderisch um. Später, während meiner Ehe, war ich mit meinem Mann oft im Umkreis von Carrara unterwegs. Als Bildhauer arbeitete er in den Marmorwerkstätten, in denen Bildhauer aus der ganzen Welt ihre Skulpturen kreierten, und fertigte dort seine Marmorskulpturen an. Einmal saßen wir in Siena in einer völlig überteuerten Touristenpizzeria, aßen schlechte, matschige Pizza und tranken warmen Wein dazu. Dabei wurden wir von einem unglaublichen, filmreifen Mond, der neben dem Torre del Mangia aufging, beschenkt, auf den wir einen direkten Blick hatten. Unbezahlbar!

Auch liebte ich meine Zeit in der Café-Bar „La Perla“ in Marina di Massa. Ich saß dort stundenlang, trank Bei & Nannini Cappuccino, aß Törtchen, las Zeitung, quatschte gelegentlich mit wem auch immer. Zeitgleich schaute ich dem Barbesitzer zu, wie er nach jedem gemachten Cappuccino voller Stolz mit einem extra weichen Handtuch seine Theke polierte.

Während meiner Chemo habe ich mich oft auf meinem Hinterhof-Balkon, der viel Ähnlichkeit mit einem italienischen Hinterhof-Balkon hat, nach Florenz, Pisa, Siena, Carrara, Lucca, San Gimignano, Marina di Massa, Pietrasanta, Viareggio … gebeamt. Dadurch konnte ich viele Kleinigkeiten des Glücks und der Leichtigkeit in Gedanken wiederbeleben und ‑erleben. Sie leben seit Jahren in mir weiter. Ich habe während der Chemo erkannt, welches große Glück ich hatte, dass ich all das erleben durfte und nun diese schönen Erinnerungen als Rettungsanker verwenden konnte. Wenn ich die Augen auf meinem Balkon schloss, war ich dort. Wenn ich in meinem italienischen Café in meinem Viertel saß, war ich dort. Auch wenn es nur für kurze Momente möglich war, aber ich war da! In Italien.

Daher lag der Gedanke sehr nahe, dass ich, sollte ich die Therapie schaffen, all diese Orte besuchen werde.  Jedoch, je näher die Zeit rückte, desto weniger Lust verspürte ich dazu. Es fühlte sich wie aufgewärmter Kaffee an. Die Zeiten, die ich dort erlebt hatte, können nicht neu erzwungen werden, denn so etwas passiert, so wie sich verlieben, passiert. Je mehr man es sich wünscht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es um die Ecke kommt. Ich bekam Angst, dass sich auf dieser Reise eine Leere breitmachen könnte und all die schönen Erinnerungen mit in den Abgrund reißt. Also habe ich es für dieses Jahr abgehakt. Die Welt ist groß und schön, aber Italien sollte es schon sein. Sardinien ist es geworden. Ein neues Ziel ohne Vergangenheit. So neu wie mein Leben jetzt.

 

Ich war da! Und glücklich.

März 2024: Ich habe meinen Exmann in Carrara besucht, der dort drei Skulpturen kreierte, und dort endlich mein heiß geliebtes Atelier mit all den Modellen der vielen Skulpturen fotografieren können. Ganz klar: Ich war im La Perla!
Mehr oder weniger war alles anders, aber trotzdem einfach nur wunderschön. Ich war, obwohl mich mein Exmann nervte, glücklich an all den Orten: Pisa, Carrara, Lucca,  Marina di Massa und  Pietrasanta. Sie haben ihren Zauber nicht verloren. Zum Schluss habe ich noch in Florenz vorbeigeschaut und gleich mein kleines Ferkel besucht und dieses Mal auch den David. Für ihn habe ich mich im strömenden Regen in eine Touristenschlange gestellt: unbeschreiblich!

 

 

 

 

Schuhe an und los.

Und da war sie, meine erste Trainingsstunde. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was auf mich zukommt, und war so aufgeregt, dass ich den Trainer direkt mal vollgequatscht habe. Reden lenkt mich ab (und ich lenke den anderen, das meine allerdings nur ich, von meiner Aufregung ab) und fördert ausschließlich meine Konzentration. Nicht seine. Der Gegenüber ist genervt oder überfordert. Zum Schluss wurde ich ruhiger, konnte auch vieles mitmachen und verstehen. Am Ende habe ich die erste Stunde ohne große Pleiten überstanden.

Zwischendurch konnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es auch wirklich schaffen könnte, meine Idee mit New York. Vielleicht ist es in zwei Jahren auch gar nicht mehr so wichtig und es geht mir dabei so wie mit meiner Idee, um Italien.

> Während der Chemo gab es nur einen einzigen Strohhalm für mich: Italien. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich im Herbst 2019 mit einem dreirädrigen italienischen Gefährt durch die  Toskana düse. Ich sah mich damit auf den Straßen zwischen Siena, Florenz, Pisa und Carrara hin und her fahren. Ich sah die Baum-Alleen, die Sonne in Lucca untergehen, das Meer und spürte das italienische Leben. Ohne diesen Strohhalm – ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hätte! <

Jetzt könnte ich es wirklich tun und was ist? Je näher ich dieser Möglichkeit der Umsetzung komme, umso weiter schiebe ich sie vor mir her.

Einen Tag nach dem ersten Training erhielt ich den Trainingsplan. Zack, war ich auf dem Boden der Tatsachen.

Mein Trainingsplan für die nächsten Wochen:

1 × Yoga, 1 × Ergobike oder Crosstrainer (45 Min.), 3 × Power Walking (8, 10 und 12 km), gespickt mit Laufphasen (siehe nachfolgende Angaben)

1. Woche:
je 5, 5, 5 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power-Walking)
2. Woche:
je 5, 5, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
3. Woche:
je 5, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
4. Woche:
je 6, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
5. Woche
je 10, 15, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
6. Woche
je 15, 20, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)

Meine erste alleinige Proberunde habe ich bereits hinter mir und JA!:
Das wird eine echte Herausforderung. Mein ganzer Optimismus schwand  dahin.

Anstelle von 8 km schaffte ich reale 6,57 km. Gemessen per GPS! Laut Laufuhr (gemessen per Schritte) schon um die 10 km und laut Handy  (gemessen per Schritte) so um die 8 km. Ansonsten ging es so gerade eben. Aber wie ich die 12 km schaffen soll? Keine Ahnung. Vielleicht einfach nach der Laufuhr laufen :-). Das Trainingsziel des Trainers: reine Utopie.
Bei der Trainingsstunde habe ich es geschafft, eine Leichtigkeit in meinem Laufschritt einzubauen, und dachte noch: So bekomme ich das hin. Gestern lief ich wie ein Elefant, und anstatt nach dem Himmel zu streben und aufrecht zu laufen, war ich fest mit der Erde verwurzelt. Aber ich stresse mich jetzt nicht mehr mit meinem dämlichen Perfektionismus, obwohl ich diese Vorgaben schon in meinem Terminkalender detailliert eingetragen habe. So bin und kenne  ich mich! Orga, das bin ich! Jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich meinen Plan für New York umgesetzt bekomme.  So geht es jedenfalls nicht. Ich benötige ein auf mich angepasstes Training.
Ein Training für eine 54-jährige Frau mit etwas zu großen Ambitionen.

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Das eine ist die Vision im Kopf und gefühlt schon durchs Ziel zu laufen. Das andere, diese umzusetzen. Seitdem ich beschlossen habe, professionell zu laufen, geht nicht mehr: Schuhe an und los. Und wenn man halt keine Lust mehr hat, einfach wieder zurück. Zwischendurch auf der Mauer sitzen und Schiffe schauen.
Ab jetzt muss der Herzschlag geprüft werden, so mein Physiotherapeut. Und das richtige Schuhwerk muss her. Eine angemessene Sportbekleidung und -ausrüstung dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen. Ganz plötzlich habe ich nur noch beratende Laufprofis um mich herum. Atmungsaktiv, ein Wort, welches ich zu meinem Wortschatz hinzugefügt habe. Und obendrauf: Wind- und Regenschutz und noch mehr Kleidung für all das, was das Wetter so zu bieten hat. Laufen alleine geht plötzlich auch nicht mehr. Ich benötige Ausgleichssport: für die Kraft, für die Beine und überhaupt. Meine Ernährung ist suboptimal. Immerhin habe ich einen Pluspunkt: Mein Ruhepuls bewegt sich zwischen 70 und 75. Das heißt laut Google: Ich bin nicht ganz so schwach auf der Brust.

Das ist kein einfaches Am-Rhein-laufen mehr, sondern wächst zu einer echten Herausforderung heran. Ich kann jetzt nicht mehr wie Rocky in ollen Joggingklamotten durch die Gegend laufen und oben auf der Treppe ein wenig in der Luft herumboxen und triumphierend die Arme in die Höhe werfen.  Wenn ich mir das vorstelle: Ich oben auf der kleinen Treppe im Rheinpark, muss ich laut lachen. Aber eins habe ich mit Rocky doch gemeinsam. Ich stelle mich einer Herausforderung, in die ich – wenn ich all meinen Optimismus und kindlichen Größenwahn zusammennehme – hineinwachsen muss.

Für den Anfang ersetze ich meinen persönlichen Motivations-Song: Dancing Queen gegen Eye of the Tiger. Schmeiße alle meine Element-of-Crime-Lieder aus der Playlist und drehe ab sofort leichtfüßig meine Runden im Rheinpark – ohne Mauer und Schiffe.  🙂

 

 

… als Frida durch Peggys Leben gehen :-)

„Warte nicht auf Sonnenschein, sondern tanze im Regen“,

das ist Frida Kahlo für mich. Sie schaffte es, ihren Regenbogen zu leben.

Die beiden Bücher „Ich werde Dich nie vergessen“, unveröffentlichte Fotografien von Frida Kahlo, die der Fotograf Nickolas Muray (Freund und Liebhaber von Frida Kahlo) von ihr machte, und  „Ich habe alles gelebt“, eine Biografie von Peggy Guggenheim, gehören zu den Büchern, die ich immer wieder gerne in die Hand nehme, anschaue und ein weiteres Mal lese.

Beide – Frida Kahlo und Peggy Guggenheim – lebten Anfang des 20. Jahrhunderts das Anderssein in allen möglichen Facetten. Sie pfiffen auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war, und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunstmäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne große Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts.

Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Ihr Lebensstil als Frau war für die damalige Zeit außergewöhnlich, sowie die Epoche, in der sie lebte, und all diese wunderbaren Orte, wie Paris, Venedig, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand. Es gab schon sehr, sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Inneren heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografie (berühmtes posthumes Cover-Foto der VOGUE Mexico von 2012, welches 1939 von dem Fotografen und ihrem Liebhaber Nickolas Muray aufgenommen wurde) sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten.

„ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ 

anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T‑Shirts, Kleidern oder Tassen verlieren ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt.

Ich selbst habe von dieser berühmten Frida-Kahlo-Fotografie eine Abbildung in meiner Küche hängen.
Als ich 2018 kurz vor der Chemo auf einem Flohmarkt war, entdeckte ich sie und konnte diese wunderbare Abbildung – sogar gerahmt – für 3 € erwerben. Unbezahlbar. Ich sitze gegenüber am Tisch und schaue während der Arbeit darauf. So habe ich sie ständig im Blick. Während meiner pechschwarzen Zeiten war und ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus so einem reichen Hause, wie Peggy Guggenheim und lebte Anfang des 20. Jahrhunderts als junge Frau in Mexiko. Sowohl für die Kunst als auch für eine Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums.

Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten. Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihr Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind Selbstporträts, erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Ebenso ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG! Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab.

Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein und mit ihrer Kraft, Leidenschaft und Persönlichkeit durch das Leben von Peggy Guggenheim gehen. 

So geht’s mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert.
Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne den Unfall nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, eine Mutter, eine politische Rebellin. Vieles wäre bei Frida Kahlo vorstellbar gewesen, aber dann hätte zumindest die Kunstwelt nie etwas von ihr gehört und gesehen.

Ich spielte so oft das „Was wäre … ,wenn … ?“-Spiel in meinem Kopf durch. Paul Auster tat es in seinem Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig: War der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Ich bin heute eine andere als damals. Es gibt ein Leben vor den Krankheiten. Ein Leben während der Kämpfe und ein Leben danach. Jedoch kann ich nicht beurteilen, ob das Leben danach besser oder schlechter ist. Der Weg dahin hat mich eindeutig zu mir selbst geführt.

Im Yoga sagt man: Nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um einmal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt: Diesen Moment durfte sie nie erleben. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, als auch für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich.

Wie Frida Kahlo habe ich gelernt, den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter, im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter, schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen, die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunkle Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können. 

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heldin für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es selbst in der Hand, was ich daraus mache.

Hallo, ich bin Petra.

Von 2009 bis 2019 wurde ich komplett aus meinem Leben geworfen. Bis zum Einschlag meinen wir alle – so auch ich –, es träfe die anderen. Aber was ist, wenn es mich trifft? Ich entschied mich im Mai 2019 für einen Blog und den Austausch mit anderen, fürs Laufen und Yin Yoga.

© 2025

Stationen:

1999 | 2000

Seitdem fing das Meningeom in meinem Kopf zu wachsen an.

März 2004

Drehschwindel, Doppelbilder, Sehstörungen, kein Gefühl/Kraft in den Armen und Beinen. Mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus. Ohne Diagnose am nächsten Tag wieder entlassen. Bis 2009 ist das in dieser extremen Art nicht mehr vorgekommen.

2004 bis 2008

Ärztemarathon wegen Zunahme von extremer Unruhe im gesamten Körper.
Es war ein Gefühl, wie bei einem Auto, bei dem man bis zum Anschlag aufs Gas drückt, aber gleichzeitig die Handbremse fest anzieht. Dazu Schlafstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Drehschwindel, neurologische Ausfälle (ich kippte einfach um und war für Minuten weg), Zuckungen in Armen und Beinen. Keine Kopfschmerzen.

2009

Zunahme aller Symptome. Zudem extreme Restless-Legs. Alle meine Symptome passten entweder zu Parkinson oder zu MS. Meine vielen konsultierten Ärzte oder Heilpraktiker, Freunde und Familie nahmen meine Vermutung nicht ernst.
Am 21. September 2009 wurde ich über die Notaufnahme eines Krankenhauses in die stationäre Psychiatrie eingeliefert. Aufenthalt: 8 1/2 Wochen.

Symptome wurden unerträglich. Alle (ausnahmslos alle) schoben es auf meine Psyche. Ich sollte ruhiger werden oder wenigstens die verschriebenen Psychopharmaka nehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt kam niemand auf die Idee, ein Kopf-MRT bei mir zu machen.

18. April 2011

Ein Mann sprach mich auf der Straße an und fragte, ob jemand mal  mein Gangbild (ausgeprägte Gangataxie) untersucht hat? Das deutet auf eine Raumforderung (Tumor) am Stammhirn hin.
Wir sind bis heute befreundet.

Ende April 2011

In der Notaufnahme der Uniklinik Düsseldorf hatten sie am 21.04.11 aufgrund meiner Symptome den Erstverdacht: Endstadium MS.
Diagnose: ca. 12 Jahre lang gewachsenes Meningeom am Stammhirn, welches sich bis zum Rückenmark des Halswirbels ausgebreitet hat.

4. Mai 2011 bis 29.09.2011

Erste Hirn-OP: 16 Std.
Abbruch wegen Gehirnblutung und Anschwellen des Gehirns. Intensivstation: künstliches Koma, aufgewacht am Beatmungsgerät. Ich konnte weder selbstständig atmen, noch schlucken, noch sitzen, noch etwas halten. Ich war ein liegender und denkender, die Decke anstarrender Pudding. Lungenentzündung. Herzstillstand. Wiederbelebt. Künstliches Koma. Aufgewacht. Weiter: Intensivstation, (Früh-/Intensiv‑)Reha.

Reha, Reha, Reha
Mir wurde gesagt, dass ich nie wieder gehen könnte. Aber sie sagten auch, vielleicht werde ich nie wieder selbstständig atmen können. Und das konnte ich vor der  2. OP bereits wieder.

30.09.2011

Zweite Hirn-OP: 10 Std. Mit Erfolg. Der gesamte Tumor wurde entfernt. Keine weitere Reha, weil ich das abgelehnt hatte.

2012 bis 2018

Mehr oder weniger die Zeit überlebt und aus dem Rollstuhl raus. Laufen, lesen, schreiben, schlucken gelernt.

April 2018

Diagnose Brustkrebs

2018 bis 2019

OP, Chemo, Antikörpertherapie

Mai 2021

10 km: Virtueller Spendenlauf mit Freunden für die Deutsche Hirntumorhilfe: „Für jedes Lebensjahr einen Kilometer“.
Es kamen über 1.100,00 EUR an Spenden zusammen.

 

 

Es gibt diese Momente, da gibt es nur Hopp oder Top.

Mitte April 2019 stand ich, nachdem ich ein Jahr intensive Krebstherapie hinter mich gebracht und nur noch vier von 16 Antikörper-Spritzen vor mir hatte, auf der Kniebrücke und hatte fest vor, es zu tun. Denn mein persönlicher Marathon war bereits viel zu lang: Keinen einzigen Meter mehr weiter!

Als ich da auf der Brücke stand und das Gitter sah, welches von der Stadt erhöht worden war, auch für solche Vorhaben, wie ich es vorhatte, war ich komplett aus dem Konzept gebracht.

DANKE Stadt Düsseldorf: Vielleicht doch noch ein, zwei, drei, … Meter?
Aber dafür benötigte ich einen Plan.

Während ich 2011 noch im Rollstuhl saß, hatte ich alle Therapeuten und Ärzte lautstark angemeckert, wenn sie meinten: „Finden Sie sich mit dem Rollstuhl ab. Auch damit kann man ein erfülltes Leben führen!“
Das machte mich jedes Mal dermaßen wütend, und so fuchtelte ich wild und völlig unkoordiniert mit meinen Armen und Händen (nicht mal der drohende Zeigefinger wollte klappen) und schrie sie an:
„Ihr werdet alle sehen!!!!! Ich nehme bald am New Yorker Marathon teil!“

Und in diesem Moment auf der Brücke kam die Idee, im November 2021 mit einer Teilstrecke von 10 km am New Yorker Marathon teilzunehmen. Das müsste für mich zu schaffen sein. Das Motto sollte lauten:

„Für jedes Lebensjahr einen Kilometer.“

Gedacht und zu Hause gleich in Angriff genommen: Am gleichen Tag noch, fand ich den Namen obenohne-life (ein wenig frech und anrüchig, was ich wunderbar fand) und richtete  diesen Blog ein. Ich recherchierte Laufschulen und -Lehrer:innen. Zwei Wochen später fing ich im Alter von 54 Jahren mit dem Joggen an. Später kam zum Ausgleich Yin Yoga hinzu.

Interview mit https://www.gina-friedrich.com/

Nachdem ich am 1. Juli 2019 meine letzte Antikörperspritze hatte und damit meinen letzten Tag in der Onkologie, saß beim Herausgehen, draußen vor dem Eingang Carol. Sie streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen, rauchte genüsslich ihre Zigarette und scherzte mit einer Freundin oder Mitstreiterin. Sie hatte Krebs im Endstadium. Carol rief mich zu sich und fragte: „Was geht?“ Erst zögerte ich – aber dann teilte ich ihr mit: „Letzter Tag Onkologie heute!“ Und ich erzählte ihr von meinem Bog. Sie nahm mich fröhlich in den Arm, knuddelte mich fest, knuffte liebevoll meinen Kopf und sagte:

„Mach das! Lauf für uns, Petra. Damit wir alle nicht vergessen werden.“

Bis heute berührt mich dieser Moment sehr. Wenn ich schlechte Tage habe und mit meinem Schicksal und mir hadere, ziehe ich meine Laufschuhe an und laufe für

Carol (2019), Gerhard (2019), Hannelore (2019), Marie (2019), Sigrid (2019), Katharina (2019), Sabine (2019), Wolfgang (2020), Ebru (2021), Margot (2022), Ai (2022), Caroline (2022), Sybille (2023), Roland (2023), Manfred (2023), Sabine (2023), Paul (2024), Annette (2024), Silke (2025), Inge (2025), Reiner (2925), Therese (2026), Detlef (2026) für die vielen, vielen anderen, die es bis hierher nicht geschafft haben.

Und ich laufe immer wieder gerne zum Trotz für mich, weil über Jahre niemand auf mich gewettet hätte.

Mit der Zeit stand das Training immer weiter hinten an. Was gibt es da auch zu berichten, außer „Heute war super“ oder „schlechtes Training gehabt“?

Rückblickend weiß ich: Der Blog war so unglaublich wichtig für mich: alles einfach herauszuhauen, was da so war.
Stöbert man in den vielen Foren auf Facebook oder Instagram herum oder liest die verschiedenen Blogs von anderen Betroffenen, merkt man rasch: Das Bedürfnis haben viele. Wir Betroffenen benötigen ein Forum, einen Blog oder eine Anlaufstelle, also ein neutrales Ventil, welches nur für uns da ist und wo wir mit unserem Krebs einfach nur sein dürfen. Das böse Wort Krebs und alles Fiese, was damit verbunden ist, aussprechen dürfen. Nicht mehr für die anderen kämpfen müssen, obwohl es ja für uns selbst sein soll. Ängste offen, ohne Schi‑Schi, ansprechen dürfen. Wütend sein dürfen. Reflektieren dürfen. Und dazu benötigen wir Krebsblogger völlig exhibitionistisch die Öffentlichkeit. Wir spüren uns so, fühlen uns verstanden, ohne irgendjemandem verpflichtet zu sein. In diesen Momenten sind wir nicht tot, sondern da, nehmen noch am Leben teil. Zudem ist es in unserer Situation oftmals viel einfacher und befreiender, sich mit anonymen und fremden Menschen auszutauschen, als mit Freunden oder der Familie.

Anfang 2021 wusste niemand, wie die Pandemie uns weiter einschränken würde. Covid hat uns alle flexibel gemacht. Ich entschied mich neu.
Anfang Mai 2021 (im Zeitraum meiner ersten Hirn-OP im Jahr 2011) rief ich Freund:innen zu einem virtuellen Spenden-/Abschlusslauf für die Deutsche Hirntumorhilfe auf und lief so meine 10 Kilometer.
Später stellte sich heraus, dass der New Yorker Marathon für mich ausgefallen wäre. Genau einen Tag nach dem NY-Marathon, durften Touristen am 08.11.2021 wieder einreisen.

Ende 2021 hatte ich den Blog eingestellt, weil diese Geschichte für mich beendet war. Aber seitdem kommen immer wieder Ärzte, Foren und Betroffene auf mich zu, die mich fragen: „Wieso schreibst Du nicht mehr?“ „Dein Blog macht Mut.“ Deshalb habe ich eine kleine Auswahl meiner Artikel von 2019 bis 2021 wieder online gestellt.