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8 1/2 Wochen | Psychiatrie

In der Nacht vom 20.09.2009 auf den 21.09.2009 landete ich mit extremen körperlichen Beschwerden in der Notaufnahme eines Hamburger Krankenhauses. Bevor ich gegen 2 Uhr in der Früh einen Notarzt rief, wanderte ich bereits über Stunden durch unsere Wohnung und draußen durch die Gegend. Meine Beine krampften und krampften seit Monaten, als wollten sie sich aus meinem Becken schälen. Ich schlief deswegen wenig bis gar nicht und an den 14 Tagen, bevor ich den Notruf rief, fand ich gar keinen Schlaf. Um die Krämpfe in den Beinen zu lindern, stellte ich mich auf Eisakkus, brauste meine Beine mit eiskaltem Wasser ab oder legte mich mit dem ganzen Körper ins eisige Wasser in die Badewanne. Kaum kam ich zum Stillstand, zuckten und krampften die Beine wieder. Und wieder. Als ich mal bei Freunden witzig sein wollte, meinte ich: „Ich laufe und laufe und laufe, wie der VW Käfer damals.“ Kein Lacher. An Pausen war nicht zu denken.

Tagsüber hatte ich meine Beine besser im Griff, jedoch einen so starken Rechtsdrall, dass ich ständig Leute anrempelte. Es gab Tage, da lag ich einfach so – aus heiterem Himmel – auf dem Bürgersteig oder in der Wohnung (heute weiß ich, das waren neurologische Ausfälle). Dreh- und Schwankschwindel gesellten sich abwechselnd hinzu. Und ja, ich war vorher bei vielen Ärzten. Sie fragten: „Haben Sie Kopfschmerzen?“  „Nein!“, antwortete ich. Dummerweise hatte ich während der ganzen Zeit keine Kopfschmerzen. Hätte ich nur ein einziges Mal ja gesagt: „Ja!!!“ Ich habe zwischendurch furchtbare Kopfschmerzen, dann wäre alles anders gelaufen. So jedoch verpassten sie mir aufgrund meiner kuriosen Symptome den Stempel „Psycho“. Mit einem Psychopharmaka-Rezept verließ ich wieder eine weitere Praxis oder mit homöopathischen Kügelchen, wenn ich Alternativen ausprobiert hatte. Kaum saß ich vor einem anderen Arzt, drückte er mir wieder Psychopharmaka in die Hand. „Mitmachen müsste ich schon! Gesund werden wollen auch!“ Wie oft habe ich diese und andere Sätze gehört: „Mitmachen müssen Sie schon“:  Egal, was ich machte, erklärte oder beschrieb. Laut all der vielen Ärzte war ich eine Irre. Zudem war mein Mann extrem genervt von mir: „Ich sollte mich mal besser im Griff haben!“

In dieser Nacht gesellten sich zu den krampfenden Beinen mein Kopf und die Arme hinzu. Nichts war mehr ruhig, alles krampfte und bewegte sich. Mein Körper war völlig aus dem Ruder. Ich geriet in Panik und wählte den Notruf. Als der Notarzt eintraf, robbte ich auf allen Vieren zur Tür. Kurz davor lag ich am ganzen Körper zuckend mit starkem Drehschwindel auf dem Boden und fixierte einen Punkt an der Decke, um mich zu beruhigen. Vielleicht bin ich tatsächlich eine Irre, flüsterte ich mir zu. Mein Mann schlief in dieser Nacht, wie in allen davor. Der Notarzt weckte ihn. So fuhren wir beide mit Vorankündigung des Notarztes in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Dort wurde ich von zwei  Ärzten wie ein Zirkustier begutachtet. Später steckte mir eine Schwester ein Tavor in den Mund und sie verlegten mich auf direktem Weg auf die  Akutstation 11 der Psychiatrie. Das war’s. Kein Blutbild. Kein gar nichts. Mein Mann konnte wieder erleichtert zurück ins Bett. Erst im Laufe des nächsten Tages musste er mir Sachen für den Aufenthalt in der Psychiatrie bringen. Vielmehr an der Tür der Station für mich abgeben, denn ich hatte vorerst Kontaktverbot. Ich sah und hörte über 7 Wochen nichts von meinem Mann.

Zwei oder drei Tage später wurde ich auf der Akutstation der Psychiatrie dem Oberarzt vorgestellt, der den weiteren Weg für mich festlegen sollte. Bis dahin gab man mir starke Psychopharmaka.

 

Eine nicht gerade wenig aggressive und stimmgewaltige Patientin, die sich im Raucherzimmer über die freigiebige Tablettenverteilung in unserer Abteilung ausließ, meinte böse: „Tavor verteilen die hier wie Smarties, Patienten beginnen hier mit dem Rauchen, aber Alkohol zur Beruhigung ist für die Ärzte Sucht! Wie verlogen ist das denn?“  

Als ein Pfleger mich in meinem Zimmer abholte und stützend zum Arztzimmer brachte, um mich dort auf dem Sitzplatz vor dem Schreibtisch von Dr. (den Namen darf ich nicht nennen, ansonsten droht mir eine Klage) zu  platzieren, begann die neurologische Untersuchung. Zumindest sollte das eine sein. Sie bestand jedoch ausschließlich aus Fragen, die ich, zugedröhnt von den Medikamenten, mechanisch beantwortete. Kurz und ohne dass er auch nur eine  physische Untersuchung vornahm, diagnostizierte er eine Persönlichkeitsstörung und verlegte mich auf seine Station 12, auf der gerade ein Bett frei wurde.

 

Dort verbrachte ich meine nächsten 8 1/2 Wochen.

Es dauerte fast die Hälfte meines Aufenthalts auf dieser Station, bis ich für meine überaus aktive Beinmotorik (die Beine krampften und zuckten unentwegt) einen akzeptablen Umgang damit und die Kraft gefunden hatte, mir zu überlegen: WAS MACH ICH JETZT? Zumal ich ja überhaupt nicht wusste, wohin und was jetzt. Mein Lebensplan lag in Scherben, meine Ehe war zu Ende (darauf ritten die Therapeuten immer sehr gerne herum). Zudem musste ich versuchen, dass der Aufenthalt nicht bekannt wurde, damit ich meiner Selbstständigkeit weiter nachgehen und meine laufenden Projekte abschließen konnte (ich arbeitete in der Psychiatrie einfach heimlich weiter, teilte niemandem mit, wo ich war). Mein Entschluss, aus den Fängen der Psychiatrie zu kommen, also meine persönlich geplante Entlassung aus der Psychiatrie, entpuppte sich als gar nicht leicht.

Ist man erst einmal auf Station, übernehmen andere die Kontrolle über einen. Denn ich war natürlich psychisch äußerst instabil und das wurde mir täglich in den Therapierunden erklärt. Für den Geschmack der Therapeuten hatte ich zu viel eigene Meinung, war Tablettenverweigerin und stellte mich quer bei den Therapien, stellte zu viele Fragen und kritisierte deren Vorgehensweise recht offen.

Etwa in der 4. Woche kam ich auf die Idee, vielleicht könnte man in einem allgemeinen Krankenhaus, in dem ich doch war, meinen körperlichen Beschwerden auf den Grund gehen. Ich sprach bei einer der Ärztesprechstunden, die jeden Freitag nach dem Mittagessen stattfanden, vor. Und fragte nach einer physischen Untersuchung. Bis heute vergesse ich diesen arroganten Blick des Arztes nicht: „Ja, Blut können wir Ihnen abnehmen! Jedoch gibt es dazu aktuell keine Veranlassung. „Wie kommen Sie auf ein Kopf-MRT?“, fragte er missbilligend. Ich antwortete: „Weil meine Symptome auf MS oder  Parkinson hinweisen!“ Er sah mich an, als ob ich nun gänzlich den Verstand verloren hätte. Mit einem strafenden Gesichtsausdruck und hochgezogenen Augenbrauen, gepaart mit einem leicht amüsierten bis angeekelten Tonfall, als sei ich fünf und hätte versehentlich den Spinat vom Mittagessen auf seinen Schreibtisch ausgespuckt, antwortete er: „Meinen Sie wirklich, Sie können eine Diagnose stellen und meine Arbeit machen?“

Von diesem Moment an wusste ich: Ich bin denen hier ausgeliefert.

Von dieser Seite kann ich keine Hilfe erwarten. Denn die Ärzte und Therapeuten hatten ihr Urteil über mich gefällt, und wenn ich nicht mitmache, dann geht das hier für mich verdammt böse aus.

Von dem Tag an wurde ich zunehmend einsichtiger, beteiligte mich an den Therapien, erfand meine eigene Persönlichkeitsstörung und inszenierte meine Besserung davon. So nahm ich die Psychopharmaka jeden Abend entgegen und meinte, ich kann es mal versuchen (ich hatte das Glück, dass bei mir noch nicht kontrolliert wurde, ob ich sie auch schluckte, in diesem Stadium der Entmündigung war ich noch nicht angekommen), und warf sie anschließend ins Klo. Ich rollte während der konstruktiven Bewegungstherapie auf dem Bauch liegend über ein Kissen, anderen Patienten Murmeln zu und sprach später in der Runde über meine Empfindungen und neuen Erfahrungen, die ich mir während des Murmelvorgangs ausgedacht hatte. Während der Musiktherapie schnappte ich mir jedes Mal die Rassel. Ich rasselte mitunter, klinkte mich während der gemeinsamen musikalischen Darbietung innerlich aus (denn wir alle hatten gar keine Instrumentenerfahrung oder eine Ausbildung darin) und sprach später darüber, wie viel Halt mir die Rassel gab. In der Morgenrunde sprach ich über meinen vergangenen Schlaf und abends über den bevorstehenden Schlaf. In der Gruppentherapie verhielt ich mich ruhig und in der Einzeltherapie kramte ich Geschichten aus meiner Kindheit hervor. Nachts riss ich mich zusammen und lief nicht mehr über die Flure. Ich ertrug meine Beine. In den wöchentlichen Abschlussgesprächen teilte ich der gesamten Therapeuten- und Ärztemannschaft mit, wie gut mir die Tabletten jetzt täten und wie viel ruhiger ich dadurch geworden sei und welche Fortschritte ich durch die Therapien machte.

Zudem zitierte ich meinen Mann zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arzt, damit er aussagte, dass wir beide es noch einmal miteinander versuchen werden, also ich eine Zukunft in der Außenwelt haben werde. Mein schwarzer Humor ließ mich die vielen Krisen und Verzweiflungsanfälle überstehen. Ich war damals (bin es heute noch) fassungslos, dass es wirklich funktionierte. Ich wurde Mitte November mit den Worten entlassen, dass ich gute Fortschritte gemacht hätte und auf einem guten Weg wäre.

An dem Tag, als ich die Psychiatrie verließ, verkündete mir mein Mann per Telefon, dass er eine neue Liebe hat  und nun erstmal bei ihr leben würde. Unsere Ehe sei aus. Wir ließen uns scheiden. 1 1/2 Jahre später erhielt ich den Scheidungsbeschluss auf der Intensivstation.

Und weil ich es nicht oft genug sagen kann, da so etwas einfach nicht passieren darf:  Ich wurde, obwohl ich 8 1/2 Wochen in einem allgemeinen Krankenhaus (Abteilung: Psychiatrie) war, physisch zu keinem Zeitpunkt untersucht. Meine Bitte, das nachzuholen, wurde abgewiesen. Mir wurde eine vollkommen unnötige Therapie aufgezwungen, und damit ich überhaupt wieder entlassen werden konnte, machte ich nach vier Wochen scheinbar mit. Was die Ärzte (Psychiater) und Therapeuten nicht merkten, sondern mich noch ermunterten, so weiterzumachen: Ich sei auf einem guten Weg! Hätte ich diesen Ärzten vertraut, dann wäre ich heute tot. Ich wäre als PSYCHO gestorben. Vielleicht wäre man eines Tages doch noch auf die Idee eines MRTs gekommen. Vielleicht? Aber ich denke eher nicht, so wie man auf dieser Station mit Psychopharmaka vollgestopft wurde, hätte man weiterhin alle meine physischen Symptome auf meine Psyche oder auf die Medikamente geschoben.

Auch wenn ich gesagt hätte, ich nehme diese Pillen gar nicht, wer hätte mir denn geglaubt? Wer hätte auf meine Bitte hin und für den Beweis dafür, einen Bluttest gemacht? Wer schießt sich denn selbst ins Knie?

Im Herbst 2013 musste ich zum Jobcenter und Hartz IV anmelden. Durch die jahrelangen Fehleinschätzungen so vieler Ärzte und die dadurch verspäteten Kopf-Ops im Jahr 2011 waren meine Aufträge weg, meine Ehe beendet, meine mentalen und körperlichen Kräfte nicht mehr vorhanden, um mein neues Leben in Düsseldorf aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Mein persönliches und berufliches Leben hatte ich 2010 in Hamburg gelassen. Meine Rücklagen waren verbraucht. Meine kleinen Projekte deckten meine Kosten nicht. 2011, im Jahr der Diagnose „Meningenom am Stammhirn“wurde der Oberarzt (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), der mich auf seiner Station für 8 1/2 Wochen aufgenommen hatte, mir eine physische Untersuchung verweigerte und eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, Chefarzt der Psychiatrie.

Als ich 2013 bis 2014 versuchte, gegen die Behandlung in der Psychiatrie rechtlich vorzugehen, bekam ich kein Recht. Die Gegenseite zerpflückte alles in Einzelteile und setzte darauf, wie irre ich doch war. Die fehlende physische Untersuchung wurde schlichtweg und permanent ignoriert. Diese Anwälte der Versicherungen der Krankenhäuser und Ärzte sitzen das einfach aus, bis einem die Kraft für einen Kampf und das Geld dafür fehlen. Zudem fehlte mir der emotionale Abstand, um besser mit den Argumenten der Gegenseite umgehen zu können. Ich streckte eines Tages die Flügel.

Wenn mein innerer Schutzengel, mit seinen vielen tollen und unermüdlichen Gefährten – Trotz, Sturheit, Willenskraft, Intelligenz, Widerspruch, Skepsis, Misstrauen und Mut – mir nicht zur Seite gestanden hätte, wäre ich als Irre gestorben. Niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Wahrheit herauszufinden. Niemand hatte mir bis 2011, bis zur Diagnose, geglaubt. Die Liste dieser Ärzte, Heilpraktiker, Heiler, Osteopathen und Alternativmedizinern aller Art ist sehr lang. Mein Ex-Mann, meine Freunde und meine Familie glaubten mir ohnehin nicht.

Ich hatte PSYCHO fett auf der Stirn stehen.

Es war natürlich für alle auch so unglaublich einfach: Reiß Dich mal zusammen. Du immer! Du hast doch immer was! Man muss auch wollen! Nimm endlich die Tabletten! Sicherlich waren Familie und Freunde nach der Diagnose „Gehirntumor am Stammhirn“ etwas verhalten, aber dann schoss man sich darauf ein:

Woher hätten wir das denn wissen sollen? Die Ärzte haben Mist gebaut!

Aber auch wenn jemand Psycho ist, ist er doch immer noch ein Mensch, dem man respektvoll und menschlich begegnen kann. Hinter jedem Psycho steckt ein Mensch. Wenn er könnte, würde er ganz bestimmt anders sein. Wenn er könnte!

Ich bekam im Jahr 2011 drei Entschuldigungen von drei Menschen, die alles richtig gemacht haben. Und das bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Denn kein Geld der Welt kann die eigene innere Welt und die eigene Würde nach so einem Drama wieder heil machen, aber ein ehrliches  >Tut mir ehrlich leid< oder eine aufrichtige Entschuldigung können das. Denn dann weiß man, dass man richtig ist, und spürt, der andere kann das große Leid sehen, das einem widerfahren ist. Er nimmt Anteil an diesem Leid.

In der Uniklinik Düsseldorf wurde ich wegen meiner körperlichen Beschwerden (in der Notaufnahme) auf Endstadium MS untersucht. Als der junge Arzt mir die Diagnose „Gehirntumor“ (der Tumor am Stammhirn war gutartig und saß dort schon fast 12 Jahre, so deren Einschätzung) mitteilte, fragte er mich: „Niemand hat bei Ihnen ein MRT in Erwägung gezogen, bei Ihren Symptomen? Ich verneinte. Er holte tief Luft, ließ sie langsam raus und sagte:

„Ich möchte mich in aller Form für meine Kollegen bei Ihnen entschuldigen.“

Das Gleiche haben meine beiden Operateure auf der Neurochirurgie gemacht. Sie entschuldigten sich für ihre Kollegen bei mir.

Dr. Chaddeh hatte es mit seinen Worten, bei unserer ersten Begegnung auf den Punkt gebracht. Er meinte damals, als er mich nach nicht einmal 10 Minuten auf direktem Weg mit einem Taxi in die Notaufnahme der Uniklinik schicken wollte, auf meinen Ausruf „Wieso das denn jetzt? Ich bin eine Irre!

Frau Bach, man kann Läuse und Flöhe gleichzeitig haben, aber ich bin mir sicher. Sie haben nur Flöhe!“

 

Brust-Tattoo nach Brustkrebs:

Ein Gespräch mit Andy Engel.

Andy Engel ist nicht nur in Deutschland (er wohnt und arbeitet in einem kleinen Ort in der Nähe von Würzburg) sehr gefragt, sondern wird auch von den besten und bekanntesten Tattoo-Studios und Conventions, unter anderem in den USA, Spanien, England, Italien, Australien, China und Indien, regelmäßig gebucht. Wenn jemand ein Tattoo von ihm persönlich gestochen haben möchte, muss sie/er bis zu 8 Jahre warten. Neben der Arbeit als Tätowierer gibt er Seminare und setzt sich für allgemeingültige Hygieneregelungen in Tattoo-Studios ein. Damit wäre für die meisten Menschen der Tag mehr als gefüllt, aber er findet noch Zeit für seine Leidenschaft als Schlagzeuger und spielt in einer Band. 2013 ging er mit seiner eigenen kleinen und selbstgefertigten Schmuckkollektion an den Start, die er selbst als Herzensangelegenheit bezeichnet und die an die präzise Arbeit seines Vaters als Schmiedemeister erinnert. Der Vater von drei Kindern sei ein Familienmensch, sagt er von sich selbst.

Wie kam es dazu, dass du dich neben deinem ausgefüllten Leben für Frauen nach einer Brustkrebserkrankung für eine Brustwarzenrekonstruktion engagierst und ihnen dadurch ein Stück verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückgibst?

AE
Vor 13 Jahren kam eine Stammkundin, die den Brustkrebs hinter sich gebracht hatte und dabei ihre Brustwarze verloren hatte, zu mir. Sie meinte, tätowiere mir eine neue Brustwarze. Zuerst habe ich mich gar nicht daran getraut. Die Haut hatte sich durch die OP, durch die Narben und durch Bestrahlungen sehr verändert. Ich wusste auch nicht, wie die angegriffene Haut auf eine Tätowierung, also auf die vielen kleinen Nadelstiche und Farben, reagiert. Hinzu kommt, dass man die Narben berücksichtigen muss und, wenn es nur eine Brustwarze ist, sie zu der anderen passen muss. All das musste ich bei meiner Arbeit in Betracht ziehen. Es ist etwas vollkommen anderes, in eine gesunde Haut, ein Tattoo zu stechen. Aber wir beide sind es angegangen und sie war von dem Ergebnis so begeistert, dass sie damit zum Bayerischen Rundfunk gegangen ist und denen das Ergebnis präsentierte und meinte: Das hat Andy Engel für mich getan. So begann alles.

Trotzdem hättest du sagen können, das Krebsthema passt nicht in dein Leben, und warum dich damit belasten? Das war eine einmalige Sache; ich freue mich darüber, dass meine Kundin glücklich ist. Du bist jedoch einen anderen Weg gegangen. Warum?

AE
In meiner Vergangenheit habe ich bei Freunden und in der Familie einige Krebserkrankungen und Leidenswege miterlebt. Mit diesem Brustwarzen-Tattoo konnte ich einen Menschen wieder glücklich machen. Das hat mich sehr berührt. Auch das Vertrauen der Kundin mir gegenüber. Der Moment, in dem eine Frau nach einer Brust-OP die Bluse hochzieht, ist kein einfacher Moment für sie, aber ich erhalte ihr Vertrauen.

Durch die Aktion meiner Stammkundin bin ich mit Dr. med. Andreas Cramer – er arbeitet als Oberarzt in der Missioklinik in Würzburg – in Kontakt gekommen und habe dabei erfahren, wie wichtig eine schöne Brust für die Genesung nach solch einer Erkrankung ist. Obwohl seitens der Schulmedizin bereits viel passiert, damit sich die Frauen nach einer Brust-OP und dem Krebstrauma wieder gut fühlen, haben sich Brustzentren, Kliniken und Ärzte mit fotorealistischen Brustwarzen in 3-D noch nicht wirklich beschäftigt. Dr. Cramer hatte mich gefragt, ob ich dazu einen Vortrag an seiner Klinik halten würde. Und das tat ich dann auch. Daraus folgten weitere Gespräche mit anderen Ärzten und Kliniken. So entstand von Mal zu Mal ein starkes Netzwerk. 2008 rief ich dann medbwk Brustwarzenrekonstruktion ins Leben.

Was ist besonders an medbwk?

AE
In den vergangenen Jahren hat sich das Netzwerk medbwk zu einer GmbH und Co. KG entwickelt. Es kamen weitere Partner und Mitstreiter dazu. Zudem habe ich immer wieder Vorträge in Kliniken gehalten. Gemeinsam haben wir uns tiefer in das Thema hineingearbeitet – ich habe dadurch medizinisches Fachwissen erhalten. Heute ist medbwk eine fachlich kompetente und seriöse Anlaufstelle für Frauen, mit dem Wunsch nach einer Brustwarzenrekonstruktion. Da ich nicht selbst alle Brustwarzen stechen kann, haben wir über Schulungen Tätowierer in ganz Deutschland ausgebildet. Somit gibt es mittlerweile viele medbwk zertifizierte Studios, die nach den hohen Standards von medbwk eine Rekonstruktion für betroffene Frauen anbieten und ausführen können. In meinem Studio sind wir mit Lisa Smith und Maria Böhm mittlerweile zu dritt.

Gerade Frauen werden sich vor der Entscheidung für ein Tattoo nach ihrer Krebserkrankung viele Gedanken machen. Wie nimmst du ihnen insbesondere ihre Sorgen in Bezug auf die Verwendung der Farben, oder ob ihre Brust nach Operationen und einer möglichen Bestrahlung überhaupt für ein Tattoo geeignet ist, und wie steht es um das Thema Hygiene?

AE
Ja, Hygiene ist den meisten Frauen sehr wichtig. Deshalb haben die Tätowierer von medbwk für jede Frau ein Package, in dem nur ihre Utensilien, sowie ihre Farben enthalten sind, die auch nur für sie verwendet werden. Wenn nach einigen Monaten noch einmal nachgestochen werden muss, liegen uns alle Unterlagen vor und es wird dafür auch wieder ein neues Package verwendet. Damit erreichen wir, neben allen anderen hygienischen Maßnahmen, einen höchstmöglichen Standard. Um weitere Hautirritationen zu verhindern, die oftmals durch die OPs und Therapien hervorgerufen wurden, benutzen wir eigene zertifizierte Farben. Alle unsere Tätowierer arbeiten nur mit hochwertigem Equipment.

Jede Brust hat etwas anderes durchgemacht. Es sind Narben, die berücksichtigt werden müssen, eine bestrahlte Haut, Implantate und, und, und. Ich weiß, dass es auf jeden kleinsten Punkt ankommt, den ich mit der Farbe setze. Durch die Erfahrungen und die Kommunikation mit den Kundinnen erzielen die zertifizierten Tätowierer und ich die bestmöglichen Ergebnisse. Unser Ziel ist es, die verloren gegangene Lebensqualität, soweit es geht, wieder zurückzugeben.

Im Laufe der Zeit wurden uns von den Frauen sehr viele Fragen gestellt, zum Beispiel: Darf ich mir mit einem Implantat die Brust tätowieren lassen? Was sind die Risiken? Darf man Narben tätowieren? Wie lange hält ein Tattoo? Darf ich damit in die Sonne? Wir haben sie gesammelt und auf die wichtigsten Fragen geben wir in Zusammenarbeit mit den Medizinern und unserem Team Antworten, die man auf der Website https://medbwk.de nachlesen kann.

Nicht alle Frauen können sich eine Brustwarzenrekonstruktion finanziell leisten. Jedoch übernehmen mittlerweile 60 % der Krankenkassen alle Kosten. Auf unserer Homepage https://medbwk.de kann man völlig unverbindlich den Kostenvoranschlag für die Krankenkassen bei uns beantragen. Für persönliche Fragen oder wenn Hilfe für die Antragstellung benötigt wird, steht eine Mitarbeiterin von uns dafür zur Verfügung.

Man merkt, dass du und dein Team absolut mit dem Herzen dabei seid und es euch wichtig ist, dass es Betroffenen wieder gut geht, oder wie eine Frau auf deiner Website treffend sagt: „Endlich fühle ich mich wieder ganz.“

AE
Wir Männer sollten uns da nichts vormachen. Wenn die Frau sich nicht wohlfühlt, haben wir Männer ein Riesenproblem. Frauen sind unser Motor.

Informationen

Andy Engel Tattoo
Marktbreiter Straße 24, 97342 Marktsteft

phone: +49 9332 5913 900
mail: info@andyengeltattoo.com

web: www.med-bwk.com
web: www.andyengeltattoo.com

Instagram: bwk_by_andyengel
Instagram: andyengeltattoo
Instagram: andyengeltattoostudio

Facebook: Med-BWK by Andy Engel
Facebook: Andy Engel Tattoo Studio
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Yoga, eine Lebenseinstellung: Ein Gespräch mit Alex.

Erst im Mai 2019 begann ich mit Yoga und nahm bei Dir Einzelunterricht. Ich würde mich eher als eine Sprinterin bezeichnen als eine Marathonläuferin, daher entschied ich mich von Beginn an bewusst für Yin Yoga. Während unserer Zeit habe ich verstanden, dass Yoga so viel mehr ist, als sich nur zu bewegen. Wenn man sich darauf einlässt, ist es eine Reise zu sich selbst. Mir begegnen bis heute immer wieder die Worte von Siddhartha Gautama Buddha:

 

„Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern  ausschließlich das Durchhalten.“

 

Dank Deiner Unterstützung im Zusammenhang mit Yoga habe ich wieder zur körperlichen und seelischen Balance gefunden. Mich überrascht mein Körper immer noch, indem er mir zeigt, was er alles kann.

Was bedeutet Yoga für Dich?

Alex: Für mich ist Yoga keine Praxis, die nur auf einer Matte stattfindet oder auf einem Meditationskissen, sondern eine Haltung dem Leben gegenüber. Es ist gerade der Alltag und kein gesonderter Zeitraum, in dem Yoga für mich stattfindet. Das Kind benötigt natürlich immer einen Namen, und so sei der Name Yoga. Yoga bedeutet, im Moment zu sein, ganz bewusst, mit allem, was auftaucht, dem Hier und Jetzt ins Gesicht zu blicken, mit allen Emotionen und Gedanken, die da sind. Darin seine eigene Balance zu finden, sich selbst zu erkennen und darin Stärke und Sinn zu finden.

Eben genau durch diese Alltagstauglichkeit wollte ich es zu meinem Beruf machen. Es ergab einfach Sinn und ich unterrichte mittlerweile seit sechs Jahren.

Du hast bis Mitte November auch die Yogagruppe (in der ich selbst auch war) für Krebspatienten und chronisch Erkrankte geleitet. Alle Teilnehmer*innen sagten, nach der Yoga-Stunde geht es ihnen besser, sowohl körperlich als auch seelisch. Wie schaffst Du das, Dich auf uns so einzulassen, dass es uns allen gut geht?

Alex: Wenn ich etwas dazu beitragen konnte, damit es den Menschen in unserer Gruppe der Krebspatient(en)*innen besser nach der Praxis geht, ist das an mich selbst das größte Geschenk. Wer eine schwere Krankheit erfährt, entwickelt meist an einem gewissen Punkt eine große Bereitschaft, im Hier und Jetzt zu sein und sich alles anzuschauen, was er bis jetzt unterdrückt hat. Das ist es, wofür ich den Raum geben möchte in diesen Stunden: sich begegnen zu können, mit allen Dingen, egal wie unschön sie manchmal auftauchen. Und zu sehen, dass man nicht alleine ist und gesehen wird.

Wenn wir alle in diesen Stunden zusammen sind, ist es für mich das Wichtigste, mich ebenso authentisch als Mensch zu zeigen, auch wenn ich vor der Gruppe auf der Matte stehe. Dort schließt sich dann wieder der Kreis: Yoga findet für mich nicht nur auf der Matte statt, sondern ständig. Ich versuche jeden Einzelnen wirklich zu erkennen mit dem, was er mitbringt, und diesen Menschen uneingeschränkt anzunehmen.

Ende des Jahres 2020 hast Du den mutigen Schritt gewagt und lebst seit November in einem anderen Land. Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Alex: Ich bin im November ins Kleinwalsertal gezogen, weil es 2020 auch bei mir ordentlich gerüttelt hat. Zurzeit versuche ich, mein Leben mit neuen Augen zu sehen, um eventuell Festgefahrenes darin lösen zu können.

Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Gegenwärtig kann man nicht lange im Voraus planen, sondern wird in Flexibilität und Geduld geprüft.

In der Arbeit mit Dir, das ist mir noch wichtig zu sagen, konnte ich ganz wunderbar an Deinem Beispiel erleben, was es bedeutet, wirklich konsistent zu sein. Ich habe sehr viel mitgenommen aus diesen gemeinsamen Stunden und bin dafür sehr dankbar.

 

Liebe Alex, es geht mir nicht anders. Herzlichen Dank für die
gemeinsame Zeit mit Dir und für das Gespräch.

 

 

Krönchen richten.

Laufen alleine reicht nicht, darauf kam ich ja bereits zu Beginn meines Vorhabens und direkt nach dem ersten Training. Der Körper benötigt Muskelaufbau, passende Ernährung, einen Ausgleich (Yoga, Physio, Massage, Entspannung), ein ausgewogenes und angepasstes Training und gute Kleidung.

Mein Ziel ist auch, es nicht IRGENDWIE zu schaffen, so wie in meiner Vergangenheit: Irgendwie bekam ich die Miete zusammen. Irgendwie die Gelder für das Projekt. Irgendwie den Rechtsstreit vom Tisch. Rückblickend habe ich alles hinbekommen, sogar meine Niederlagen: Hamburg, Scheidung, Gehirntumor, Brustkrebs. Und irgendwie würde ich auch meine 10 km in New York schaffen.

Laut meinem damaligen Freundeskreis war jedoch alles unkompliziert bei mir. Sie mussten jeden Tag zu einem Job, worauf sie keinen Bock hatten, und ich zog einfach mein Ding durch. Ich hielt mich an keine für sie gänzlich normalen Regeln und machte einfach, was ich für richtig hielt, ohne Wenn und Aber. Mag sein, dass es so war – so ist, aber auch Träume leben wollen hat seinen Preis, der bezahlt werden will! Als es dann während meiner Jahre zwischen Gehirntumor und Brustkrebs bei mir weniger gut lief, schlug deren Verhalten mir gegenüber um, in:  Du schon wieder! Jammere nicht herum! Selbstmitleid ist scheiße (ist es!). …

Zudem war ich eine Meisterin darin, mir selbst kräftig ins Gesicht zu schlagen. Ja, es nervte mich selbst ungemein, wenn ich völlig kraft- und perspektivlos in der Gegend herumstand und so gar nicht mehr hochkam. Trotz allem blieb ich eine, die nach dem Postkarten-Motto lebte:

Hinfallen, aufstehen, aufrichten, Krönchen richten, lächeln, weitergehen.

Auch wenn es Zeiten gab, an denen es sehr, sehr lange dauerte, bis ich das Krönchen wieder einigermaßen gerade auf meinem Kopf platziert hatte. Dabei rutschte es täglich hin und her und wieder herunter.

Bevor mich der Hirntumor zur Strecke brachte, wurde ich ausschließlich mitten im dicksten Stress ruhig, und konnte erst dann klare und konstruktive Entscheidungen treffen, wobei mich stressfreie Zeiten komplett stressten. Wenn ich eins kann, dann ist es Krise. Das wollte ich für meine Zukunft ändern und nicht erst dann gute Entscheidungen treffen können, wenn ich wie ein Kaninchen vor der Flinte stehe, starr vor Anspannung und Angst.

In der Serie Sex and the City sagte die Figur Samantha einen für mich sehr klugen Satz, als sie sich nach der Chemo von ihrem Freund trennte.

Ich liebe Dich und Du bist mir unglaublich wichtig, aber es gibt einen Menschen, der mir wichtiger ist, das bin ich selbst.

Seit einiger Zeit  stresst es mich weniger, wenn mein Krönchen schief sitzt. Das ist nun mal so. Ich stelle mich nicht mehr ständig infrage oder finde mich vollkommen nervig – anstrengend. Ich übe mich darin, mir selbst wichtig zu sein. Welch eine Ironie für meinen alten Freundeskreis.

Meine neue Lebenseinstellung wird durch die Yin Yoga Praxis gestützt. Dabei lasse ich mir von einer tollen Yoga-Lehrerin helfen. Yin Yoga erdet mich, stellt eine Verbindung zum Körper her und beruhigt meinen Geist. Ich lerne, mit meinem Körper und mir achtsam umzugehen, und staune so oft, was er alles kann. Das  hilft mir beim Laufen. Ich lerne, mit den Kräften zu haushalten und anders durchzuhalten: in meinem Tempo und nicht irgendwie.

Italien, meine Leichtigkeit.

Meine Liebe zu Italien ist seit Jahrzehnten eine Herzens-Liebe.  Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung als Rahmenbauer und Vergolder in einem alteingesessenen Kunsthaus mit eigener Vergolder-Werkstatt begonnen. Der Plan war, nach der Ausbildung als Restauratorin und Vergolderin nach Italien zu gehen. Nach 1 1/2 Jahren musste ich die Ausbildung abbrechen, weil ich auf all die gesundheitsschädlichen Farben und Mittel, die in der Werkstatt offen herumstanden, allergisch reagierte. Gleichzeitig flog mir mein ganzes Leben um die Ohren.
Was übrig blieb, war die Liebe zu Italien, zu alten Schinken (also zu alten Gemälden mit pompösen Rahmen), zu dicken Putten und Engelsbildern. Bis heute liebe ich Kitsch, Blattgold und hauptsächlich Schlagmetall, womit ich über viele Jahre alles Mögliche, am liebsten banale Alltagsgegenstände  (z. B. einen Toilettendeckel für mein Froschklo), vergoldet habe.

Anfang der 90er hatte ich das große Glück, mit einem Kunststudenten, der in Florenz Malerei studierte, für eine längere Zeit dort zu sein und Florenz gelebt und erlebt zuhaben. Diese Zeit war unbeschreibbar leicht und unbeschwert. Wir haben nächtelang bei Wein, Brot und Oliven und natürlich Zigaretten (es waren schließlich die 90er) über die Bedeutung der Bildenden Kunst diskutiert, sind zu dritt oder viert auf einem Mofa  gefahren oder haben wichtigen Blödsinn gemacht. Es gab keine Gedanken an Unfälle, Krankheit oder an die Zukunft. Es gab nur das Jetzt. Daher war es für mich auch vollkommen selbstverständlich, täglich meine Zeit an der „Fontana del  Porcellino neben der Loggia del Mercato Nuovo zu verschwenden. Jeden Tag rieb ich dem Ferkel gründlich die blank geputzte Schnauze, legte eine Münze dahinein und hoffte inständig, dass die Münze hinunterfällt und mit dem Wasser wegfließt, damit mir Glück und Geld beschert wird. Das klappte allerdings nur mit den großen Münzen.
Meine Interessen galten auch nicht den langen Touristenschlangen (sich darin einreihen, fanden wir damals wirklich schnöde und profan) vor den Uffizien. Und ob ich den David nun in Original sah oder als Bronzeskulptur, war gänzlich unerheblich. Denn ich kannte schließlich alle wichtigen Törtchen- und Kuchenläden der Stadt, die wenigen Cafés, die Bei & Nannini Kaffee führten, und schloss mit allen möglichen Italienerinnen und Italienern Freundschaft, obwohl ich bis heute kein Wort Italienisch spreche. Sehr gerne widmete ich meine Zeit dem Hofzwerg Braccio di Bartolo der Medicis.

Wir dachten damals, wenn wir eins im Überfluss haben,
dann war es Zeit …

 

… und dementsprechend gingen wir damit  frei, unbeschwert und verschwenderisch um. Später, während meiner Ehe, war ich mit meinem Mann oft im Umkreis von Carrara unterwegs. Als Bildhauer arbeitete er in den Marmorwerkstätten, in denen Bildhauer aus der ganzen Welt ihre Skulpturen kreierten, und fertigte dort seine Marmorskulpturen an. Einmal saßen wir in Siena in einer völlig überteuerten Touristenpizzeria, aßen schlechte, matschige Pizza und tranken warmen Wein dazu. Dabei wurden wir von einem unglaublichen, filmreifen Mond, der neben dem Torre del Mangia aufging, beschenkt, auf den wir einen direkten Blick hatten. Unbezahlbar!

Auch liebte ich meine Zeit in der Café-Bar „La Perla“ in Marina di Massa. Ich saß dort stundenlang, trank Bei & Nannini Cappuccino, aß Törtchen, las Zeitung, quatschte gelegentlich mit wem auch immer. Zeitgleich schaute ich dem Barbesitzer zu, wie er nach jedem gemachten Cappuccino voller Stolz mit einem extra weichen Handtuch seine Theke polierte.

Während meiner Chemo habe ich mich oft auf meinem Hinterhof-Balkon, der viel Ähnlichkeit mit einem italienischen Hinterhof-Balkon hat, nach Florenz, Pisa, Siena, Carrara, Lucca, San Gimignano, Marina di Massa, Pietrasanta, Viareggio … gebeamt. Dadurch konnte ich viele Kleinigkeiten des Glücks und der Leichtigkeit in Gedanken wiederbeleben und ‑erleben. Sie leben seit Jahren in mir weiter. Ich habe während der Chemo erkannt, welches große Glück ich hatte, dass ich all das erleben durfte und nun diese schönen Erinnerungen als Rettungsanker verwenden konnte. Wenn ich die Augen auf meinem Balkon schloss, war ich dort. Wenn ich in meinem italienischen Café in meinem Viertel saß, war ich dort. Auch wenn es nur für kurze Momente möglich war, aber ich war da! In Italien.

Daher lag der Gedanke sehr nahe, dass ich, sollte ich die Therapie schaffen, all diese Orte besuchen werde.  Jedoch, je näher die Zeit rückte, desto weniger Lust verspürte ich dazu. Es fühlte sich wie aufgewärmter Kaffee an. Die Zeiten, die ich dort erlebt hatte, können nicht neu erzwungen werden, denn so etwas passiert, so wie sich verlieben, passiert. Je mehr man es sich wünscht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass es um die Ecke kommt. Ich bekam Angst, dass sich auf dieser Reise eine Leere breitmachen könnte und all die schönen Erinnerungen mit in den Abgrund reißt. Also habe ich es für dieses Jahr abgehakt. Die Welt ist groß und schön, aber Italien sollte es schon sein. Sardinien ist es geworden. Ein neues Ziel ohne Vergangenheit. So neu wie mein Leben jetzt.

 

Ich war da! Und glücklich.

März 2024: Ich habe meinen Exmann in Carrara besucht, der dort drei Skulpturen kreierte, und dort endlich mein heiß geliebtes Atelier mit all den Modellen der vielen Skulpturen fotografieren können. Ganz klar: Ich war im La Perla!
Mehr oder weniger war alles anders, aber trotzdem einfach nur wunderschön. Ich war, obwohl mich mein Exmann nervte, glücklich an all den Orten: Pisa, Carrara, Lucca,  Marina di Massa und  Pietrasanta. Sie haben ihren Zauber nicht verloren. Zum Schluss habe ich noch in Florenz vorbeigeschaut und gleich mein kleines Ferkel besucht und dieses Mal auch den David. Für ihn habe ich mich im strömenden Regen in eine Touristenschlange gestellt: unbeschreiblich!

 

 

 

 

Schuhe an und los.

Und da war sie, meine erste Trainingsstunde. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was auf mich zukommt, und war so aufgeregt, dass ich den Trainer direkt mal vollgequatscht habe. Reden lenkt mich ab (und ich lenke den anderen, das meine allerdings nur ich, von meiner Aufregung ab) und fördert ausschließlich meine Konzentration. Nicht seine. Der Gegenüber ist genervt oder überfordert. Zum Schluss wurde ich ruhiger, konnte auch vieles mitmachen und verstehen. Am Ende habe ich die erste Stunde ohne große Pleiten überstanden.

Zwischendurch konnte ich mir sogar vorstellen, dass ich es auch wirklich schaffen könnte, meine Idee mit New York. Vielleicht ist es in zwei Jahren auch gar nicht mehr so wichtig und es geht mir dabei so wie mit meiner Idee, um Italien.

> Während der Chemo gab es nur einen einzigen Strohhalm für mich: Italien. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich im Herbst 2019 mit einem dreirädrigen italienischen Gefährt durch die  Toskana düse. Ich sah mich damit auf den Straßen zwischen Siena, Florenz, Pisa und Carrara hin und her fahren. Ich sah die Baum-Alleen, die Sonne in Lucca untergehen, das Meer und spürte das italienische Leben. Ohne diesen Strohhalm – ich weiß nicht, was ich ohne ihn getan hätte! <

Jetzt könnte ich es wirklich tun und was ist? Je näher ich dieser Möglichkeit der Umsetzung komme, umso weiter schiebe ich sie vor mir her.

Einen Tag nach dem ersten Training erhielt ich den Trainingsplan. Zack, war ich auf dem Boden der Tatsachen.

Mein Trainingsplan für die nächsten Wochen:

1 × Yoga, 1 × Ergobike oder Crosstrainer (45 Min.), 3 × Power Walking (8, 10 und 12 km), gespickt mit Laufphasen (siehe nachfolgende Angaben)

1. Woche:
je 5, 5, 5 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power-Walking)
2. Woche:
je 5, 5, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
3. Woche:
je 5, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
4. Woche:
je 6, 6, 6 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)
5. Woche
je 10, 15, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minute Power Walking)
6. Woche
je 15, 20, 15 Minuten Laufphase (aber erst nach der 15. Minuten Power Walking)

Meine erste alleinige Proberunde habe ich bereits hinter mir und JA!:
Das wird eine echte Herausforderung. Mein ganzer Optimismus schwand  dahin.

Anstelle von 8 km schaffte ich reale 6,57 km. Gemessen per GPS! Laut Laufuhr (gemessen per Schritte) schon um die 10 km und laut Handy  (gemessen per Schritte) so um die 8 km. Ansonsten ging es so gerade eben. Aber wie ich die 12 km schaffen soll? Keine Ahnung. Vielleicht einfach nach der Laufuhr laufen :-). Das Trainingsziel des Trainers: reine Utopie.
Bei der Trainingsstunde habe ich es geschafft, eine Leichtigkeit in meinem Laufschritt einzubauen, und dachte noch: So bekomme ich das hin. Gestern lief ich wie ein Elefant, und anstatt nach dem Himmel zu streben und aufrecht zu laufen, war ich fest mit der Erde verwurzelt. Aber ich stresse mich jetzt nicht mehr mit meinem dämlichen Perfektionismus, obwohl ich diese Vorgaben schon in meinem Terminkalender detailliert eingetragen habe. So bin und kenne  ich mich! Orga, das bin ich! Jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich meinen Plan für New York umgesetzt bekomme.  So geht es jedenfalls nicht. Ich benötige ein auf mich angepasstes Training.
Ein Training für eine 54-jährige Frau mit etwas zu großen Ambitionen.

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Das eine ist die Vision im Kopf und gefühlt schon durchs Ziel zu laufen. Das andere, diese umzusetzen. Seitdem ich beschlossen habe, professionell zu laufen, geht nicht mehr: Schuhe an und los. Und wenn man halt keine Lust mehr hat, einfach wieder zurück. Zwischendurch auf der Mauer sitzen und Schiffe schauen.
Ab jetzt muss der Herzschlag geprüft werden, so mein Physiotherapeut. Und das richtige Schuhwerk muss her. Eine angemessene Sportbekleidung und -ausrüstung dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen. Ganz plötzlich habe ich nur noch beratende Laufprofis um mich herum. Atmungsaktiv, ein Wort, welches ich zu meinem Wortschatz hinzugefügt habe. Und obendrauf: Wind- und Regenschutz und noch mehr Kleidung für all das, was das Wetter so zu bieten hat. Laufen alleine geht plötzlich auch nicht mehr. Ich benötige Ausgleichssport: für die Kraft, für die Beine und überhaupt. Meine Ernährung ist suboptimal. Immerhin habe ich einen Pluspunkt: Mein Ruhepuls bewegt sich zwischen 70 und 75. Das heißt laut Google: Ich bin nicht ganz so schwach auf der Brust.

Das ist kein einfaches Am-Rhein-laufen mehr, sondern wächst zu einer echten Herausforderung heran. Ich kann jetzt nicht mehr wie Rocky in ollen Joggingklamotten durch die Gegend laufen und oben auf der Treppe ein wenig in der Luft herumboxen und triumphierend die Arme in die Höhe werfen.  Wenn ich mir das vorstelle: Ich oben auf der kleinen Treppe im Rheinpark, muss ich laut lachen. Aber eins habe ich mit Rocky doch gemeinsam. Ich stelle mich einer Herausforderung, in die ich – wenn ich all meinen Optimismus und kindlichen Größenwahn zusammennehme – hineinwachsen muss.

Für den Anfang ersetze ich meinen persönlichen Motivations-Song: Dancing Queen gegen Eye of the Tiger. Schmeiße alle meine Element-of-Crime-Lieder aus der Playlist und drehe ab sofort leichtfüßig meine Runden im Rheinpark – ohne Mauer und Schiffe.  🙂

 

 

… als Frida durch Peggys Leben gehen :-)

„Warte nicht auf Sonnenschein, sondern tanze im Regen“,

das ist Frida Kahlo für mich. Sie schaffte es, ihren Regenbogen zu leben.

Mehr als 10 Jahre bestimmten andere Menschen, Schicksalsschläge, Krankheit und Tod mein Leben. Ich kann keinen wirklichen Startschuss erkennen. Keine Vorwarnung. Nichts. Alles schien wie immer, und dann stampfte ich zunehmend Tag für Tag und Schritt für Schritt von einem Minenfeld ins nächste. Irgendwann trat ich als eine völlig andere auch wieder daraus. Beschädigt zwar, aber lebend.

Kurz vor meinem 60. Geburtstag veranstaltete ich eine Testamentsparty.
Ich ging durch mein Zuhause der Erinnerung und fand keinen Platz zum Atmen. Was soll da noch kommen? Wo ist da noch Platz für Zukunft? Alle meine Kunstwerke erzählen eine Geschichte, beinhalten eine Erinnerung.
Ich räumte tagelang auf und um. Ich sortierte aus und wieder ein. Es blieben  mehr als genug Erinnerungsstücke über, die ich liebte und die nicht auf den Müll oder in einem Sozialkaufhaus landen sollten. Da kam mir die Idee, für all meine liebgewonnenen Kunstbücher, Bilder, Fotografien und Skulpturen, die ich während meiner 30-jährigen Tätigkeit als Kulturmanagerin erworben hatte, ein neues Zuhause zu finden. Ich lud kurzerhand zu einer Testamentsparty ein. Alles, was ich von der Kunst und den Büchern behalten wollte, markierte ich mit einem roten Punkt. Alles andere sollte mitgenommen werden. Die Party war großartig, lebendig, erfrischend und lang. Und sie schaffte Platz. Viel Freiraum für mich und meine Zukunft.

Beim Vorsortieren entdeckte ich die beiden Bücher: „Ich habe alles gelebt“, eine Biografie von Peggy Guggenheim, und das Kochbuch „Mexikanische Feste – die Fiestas der Frida Kahlo“. Ich las beide Bücher noch einmal. Und war ein weiteres Mal fasziniert:

Was für Frauen!
Beide lebten das Anderssein in allen möglichen Facetten und pfiffen auf gesellschaftliche Konventionen. Es interessierte sie nicht, was andere über sie dachten. Sie machten nur das, was für sie richtig war, und das mit voller Leidenschaft. So wurden sie, jede in ihrer Art einzigartig, die Ikonen der Kunstszene des 20. Jahrhunderts.

Peggy Guggenheim, eine egozentrische Kunstmäzenin, die in ihrem Leben nur aus dem Vollen schöpfen konnte und es ohne große Hindernisse bis zu ihrem Tod mit 81 in vollen Zügen genoss. Bereits in den 20er Jahren ging sie als junge Frau mit ihrem geerbten Geld nach Paris, um sich dort der Bohème hinzugeben. Sie war auf der Suche nach Intensität, nach Grenzüberschreitung und nach Schönheit. Seit den 40ern sammelte sie eher Männer, deren Kunst sie ausstellte und kaufte. So wurde sie zur umstrittenen und nicht immer ernst genommenen Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts.

Selbst bezeichnete sie sich in einem Interview als eine befreite Frau. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich diese Frau beim Lesen ihrer Autobiografie sympathisch fand. Ihr Lebensstil als Frau war für die damalige Zeit außergewöhnlich, sowie die Epoche, in der sie lebte, und all diese wunderbaren Orte, wie Paris, Venedig, London oder New York, an denen ihr Leben stattfand. Es gab schon sehr, sehr viele Lese-Momente, da hätte ich sofort mein Leben gegen ihres eingetauscht. Sie besaß zudem eine gute Gesundheit, ausreichend Geld und vielleicht auch eine große Portion Oberflächlichkeit. Alles Zutaten, womit sie ihr Leben in vollen Zügen auskosten konnte.

Und dann ist da noch Frida Kahlo. Eine Künstlerin, die ihr Leben aus ihrem Inneren heraus geschaffen hat. Die ihrem Leben so viel abtrotzte, wie es für sie möglich war. Sie war schön, intellektuell, leidenschaftlich und kraftvoll. Daher liebe ich ihre Fotografie (berühmtes posthumes Cover-Foto der VOGUE Mexico von 2012, welches 1939 von dem Fotografen und ihrem Liebhaber Nickolas Muray aufgenommen wurde) sehr, worauf sie uns bis heute würdevoll, aufrecht und stolz mit den ungesagten Worten.

„ICH BIN DA! GENAU IM HIER UND JETZT!“ 

anschaut. Leider wird sie seit einigen Jahren von der Merchandising-Industrie extrem verheizt. Aber auch auf den verunstalteten Kissen, T‑Shirts, Kleidern oder Tassen verlieren ihr Blick und ihre Haltung nicht an Kraft. Heute noch, wird sie von so vielen Menschen verehrt.

Ich selbst habe von dieser berühmten Frida-Kahlo-Fotografie eine Abbildung in meiner Küche hängen.
Als ich 2018 kurz vor der Chemo auf einem Flohmarkt war, entdeckte ich sie und konnte diese wunderbare Abbildung – sogar gerahmt – für 3 € erwerben. Unbezahlbar. Ich sitze gegenüber am Tisch und schaue während der Arbeit darauf. So habe ich sie ständig im Blick. Während meiner pechschwarzen Zeiten war und ist Frida Kahlo eine Heilige für mich.

Im Gegensatz zu Peggy Guggenheim musste Frida Kahlo in ihrem Leben ständig übergroße Felsbrocken überwinden. Sie kam nicht aus so einem reichen Hause, wie Peggy Guggenheim und lebte Anfang des 20. Jahrhunderts als junge Frau in Mexiko. Sowohl für die Kunst als auch für eine Frau, die sich ein unabhängiges und eigenständiges Leben wünscht, keine guten Voraussetzungen. Mit 6 Jahren erkrankte sie bereits an Kinderlähmung. Durch das Busunglück mit 18 Jahren wurde ihre Vita zu einer einzigen Krankengeschichte. Anschließend durchlebte sie in den darauffolgenden 29 Jahren mehr als 30 Operationen. Alkohol- und Drogensucht, Depressionen und das Leben mit den dauerhaften Schmerzen, schließlich Amputation des rechten Beins, ein eingeleitetes Lebensende mit 47 Jahren im Rollstuhl waren die weiteren Stationen ihres physischen und psychischen Martyriums.

Mit dem Malen begann sie bereits früh, zunächst als Zeitvertreib während des Liegens alleine in ihrem Krankenzimmer. Sie bemalte ihren Gips, soweit ihre Arme und Hände reichten. Frida Kahlo, die ursprünglich Ärztin werden wollte, verarbeitete ihr Leben auf ihre Weise über die Malerei. Viele ihrer bedeutenden Arbeiten sind Selbstporträts, erschütternde Gemälde voller Marter, Schönheit und Poesie. Mittlerweile ist ihre Malerei in der Kunstszene angekommen und daraus auch nicht mehr wegzudenken. Ebenso ist sie in der ganzen Welt zur Ikone geworden.

Es wäre anmaßend, wenn ich mich mit Frida Kahlo vergleichen würde. Sie ist einfach nur eins: EINZIGARTIG! Indem Peggy Guggenheim nur aus dem Vollen schöpfen konnte, hat Frida Kahlo dem Leben alles abgerungen, was es ihr zu bieten gab.

Ich denke, wir wollen alle wie Frida Kahlo sein und damit durch das Leben von Peggy Guggenheim gehen. 

So geht’s mir. Ich wäre gerne als Frida Kahlo durch das Leben von Peggy Guggenheim spaziert.
Aber geht das? Wäre Frida Kahlo ohne den Unfall nicht ein ganz anderer Mensch geworden? Vielleicht eine Ärztin, eine Mutter, eine politische Rebellin. Vieles wäre bei Frida Kahlo vorstellbar gewesen, aber dann hätte zumindest die Kunstwelt nie etwas von ihr gehört und gesehen.

Ich spiele immer wieder gerne das Spiel „Was wäre wenn?“ Auch Paul Auster tat es in seinem Roman 4321. Eine DNA, vier verschiedene Ausgangssituationen und vier daraus resultierende unterschiedliche Leben. Ich musste oft beim Lesen aufpassen, damit sich diese vier Leben nicht miteinander vermischten. Zudem fragte ich mich ständig: War der eine Lebensverlauf wirklich besser als der andere? Trotzdem spiele ich dieses Spiel noch: Was wäre gewesen, wenn ich keinen Hirntumor gehabt hätte? Wenn mir die letzten Jahre nicht vom Leben genommen worden wären? Im Prinzip dreht sich alles nur um eine einzige Frage: Hätte ich heute ohne all das Leid ein besseres Leben? Fakt ist, heute bin ich eine andere als damals. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dies besser oder schlechter ist. Der Weg der letzten Jahre hat mich jedoch eindeutig zu mir selbst geführt.

Im Yoga sagt man: Nichts geht ohne Leid.

Was ich mit Frida Kahlo gemeinsam habe, ist das Leben selbst. Ich bin mir  sicher, egal was Peggy Guggenheim in ihrem Leben auch anstellte, um einmal diesen einen einzigartigen Moment zu erleben, bei dem man das Leben hautnah spürt: Diesen Moment durfte sie nie erleben. Wir konsumieren das Leben nicht! Wir leben es! Hautnah und mit jeder noch so kleinen Faser. Das gilt sowohl für die dunklen Seiten, als auch für die hellen und schönen Momente. Es entsteht keine Intensität ohne Spannung. Kein Licht ohne Schatten. Keine Liebe ohne Schmerz. Wie soll ich die Sonne wertschätzen, wenn ich Dunkelheit, Sturm, Regen und Kälte nicht kenne? Fehlt der Schatten und somit die Spannung, fühlt sich irgendwann alles wie Pippi an. Schönes oder Menschen, die wir mal geliebt haben, werden für uns selbstverständlich.

Wie Frida Kahlo habe ich gelernt, den Regen zu lieben und darin zu tanzen. Und wenn tatsächlich die Sonne aufgeht, dann ist es unbeschreiblich! Kommt man in unserer Situation nicht irgendwann dahinter, im JETZT zu sein, kann sogar ein leichter, schöner Sommerregen einen erschlagen. Menschen, die viel Leid, wie Frida Kahlo durchlebten oder noch durchleben, haben das den anderen voraus: Sie durchleben zwar mehr dunkle Zeiten als andere, bekommen aber dafür die Chance, im Regen zu tanzen und die Sonne hautnah zu spüren. Es ist völlig egal, was der andere alles hat. Der grüne Rasen von nebenan ist nicht schöner, als unsere bunte Kornblumenwiese.

Wir leben für die einzigartigen Momente, weil wir wissen, dass wir nichts festhalten oder kontrollieren können. 

Vielleicht haben wir kein langes, gesundes, geradliniges, gewohntes und etwas gelangweiltes Leben, welches mit Aktionen und Attraktionen gefüllt werden muss. Wir haben nur diese kraftvollen und intensiven Momente, wofür es sich jeden einzelnen Tag lohnt aufzustehen, auch wenn wir oftmals nicht wissen, wie das gehen soll. Aber genau das ist es, warum wir alle Frida Kahlo so lieben. Sie stand immer und immer wieder auf. Zeigte uns, wie schön das Leben ist. Sie versteckte ihre schlechten Zeiten nicht, lebte auch sie auf ihre einzigartige, würde- und kraftvolle Weise.

Ja, Frida Kahlo ist eine Heldin für mich!

Sie zeigt mir, dass wir nur dieses eine Leben haben. Mir wurden nicht die besten Voraussetzungen und Zutaten dafür bereitgestellt. Lebensvoraussetzungen hat niemand in der Hand. Wir werden mit einer DNA einfach in ein Leben hineingeboren und man verlangt von uns, damit zurechtzukommen. Und sicher! Das Leben kann so ungerecht sein. Aber trotzdem habe ich es selbst in der Hand, was ich daraus mache.

Hallo,

… ich bin Petra.

 

Von 2009 bis 2019 wurde ich komplett aus meinem Leben geworfen. Bis zum Einschlag meinen wir alle – so auch ich –, es träfe die anderen. Aber was ist, wenn es mich trifft? Ich entschied mich im Mai 2019 für einen Blog und den Austausch mit anderen, fürs Laufen und Yin Yoga.

Stationen:

1999 | 2000

Seitdem fing das Meningeom in meinem Kopf zu wachsen an.

März 2004

Drehschwindel, Doppelbilder, Sehstörungen, kein Gefühl/Kraft in den Armen und Beinen. Mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus. Ohne Diagnose am nächsten Tag wieder entlassen. Bis 2009 ist das in dieser extremen Art nicht mehr vorgekommen.

2004 bis 2008

Ärztemarathon wegen Zunahme von extremer Unruhe im gesamten Körper.
Es war ein Gefühl, wie bei einem Auto, bei dem man bis zum Anschlag aufs Gas drückt, aber gleichzeitig die Handbremse fest anzieht. Dazu Schlafstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Drehschwindel, neurologische Ausfälle (ich kippte einfach um und war für Minuten weg), Zuckungen in Armen und Beinen. Keine Kopfschmerzen.

2009

Zunahme aller Symptome. Zudem extreme Restless-Legs. Alle meine Symptome passten entweder zu Parkinson oder zu MS. Meine vielen konsultierten Ärzte oder Heilpraktiker, Freunde und Familie nahmen meine Vermutung nicht ernst.
Am 21. September 2009 wurde ich über die Notaufnahme eines Krankenhauses in die stationäre Psychiatrie eingeliefert. Aufenthalt: 8 1/2 Wochen.

Symptome wurden unerträglich. Alle (ausnahmslos alle) schoben es auf meine Psyche. Ich sollte ruhiger werden oder wenigstens die verschriebenen Psychopharmaka nehmen.

Bis zu diesem Zeitpunkt kam niemand auf die Idee, ein Kopf-MRT bei mir zu machen.

18. April 2011

Ein Mann sprach mich auf der Straße an und fragte, ob jemand mal  mein Gangbild (ausgeprägte Gangataxie) untersucht hat? Das deutet auf eine Raumforderung (Tumor) am Stammhirn hin.
Wir sind bis heute befreundet.

Ende April 2011

In der Notaufnahme der Uniklinik Düsseldorf hatten sie am 21.04.11 aufgrund meiner Symptome den Erstverdacht: Endstadium MS.
Diagnose: ca. 12 Jahre lang gewachsenes Meningeom am Stammhirn, welches sich bis zum Rückenmark des Halswirbels ausgebreitet hat.

4. Mai 2011 bis 29.09.2011

Erste Hirn-OP: 16 Std.
Abbruch wegen Gehirnblutung und Anschwellen des Gehirns. Intensivstation: künstliches Koma, aufgewacht am Beatmungsgerät. Ich konnte weder selbstständig atmen, noch schlucken, noch sitzen, noch etwas halten. Ich war ein liegender und denkender, die Decke anstarrender Pudding. Lungenentzündung. Herzstillstand. Wiederbelebt. Künstliches Koma. Aufgewacht. Weiter: Intensivstation, (Früh-/Intensiv‑)Reha.

Reha, Reha, Reha
Mir wurde gesagt, dass ich nie wieder gehen könnte. Aber sie sagten auch, vielleicht werde ich nie wieder selbstständig atmen können. Und das konnte ich vor der  2. OP bereits wieder.

30.09.2011

Zweite Hirn-OP: 10 Std. Mit Erfolg. Der gesamte Tumor wurde entfernt. Keine weitere Reha, weil ich das abgelehnt hatte.

2012 bis 2018

Mehr oder weniger die Zeit überlebt und aus dem Rollstuhl raus. Laufen, lesen, schreiben, schlucken gelernt.

April 2018

Diagnose Brustkrebs

2018 bis 2019

OP, Chemo, Antikörpertherapie

Mai 2021

10 km: Virtueller Spendenlauf mit Freunden für die Deutsche Hirntumorhilfe: „Für jedes Lebensjahr einen Kilometer“.
Es kamen über 1.100,00 EUR an Spenden zusammen.

 

Es gibt diese Momente, da gibt es nur Hopp oder Top.

Mitte April 2019 stand ich, nachdem ich ein Jahr intensive Krebstherapie hinter mich gebracht und nur noch vier von 16 Antikörper-Spritzen vor mir hatte, auf der Kniebrücke und hatte fest vor, es zu tun. Denn mein persönlicher Marathon war bereits viel zu lang: Keinen einzigen Meter mehr weiter!

Als ich da auf der Brücke stand und das Gitter sah, welches von der Stadt erhöht worden war, auch für solche Vorhaben, wie ich es vorhatte, war ich komplett aus dem Konzept gebracht.

DANKE Stadt Düsseldorf: Vielleicht doch noch ein, zwei, drei, … Meter?
Aber dafür benötigte ich einen Plan.

Während ich 2011 noch im Rollstuhl saß, hatte ich alle Therapeuten und Ärzte lautstark angemeckert, wenn sie meinten: „Finden Sie sich mit dem Rollstuhl ab. Auch damit kann man ein erfülltes Leben führen!“
Das machte mich jedes Mal dermaßen wütend, und so fuchtelte ich wild und völlig unkoordiniert mit meinen Armen und Händen (nicht mal der drohende Zeigefinger wollte klappen) und schrie sie an:
„Ihr werdet alle sehen!!!!! Ich nehme bald am New Yorker Marathon teil!“

Und in diesem Moment auf der Brücke kam die Idee, im November 2021 mit einer Teilstrecke von 10 km am New Yorker Marathon teilzunehmen. Das müsste für mich zu schaffen sein. Das Motto sollte lauten:

„Für jedes Lebensjahr einen Kilometer.“

Gedacht und zu Hause gleich in Angriff genommen: Am gleichen Tag noch, fand ich den Namen obenohne-life (ein wenig frech und anrüchig, was ich wunderbar fand) und richtete  diesen Blog ein. Ich recherchierte Laufschulen und -Lehrer:innen. Zwei Wochen später fing ich im Alter von 54 Jahren mit dem Joggen an. Später kam zum Ausgleich Yin Yoga hinzu.

Interview mit https://www.gina-friedrich.com/

Nachdem ich am 1. Juli 2019 meine letzte Antikörperspritze hatte und damit meinen letzten Tag in der Onkologie, saß beim Herausgehen, draußen vor dem Eingang Carol. Sie streckte ihr Gesicht der Sonne entgegen, rauchte genüsslich ihre Zigarette und scherzte mit einer Freundin oder Mitstreiterin. Sie hatte Krebs im Endstadium. Carol rief mich zu sich und fragte: „Was geht?“ Erst zögerte ich – aber dann teilte ich ihr mit: „Letzter Tag Onkologie heute!“ Und ich erzählte ihr von meinem Bog. Sie nahm mich fröhlich in den Arm, knuddelte mich fest, knuffte liebevoll meinen Kopf und sagte:

„Mach das! Lauf für uns, Petra. Damit wir alle nicht vergessen werden.“

Bis heute berührt mich dieser Moment sehr. Wenn ich schlechte Tage habe und mit meinem Schicksal und mir hadere, ziehe ich meine Laufschuhe an und laufe für

Carol (2019), Gerhard (2019), Hannelore (2019), Marie (2019), Sigrid (2019), Katharina (2019), Sabine (2019), Wolfgang (2020), Ebru (2021), Margot (2022), Ai (2022), Caroline (2022), Sybille (2023), Roland (2023), Manfred (2023), Sabine (2023), Paul (2024), Annette (2024), Silke (2025), Inge (2025), Reiner (2925), Therese (2026), Detlef (2026) für die vielen, vielen anderen, die es bis hierher nicht geschafft haben.

Und ich laufe immer wieder gerne zum Trotz für mich, weil über Jahre niemand auf mich gewettet hätte.

Mit der Zeit stand das Training immer weiter hinten an. Was gibt es da auch zu berichten, außer „Heute war super“ oder „schlechtes Training gehabt“?

Rückblickend weiß ich: Der Blog war so unglaublich wichtig für mich: alles einfach herauszuhauen, was da so war.
Stöbert man in den vielen Foren auf Facebook oder Instagram herum oder liest die verschiedenen Blogs von anderen Betroffenen, merkt man rasch: Das Bedürfnis haben viele. Wir Betroffenen benötigen ein Forum, einen Blog oder eine Anlaufstelle, also ein neutrales Ventil, welches nur für uns da ist und wo wir mit unserem Krebs einfach nur sein dürfen. Das böse Wort Krebs und alles Fiese, was damit verbunden ist, aussprechen dürfen. Nicht mehr für die anderen kämpfen müssen, obwohl es ja für uns selbst sein soll. Ängste offen, ohne Schi‑Schi, ansprechen dürfen. Wütend sein dürfen. Reflektieren dürfen. Und dazu benötigen wir Krebsblogger völlig exhibitionistisch die Öffentlichkeit. Wir spüren uns so, fühlen uns verstanden, ohne irgendjemandem verpflichtet zu sein. In diesen Momenten sind wir nicht tot, sondern da, nehmen noch am Leben teil. Zudem ist es in unserer Situation oftmals viel einfacher und befreiender, sich mit anonymen und fremden Menschen auszutauschen, als mit Freunden oder der Familie.

Anfang 2021 wusste niemand, wie die Pandemie uns weiter einschränken würde. Covid hat uns alle flexibel gemacht. Ich entschied mich neu.
Anfang Mai 2021 (im Zeitraum meiner ersten Hirn-OP im Jahr 2011) rief ich Freund:innen zu einem virtuellen Spenden-/Abschlusslauf für die Deutsche Hirntumorhilfe auf und lief so meine 10 Kilometer.
Später stellte sich heraus, dass der New Yorker Marathon für mich ausgefallen wäre. Genau einen Tag nach dem NY-Marathon, durften Touristen am 08.11.2021 wieder einreisen.

Ende 2021 hatte ich den Blog eingestellt, weil diese Geschichte für mich beendet war. Aber seitdem kommen immer wieder Ärzte, Foren und Betroffene auf mich zu, die mich fragen: „Wieso schreibst Du nicht mehr?“ „Dein Blog macht Mut.“ Deshalb habe ich eine kleine Auswahl meiner Artikel von 2019 bis 2021 wieder online gestellt.